97. Goethe liest Dante

Der äußere Anlass für Goethes späte Dante-Lektüre war das Erscheinen einer neuen Gesamtübersetzung von Zelters Freund Carl Streckfuß seit 1824. Sie bildet die originale italienische Terzine nach, und ist dabei eine der respektabelsten Leistungen unter den über siebzig deutschen Übertragungen der „Divina Comedia“ geblieben. Das hat Goethe mit hohem Lob anerkannt, und sich im September 1826 durch Zelter zu einem kleinen Dante-Aufsatz bewegen lassen. Darin zeigt sich, was bei Goethe außerdem zu einer größeren Empfänglichkeit für Dante geführt hat, nämlich sein neues Interesse an der mittelalterlichen Malerei. 1787 war Goethe noch an Assisi vorbeigeeilt, ohne von den Freskenzyklen Giottos und seiner Nachfolger Notiz zu nehmen. Aber seit 1814 hatten ihn die Brüder Boisserée für die Tafelmalerei des Mittelalters einnehmen können. Und so schreibt Goethe 1826 über Dante, dessen Würdigung werde sehr gefördert, „wenn wir im Auge behalten, dass gerade zu seiner Zeit, wo auch Giotto lebte, die bildende Kunst in ihrer natürlichen Kraft wieder hervortrat. Dieser sinnlich-bildlich-bedeutend wirkende Genius beherrschte auch ihn.“

Dante als Dichter einer neuen Anschaulichkeit: „Er fasste die Gegenstände so deutlich ins Auge seiner Einbildungskraft, dass er sie scharf umrissen wiedergeben konnte; deshalb wir denn das Abstruseste und Seltsamste gleichsam nach der Natur gezeichnet vor uns sehen.“ Abstrus, aber wie nach der Natur gezeichnet: Näher konnte Goethe Dante wohl nicht kommen. Er hat damit das Thema von Dante als dem „Dichter der irdischen Welt“ angeschlagen, das genau hundert Jahre später Erich Auerbach zu einer großartigen Gesamtdeutung entwickelte.

Es hat auch Folgen fürs Übersetzen der „Göttlichen Komödie“, das sich tunlichst allen Ungefährs einer äußerlichen Poetisierung enthalten sollte. So ist es kein Zufall, dass die wenigen Verse, die Goethe im Wettstreit mit Streckfuß selbst übersetzte, eine Ortsbeschreibung enthalten. Der Beginn des 12. Gesangs der „Hölle“ zeigt den Einstieg in den siebten Höllenkreis, wo Gewalttäter und Tyrannen büßen. Dort ist eine Schlucht, ganz wie an der Etsch bei Trient. Bei Goethe ist das gewaltig, in großen Linien hingeworfen: „Rauhfelsig wars da wo wir niederklommen,/ Das Steingehäuf den Augen übergroß;/ So wie ihr dieser Tage wahrgenommen/ Am Bergsturz diesseits Trento, der den Schoß/ Der Etsch verengte, niemand konnte wissen/ Durch Unterwühlung oder Erdenstoß? -/ Von Felsenmassen dem Gebirg entrissen/ Unübersehbar lag der Hang bedeckt,/ Fels über Felsen zackig hingeschmissen,/ bei jedem Schritte zaudert ich erschreckt.“ / GUSTAV SEIBT, SZ 13.4.

Karl Streckfuß*:

Rauhfelsig war der Steig am Strand hernieder,
Ob deß, was sonst dort war, der Schauer groß,
Und jedem Auge drum der Ort zuwider.

Dem Bergsturz gleich bei Trento – in den Schooß
Der Etsch ist seitwärts Trümmerschutt geschmissen,
Durch Unterwühlung oder Erdenstoß –

Wo von dem Gipfel, dem er sich entrissen,
Der Fels so schräg ist, daß zum ebnen Land,
Die oben sind, den Steg nicht ganz vermissen:

So dieses Abgrunds Hang, und dort am Rand
War’s, wo von Felsentrümmern überhangen,
Sich ausgestreckt die Schande Kreta’s fand…

*) überarbeitete Fassung von Rudolf Pfleiderer 1876 (Varianten zu Streckfuß‘ dritter autorisierter Fassung nur in der Zeichensetzung)

Kommentar verfassen

Bitte logge dich mit einer dieser Methoden ein, um deinen Kommentar zu veröffentlichen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s

This site uses Akismet to reduce spam. Learn how your comment data is processed.

%d Bloggern gefällt das: