100. Trügerische Idyllen

Zuerst eine Verwirrung: Was hat der Titel des Buches mit den Gedichten zu tun? In Synke Köhlers Lyrikdebüt »waldoffen« stehen wir nicht im Wald, sondern fast ausnahmslos an Gewässern, wie schon die Kapitelüberschriften »Strandläufer« oder »Grenze im Fluß« suggerieren. Die Autorin beschreibt uns den Horizont über dem Meer, Fische, Muscheln und Strände, lädt uns ein zu poetischen Bootstouren. Ihre Zeilen sind ganz leicht dabei, »durch die grünen Flaschen betrachtet // wirkt das Leben hier sehr grün«, und schon möchte man der Autorin ihr eigenes Gedicht vorhalten: »es bleibt kein Eindruck // nicht mal im Sand«. Doch das wäre nicht richtig. Zugegeben, auf den ersten Blick wirken die ungestörten sonnigen Nachmittage weichgezeichnet und kantenlos, und manchmal sind sie das auch. Wozu soll man da mitkommen, wenn doch nichts Besonderes wartet außer Landschaftsbeschau und die Suche nach Surfern in den Wellen? Doch bei genauer Betrachtung werden einige trügerische Idyllen sichtbar: Der Himmel ist nicht blau, sondern »gestochen blau«, Fischer gar nicht erst vorhanden, der Tang modert, und »bemängelt wird das fehlende Flimmern der Luft«. Diese Beobachtungen sind eine Einladung zu intensiver Lektüre, der Spaziergang zum »Strand mit den sandigen // Zungen« scheint interessant zu werden. Erst einmal in das feinmaschige und unprätentiöse Netz der Autorin getappt, bleiben selbst die Umkreisungen zwischenmenschlicher Beziehungen nachvollziehbar, was Köhlers schräger und zugleich sensibler Wahrnehmung zu verdanken ist: »schau dir die Verwesung an // das Meer weckt falsche Erwartungen // (…) wahrscheinlich hat das Meer uns // nie gemeint«. / Peggy Neidel, junge Welt 26.1.

Synke Köhler: waldoffen – Gedichte. Allitera Verlag, München 2011, 76 Seiten, 9,50 Euro

2 Comments on “100. Trügerische Idyllen

  1. nach vereinzelt passanten noch meergedichte zu schreiben halte ich für gewagt. und dass der himmel gestochen scharf ist? nur eine normale journalistische floskel für einen sog. klaren tag, oder? meistens werden damit ja diese raureifen frühmorgende beschrieben, irgendwo in der nähe einer fabrik und ich wette, ohne das gedicht zu kennen, dass auch in diesem text irgendwann das wetter umschlägt, friert. durch den computerbildschirm betrachtet wirkt das leben hier wie ein gedicht..

    Gefällt mir

    • „nach vereinzelt passanten noch meergedichte zu schreiben halte ich für gewagt.“
      naja, nach homer noch meergedichte , ist auch gewagt. überhaupt ist es gewagt, nach gedichten noch gedichte zu schreiben. aber lasst es uns versuchen.

      Gefällt mir

Kommentar verfassen

Bitte logge dich mit einer dieser Methoden ein, um deinen Kommentar zu veröffentlichen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s

This site uses Akismet to reduce spam. Learn how your comment data is processed.

%d Bloggern gefällt das: