41. O, ich bin im Freitag!

Der geschätzte Freitag beschert einem Kolumnisten (veröffentlicht) und Lyriker (unveröffentlicht) endlich eine prominente Bühne.  Es geht um „die schwierige Kultur des Pluralismus“, sagt die Überschrift seiner neusten Verlautbarung. Wie fein, da muß doch jeder mitziehn, nicht? Jeder darf seine Gedichte veröffentlichen, also auch jeder „Freiheits“-Kolumnist.

Nicht genug damit. „Zum Breivik-Vorwurf“ schreibt er noch darunter. „Die sog. Lyrikszene bzw. deren Hauptprotagonisten und Oberexegeten“ bestreiten also Mollnitz/Bosselmann die Meinungsfreiheit und schlagen ihn mit der Breivik-Keule. Ist das nicht ein Skandal? Gut daß es noch ein paar Stellen gibt, an denen man dagegen anreden kann. Das tut der wackere Streiter nun unter dem Doppelnamen beim Freitag.

Er strickt das mit der gleichen heißen Nadel wie seine sog. Lyrikpolemik und wie die paar Artikel bei von mir weniger geschätzten Organen wie „Junge Freiheit“ und „Blaue Narzisse“, die ich mir angesehen habe. Eine stammtischfähige Meinung (beim Freitag: „Die junge Lyrik ist niveaulos“, bei der JF 2009: „Der jüngsten Ausgabe des Politikmagazins Frontal 21 war es ein Anliegen, sich darüber zu echauffieren, daß „der Staat die Neonazis gewähren läßt““ oder hier Juni 2012: „die Linke ist am Ende“) wird mit ein paar kernigen Sätzen und reichlich Kraft-Bonmots à la „Neue Lyrik: neue Impotenz“, „Möchtegern-Lyrik“, „Multi-Preisträger“, „gleichgeschaltete Gefällt-mir-Gesellschaft“, (Lyrik);  „Demokratie und böser Nazi“, „ein Guter, ein Demokrat“ (Nazis), „Möchtegern-Luxemburg“, „Bionade-Bourgeoisie“, „Befindlichkeits-, Gefühls- und Pseudolinke des satten Westens“ (Linke) garniert. Weder die Meinungen noch die Schlag-Wörter sind von ihm. „Multipreisträger“ z.B. kam jüngst bei einer Medienattacke des rührigen Anton Leitner vor und wurde von Mollnitz flugs per copy and paste ausgerechnet auf Thomas Kunst appliziert. Egal was, egal woher: Hauptsache es tut Wirkung bei den Stammtischen, ob rechts (JF) oder links (Freitag). (Lustig, daß er gleichzeitig im eigenen Fall jammert, wenn andere das Wort „Klarnamen“ benutzen).

Und in dem jüngsten Beitrag im Freitag-Blog lästert er über den „karnevalesken Maskenball der Pseudonyme“ (als hätte das Thema garnichts mit ihm zu tun) und spricht von seinen „mir größtenteils völlig unbekannten und mit Nicknames verschleierten Opponenten“. Nun ja. Wer von den Lesern des Freitag kannte bis dahin Bosselmann oder Mollnitz? Wenn jemand lautstark auftritt, muß er sich kaum wundern, daß man fragt, wer das ist. Ich und meine gutinformierten Datenbanken kannten keinen „Mollnitz“. Bosselmann schon. Nicht besonders erheblich, aber unter dem Namen erschienen in den 80er Jahren ein paar Gedichte in einer Anthologie mit Schüler-Gedichten („Offene Fenster“) und in der FDJ-Zeitschrift „Temperamente“. Das ist lange her. Hat er die ganze Zeit geschrieben und nichts veröffentlicht? Oder wurden seine Texte abgelehnt? Oder hat er erst jetzt, angeregt von der schwächelnden Gegenwartslyrik, wieder angefangen? Wir wissen es nicht. Er raunt nur von „besonderen Gründen“, welche?

Jetzt aber hat er sein Thema und seine Rechtfertigung gefunden: Weil die Lyrikzeitung seinen wahren Namen veröffentlichte, bleibt seine Karriere als Autor aus. Drei Verlage sollen seine Gedichte zurückgeschickt haben. (Ehrlich gesagt finde ich das etwas schwach. Wenn sie die Gedichte gut finden, warum veröffentlichen sie sie nicht? Auf mich dürfen die sich nicht berufen.)

