45. Test

„Der Text als Test“ hat der neue Poetikdozent seine Vorlesung überschrieben. Und er lässt seine Zuhörer an seinem Prozess des Dichtens teilnehmen. Was fällt mir ein, wenn ich dieses oder jenes Wort höre? fragt er. Und warum überhaupt „ich“? Hans Thill hat einen Band Gedichte („Zivile Ziele“) geschrieben, in denen das lyrische „Ich“ überhaupt nicht vorkommt – und keinem Leser sei das aufgefallen! Das Gedicht ist ein autonomer Prozess, es entwickelt sich selbstständig, es ist ein Aufbruch ins Unbekannte, und ob zuletzt die Pythia gesprochen oder nur ein Papagei geplappert hat – das müsse sich zeigen. Konkretes Beispiel: Was gibt das Wort „Text“ her? Hans Thill beginnt zu assoziieren: Text, textile Struktur, Rückseite des Teppichs, fester Boden – Verständigung? Kann auch ein dressierter Hund ein „Textversteher“ sein? His masters voice? Noch vielschichtiger ist das Wort Test, das nicht nur vom Psychotest über den Alkoholtest bis zum Reifentest in zahllosen Zusammensetzungen vorkommt, wie Hans Thill einfallsreich nachweist, sondern das ihn auch an das lateinische Wort für den „Zeugen“ erinnert – legen Texte also Zeugnis ab? / Rotraut Hock, Allgemeine Zeitung

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