75. Sitz, Biene, sitz

Sitz, Biene, sitz:

Jetzt kommt der Lorscher Bienensegen!

Mit freundlicher Genehmigung des Verfassers aus:

Ralph Dutli, DAS LIED VOM HONIG. Eine Kulturgeschichte der Biene. Wallstein Verlag, Göttingen 2012

(Unten Dutlis Übersetzung)

Nicht weit von meinem Wohnort Heidelberg befindet sich die im Jahr 764 gegründete Benediktinerabtei Lorsch. Vom ehrwürdigen Kloster blieb allerdings – neben ein paar Ruinen – nur eine eindrückliche karolingische Torhalle erhalten. Das Kloster war weithin berühmt für seine Bibliothek, unter anderem für das Lorscher Evangeliar, eine auf das Jahr 810 datierte Prachthandschrift, eine der großen Augenweiden des Mittelalters. Sie entstand vermutlich am Hofe Karls des Großen und übte auf die Entwicklung der Buchmalerei starken Einfluss aus.

Der Name Lorsch taucht aber auch in der deutschen Sprachgeschichte auf. Der Lorscher Bienensegen ist eine der ältesten gereimten Dichtungen deutscher Sprache, eingereiht wird er unter die magischen Beschwörungen und Zaubersprüche. Im 10. Jahrhundert kritzelte ein Mönch des Klosters den Text auf den Rand einer Pergamentseite der Vision des Heiligen Paulus aus dem 9. Jahrhundert, und zwar kopfüber verkehrt, gerade so, als habe die Handschrift vor einem Klosterbruder gelegen, und sein Mönchskollege ihm gegenüber habe sich rasch erhoben, über das Pergament gebeugt und einen freien Platz zum Schreiben gesucht. Der Ort ist purer Zufall. Es muss geeilt haben. Der Mönch wollte seine Bienenbeschwörung so rasch wie möglich aufs Pergament setzen (das rar und teuer war), als Gedächtnisstütze, damit sie nicht gleich wieder ins Vergessen abtauche. Schwärmende Bienen sind flüchtig, spontan gereimte Gedanken auch. Aber Buchstaben auf Pergament zu kritzeln – das macht den leichtverderblichen Nektar unter geistigem Speichelzusatz zu haltbarem Honig.

Nicht nur das menschliche Gedächtnis ist fragil, auch Bücher sind es. Doch dieses Buch hatte Glück. Denn es geriet mit Tausenden anderen in Brand, Glaubenskrieg und Verschleppung – und überlebte dennoch bis heute. Habent sua fata libelli – auch Bücher haben ihre Schicksale. Im Jahr 1090 brannte das Kloster. Die Mönche wussten, dass sie das Wichtigste retten mussten, was bei ihnen aufbewahrt war. Jedes Stück in ihrer Bibliothek war ein kostbarer Speicher für Glauben und Wissen. Auch jenes Buch wurde gerettet. Es gelangte auf Schleichwegen in die Bibliothek der pfälzischen Kurfürsten, die nach der Reformation auf der Empore der Heiliggeistkirche in Heidelberg aufbewahrt wurde. Der Bücherhort war die Bibliotheca Palatina, also die „Pfälzische“, eine der bedeutendsten Bibliotheken des 16. Jahrhunderts. Und sie wurde im Dreißigjährigen Krieg zur kostbaren Beute.

Die Geschichte des „Winterkönigs“ Friedrich V. von der Pfalz (1596 bis 1632) und seines jähen Sturzes ist mit dem Schicksal dieser Bibliothek eng verbunden. Der calvinistische Kurfürst, seit 1613 Gatte der englischen Königstochter Elisabeth Stuart, war der Anführer der Union protestantischer Fürsten und stellte sich wagemutig, aber auch unvorsichtig gegen Kaiser und Reich. Am 4. November 1619 ließ er sich in Prag zum König von Böhmen krönen, wodurch er einer der Auslöser des Dreißigjährigen Krieges wurde. Nach dem Fiasko der Schlacht am Weißen Berg am 8. November 1620 gegen die Truppen des Kaisers musste er überstürzt fliehen. Es folgten Ächtung, Enteignung, Exil, und für seine pfälzische Residenzstadt Heidelberg – Verwüstung und Tod durch die Soldateska des katholischen Gegners.

Die Herrschaft des „Winterkönigs“ dauerte zwar mehr als einen Winter lang, aber der von der kaiserlichen Propaganda geprägte Spottname des Kurzzeitkönigs blieb an ihm haften. Als der katholische Feldherr Tilly am 19. September 1622 Heidelberg eroberte, hatte das auch für die wertvolle kurfürstliche Bibliothek schicksalhafte Folgen. Papst Gregor XV. wollte den Bücherschatz für sich haben und beorderte als seinen Gesandten Leone Allacci nach Heidelberg, der die Verschleppung der Bücher mit strengen Augen überwachte. Die ganze Bibliothek wurde auf die Rücken von zweihundert Mauleseln gepackt und auf eine gefährliche Alpenüberquerung geschickt. Es waren über 3500 Handschriften, 1200 Drucke und Frühdrucke (Inkunabeln), eine sehr stattliche päpstliche Beute. Unter ihnen reiste schaukelnd auch eine lateinische Vision des Heiligen Paulus mit dem bescheidenen, kopfüber auf einen Rand gekritzelten althochdeutschen Lorscher Bienensegen. Auf dem Rücken eines Maulesels überquerte der klösterliche Bienenschwarm also die Alpen. Der gute Mönch hatte das Ausschwärmen der Bienenbuchstaben nicht verhindern können. Sie landeten in Rom in den Büchersälen des Papstes. Unter der Signatur Pal. Lat. 220 wird die Handschrift noch heute in der Vatikanischen Bibliothek aufbewahrt.

