121. „Berlin meant boys“

England ist teuer, die Moral rigide, eine „schwere Decke aus Mutlosigkeit und Frustration“ liegt über dem Land, „where nobody is well“, wie Auden schreibt.

Ausland bedeutet Befreiung, und Deutschland ganz besonders. D. H. Lawrence erlebt hier und mit seiner deutschen Frau Frieda von Richthofen seine persönliche sexuelle Erweckung. Ford Madox Ford sucht in Deutschland Lösung aus seiner Ehe; das deutsche Scheidungsrecht ist weit einfacher, schneller, liberaler als das britische. Und darüberhinaus sind die Heilbäder für den ständig sich neu zerrüttenden Ford wichtig. Ganz Europa kurt in Baden-Baden, Bad Homburg vor der Höhe und Schlangenbad, Bad Pyrmont und Bad Nauheim.

Dass diese Orte über Heilquellen verfügen, ist eine geologische Tatsache. Aber in diesem historischen Moment passt sie zu dem Eindruck, Deutschland sei das Land eines neuen Körpergefühls, der Gesundheit, der Lebensreform. …

„Berlin meant boys“, schreibt Christopher Isherwood. Die Kontakte sind nicht immer die schönsten. Die „Jungs“ haben Geld, neue Schuhe, Anzüge im Sinn, einige sind Stricher, die an weitere Geschäfte denken. In einem deutsch verfassten Sonett W. H. Audens heißt es „Weil ich kein Geld hab‘ komm ich nicht in Frage,/ Du liebst dein Leben und ich liebe Dich.“ Aber selbst solcher Egoismus scheint den Engländern besser, gerader als das eigene Vorteilsdenken. Denn sie ziehen auch aus dem günstigen Wechselkurs des Pfundes Vorteile; sie leben eine Art von sexuellem Kolonialismus aus. / Wolfgang Kemp, SZ 16.1.

Foreign Affairs. Die Abenteuer einiger Engländer in Deutschland 1900-1947
Carl Hanser Verlag, München 2010. 384 Seiten, 24,90 Euro.

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