Ich zweifle nicht, daß es Leser für seine Gedichte gibt. Ein paar sind unter dem Namen Mollnitz leicht im Netz zu finden. Ich finde die nicht so stark und schon gar nicht in dem messianischen Gestus des Freitag-Artikels. Obwohl mit „Potenz“ als Opposition zu der von ihm beschworenen Impotenz (nicht in sexueller Hinsicht, sondern als aktivistisch-kraftmeiernde Geste) hat es in meiner Wahrnehmung schon zu tun. Aber ich mag nicht über unpublizierte Gedichte rechten. Wenn er seine Grenzer-Lyrik gut findet, soll er sie doch veröffentlichen, warum nicht beim Freitag? Er mokiert sich über die Auswahl bei der Wasser-Prawda, vergißt aber hinzuzufügen, daß er diese Gedichte ja selbst hingeschickt hat. Vielleicht hat er so wenig, daß er auch die schwächeren mitschickte? Auch das wissen wir nicht.

Damit wollen wir uns nicht befassen. Noch ein paar Blicke auf die Polemik gegen die „sog. Lyrikszene“.  Die habe sich also aufgeregt. Was für Mollnitzens Gewicht zu sprechen scheint. Umso mehr, als nicht irgendjemand, sondern „deren Hauptprotagonisten und Oberexegeten“ gegen ihn Front machten. Leider vergißt er hinzuzufügen, wer das eigentlich war. Kein einziger Name, nirgends. Der gleiche blinde Fleck wie in dem sog. Pamphlet, über dessen Resonanz er sich wundert. Dort hatte er immerhin „Eisenhans“ benannt, wir konnten das Pseudonym nicht knacken, er soll schon im Lyrikjahrbuch veröffentlicht haben, aber ein „Hauptprotagonist und Oberexeget“? Das kann bezweifelt werden.

„Erhebliche Turbulenzen, große Betroffenheit“ konstatiert Mollnitz. Papperlapapp, Großrederei. Ein paar Leserbriefe beim Freitag, ein paar Kommentare bei der Lyrikzeitung oder in kleinen Facebookkreisen, mehr war gar nicht. Er muß es dem bedeutenden Mollnitz erst zurechtmachen.

Was gesagt werden muß. Was mit und gesagt werden muß. Nur mit und, keine Begründungen. (Eich, nicht Grass). Die sogenannte Polemik strotzt gleichermaßen von Kraftmeierei wie von Unkenntnis. Er tut, als könne er die Lyrik aus den Angeln heben, kennt sie aber gar nicht*. Spricht von einem Leipziger Blog und einem Leipziger Verlag, der Verdienste hat, aber kaum ein Zentrum „der Lyrikszene“ genannt werden kann. Da gibt es auch in Leipzig andere kleine Verlage, etwa die Connewitzer Verlagsbuchhandlung…, aber nichts davon. Zu schweigen von den wichtigen Verlagen in Berlin und anderswo. Die Freitag-Autorin, die darauf reagierte, hat völlig recht. Kann man von einer Redaktion verlangen, daß sie die Substanzleere bemerkten? Offenbar nicht. Jetzt aber schafft er es, alles so hinzustellen, als läge es nur an der Enthüllung seiner Identität. Nein, es war ein schlechter Artikel, der nur bei Ignoranten Zustimmung fand. Er wäre auch schlecht, wenn er von, sagen wir mal Sahra Wagenknecht („Möchtegern-Luxemburg“) oder, jetzt keinen Namen nennen… einem Redakteur der FR oder SZ geschrieben worden wäre. (Der Wahrheit die Ehre: es gibt dort keinen, der so uninformiert über Lyrik schreibt!).