Der Lorscher Bienensegen ist eine magische Beschwörung, der Versuch, einen Bienenschwarm zur Rückkehr und zum Bleiben zu bewegen. Denn jedes fliehende Volk ist ein herber Verlust für die Klosterwirtschaft. Der  Mönch, der vermutlich mit der Honig- und Wachsgewinnung beauftragt war, ist in Panik. Was ist ein Kloster ohne Kerzenlicht! Ohne Bienenwachs war keine Messe denkbar, kein Kirchenraum konnte feierlich erleuchtet werden, durchweht vom süßen Geruch der heiligen Wahrheit. Beim Kirchenvater Augustinus war es ein Symbol für Jesus Christus, den Erlöser, „der das Licht in die Welt bringt“ und – sich selber wie eine Kerze verzehrend – die Welt vom Dunkel der Sünde befreit. Die Kerzenproduktion war im christlichen Mittelalter enorm, den Stoff dazu lieferten die Wachsdrüsen der Biene.

Der Mönch also hat Angst, ein ausgeschwärmtes Bienenvolk zu verlieren. Es soll auf dem Klostergelände bleiben. Also lädt er es zum „Sitzen“ ein, oder befiehlt es ihm geradezu. Hier der für unser Auge und Ohr exotische althochdeutsche Text und der Versuch einer Übersetzung:

Kirst, imbi ist hucze!
nu fluic du, vihu minaz, hera
fridu frono in godes munt
heim zi comonne gisunt!
sizi, sizi, bina!
inbot dir sancta Maria.
hurolob ni habe du
zi holze ni fliuc du.
noh du mir nindrinnes
noh du mir nintuuinnest.
sizi vilu stillo
vuirki godes vuillon.

Christus, das Bienenvolk ist draußen, hei!
Nun flieg du, mein Vieh, schnell wieder herbei.
In Gottes Schutz, im Frieden des Herrn
sollst heimkommen du gesund von fern.
Sitz, Biene, sitz jetzt noch!
Die heilige Maria befahl es dir doch.
Urlaub sollst du nicht kriegen,
in den Wald darfst du mir nicht fliegen.
Weder sollst du mir entwischen
noch entschwinden in die Büsche.
Sitze ganz stille
und wirke Gottes Wille.

Mit dem zärtlich klingenden althochdeutschen imbi ist der Bienenschwarm gemeint. Daraus hat sich das Wort „Imme“ auch für die Einzelbiene entwickelt, kam aber gegen die Konkurrenz der „Biene“ nicht an. Im Wort imbi lässt sich ein schönes Zusammentreffen von „Imme“ und „Biene“ ahnen.

Vermutlich wurde der beschwörende Lorscher Bienensegen immer wieder verwendet, als Stoßgebet der Imkermönche, wenn ein Bienenvolk zum Bleiben ermuntert werden sollte. Magie ist der Versuch, mit Worten Wirkung zu erreichen. Doch hörbar ist auch eine leise Drohung. Denn da werden unanfechtbare Autoritäten aufgerufen. Also zittere ein wenig, du liebe Biene, und höre, was dir aufgetragen wurde: nicht unstet zu werden, deinen Schwarmtrieb zu zügeln, besser ein bisschen vor Ort zu bleiben. Köstlicher Imperativ: Sizi, sizi, bina! Die heilige Muttergottes Maria selber also hat es befohlen, und Gottes Willen höchstselbst soll die Biene nachkommen und „stille sitzen“. Wie gern möchte man auch heute, in der Zeit des Bienensterbens, unbefangen ausrufen können: Sitz, Biene, sitz!

Oder hat man den Text auch sinnbildlich zu verstehen? Als Aufforderung an alle, sich einzufinden im christlichen Glauben, „stille zu sitzen“ und Gottes Willen zu tun? Im Bienenstock des Klosters auch in Schriftform den Honig des Herrn, das süße Wort der frohen Botschaft zu pflegen? Beherzigen wir die Ermahnung des Lorscher Mönchs, schwärmen wir nicht zu früh aus und weg. Bleiben wir ruhig noch ein wenig im honigreichen Bienenstock des deutschen Mittelalters.

Kommentar verfassen

Bitte logge dich mit einer dieser Methoden ein, um deinen Kommentar zu veröffentlichen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s

This site uses Akismet to reduce spam. Learn how your comment data is processed.

%d Bloggern gefällt das: