112. Rosenlöchers Sprachkunst

Thomas Rosenlöcher ist ein Dichter, der einen – ohne belehrend zu sein – im Staunen unterrichtet. Seit Jahrzehnten sind sein Gedichtbände Fibeln für jene, die in diesem Fach noch etwas lernen möchten. Ganz auf der Höhe dieser „Kunstausübung“ zeigt sich Thomas Rosenlöcher in dem Gedicht „Das Wegperpendikel“. Darin bremst der Dichter die immer schneller werdende Zeit aus, wenn er sich Zeit nimmt, um einen Weg zu beschreiben, auf dem eine alte Frau entlang geht. Wie Rosenlöcher den Weg und die Frau aus der Landschaft „schöpft“, sodass mit dem Gedicht Einspruch gegen das Vergehen erhoben wird, ist ganz große Sprachkunst. Er legt Zeugnis ab und erklärt mit der Zeugenschaft dem Weltgezeter eine radikale Abfuhr. Auch in dem Zweizeiler „Die Wirtschaftskrise“ wird der Blick für das Wesentliche geschärft: „Das Zeitungsblatt sagt: ‚Es wird schlimmer‘. / Das Lindenblatt: ‚Es bleibt wie immer‘.“

Thomas Rosenlöcher „dreht“ an den Worten, wenn er deren Bedeutungen durch Wortkombinationen in Sprachhöhen schraubt. Dadurch gelingt es, dass sein Wortzauber zu den Naturwundern passt, von denen die Gedichte erzählen. Wenn Bäume als „regungslos im Frost / gegeneinander anknarrende Stangen“ beschrieben werden, dann sieht man nicht nur einen vor Eiseskälte erstarrten Wald, sondern hört zugleich sein frierendes Klagen. / Michael Opitz, DLR

Thomas Rosenlöcher: Hirngefunkel. Gedichte
Insel Verlag (Insel Bücherei Nr. 1369), Berlin 2012
125 Seiten, 13,95 Euro

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