Mit Personennamen hält er sich zurück (einzig bei der Freitag-Autorin weiß er sich anzubiedern). Ein Ortsname allerdings wird sehr oft genannt. Ganze 7 mal kommt der Name der Stadt Greifswald vor. Es scheint sich hier um ein Zentrum der Lyrik zu handeln. Der Artikel erwähnt „eifrige Recherchen eines Greifswalder Literaturwissenschaftlers“, der scheint wichtig zu sein. Zumal er, „was ich nicht wusste, sowohl gegenüber dem Greifswalder Verlag, der Greifswalder Online-Zeitschrift als auch wohl gegenüber der Junglyriker-Szene allgemein als eine Art administrierender Bewerter oder mindestens Mentor fungiert, hochgeschätzt, hochagil, hochempfindlich.“ Sagt Mollnitz.

Achja, danke. Obwohl ich gern auf dieses Lob verzichte. Er wußte es nicht, jetzt weiß er es aber? Den Beweis bleibt er auch schuldig. Das ist die Mollnitz-Masche. Viel behaupten, dann bleibt schon was hängen. (Nein, er braucht sich nichts drauf einzubilden, so machen es alle Anschwärzer). Ich kenne den Greifswalder freiraum-Verlag, sein Gründer studiert an dem Institut, bei dem ich angestellt bin. Aber „administrierender Bewerter oder mindestens Mentor“, das ist totaler Mumpitz. Sowohl für den Verlag als auch selbstredend für „die Junglyriker-Szene“. Ich kenne etliche junge Lyrikerinnen und Lyriker und lese viele, mit einigen bin ich befreundet, jungen und älteren. Aber Mentor? Administrierender Bewerter gar? Bloße aus der Luft gegriffene Behauptungen in ehrabschneidender Absicht: das darf man jetzt beim Freitag, ich nehme es zur Kenntnis. Dieser Mensch ist ein Verleumder, der allgemeine Behauptungen über „die Lyrik-Szene“ mit Zitaten aus Leserkommentaren („Breivik-Vorwurf“) so mischt, als hätte „die Lyrikszene“ unter der heimlichen Führung eines Greifswalder Literaturwissenschaftlers ihm und dem Pluralismus im Land übel mitgespielt. (Der PR-Chef der JF reibt sich die Hände, wenn er das, bei freitag.de, liest: „Dass einer, nachdem er aus besonderen Gründen literarisch fünfundzwanzig Jahre schwieg und sich auf Tagebuch und Presse beschränkte, dass so einer sein Schreiben wieder aufnimmt und Texte durchreicht, ohne zu den diversen Zirkeln und Duzgemeinschaften der „Szene“ zu gehören, konnte man noch als die unerhörte Frechheit eines dreisten Dilettanten abtun; aber dass der auch noch von der „Jungen Freiheit“ kam, diesem schlimmen Blatt, das ging nun gar nicht!“)

Ich bitte um Verständnis, daß ich nicht auf der gleichen Bühne spielen möchte wie dieser Lyrikkenner, und daher hier antworte.

*) In einem Blog versucht „Mollnitz“ das in dem ersten Pamphlet Versäumte nachzuholen und zitiert Nora Bossong, „eine Autorin, die ohne Zweifel über eine lyrische Stimme verfügt“. Hohes Lob wird verteilt: „Ihr Gedicht „Reglose Jagd“ (http://www.poetenladen.de/nora-bossong-lyrik.htm) dürfte zum Besten gehören, was innerhalb der letzten Jahre erschien.“  Das muß er ja in besonderer Weise wissen. Auch andere Gedichte der Autorin werden gelobt (wenn auch nur im Netz veröffentlichte). Auch hier kommt der Pferdefuß schnell zum Vorschein. Selbst diese ohne Zweifel guten und sympathischen Gedichte werden nun zum Zeugnis des Ungenügens der jungen Lyrik:

Wesen des Dargestellten ist wiederum die Statik, eine kleine, ptolemäisch anmutende Welt, wenngleich offenbar gegenwärtig und modern, herausgehalten aber aus dem Fluss, dem Panta-Rhei des biographischen und geschichtlichen Geschehens.

Genau das ist für neue Lyrik symptomatisch. Sie hält sich heraus aus den Strömungen der Zeit, so abstinent und fern, dass ihr auch deren Unterströmungen einerlei sind oder verborgen bleiben, die gefährlichen wie die verheißungsvollen, denn sie schreibt bewusst aus dem Außerhalb.

