89. Braucht die Lyrik ein Zentrum?

Florian Kessler in einem streitbaren Artikel in der Süddeutschen Zeitung vom 17.6. (S.12):

Gleich am ersten Abend des größten Lyrikfestivals, das es in Europa gibt, hatte der eigentlich eher spröde Dichter Oswald Egger einen Auftritt, wie ihn das Berliner Poesiefestival liebt: Hinter Oswald Egger flimmerten seine Gedichtzeilen auf einer Großleinwand, vor ihm saß ein wild gemischtes Riesenpublikum, und Egger selbst wirkte zumindest nach tradierten Lyriklesungsmaßstäben wie ein Bühnenvulkan: Ein schlauer Wurzelsepp im Anzug, der Kryptosätze skandiert und mittendrin plötzlich minutenlang auf Klingonisch flucht.

Beim Poesiefestival wird seit jeher viel programmatische Lust auf die mündliche Darbietung von Dichtung verwendet. Schnöde Schriftlichkeit zählt wenig. Texte seien lediglich die Partitur der Dichtung, behauptete Festivalleiter Thomas Wohlfahrt in seinen Einführungen immer wieder. Gedichte sollen also gerne auch einmal vertanzt oder verfilmt werden. Lesungen unter freiem Himmel in den Stadtteilen und ungewöhnliche Bühnenbegegnungen stehen hoch im Kurs. Man träumt vom publikumsaffinen Verflüssigen von ansonsten viel zu trockener Kost. Wunderbarerweise gelingen diese Unternehmungen immer wieder, oft in spektakulärer Weise: In diesem Jahr etwa, als die hochverdienten deutschen Dichter Volker Braun und Michael Krüger aufgefordert wurden, sich über die Poetiken der heutigen Lyrikszene zu beugen. Kopfschüttelnd und fasziniert rezitierte daraufhin der fünfundsiebzigjährige Braun die Zeilen der dreißigjährigen Ann Cotten.

Das Poesiefestival ist ein großartiger Arrangeur solcher abenteuerlichen Kollisionen. In diesem Jahr ist es aber auch ein eher abschreckendes Beispiel dafür, wie seine Organisatoren das Gesamtarrangement deutschsprachiger Dichtung verändern wollen. Auch ohne größere Leserschaft geht es der zeitgenössischen Dichtung gegenwärtig gut. Es wird wild geschrieben, diskutiert und veröffentlicht, das zeigt schon jeder Blick auf die vielen Verlags-Neugründungen der letzten Jahre – und jeder Blick auf die Veröffentlichungen oder auf die Auszeichnungen. Die Berliner Literaturwerkstatt, die das Poesiefestival veranstaltet, propagiert darum schon länger, es fehle eigentlich nur noch ein beherzter Schritt zum richtig großen Glück: Eine mit Bundesmitteln ausgestattete zentrale Schaltstelle müsse her, ein „Deutsches Zentrum für Poesie“. Klappern gehört zur Kulturpolitik, hochtönende Namensgebungen sollten nicht abschrecken. Dennoch kann man ruhig einige Male durchatmen, um die bloße Idee der Notwendigkeit eines solchen Zentrums sacken zu lassen, auf dem Festival zum Beispiel während der furiosen, dringlichen Begegnung der Weißrussin Valzhyna Mort mit dem Jamaikaner Ishion Hutchinson. (…)

Als nationales „Kompetenzzentrum“ will sie Stipendien und einen Buchpreis ausrufen, ein gewichtiges Veranstaltungsprogramm auf die Beine stellen und dichterische Quellen in einem multimedialen Archiv organisieren. Gemessen an den anderen Künsten geht es bei dieser Vision zwar um winzige Summen. Die Rede ist von 3,1 Millionen Euro an Bundes- und Landesmitteln. Verglichen mit den ebenfalls geringen sonstigen Möglichkeiten von Literaturförderung in Deutschland aber verschiebt sich die Perspektive.

Die Literaturwerkstatt will der eine zentrale Ansprechpartner für Lyriker und Öffentlichkeit werden. Mitten in eine horizontal organisierte, netzwerkartige, ebenso lebhafte wie prekäre Ökonomie hinein soll ein einzelner starker Akteur gepflanzt werden. Das hätte natürlich Auswirkungen auf alle anderen Mitspieler. So sehr Thomas Wohlfahrt auch betont, man wolle niemandem etwas wegnehmen, „wir haken uns alle unter“, sowenig besteht der fromme Wunsch auch nur erste Ansätze zu Realitätstests: Kurz nachdem Wohlfahrt dem Literaturwissenschaftler Jan Bürger vom Literaturarchiv Marbach (das Literaturarchive der Literatur des 20. und 21. beherbergt) äußerst nonchalant erklärt hatte, die bestehenden Archive könnten keine Gegenwartsdichtung sammeln, das müsse zwingend an einem neuen Ort geschehen, verkündete der Dichter Eugen Gomringer mit viel Geschäftssinn,wenn er bislang Manuskripte nach Marbach verkauft habe, sei das ohnehin immer „zu billig“ gewesen.

12 Comments on “89. Braucht die Lyrik ein Zentrum?

  1. Anstelle einer Kritik:
    Wir schreiben das Jahr 2053. Das „Kompetenzzentrum“ der deutschen Poesie ist nach erfolgreicher Gründung längst in die Jahre gekommen. Inzwischen hat sich das Diktum „Texte seien lediglich die Partitur der Dichtung“ ebenfalls überlebt; der neueste Hype lautet: „nonverbale Poesie“.
    Im benachbarten Café sinnen die ergrauten Initiatoren und Initiatorinnen vergangenen Zeiten nach, bevor der Kellner kommt und fragt, „Darf es noch ein Stückchen Slam sein?“

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  2. ach quatsch. ich arbeite gerade mit einem griechischen und einem russischen kollegen zusammen, ganz ohne förderung und organisierter übersetzershow. allerdings hätten wir alle nix dagegen, etwas kohle damit zu machen. und auch nicht, wenns eine art dienstleister gäbe, der uns unterstützte. die sollen sich gefälligst was einfallen lassen, wie sie unsere arbeit jenseits von gro0events unterstützen. und ich würde unterstützen bei der unterstützung

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  3. Überhaupt „gehört zur Poesie das Bankkonto“ (Kiev Stingl).
    Aber begann nicht auch die Anämie der Rockmusik durch „Pop-Beauftragte“ in den Parteien und immer mehr kreis-städtischen „Rockbüros“?
    Wider die organisierten Kompetenzen, die Zentren und die Institutionen, anmaßend, schamlos ranschmeißerisch und doch immer zu spät!

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  4. interessant. im wort „einbrinngen“ scheint schon der gedanke an „gewinn“ drin zu stecken. ist eugen gomringer nun unlebendig, weil er bereits in marbach ist, sprach also auf jener veranstaltung als (un?)toter? wenn ja: welchen geschäftssinn haben tote? rätsel über rätsel.

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    • Mme Vasik, der gute Mann hat sich doch selber dorthen eingebracht
      und gegen bar, oder?
      nix dagegen, so langs nicht bis (bzw. auch noch) ins 2. glied damit geht!

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    • lieber jan, was glaubst du, wieviele lebende – auch deutlich jüngere als Gomringer – ihren „vorlaß“ an marbach verkaufen, weil sie die paar kröten brauchen. – allerdings gibts da ein problem, das glaube ich auch in berlin bestünde: wer wählt aus? ich weiß von dem alten herrn richard anders, daß er a) geldprobleme hatte und b) sorgen, was mit seinem wertvollen nachlaß nach seinem tod wird. also fragte er in marbach an – kein interesse. an der börse nicht hoch gehandelt. und wie liefe sowas in berlin? wer würde gefördert / gesammelt usw.? könnte da wirklich was andres rauskommen als bestenfalls die willkür der hartz-ämter? oder die ignoranz des den kanon verwaltenden betriebs? ich frage nur, ich weiß es nicht. mein vertrauen in das künftige zentrum wäre größer, wenn solche fragen in ihren projektbeschreibungen vorkämen.

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      • ich denke halt, wir müssen uns einmischen, sonst machen dies ohne uns und wir stehen mit verkniffnen gesichtern am zaun.

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      • man müsste nur den betreffenden entscheidungsträgern nicht weniger aufmerksamkeit zukommen lassen und annähernd die geichen anforderungen an sie stellen, wie man sie sonst immer & sofort, nicht zuletzt aus dem kunst & wortbereich, von der wirtschaft fordert und politikern erwartet.

        und dann sollte es eine aufstellung, übersicht & rechenschaftsbericht geben, in welchem verhältnis die gelder wofür verwendet werden; d.h. wieviel davon in den lohn & gehalts-; verwaltungs + spesenbereich fließt und was für die poesie- & dichterförderung ausgeben wird.

        und wieder nach allg. demokratischen und damit auch (im rahmen des angebrachten) föderalen (konsnens)prinzip: turnusmäßig wechselnde gremienbesetzung und eine so weit als möglich ausgewogene & paritätische repräsentation: generationen, zentrum-provinz(zentren), stars-außenseiter, groß bzw. renommierte und quasi selbstausbeutugs-independentverlage, printiges und reine netzprojekte … sowie neben den medienpräsenten namen auch der teil der lyrik, ( vielleicht, warum nicht, auch noch in, nach dem muster der vermittlung, vermittlungsbstrebungen & -ansätze zeitngenössischer musik, aufgearbeiteter und auch aufbereiter form), der nicht nur etwas sperriger ist, sehr spezielle, individuelle verfahrensweisen & epistemologische „ranches“ oder genossenschaften beinhaltet, also der teil der aktuellen lyrik, der im klein- & großfeuilleton kaum präsent ist und vor dem die meisten kritker eigentlich kapituliert haben, sich abgewendet, ohne (sich) das einzugestehen, und ein großteil der wenigen verbliebenen eher (irgendwie) kongeniale, parabelhaft, sekundär-metaphorische aossziative glossen verfassen … ich glaube das würde mehr bringen, als weihrauch, tabernakel & nischen für ikonenvenerationen.

        sowie – so das nicht doch etwas naiv ist – die übliche oligarchien insoweit vermeiden, dass nicht ausschließlich bzw. nur sie zum zuge & tragen kommen, (auch die der global interlinear-poetischen hermesbürgen).

        in diesem sinne – tandaradei!
        und auf solche (für mich doch recht peinlichen) begriffsveredelungen und terminologisches design, die arg an DB, jobagentur und noch so einige andere notorische dienstleister-serviceunternehmen erinnern wie auch gewisse unternehmen aus dem gesundheitswesen, wie „kompetenzzentrum“, könnte von anfang verzichtet werden.
        das wäre schon ein erster ausweis von kompetenz.

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