30. Hand des Dichters

Oft ist es auch die Hand des Dichters, die einen sinnlichen Kontakt mit den Dingen herstellt und die orientierenden Zeichen entwirft, die es für einige Augenblicke ermöglichen, mit der Welt in Berührung zu kommen: „Eine Hand winkt flattert flackert / eine Stille blickt mich / mit forschenden Augen an // diese dunkel gekleidete Stille / ist mir Geliebte / und Abendkühle zugleich“.

Die Hand ist seit jeher das zentrale poetische Wahrnehmungsinstrument, das Werner Lutz zur Erkundung der Welt einsetzt. In seinem jüngstem Band „Kussnester“ (Waldgut Verlag) spricht er vom „Glücksgefühl der Hand“, das nicht nur erlaubt, „Linien zu ziehen durch den Morgen“, sondern ans Herz der Dinge rührt. Damit nimmt Lutz eine Maxime Paul Celans auf: „Nur wahre Hände schreiben wahre Gedichte.“ Während Celan bald nach der Niederschrift dieses Satzes seine Gedichte in verzweifelte Negativität trieb, beharrte Lutz von Beginn seiner künstlerischen Arbeit an auf der sinnlichen Energie des poetischen Hand-Werks. Es ist mittlerweile schon über ein halbes Jahrhundert her, seit er von den berühmten Dichterkollegen Hans Bender und Rainer Brambach entdeckt wurde. Man mokierte sich damals über den „störrischen Kerl“, weil er sich zunächst gegen die Veröffentlichung seiner Gedichte wehrte. Es dauerte bis zum Jahr 1979, bis im Suhrkamp Verlag Lutz´ Debütbuch „Ich brauche dieses Leben“ erscheinen konnte. Die Wahrnehmungsgeduld und die Sehnsucht nach einer innigen Verbindung zu den Dingen hat er sich bis heute bewahrt. „Fast klösterlich“, nennt Lutz sein Schreib- und Malerleben in seiner kleinen Basler Dachwohnung, „nur die Kutte fehlt.“ Was indes nicht fehlt, ist die kontemplative Innigkeit, mit der sich dieser Meister der Stille den Naturstoffen widmet – und sich schliesslich in die Lüfte erhebt: „Es fliegt sich leichter / mit leeren Händen“. / Michael Braun, Basler Zeitung 3.9.

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