38. Eine neue „Zeit“

Politische Lyrik ist tot, seit Jahrzehnten schon, abgesehen von Autoren wie Volker Zastrow, dem Politik-Verantwortlichen der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung, der Texte schreibt, zuletzt über Karl-Theodor zu Guttenberg, die in Form und Inhalt so speziell sind, dass man sie dichterisch nennen kann. Die Zeit, die wie die FAS einmal in der Woche erscheint, druckt auch oft spezielle Artikel, aber einen Zastrow hat sie nicht. Vielleicht auch deshalb startet sie nun eine ungewöhnliche, in jedem Fall beachtenswerte Kampagne: für politische Lyrik.

Elf deutsche Dichter – sechs Frauen und fünf Männer – sollen sich beginnend mit der Ausgabe von dieser Woche und mindestens bis Ende des Jahres mit Politik beschäftigen. Es sind: Marion Poschmann, Daniela Danz, Michael Lentz, Hendrik Rost, Ulf Stolterfoht, Nora Bossong, Ann Cotten, Herbert Hindringer, Jan Wagner, Monika Rinck und Uljana Wolf. Bekannt sind sie alle, in Dichterkreisen, allerdings noch nicht für eine irgendwie politische Beobachtungsgabe.* …

‚Selig sind die Lyrikerinnen, denn sie werden die Streitkräfte übernehmen‘, beginnt einer der Texte, er stammt von Monika Rinck. Wie schreibt Zastrow: ‚Eine neue Zeit hat begonnen.‘ / MARC FELIX SERRAO , Süddeutsche

*) ganz im Gegensatz zur poetischen Beobachtungsgabe der Presse also

3 Comments on “38. Eine neue „Zeit“

  1. Wenn ich es richtig verstehe, versucht die Zastrowanspielung dessen Text ins Lächerliche zu ziehen. Ja er ist bedeutsam weitschweifig (muss man Steve Jobs als Klammer nehmen usw.) und etwas pathetisch, da merkt man doch gleich den Chefredakteur! Aber: Er argumentiert sehr scharf einen Zorn, dem die Konjunktiv- und Modalverbberichterstattung der letzten Wochen sich leider nicht verpflichtet fühlte. Also lesenswert, wenn man den Anfang weg lässt. Aber warum kommt das so spät? Hängt einer sein Fähnlein? Dreht der Wind?
    http://www.faz.net/s/Rub1ED0C280BBA14ACAB16800E2F760DF3E/Doc~E6A4CCD1B561C46C59551E2D14B914411~ATpl~Ecommon~Scontent.html

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    • Aber die Anspielung ist von der Süddeutschen. Ich hab nur den Anfang des Berichts mitzitiert, weil er eine Ignoranz (= der Süddeutschen) gegenüber der Lyrik mitausdrückt. Um Guttenberg oder die FAS sollte es hier gar nicht gehen.

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  2. Politische Lyrik ist tot, seit Jahrzehnten schon? Wieder mal bestens informiert, die Herrschaften aus dem „hohen“ Journalismus. Wie wäre es hiermit? 2002 hat Anton G. Leitner eine Ausgabe seiner Zeitschrift „Das Gedicht“ dem Thema „Politik und Poesie“ gewidmet, u. a. mit Gedichten von Andreas Altmann, Nico Bleutge, Nora Bossong, Ulrike Draesner, Friederike Mayröcker, Uwe Tellkamp. 2009 hat Tom Schulz bei Rotbuch unter dem Titel „Alles außer Tiernahrung“ eine Anthologie mit Politlyrik herausgegeben, mit dabei u. a. Marcel Beyer, Ann Cotten, Daniel Falb, Franzobel, Monika Rinck, Sabine Scho. Ebenfalls 2009 ist im Verlag Ralf Liebe eine von mir edierte Anthologie mit zahlreichen politischen Gedichten erschienen. Der Titel: „An Deutschland gedacht – Lyrik zur Lage des Landes“. Sie enthält u. a. Beiträge von Dieter M. Gräf, Manfred Peter Hein, Franz Hodjak, Norbert Hummelt, Arne Rautenberg, Ron Winkler. Und auch im „Jahrbuch der Lyrik 2011“ findet man Polit-Poesie. Die politische Lyrik ist also lebendiger, als man in manchen Redaktionen vermutet.

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