11. Katalanismus

Der moderne Katalanismus ist kaum 100 Jahre alt; um 1830 machte ein katalanischer Höfling in Madrid ein Gedicht im Dialekt seines Landes – zur Belustigung der Hofdamen. Von da an datiert das katalanische linguistische und literarische Selbstgefühl. Aber noch zu meiner Zeit arbeiteten selbst viele Redakteure der katalanisch erscheinenden Zeitungen mit einem kastilianisch (bei uns: spanisch) katalanischen Diktionär; das beste Katalanisch, sagte man in Barcelona, schrieb Dr. Brachfeld, ein Ungar, der an der Sorbonne promoviert hatte, und nicht nur ungarisch und spanisch, sondern mindestens auch deutsch, französisch und englisch sprach. Damit nicht genug, wuchs er sich also auch zum Meister des Katalanischen aus, eines Dialekts, der im Grunde das alte Limousin oder Provencal der Troubadours ist und bis Toulouse gesprochen und verstanden wird, im Süden auch in Valencia und auf den großen Balearen.

/ Vor rund 50 Jahren erschien das Buch „Flucht in die Welt“ mit Exil-Erinnerungen des Waldkircher Autors, Journalisten, Pazifisten und Nazi-Gegners Max Barth. Die Badische Zeitung druckt immer samstags Auszüge aus dem Buch.

2 Comments on “11. Katalanismus

  1. bei allem respekt vor und grundsätzlicher sympathie mit pazifisten und nazi-gegnern: max barth schreibt hier linguistischen quatsch. das katalanische hat sich, genauso wie das französische, italienische, spanische, portugiesische, rumänische, sardische, rätoromanische, okzitanische etc. unabhängig von den anderen aus dem vulgärlatein entwickelt. das war sowohl zum zeitpunkt von barths aufenthalt in spanien (1934) als auch und erst recht beim späteren verfassen seiner erinnerungen längst gefestigter erkenntnisstand der sprachwissenschaft. eine besondere nähe zwischen okzitanischem und katalanischen ist richtig, aber ob beide zusammen jemals einen in sich geschlossenen sprachraum gebildet haben, ist nicht klar. nur im romantisierenden verständnis der erstmals wieder auf katalanisch schreibende dichtergeneration der ersten hälfte des 19. jahrhunderts (also hundert jahre vor barth) wurde das katalanische mit der sprache der mittelalterlichen trobadore okzitaniens gleichgesetzt (daher die damals gern verwendete bezeichnung »llemosí« [›lemosinisch‹] statt des zu banal-bäuerlich klingenden »català«).

    besonders ärgerlich (und schmerzlich aus dem mund eines antifaschisten) ist die bezeichnung »dialekt«, die genau der terminologie der franco-propaganda entspricht, die in den schulbüchern alle nicht-spanischen sprachen im großspanischen staat kurzerhand zu dialekten erklärte. bedauerlich, dass barth beim verfassen seiner exilerinnerungen – ich unterstelle mal: aus mangelnder sorgfalt – ins selbe horn blies wie die faschistische repression (warum die »badische zeitung« diese passage auswählt und unkommentiert veröffentlicht, ist dann noch eine andere frage).

    auch die literaturhistorische entwicklung ist etwas tendenziös dargestellt (barth scheint keine besonders katalanenfreundliche auskunftgeber gehabt zu haben). die rückbesinnung aufs katalanische als literatursprache begann in der tat in den 1830ern – im alltag war das katalanische aber ungebrochen lebendig geblieben, man brauchte keine wörterbücher. das allgemein als anfangspunkt der »renaixença« angesehene gedicht »La Pàtria« von bonaventura carles aribau (nix höfling), das 1833 in der spanischen zeitung »El Vapor« abgedruckt wurde, ist keineswegs zur belustigung irgendwelcher hofdamen geschrieben worden (einfach auch weil nicht lustig), sondern als namenstagswidmung für seinen landsmann und arbeitgeber, den katalanischen bankier gaspar de remisa.

    dieses später als »Oda a la pàtria« bekannt gewordene gedicht evoziert, ganz im geiste romantischer besinnung auf die eigenen regionalen wurzeln, wehmütig die ferne heimat (aribau lebte in madrid) und vertraute sprache. hier der text im original, die vorletzte strophe lautet: »Auf Lemosinisch klang mein erster Schrei, / als ich die süße Milch trank von der mütterlichen Brust. / Auf Lemosinisch betete ich jeden Tag zum Herrn / und träumte lemosinische Gesänge jede Nacht.«

    A Déu siau, turons, per sempre á Déu siau;
    O serras desiguals, que allí en la patria mia
    Dels nuvols é del cel de lluny vos distingia
    Per lo repos etrern, per lo color mes blau.

    Adéu tú, vell Montseny, que dés ton alt palau,
    Com guarda vigilant cubert de boyra é neu,
    Guaytats per un forat la tomba del Jueu,
    E al mitg del mar immens la mallorquina nau.

    Jo ton superbe front coneixia llavors,
    Com coneixer pogués lo front de mos parents;
    Coneixia també lo só de los torrents
    Com la veu de ma mare, ó de mon fill los plors.

    Mes arrancat després per fals perseguidors
    Ja no conech ni sent com en millors vegadas:
    Axi d’arbre migrat á terras apartadas
    Son gust perden los fruits, é son perfum las flors.

    ¿Qué val que m’haja tret una enganyosa sort
    A veurer de mes prop las torres de Castella,
    Si l´cant dels trovadors no sent la mia orella,
    Ni desperta en mon pit un generos recort ?

    En va á mon dels pais en als jo m’trasport,
    E veig del Llobregat la platja serpentina;
    Que fora de cantar en llengua llemosina
    No m´queda mes plaher, no tinch altre conort.

    Pláume encara parlar la llengua d’aquells sabis
    Que ompliren l’univers de llurs costums é lleys,
    La llengua d’aquells forts que acatáren los Reys,
    Defenguéren llurs drets, venjáren llurs agravis.

    Muyra, muyra l’ingrat que al sonar en sos llabis
    Per estranya regió l´accent natiu, no plora;
    Que al pensar en sos llars no s’consum ni s’anyora,
    Ni cull del mur sabrat las liras dels seus avis.

    En llemosí soná lo meu primer vagit,
    Quant del mugró matern la dolça llet bebia;
    En llemosí al Senyor pregaba cada dia,
    E cántichs llemosins somiaba cada nit.

    Si quant me trobo sol, parl ab mon esperit,
    En llemosi li parl, que llengua altra no sent,
    E ma boca llavors no sap mentir, ni ment,
    Puix surten mas rahons del centre de mon pit.

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