175. „Organisch“ vs. „arbiträr“. Anmerkungen zu einer Anthologie und einer mittleren Leseweise (2)

Essay von Bertram Reinecke, Teil II von II

Vgl. 168. „Organisch“ vs. „arbiträr“. Anmerkungen zu einer Anthologie und einer mittleren Leseweise (1)

Während sich Braun um die analytische Durchdringung seines Gegenstandes bemüht, beschränkt sich Michael Buselmeier oft lediglich darauf, den Gedichtinhalt oder das Dichterschicksal nachzuerzählen. Warum der Dichter diesen Inhalt wählte und ihn genau so behandelt hat, scheint ihn weniger zu interessieren[1]. Eher geht es ihm durch die Einordnung der Gedichte in den Kontext der Zeitläufte und der Dichterschicksale darum nachzuweisen, dass Gedichte an Brennpunkten der Wirklichkeit auftauchen. Auch sollen, scheint es, heranzitierte Biografien den Gedichten Glaubwürdigkeit verleihen. Nicht jedem mag dieser Zugriff liegen, bei dem es immer zunächst um etwas anderes geht als um Literatur.

Dichter zu Übergröße stilisiert, wie bei ihm bisweilen geschieht, neigen zudem notorisch dazu, in der Wirklichkeit nicht auftreten zu wollen und machen sich so mit den idealisierten Schemata der Schulbücher gemein. Sie setzen Buselmeiers Diskurs mithin der Gefahr aus, ebenfalls als pädagögelnde Übertreibung abgetan zu werden.[2]

Er problematisiert einen solchen Zugriff auf Dichtung über die bedeutende Biografie zwar am wohlfeilen Beispiel George Forestiers. Die Chance, hier gleichzeitig die Vorgehensweise seiner Beiträge zu thematisieren, nutzt er aber nicht. Dies Stillschweigen scheint sagen zu wollen: „Schaut her, ich bin mir der Problematik des Verfahrens bewusst. Wenn ich dennoch so vorgehe, habe ich meine Gründe.“ So muss bei diesem stoffintensiven Ansatz über manches hinweggegangen werden, was der näheren Erläuterung bedurft hätte und Buselmeiers kritisches Potential kommt nicht voll zum Tragen. Nach Buselmeier z.B. „dürfte kein lebender deutschsprachiger Dichter die Vers- und Reimkunst virtuoser handhaben“ als Richard Pietraß. Dies wird festgestellt und nicht begründet. Es könnte so die Frage auftauchen, ob nicht etwa auch ein Reimann oder sagen wir Rosenlöcher (um nur zwei Sachsen mit R zu nennen) diese Palme verdient hätten. Buselmeier erhebt, soweit er erwartet, dass der Leser seinem Urteil folgt, damit Anspruch auf ein nach Art und Größe nicht näher zu bestimmendes Geheimwissen. Sich so auf Gedeih und Verderb der Autorität des Kritikers auszuliefern, mag manchem Leser misslich sein. Über Lutz Seiler heißt es, er gehöre „nicht zu den westwärts orientierten Leichtfüßen mit einer Tendenz zum unterhaltsamen Witzeln.“  Dass Lutz Seiler ein ernster Mann ist, versteht sich. Schätzbar ist der Dichter jedoch vielen gerade dadurch geworden, dass er ostdeutsche Herkunft und ostdeutsches Aufwachsen, jenseits des Politischen in seiner umfassenden alltäglichen Dimension, lyrisch erlebbar gemacht hat. Dies ist freilich ein Projekt, das für Leute mit ähnlicher Biografie wenig interessant ist. Inwiefern diese Poetik sich also nicht westwärts orientiert, eine andere aber wohl, versteht sich da nicht von selbst. Gegen wen richtet sich Buselmeier also? Ein habitueller Reflex gegen die Anarchisten von der hauptstädtischen Höhe? Mal eine interessante Meinung über Rosenlöcher? Dann und wann hätte er sich doch mehr Raum für das begründete Argument nehmen können.

Der prototypische Gegenwartsdichter hat nach Buselmeier rein statistisch ein Durchschnittsalter von über siebzig Jahren.[3] Wie formal eine solche Berechnung auch immer sei, hier hat sie ihre Berechtigung: Sascha Michel, der jüngste von Buselmeier ausgewählte Dichter, ist lediglich verzeichnet, um kräftig abgewatscht zu werden[4] und auch der zweitjüngste Albert Ostermaier wird nur mit spitzen Fingern angefasst[5].

Liest man einmal die von Buselmeier ausgewählten Gedichte hintereinander, fällt bei allen Verschiedenheiten im Einzelnen eine merkwürdige Gemeinsamkeit auf. Das lyrische Sprechen nimmt meist eine Mittelposition zwischen den Objekten der Welt und dem Subjekt des Sprechens ein. Nie verliert sich das Sprechen im Gegenstand, nie setzt sich das Subjekt dominant.

So gibt es auf der einen Seite kein empirisches Einlassen auf Welt und deren präzise Abschilderung nimmt wenig Raum ein. Ein Baum ist sozusagen nie ein Baum, sondern immer gleich ein Symbol für etwas anderes.  Es gibt kein Einlassen auf das sprachliche Material. Werner Laubscher wird zwar in die Nähe der Wiener Gruppe gesetzt, das vorgestellte Beispiel inszeniert sich aber mit einer derartigen Lustigkeitsattitüde, dass Clemens Brentano, was das Vertrauen in diese Verfahren betrifft, bereits einen Schritt weiter scheint.

Auf der anderen Seite gibt es aber auch keine Lyrik, die sich als Unmutsäußerung oder „kräftig die Meinung sagen“ versteht. Ein lyrisches Ich wird zwar meistens greifbar, bleibt aber so zurückgenommen, dass es immer als verletzt von der Welt dasteht und nie weltschaffend, allenfalls weltbearbeitend eingreift.

Diese Sorge um die Mittelposition des Subjekts wird in den Artikeln über die Dichter besonders deutlich, die diese nicht oder nicht immer vertreten. Surreale Verfahren kommen mit Ausnahme von Hans Thills „Die Lokomotive“ nicht vor und auch hier handelt es sich um ein gemäßigteres Beispiel, das nicht ohne den Kommentar auskommt, solche Schreibweise sei „nicht ohne Risiko, zumal, wenn sie sich immer weiter von einem  (autobiografischen) Erfahrungskern entfernt oder gar Sinn und Existenz eines poetischen Kraftzentrums mit Theoremen wie ‚Ich-Verlust‘ und ‚Welt-Entzug‘ leugnet.[6] Das einzige (im übrigen recht schwache) Beispiel für Gedankenlyrik kommt  nicht ohne kritischen Textkommentar aus.[7] Erwin Walter Palms ebenfalls um ein allgemeines Sprechen bemühter Text  wird von Buselmeier auf eine subjektive Selbstaussage reduziert.[8]

Albert Ostermaiers Machogesten werden ebenso kritisch vermerkt, aber ein Gedicht gewählt, das diese Züge nicht trägt. Ähnlich wird bei Friederike Mayröker erwähnt, dass sie die „sprachartistischen Errungenschaften[9] der Surrealisten und besonders der Wiener Gruppe“ keinen Augenblick verleugne, im gewählten Textbeispiel tritt diese Spracharbeit aber auffällig hinter dem klar strukturierten erzählenden Rahmen zurück. Zu der im Text beschriebenen Mütze wird von Buselmeier zwar beifällig bemerkt, sie ließe sich „sehen, riechen und anfassen“. Sie steht in seiner Deutung dennoch in erster Linie für eine „märchenhaft gruselige Kindheit“.

Alle Verfahrensweisen, deren Fehlen hier vermerkt wurde, mögen in sich ihre speziellen Problematiken haben. Das gesamte Gegenwartsgedicht lässt sich auf eine solche mittlere Sprechposition jedoch nicht festlegen. Zumal sich damit ja auch eine bestimmte Normvorstellung von (bürgerlichem?) Individuum einschleicht. Wenn diese doch sehr massive Restriktion seiner Auswahl nicht sofort von den Kritikern des Bandes bemerkt wurde, dann wohl, weil sich genau hier der Schnittpunkt der verschiedenen lyrischen Richtungen befindet. Dass man zumindest auch so ein Gedicht verfassen könnte, scheint von den meisten poetologischen Positionen aus noch einsichtig. (Bzw. man ist solche Gedichte zu lange gewohnt, um sie gänzlich aus dem Kanon ausscheiden zu können.)

Welchen Lesern mag ein so eigensinniges Buch wie „Der gelbe Akrobat“ nützlich sein? (Angehende) Pädagogen, die sich mit dem Werk einen Überblick über das Gegenwartsgedicht verschaffen wollen, mögen sich, zumal in Buselmeiers Stil, schnell zurechtfinden. Sie sollten aber nicht vergessen, dass der ästhetische Diskurs dieses Buches so seine Schlagseiten hat. Sich auf breiterer Textbasis über das Gegenwartsgedicht zu informieren, sollten sie sich nicht ersparen. Liebhaber zeitgenössischer Poesie können sich mit der Lektüre dieses Werkes gut lange Zugfahrten vertreiben, finden dort aber auch Altbekanntes vor. Allemal bleibt es ein Dokument dafür, wie um die Jahrhundertwende gemeinhin in Deutschland über Gedichte nachgedacht wurde.

______________

[1] Geschweige denn, dass es Dichter gibt, die grundsätzlich anders vorgehen.

[2] Man möchte weiter einwenden, dass ein lauterer Leser sich bemühen sollte, die Glaubwürdigkeit eines Textes aus dessen sprachlichen Qualitäten zu erschließen. Man muss Michael Buselmeier immerhin die Einsicht zugestehen, dass dies bei einem kontextlosen Einzeltext oft schwierig ist.

