105. Gegenstrophen

Martin Zingg schreibt in der NZZ vom 19.6. enthuastisch über neue Lyrik:

Virtuose Aufbrüche

Neue deutschsprachige Lyrik von jüngeren Autoren und Autorinnen: Seit einigen Jahren erlebt die deutschsprachige Lyrik eine kleine Renaissance. Das hat einerseits mit dem Wagemut mancher Verlage (auch Kleinverlage) zu tun; es hängt aber auch zusammen mit der Wiederentdeckung lyrischer Formen durch jüngere Autorinnen und Autoren.

Vier Auszüge:

1

In den vergangenen Jahren waren da und dort Gedichte von ihr zu lesen, die jedes Mal aufhorchen liessen. Nun legt Nadja Küchenmeister ihren ersten Gedichtband vor: «Alle Lichter». Das sorgfältig komponierte Début ist eine angenehme Überraschung; es präsentiert eine Lyrikerin, die mit genauen Beobachtungen und einer melodischen, sehr präzisen Sprache arbeitet.

2

Winkler mag die starken Bilder, das jäh Aufblitzende, Überraschende, das Paradoxe. In seinen Gedichten verwendet er gerne sprachliches Material aus der Sphäre der Naturwissenschaften oder der Philosophie. Dabei nimmt er zusammen mit den einschlägigen Vokabeln den Gestus des scheinbar Genauen, Nicht-Hintergehbaren gleich mit hinein ins Gedicht – und konfrontiert und amalgamiert es dort mit alltäglicher Sprache und durchaus bekannten Situationen. Das führt oft zu seltsamen und durchaus witzigen Kollisionen.

3

Hendrik Rost bewegt sich nahe am Alltag, aber stets distanziert genug, dass seine Gedichte alltägliche Erfahrungen wie durch ein Brennglas hindurch sehen und – anders sehen, anders kenntlich machen, in neue Erkenntnisse verlängern. «Fraktur» handelt auf eindrückliche Weise von einer lebensbedrohlichen Erfahrung und der allmählichen Rückeroberung existenzieller Gewissheiten. «Forscherdrang» bearbeitet die Erinnerung an einen Sommer, in dem das lyrische Ich am Löschwasserteich einer Fabrik arbeitete; ausgehend von den im Teich schwimmenden Aalen, gerät das Gedicht unversehens in eine Fülle von disparaten Gedankengängen.

4

Die gegenwärtige deutschsprachige Lyrik ist von einer ungeahnten Produktivität und Vielfalt. In den letzten Jahren haben sich unzählige neue Stimmen gemeldet, mit sehr unterschiedlichen Ansätzen und nicht selten in einer intensiven Auseinandersetzung mit der lyrischen Überlieferung. Das dokumentiert auch «Gegenstrophe», ein neues Jahrbuch zur Lyrik, das im Zusammenhang mit dem 2008 erstmals in Hannover vergebenen Hölty-Preis für Lyrik entstanden ist. Der Band präsentiert neue Gedichte von Kerstin Preiwuss, Claudia Gabler, Andre Rudolph, Nora Bossong, Dorothea Grünzweig, Norbert Hummelt, Norbert Lange und Uljana Wolf. Dazu gibt es zahlreiche Kommentare und einen informativen Essay von Michael Braun sowie die Dankesrede des Hölty-Preis-Trägers Thomas Rosenlöcher. Das Jahrbuch dürfte bald unentbehrlich werden.

Nadja Küchenmeister: Alle Lichter. Gedichte. Schöffling-Verlag, Frankfurt am Main 2010. 104 S., Fr. 29.50.Ron Winkler: Frenetische Stille. Gedichte. Berlin-Verlag, Berlin 2010. 96 S., Fr. 30.50.Hendrik Rost: Der Pilot in der Libelle. Gedichte. Wallstein-Verlag, Göttingen 2010. 111 S., Fr. 30.50.Steffen Jacobs: Die Liebe im September. Gedichte. Wallstein-Verlag, Göttingen 2010. 96 S., Fr. 30.50.Gegenprobe. Blätter zur Lyrik 1. Hrsg. von Michael Braun, Kathrin Dittmer und Martin Rector. Wehrhahn-Verlag, Hannover 2009. 112 S., € 12.80.

Kommentar verfassen

Bitte logge dich mit einer dieser Methoden ein, um deinen Kommentar zu veröffentlichen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s

This site uses Akismet to reduce spam. Learn how your comment data is processed.

%d Bloggern gefällt das: