43. Eva Strittmatter zum 80.

Gehörte ich als Berliner Student zu denen, die in der Zeitschrift „Neue Deutsche Literatur“ die ersten dort gedruckten Gedichte der Strittmatter nicht nur mit glühenden Ohren lasen, sondern sie auch mit Durchschlägen abtippten, mit ihnen Freunde zu erfreuen, bekam diese frühe Begeisterung einen Dämpfer, als ich der Bewunderten, unter freilich besonderen Umständen, leibhaftig begegnete.

Man schrieb August 1973, als (Ost-) Berlin im Zeichen der Weltfestspiele der Jugend und Studenten stand. Zu den Gästen eines in der Kunsthochschule Weißensee flugs eingerichteten internationalen Literaturklubs gehörten Erich Arendt, Günter Kunert und Eva Strittmatter. Jeder dieses erlesenen Dreigestirns las eigene Gedichte und ein Gedicht eines anderen, von ihm besonders geschätzten Dichters. Während Arendt auf Saint John-Perse hinwies und Kunert César Vallejos eindringliches Gedicht über „Die Spinne“, die „vielbeinige Wegfahrerin“ las, kann ich mich an Eva Strittmatters Draufgabe leider nicht mehr erinnern.

Wie heute aber weiß ich noch, wie ich, ganz vorlauter Student, das Wort an sie richtete. Ich bekannte mich als einer, der ihre Gedichte geradezu missionarisch verbreitet hatte, dann aber, mit Erscheinen ihres ersten Bandes „Ich mach ein Lied aus Stille“ irritiert feststellte, mit wie wenig formaler Vielfalt sie auskam. Ob sie künftig ein breiteres Spektrum anstrebe? Was die da schon Berühmte, nach tiefem Luftholen, mir lakonisch erwiderte, blies mich von der Lichtung: Was ich denn wolle. Sie habe eine Auflage von zigtausend Exemplaren.

Natürlich habe ich mir über die Jahre die meisten ihrer Bücher trotzdem gekauft und durchschnauft. Nur Teil ihrer bekennenden Gemeinde mochte ich nicht mehr sein. Sei’s drum. / Richard Pietraß, Tagesspiegel 8.2.

Mehr: ND 8.2. (Herrmann Kant) / Märkische Allgemeine / Thüringer Allgemeine / Thüringische Landeszeitung (Frank Quilitzsch) / Nordkurier / Freie Presse /

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