Mit Verlaub, so las mans auch in den Zeitungen von SED und FDJ. Fast wörtlich sogar. Was wir schon ahnten. Auch Peter Huchel wurde vorgeworfen, daß er sich „wie ein englischer Lord“ (Hager) heraushalte. Genau, Huchel: Mollnitz steht nicht an, Bossong mit Huchel zu vergleichen. Ach ja, richtig, sie bekam ja jüngst den nach Huchel benannten Preis.**

**) Aber ich gebe zu: hätte er dem Freitag diesen Text angeboten, die Blamage wäre etwas kleiner gewesen.

6 Comments on “41. O, ich bin im Freitag!

  1. ich kann versichern (u.a. auch, um das ärmeln in der opferrolle etwas abzubinden), dass ich die „polemik“ schon mehr als dürftig fand und schon in anführungsstriche setzte, als ich noch keinen wirklichen namen dazu hatte. es ist kein text, über die man sich ausgiebig streiten könnte, noch wollte. schlicht, weil er kaum etwas zu fassen imstande ist (s.o., unterschreib ich). sich hier insgesamt aber ein nachgeben des klügeren zu wünschen, das kürzt mir die chose in toto dann auch zu verklärlich ein.

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  2. Meine Güte, langsam ist es aber auch genug. Gehen Sie zum Anwalt.
    Das Schlimme ist: Ihre sog. Polemik, Heino, ist kaum der Rede wert. Sie trifft natürlich ins Schwarze, wenn sie behauptet, dass heutzutage im Internet jeder veröffentlichen kann. Was für eine Erkenntnis! Da muss man doch dringend was dagegen tun!! Was aber haben die zitierten Auszüge in Ihrem Text (von einer Karolin, von Eisenhans und von einer Fee) mit der „neuen Lyrik“ zu tun, die Sie so generell kritisieren? Sie stellen Allgemeinbehauptungen auf, mehr nicht. Von „neuer Lyrik“ scheinen Sie nicht wirklich viel Ahnung zu haben. Sie kennen ja nicht einmal die Autoren, die man wirklich auf den Prüfstand stellen könnte. Erstaunlicherweise hat Ihre sog. Polemik dennoch so ein langes Echo hervorgerufen. Das verstehe ich nicht. Da wünschte ich mir jetzt sehr, dass der Klügere nachgibt und warte gespannt darauf, wer das ist. Der Andere kann ja dann zum Anwalt gehen. Die können Genedarstellungen und Stellungnahmen noch besser formulieren.

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  3. Zwischendrin mal eine Zusammenfassung, damit, wer noch mitreden möchte, den Faden halten kann: Im Mai schicke ich dem FREIRAUM-VERLAG zum Zwecke der Vorstellung und um nicht mit Textkonvoluten ins Haus zu fallen, meine Polemik, die bereits bei Dr. Angele lag, dem Feuilletonchef des FREITAG. – Man ist begeistert, will den Text unbedingt für die WASSER-PRAWDA, hält ihn für sehr zutreffend und bittet sogleich um Lyrik und Prosa. Der FREITAG druckt, weil sie Dr. Angele gelegen kommt, aus freien Stücken die später inkriminierte Polemik, die WASSER-PRAWDA lädt eigens zeitgleich die ihr noch naheliegender erscheinende schärfe Fassung davon hoch und stellt Texte von mir daneben, die sie ausgewählt hat. Das alles vergnatzt zur Verblüffung von FREIRAUM-VERLAG, WASSER-PRAWDA, FREITAG und mir selbst die sog. „Lyrik-Szene“, wer immer die sei. Wir alle staunen, dass Lyrik so ein heißes Thema ist. Ich Ignorant kannte die Greifswalder Verhältnisse eingangs überhaupt nicht, hatte von Herrn Dr. Gratz zu meiner Beschämung noch nie gehört, ahne überhaupt nicht, dass er der wichtige Begleiter von FREIRAUM-VERLAG, WASSER-PRAWDA und LYRIKZEITUNG ist, ja ich kenne nicht mal diese Plattform, weil es das, was ich lese, zu Büchern gebunden gibt. Mir ist überhaupt nicht klar, in was für ein hochkomplexes, hochsensibles Milieu ich eindrang, indem ich nur einen Text versandte. Alles steht einen Moment lang verdutzt, die Korrespondenz mit FREIRAUM, erst rege und nach immer mehr Texten fragend, stockt, dann fragt der redliche FREIRAUM-VERLAG, von irgend jemandem warnend dazu angeregt, wie er mitteilte, bei mir nach, ob MARTIN MOLLNITZ ein Pseudonym sei. – Da ich das nicht so einfach bei einem Schwatz am Telefon bereden will, weil mir zudem bereits so ist, als würde es ab dieser Frage nie mehr um meine Texte gehen, sondern um Bewertungen zu Person und Politik, fahre ich lieber nach Greifswald und rede mit dem mir offenbar zugetanen Verlagsleiter frei und offen. Ich erläutere ihm minutiös meine Biographie und informiere gleichfalls darüber, Autor der JUNGEN FREIHEIT zu sein. Ich wüsste, dass das ein Problem sei. Es scheint zunächst für zwölf weitere Stunden keines. Man will Prosa und Lyrik von mir bringen. Wir vereinbaren Stillschweigen über die von mir gegebenen sehr ausführlichen und privaten Informationen, ich bekomme per Handschlag unter Männern das Wort des sympathischen Verlagsleiters und fahre skeptisch zufrieden ab. Nachdem alles an die Suchmaschinen gestürzt war, mailt man mir am nächsten Tag, man könne angesichts dessen, was man in der JUNGEN FREIHEIT – ausschließlich online, ausschließlich in Kolumnen – von mir liest, nun doch nichts von mir bringen; die „politische Stoßrichtung“ passe nicht zum Verlag. Akzeptiert. Das Pseudonym hält vorerst, Dr. Gratz versucht es eifrig zu knacken, es grassieren allerlei Vermutungen, auch schon jene, ich schriebe für die JUNGE FREIHEIT. Alles legitim, und ob nun dichtgehalten wurde oder nicht, scheint heute nicht mehr so ganz wichtig. Das Pseudonym fliegt auf, sowohl LYRIKZEITUNG und WASSER-PRAWDA verteidigen das und stellen meinen Namen ins Netz, alarmieren, ich wäre JF-Autor, während ich gerade anderswo dabei war, Veröffentlichungen mit wohlwollenden Partnern zu realisieren. Die sehen sofort davon ab: JUNGE FREIHEIT? Gut, die meisten meiner Zeitungstexte wären nicht genuin rechts, aber die Kommentare dazu schon. Unangenehm. Tut uns leid, Herr Bosselmann. Geht nicht. Das müssen Sie verstehen. Verstehe ich. Akzeptiert. Ich bin also publizistisch aus allem raus. Es erscheint zwischendrin eine moderate Replik von Beate Tröger zu meinem FREITAG-Auftritt, und weil ich manche Kommentare darunter allzu unangemessen finde, leiste ich mir eine Nachschrift, wie sie jeder andere im FREITAG ebenso einstellen kann. Ich stelle meinen Namen klar, die meisten der Echauffierten vermeiden das. Außerdem veröffentlicht die SEZESSION einen Text von mir, der nach dem Grund der immerhin politischen Heftigkeiten folgerichtig auch politisch fragt. Ich äußere meine wiederum politische Vermutung dazu und ernte abermals helle Aufregung. Also geht es jetzt hier weiter, weil Herr Dr. Gratz sich so am besten durchschalten kann; man fühlt sich von mir aufs neue ganz unerhört provoziert und sucht selektiv nach Begriffen und Sätzen, die man ventilieren kann, zitiert Kommentare aus der JF, die nicht meine sind. Es gäbe überhaupt andere Beiträge, aber jeder nimmt, was am besten passt: Viabilität im konstrutivistischen Sinne. Alles nachvollziehbar. Ich stehe zu meinen Texten, auch zu den streitbaren; ich kann hier und woanders wenig dafür, wie man mich kommentiert. Aufschlussreich nur, dass etwas, was mit einer literarischen Polemik begann, über die man sicher streiten kann, mittlerweile eine ganz andere Veranstaltung ist. Darin sehen beide Seiten etwas Symptomatisches. Zu Recht. Der einzige sich mir gegenüber loyal verhaltende Partner ist der Verlagsleiter des FREIRAUM-VERLAGES, dem ich vor Wochen meinen Text schickte. Als die See vor Greifswald noch sehr ruhig war, ohne Schaum und Gischt. Ich möchte mich bei ihm bedanken. Die Bilanz: Es gab eine einzige Unterhaltung, ca. eineinhalb Stunden lang; alles andere war eine Streiterei an der Pinnwand des Netzes. Wir haben da jetzt alle unsere Zettel angeklebt. Und uns nichts geschenkt. Positiv ausgedrückt: Alles sehr anregend, mit ein paar Kollateralschäden, vorzugsweise auf meiner Seite, was doch die meisten gerecht finden werden. Herr Dr. Gratz redet dabei zwar immer noch ein bisschen über Literatur. Aber um Literatur ging es eigentlich seit meinem Besuch in Greifswald nie mehr. Sie interessiert in dieser Spalte Nr. 41 auch niemanden, ebensowenig wie sie unter Nr. 78 Thema war. Fazit: 1.) Zwei Medien, der FREITAG und die WASSER-PRAWDA, veröffentlichten aus freien Stücken und sehr angeregt eine Polemik von mir in zwei Fassungen. 2.) Ich wurde unter Stillschweigeversprechen gebeten, mein Pseudonym zu offenbaren. Ich kam der Bitte nach. 3.) Das Pseudonym wurde öffentlich gemacht – wahrscheinlich weil ich Autor der JUNGEN FREIHEIT bin und man sich deswegen dazu legitimiert sah. M. E. handelt es sich dabei mindestens technisch gesehen um eine Art Denunziation, die, überrieselt von Adrenalin, fragte: Wem nützt es? – Uns. Wenn es gegen die JF und einen ihrer Leute geht, der sich erdreitstet, anderswo zu veröffentlichen und sogar Lyrik und Prosa einzutragen droht, die übrigens zwar nicht apolitisch ist, aber rein gar nichts mit meinen Zeitungsbeiträgen zu tun hat. Ab dieser Stelle sind zwei Bereiche zu trennen: Meine wie auch immer anzuschauenden Texte auf der einen, die politische Diskussion auf der anderen Seite. Nebenbei: Als ausgewiesener Wissenschaftler und anerkannter Spezialist für „neue Lyrik“ hätte Herr Dr. Gratz mir doch im Feuilleton des FREITAG entgegentreten können. Mit viel Gewinn im Substantiellen und vor allem in der Art des Diskurses. 4.) Jede folgende Diskussion verlief weitgehend außerhalb gängiger Umgangsformen, erleichtert durch pseudonyme Kommentare. Literatur und literarische Themen blieben nahezu ohne Belang.

