46. Ich fühlte mich schuldig

In frühen Jahren orientiert sich Šalamun an slowenischen Dichtern wie Dane Zajc, Vasco Popa oder auch an Baudelaire, befragt als Mitherausgeber der Zeitschrift „Perspektive“ kritisch die Dichtungen und Philosophien der Moderne und sucht dann den Kontakt zu amerikanischen Dichtern wie dem damals noch jungen John Ashbery. Diese wiederum zeigen sich fasziniert von dem freien, fast rebellischen zu nennenden Stil von Šalamuns ersten Gedichten aus dem Band „Poker“ (1966).

Šalamun Track: „Ich arbeite vollkommen intuitiv. Als ich jünger war, habe ich eine Menge Theorien gelesen, auch in den späten 60ern. Ich bin auf eine Weise frankophon erzogen worden und habe immer erwartet, dass ich dadurch aus diesem slowenischen Ghetto ausbrechen könnte, aus diesem kleinen Land, eben durch Frankreich. Barthes und der junge Derrida beeinflussten mich, aber das war auch ein ungemeiner Druck. Als ich 1971 nach Amerika kam dachte ich, ja, das ist Freiheit, vergiss die Theorien.“

In Šalamuns Dichtung werden Zeitebenen und unzugehörige Wortfelder zusammengebracht, ohne einen Anspruch auf Kohärenz. Die Leichtigkeit, die oft mit viel Humor einhergeht, offenbart jedoch an vielen Stellen eine Abgründigkeit, die sich oft in einfachen Sätzen spiegelt. (…)

„Ich habe von 1989 bis 1994 überhaupt nicht geschrieben, ich lebte in totaler Angst vor der Dichtung und fühlte mich schuldig wegen meiner furchtbaren Sprache. Meine Sprache ist wild, manchmal absolut gewalttätig, und viele entsetzliche Dinge geschehen in meinen Gedichten. Es war die Zeit des Balkankrieges und Karadžić war einer von den jungen bosnischen Dichtern. Ich wurde in den 80er-Jahren in Jugoslawien als ein Kopf der jugoslawischen Avantgarde angesehen und Josip Ostić hatte mich mehrfach zu dem Poesiefestival nach Sarajevo eingeladen. Und Karadžić war auch da. Er war ein sehr untalentierter Dichter – aber ich dachte – oh- vielleicht bin ich schuldig, ich bin ein Teil dieser furchtbaren Geschehnisse, die jetzt stattfinden. Also war ich absolut still, ich war einfach verstummt.“

/ Anja Kampmann, DLF

Tomaž Šalamun: „Rudert! Rudert!“
Gedichte, zweisprachig, Übersetzt von Gregor Podlogar und Monika Rinck
Edition Korrespondenzen, Wien, 160 Seiten, 21 Euro

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