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Im April wurden wir überrascht von einem buchstäblich „grässlichen“ Gedicht. Günter Grass hatte die Welt mit einem Gedicht beschenkt. Nun, das Gedicht war eigentlich ein Gedicht, das gar keins war, ein „Schein-Gedicht“, es war mehr ein Etikettenschwindel von vermeintlicher Lyrik, in der Erwartung eventuell, es so – gleichsam angetan mit der „Kultur-Kapuze“- von Kritik immunisieren zu können. Das wäre jedenfalls gründlich daneben gegangen. Und: zu Recht. Denn Günter Grass redete Blech und trommelte falsch.
Es war ein Dokument von Hass und Hetze gegen den jüdischen Staat, ein Versatzstück voller Verdrehungen und Verbogenheiten. Zugleich verharmloste es das brutale Mullah-Regime in Teheran auf geradezu groteske Weise. Mit am unerträglichsten aber war: Israel wurde hier ganz wissentlich sozusagen „aussortiert“, singularisiert, gebrandmarkt als alleiniger Haupt-Störenfried der ganzen Welt. Das Schlimme aber ist, dass es eine solche Stimmung im Land auch wirklich gibt. Ohne Israel, so wird hier munkelnd, flüsternd und raunend transportiert, ginge es uns doch allen so viel besser. „Israel ist unser Unglück“, so hätte der Text daher auch betitelt sein können. Grass kennt diese tuschelnde Stimmung, er gab ihr seine gewichtige Stimme, er biederte sich ihr an, er bediente sie und bestärkte und befeuerte sie so.
(…)
Positiv anzumerken aber ist, dass praktisch alle Zeitungen diese „literarische Todsünde“, wie es Wolf Biermann beschrieb, verdammten. Es war eine wahre Glanzleistung der deutschen Presse, die mit all ihren Differenzierungen, gemeinsam den richtigen Instinkt hatte. Der Dichter freilich war verstimmt. Und klagte, die Presse im Land sei „gleichgeschaltet“. Dabei war hier nicht die Presse gleichgeschaltet. Vielmehr war nur der Autor einfach falsch gewickelt und verhedderte sich selbstgerecht immer mehr in seinem Gestrüpp der Verdrehungen und Verirrungen.
Und im Herbst legte Grass sogar nochmals nach. „Noch’n Nicht-Gedicht“ und zeigte uns allen, dass seine Israel-Obsessionen keineswegs „Eintagsfliegen“ sind, sondern leider chronisch. / Dieter Graumann, Präsident des Zentralrats der Juden, in der Frankfurter Paulskirche (FR)
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