111. Keine Fehlleistung

Warum aber liest kaum noch jemand Gedichte? Sind sie, weil jeder Werbespruch mittlerweile Poesie und selbst das Wort „Viagra“ eine lyrische Äußerung ist, wie Schrott behauptete, überflüssig geworden? Scobel erklärte das Phänomen zweigleisig: Erstens sei die Sprache der Wissenschaft mächtiger, weil ökonomisch verwertbar. Zweitens sei das Lesen von Gedichten Arbeit, weil es zur fundamentalen Beschäftigung mit Sprache zwinge. Dem setzte Schrott sein Schlusswort entgegen: „Poesie ist keine Fehlleistung, sondern die konzentrierteste Art des Denkens überhaupt.“ / Christoph Schröder, FR 25.5.

7 Comments on “111. Keine Fehlleistung

  1. Brodsky, von dem Schrott den letzten Halbsatz ausgeliehen hat, formulierte treffender: Poesie, „die effektivste Form geistiger Beschleunigung“.

    Gefällt mir

    • aber man soll die fehlleistung auch nicht verachten. „ein fehler in der literatur, das eben ist der schriftsteller“ – „wie der mensch das pfuschen so liebt. fast glaub ich dem mythos / der mir erzählet, ich sei selbst ein verpfuschtes geschöpf“ (das letzte, dreimal dürfen sie raten: goethe)

      Gefällt mir

      • Und schon gar nicht, wenn Sie im Sinne Freuds verstanden wird. Oder wer mag auf das zarte Erröten der Wangen eines blutjungen Mädchens verzichten, das durch einen Freudschen Versprecher in Verlegenheit geraten ist?

        Gefällt mir

  2. „Der Mensch verfüge über drei Erfassungsmechanismen: Sprache, Musik, Bild. Die Poesie, so Schrott, vereinige alle drei.“
    Bitte mehr solche Sätze! Der Lacher saß direkt auf‘m Zwerchfell.

    Zum letzten: Superlative lassen sich immer am leichtesten formulieren. Man wird ihrer wohl nie müde. (Ssssehen Sie!)

    Gefällt mir

    • Gegen die Dreiteilung ist doch nichts zu sagen. Allerdings ein alter Hut, von Pound her: Melopoeia, Phanopoeia und Logopoeia (mir fehlt der Buchstabe, um das richtig zu schreiben). Ich habe Schrott das vor Jahren im Interview sagen hören und er hausiert weiter damit. Man kann was dagegen haben, hab ich ja auch, doch es kommt wohl auf das Poesieverständnis an, genauer auf die Adressaten, die man wählt. Für ein Nicht-Szene-Publikum erklärt es das ganz griffig und öffnet doch zumindest die Tür einen Spalt weit für ein Gespräch.

      Gefällt mir

      • Heyhey. Ich habe damit keine Stellung zu der Aussage einnehmen wollen (ich enthalte mich sogar ausdrücklich einer) – belustigt hat mich lediglich die Lesart, die sich ergibt, wenn man nicht weiß, dass „Schrott“ ein „Herr Schrott“ ist.

        Gefällt mir

Kommentar verfassen

Bitte logge dich mit einer dieser Methoden ein, um deinen Kommentar zu veröffentlichen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s

This site uses Akismet to reduce spam. Learn how your comment data is processed.

%d Bloggern gefällt das: