122. Mein Papierverlies

Als hätte er gleich den vielen dichtungslustigen Liebenden im Lenz seine Leiden und Freuden in einer Kladde festhalten wollen, präsentiert Michael Lentz neue Gedichte in Packpapierbraun und zum In-der-Tasche-Tragen. Verfassername und Titel sind in Handschrift auf dem Umschlag faksimiliert, ebenso Seitenzahlen, Kapiteltitel. Auf der Rückseite gleich ein Gedicht: „es regnet/das ist unser/hintergrund/wir gehen in deckung/ vom regen verstehen/wir/mehr als von uns“.

Nun, man hat von Lentz schon Inspirierteres und Originelleres gelesen. Doch mit der schönen Unverschämtheit des zumeist unglücklich Liebenden hält Lentz das Banale und Redundante fest, das Simple und das Larmoyante. So etwas lässt sich von dem Sprechkünstler Lentz wirkungsvoll vortragen, wie man auf Videolesungen im Internet feststellen kann. …

Und doch beschwört Lentz kraftvoll die quälende Abwesenheit-Anwesenheit der Geliebten, das anscheinend unaufhaltsame Verrauschen der Liebe. Wenn seine Klangassoziationen die Verse dynamisch antreiben und die poetische Rhetorik fröhlich feiert, dann packt Lentz den Leser: „du bist mein papierverlies / mein greif mein griffel / den ich nicht begreifen kann“. Kitsch wie „unser nie geträumtes tränenreich“ stört dann nicht weiter. / ROLF-BERNHARD ESSIG, FR 24.3.

3 Comments on “122. Mein Papierverlies

  1. Hier auch eine „perlentaucher“-Zusammenfassung aus ZEIT-Literatur (März 2010):
    „Herbe Produktenttäuschung“ gibt Florian Illies zu Protokoll, denn die Videolesungen von Michael Lentz, die dieser Publikation vorausgegangen seien, erzeugten bei ihm ein Bild, das die gedruckten Texte nun nicht einzulösen vermögen. Was Illies an ihnen fehlt, ist das, was die „angestrengte Nonchalance“ der visuellen Selbstpathetisierung dieses Lautpoeten zu simulieren versuchten, nämlich Körperlichkeit. So handele es sich nicht um Liebesgedichte, wie im Untertitel behauptet, sondern um Texte, die Liebe sublimieren würden, in dem sie sie in Sprache verwandeln. Hier erlebt der Kritiker zwar vereinzelt sprachliche Glücksmomente. Grundsätzlich hat er aber den Eindruck, dass Michael Lentz im Zuge der Wortakrobatik immer wieder „die Pferde durchgehen“, was sich aus Illies‘ Sicht höchst nachteilig auf die Qualität dieser Texte auswirkt.

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