46. Kolossales Echo

Durs Grünbeins Bücher werden viel gelobt und viel gescholten. Rezensent Michael Opitz meint, in dem neuen Band „Koloss im Nebel“ gehe es „darum , den Blick zu schärfen und das Gehör zu schulen“. Seine Besprechung im DLF beginnt mit dem Eingangsgedicht

Interieur mit Eule I

Mond scheint ins Zimmer. Nichts ist real.
Jeder Augenblick unergründlich, die Welt
Kolossales Echo im Labyrinth der Sinne.
In der Hand eine Münze – mein Talisman.
Siebzehn Gramm Silber, reines Symbol.
Eule, erleuchte mich, öffne die Augen.
Tier auf der Tetradrachme aus Attika, hilf.

und endet:

In „Koloss im Nebel“ begegnet man einem Poeten, der, als genauer Beobachter, sehr behutsam in einem Terrain ausschreitet, das Gefahr läuft zu verschwinden. Grünbein sieht und benennt die Bedrohungen. Er tut es selten direkt, weil ihm diese Position lyrischen Sprechens nicht angemessen erscheint. Aber die großen Bögen, die er in seinen Gedichten zwischen Antike und Moderne zu spannen versteht oder seine Dinggedichte, die sich Zartestem nähern, erheben Einspruch gegen den Mahlstrom der Zeit. Inmitten einer Geräuschkulisse, die versessen darauf hört, wie der Geldstrom fließt, stören die leisen Töne, die Durs Grünbein anstimmt. Doch gerade das macht den Wert eines gelungenen Gedichts aus – und solche Gedichte gibt es in diesem Band zu entdecken, der ein großes Lesevergnügen ist.

Durs Grünbein: Koloss im Nebel. Gedichte. Suhrkamp Verlag. Berlin 2012. 225 Seiten. 25,00 Euro.

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