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  4. Ich bin mir immer noch nicht sicher, ob ich darüber nun lachen, achselzucken oder ein wenig die Stirnader über meinem Zinken anschwellen lassen muss. Der Gedanke einer Lyrikphallanx unter Mentor/Schlachtherr Greifswalder Literaturwissenschaftler verleitet zu erstem, whathisnames peinliche Ignoranz und seine schlappe Polemik zu zweitem und höchstens die Tatsache, dass er damit wirklich beim Freitag ein Forum findet zu letztem. Letztlich frag ich mich aber auch: Muss man da jetzt wirklich die Diskussion im Gang halten? Mit einem hat er ja recht: Du lenkst noch mehr Aufmerksamkeit auf ihn und seine unfundierten Thesen, nicht?

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    • na eben wegen der zweidrittel sollte man doch nicht vornehm drüber wegsehen. über seine verzerrte und ignorante sicht der lyrikszene und meiner rolle darin kann ich auch lachen. aber wenn ich heute auf seinem terrain, „sezession“, nicht mehr so vornehm pluralistisch wie beim freitag, meinen namen neben breivik lesen muß:
      „Wegen eines unter meinem Pseudonym Martin Mollnitz veröffentlichten Essays zur neuen Lyrik im Freitag wurde ich kürzlich von einem Anonymus namens „Marsborn“ dort wie anderswo als „Möchtegern-Lyrik-Breivik“ angegriffen, nachdem vom Greifswalder Literaturwissenschaftler Michael Gratz und dessen Junglyrik-Entourage unter Offenlegung meines Pseudonyms alarmiert worden war, ich schriebe für die Junge Freiheit.“ (http://www.sezession.de/32978/martin-mollnitz-oder-kleines-toleranzstuckchen.html)

