102. Der ganzen erstaunten und verwirrten Welt

Die Experimente mit der Sprache gehören zum Grundbestand des Futurismus. Und der 1886 geborene Alexej Krutschonych hat dafür die radikalsten Ansätze entwickelt. Auch 1912 erschien sein erster Text in der Kunstsprache, die er dafür gemeinsam mit Chlebnikow geschaffen hat: Sa-um. Manchmal auch als Zaum übersetzt. Aber da gehen die Probleme schon los: sa-um ist eigentlich nicht übersetzbar.

Das merkt auch Valeri Scherstjanoi an, der sich seit Jahrzehnten mit Krutschonych beschäftigt und auch seinen Text „Phonetik des Theaters“ ins Deutsche übersetzt hat. Chlebnikow verwendet nur da und dort Sa-um-Elemente. Er verzichtet nicht völlig auf die russische Normalsprache. Krutschonych ist radikal. Wie sein Anspruch: „Saum ist eine neue Kunst, gegeben vom neuen Russland der ganzen erstaunten und verwirrten Welt“, schreibt er in einem Text über die Herkunft der Saumniki.

Eine überall verständliche Sprache also, die auf das Wesentliche zurückgeht. Oder es ausgräbt. Oder es neu schafft. „Die sa-umnische Sprache aber ist ein Stoss, sie durchstößt den glitschigen Nabel der Welt und schneidet die sauren Warzen des Alltags ab!“, schrieb er 1923 in seiner „Phonetik des Theaters“, im Grunde eine Handlungsanweisung für Schauspieler, wie man mit Sa-um auf der Bühne umgehen müsse. Es gab auch ganze Dramen in der Sa-um-Sprache. Die vorliegende Übersetzung beruht auf der 2. Auflage der Schrift von 1925, ausgegraben aus einem Archiv. Denn zu den gepflegten Klassikern der Sowjetliteratur gehörte Krutschonych natürlich nicht. Wie so viele von denen, die in den 1920er Jahren die Literatur des Riesenlandes zum Brodeln brachten. Bis 1930, als sich Majakowski erschoss. Bekanntlich ja nicht grundlos. Im selben Jahr stellte Krutschonych – der bis dahin im Selbstverlag 140 kleine Büchlein, Knischni, herausgegeben hatte – seine literarische Arbeit komplett ein. Er galt fortan als Unikum, als belächelter Sammler und Bibliophile. Und überlebte so den Stalinismus. / Ralf Julke, Leipziger Internet-Zeitung

Phonetik des Theaters
Alexei J. Krutschonych, Reinecke & Voß Verlag 2011, 10,00 Euro

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