      denke ich doch, nein, da müssen wir auch hinschauen. er möchte nicht links [korrektur: pardon, nicht „rechts“ natürlich] genannt werden und erklärt die jf für nationalliberal, sozusagen ein gegenstück zum von ihm sehr gelobten linksliberalen (sein wort) freitag. aber er selbst sieht hinter einem pseudonymen leserbriefschreiber beim freitag gleich die gesamte linke:
      „Weswegen ist die Linke so empfindlich, daß sie seit Jahren – ob in meinem oder anderen Fällen – gleich zum Kahlschlag ansetzen will, wenn einer von der JF mal anderswo etwas schreibt – auch noch unter Pseudonym, zwangsläufig doch, weil er anders kaum unterkäme?
      Ich denke, die Linke hat mittlerweile ein politneurotisches Problem und reagiert klassisch mit freudianischer Verschiebung…“

      „die linke“, das ist also ein leserbriefschreiber, der ihn „Möchtegern-Breivik“ nennt, und „die lyrikszene“, die „sehr aufgeregt“ auf seine totalkritik reagiere. die ruft also zum „kahlschlag“ gegen ihn auf. die dürfen nicht durchkommen, ruft er aus (immer diese geschichtsträchtige sprache!), und auf einmal hat sich noch ein „nazi-sau“ eingeschlichen – woher wohl, das muß ich übersehen haben??:

      „Und genau, weil man sich nicht beschädigen lassen sollte, weil die Rufer von „Nazi-Sau!“ und „Möchtegern-Breivik!“ nicht durchkommen dürfen, muß man das eben aushalten lernen und sich auf seine Sache konzentrieren. Geht nicht anders. – Ich möchte nur meine Arbeit machen. Dazu gehört, daß literarische Texte, wenn sie ein Verlag publizieren möchte, auch durchkommen, als daß sie an der Gesinnungszensur von Verhinderern scheitern, die sich selbst für Multiplikatoren des Pluralismus halten.“

      es geht gar nicht um seine, du hast recht, unfundierten thesen, sondern um die tendenz, die „mitte“ zu besetzen. sarrazins bestseller zb kann wohl mitte genannt werden, weil er ausspricht was viele an ihren stammtischen auch sagen. beim freitag distanziert bosselmann sich vornehm:
      „Die sich wichtig nehmenden Foren … sich darin sicher, dass nichts einen Autor so wirksam diffamieren und seine Publikationen verhindern kann wie der Alarm, er wäre „rechtspopulistisch“ und ein „Sarrazin-Freund“. Beides Unfug, zudem literarisch ohne Belang, aber sehr effizient.“
      Im JF-Kommentar ist er weniger zurückhaltend. Unter der Überschrift „Deutsche Perestroika“ schrieb er 2010:

      „Was jetzt ausgesprochen ist, durch couragierte Männer wie Sarrazin und Stadkewitz, das wird nicht mehr aus der Diskussion zu isolieren sein, obwohl die Politik das mit den üblichen Heilsbeschwörungen didaktisch-vormundschaftlich versucht.
      Worüber zu reden ist, darüber kann nicht geschwiegen werden, nur weil ein lauer Bundespräsident und die sich selbst pflegenden legislativen und exekutiven Institutionen sich im Land Ruhe wünschen und das Festhalten an ritualisierten Vereinbarungen, die sie ohne echte Legitimation schlossen und für politische Kultur halten.
      Die Zeit der Sprachregelungen ist vorbei; es mobilisiert sich ein Gedankenreichtum, der längst spürbar präsent war. Er sollte sich den Schmähbegriff des Populismus sogar selbstbewußt anheften, wenn er ihm reflexartig entgegengehalten wird.
      Die mindestens kulturpolitisch überfällige Diskussion darüber, wie eine Nation, die es aus Geschichte, Sprache und Erleben heraus immer noch gibt, sich ihre Identität gegenüber irrationalem Islamismus und wirtschaftspolitisch verordneter EU-Einnivellierung bewahrt, diese Diskussion wird landesweit geführt werden, ohne daß sie darauf wartet, von der Regierung und den ihr beigeordneten Behörden und Verbänden moderiert zu werden.
      Bedürfnis nach kraftvollem Schwung
      Und weil sich alle Lebenslügen der gegenwärtigen Politik im Thema Bildung wie in einem Prisma brechen, wird die Bildungsdebatte die deutsche Perestroika maßgeblich begleiten(…)
      Wir erleben endlich die Anzeichen geschichtlich maßgeblicher Veränderungen in Deutschland und Europa.“

      Camouflage kann man das wohl nennen, wenn man zurückhaltend sein will. beim freitag das zuckerschnäuzchen und anderswo klartext.

      bosselmann arbeitet stark mit dem von „marsborn“ erst wochen später nachgereichten breivik-wort. wie würde er wohl reagieren, wenn ich ihn „rechtsradikal“, „revanchist“ und „nazi“ nennte, weil unter seinen jf-artikeln die leser des „nationalliberalen“ blattes sich weniger liberal äußern:

      eine kleine blütenlese:

      Willi Wurst aus Hamburg – Panzerkombinat \“Rommel\“:
      Merkel biedert sich pünktlich zur Wahl bei den Vertriebenen an und faselt irgendwas von „keine Umdeutung der Gechichte“ ( ohne s , da bei Kohl in die Lehre gegangen ).

Wählt eine rechte Partei , wählt nicht die cdu .

Merkel hat Deutschland verraten . Niemand kann genau sagen wer oder was Merkel ist .

Merkel ist gefährlich , genauso wie v.Beust .

die cdu ist für Deutschland schädlicher als eine bekloppte spd .

      Der Klaus aus Deutschland:
      Der Beitrag ist das übliche Staatsfernsehen gejammer. Ohhh, überall doofe Nazis und nur wenige Gute Menschen. Verlogen und wie immer manipulativ. Auf der Strasse hockende Gutmenschen sind „friedlich“, Böse Nazis „marschieren auf“. Das es bei den „aufmärschen“ oft weniger Verletzte gibt als bei den „friedlichen, kreativen demos“ der Linken, lässt in die deutsche Journalisten Seele tief blicken.

      J. Friedrich aus Berlin:
      Sie haben inhaltlich recht, meinen aber wohl nicht Ostdeutschland, sondern Mitteldeutschland. Ostdeutschland ist West- und Ostpreußen, Schlesien und Pommern. Nicht unbedacht und automatisch die Sprache der Geschichtsverdreher übernehmen. Der erste Schritt zur Wiederherstellung Deutschlands hinsichtlich seiner natürlichen, historisch gewachsenen, völkerrechtlichen Grenzen ist die ständige Erinnerung daran, was der deutsche Osten ist. Wir dürfen nie vergessen, nie aufhören zu erinnern, zu mahnen, zu fordern und Einspruch zu erheben. Deutschlands Größe beträgt nicht 357.111 km², sondern 540.858 km².

      mit dem gleichen recht wie er „breivik“ ständig im mund führt um seine opponenten zu diskreditieren, könnte man ihm das anhängen.
      also: wir sollten ruhig mal dorthin sehen. da erfährt man zwar nullkommanichts über die lyrik, aber eine menge über das land (auch bosselmann fordert ja, in dem bossong-aufsätzle, sich nicht aus „dem Panta-Rhei des biographischen und geschichtlichen Geschehens“ herauszuhalten).

      und meine freunde (an andere habe ich keine forderungen) möchte ich auffordern, nicht bosselmanns gerede von linker gesinnungszensur mitzumachen. schließlich sind seine argumente schlecht weil uninformiert und ignorant, nicht weil er jf-autor ist.

      – wo erscheinen eigentlich sarrazins thesen, von denen sich bosselmann beim freitag zu distanzieren scheint? ja: in sehr hoher auflage beim verlag des lyrikjahrbuchs. nicht vergessen: sarrazin finanziert die lyrikszene, die im gegenzug bosselmann blockiert. schönes tollhaus.

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