[3] Und ist damit ungefähr so alt wie er selbst. Es zeigt sich hier das oft beobachtete Phänomen, dass zur lyrischen Adoleszenz das Studium der Vorgänger gehört und ein Interesse an den gleichaltrigen Mitstreitern, dass es aber vielen Dichtern oft schwerer fällt, Leistungen der nachfolgenden Generationen zu würdigen.

[4] Er unterstellt dem Text eine Frührentnerhaltung und sagt, es sei bei diesem Gedicht beinahe nichts übrig geblieben von den „glanzvollen Anstrengungen der Tradition“ als „ganz affirmative Redewendeungen, billige Häme“ usf.. Der Text mag in der Tat schwach sein. Man möchte aber Buselmeier den Satz entgegen halten, welchen Michael Braun in Bezug auf Volker Brauns „Marlboro is Red. Red is Marlboro“ unmittelbar davor äußert, denn beide Gedichte scheinen teilweise nach ähnlichen Verfahren zu arbeiten: „Wer eine bruchlose Identität zwischen Autor- und Gedicht-Ich unterstellt, der kann zum voreiligen Schluss gelangen, der Autor habe sich im Bestehenden eingerichtet.“  Einen mindestens ähnlich plakativen bzw. ironischen Text wie Sascha Michels, allerdings vom dem ein entscheidendes Vierteljahrhundert älteren Ludwig Fels verfasst, behandelt Buselmeier hingegen wohlwollend fragend. Das Problem mit der jungen Generation erweist sich hier nicht nur als ein Problem neuer? ironischer? Techniken, sondern in erster Linie als ein Vertrauensproblem: Bei Volker Braun  oder Ludwig Fels „weiß“ man einfach, dass ihre Texte nicht affirmativ gemeint sein können.

[5] Er grübelt etwa darüber nach, warum Ostermaier bei Verlagsleitern und Jurymitgliedern so beliebt sein könnte, kritisiert modische Vokalbeln, einen demonstrativen Vitalismus usw.

[6] Bemerkenswert, wie hier frustrierende Einsichten, wie sie die (Post-)Moderne uns aufnötigt, zur bloßen Sache der Meinung eingedampft werden.

[7] Hier kommt einem etwas das Wohlwollen abhanden: Man muss mutmaßen, Buselmeier habe sich für dieses schwache Beispiel von Frommel entschieden, um einerseits nicht als gar zu einseitiger Kritiker zu erscheinen, andererseits den jugendlichen Leser durch ein berückendes Beispiel nicht vom Pfad der lyrischen Tugend abzubringen. Wie leicht hätte sich ein besserer Text dieser Art etwa bei Rainer Kirsch gefunden und zeitlich würde sogar Brecht ja noch im Rahmen gewesen sein.

[8] „Das lyrische Ich, dieser ‚Niemand‘ … ist der für immer vertriebene Dichter selbst, ein ‚Abgeschnittener‘, der ewige Exilant.“ Es gibt in Palms Text gar kein „ich“, sondern der Text hat ein  „wir“ und redet ein „du“ an. Ich denke, damit hat Palm etwas gemeint.

[9] Nur nebenbei: Mit wem wurde da gerungen?

Der gelbe Akrobat: 100 deutsche Gedichte der Gegenwart, kommentiert / von Michael Braun und Michael Buselmeier. Leipzig: Verlag des Poetenladen 2009. 360 S. ISBN 978-3-940691-08-8. 19,95 Euro.

2 Comments on “175. „Organisch“ vs. „arbiträr“. Anmerkungen zu einer Anthologie und einer mittleren Leseweise (2)

  1. Genau. Und zur Fundiertheit gesellt sich eine im Fachbereich „Lyrikkritik“ ansonsten fast schon überhaupt nicht mehr anzutreffende Gelassenheit. Keine Umweg-Häme, keine sich falsch ausventilerende Minoristen-Gereiztheit „usw.“

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  2. wie wunderbar, daß man nicht alles selbst können braucht, was man gerne in der welt hätte, wie z.b. solch eine detaillierte analyse: gut daß bertram reinecke ANDERS (tiefer, weiter, kritischer, gerechter) über gedichte nachgedacht hat als die gelben aggrobatiker rund ums neobraunsche element (der frühere war atomist) und damit SEINEN beitrag zur rettung der jahrhundertwende-intelligenzia beigetragen hat. ich bin vor glück über diesen fachkundigen ausflug wirklich erschlagen, wahnsinn! Richard Reimann Rosenlöcher Reinecke – das „muß“ eine student vom gratz sein (?), wer nicht nur so fundiert denken gelernt hat sondern mit derart kräftemäßigem durchhaltevermögen: solch einen essay überhaupt zu schreiben, meine güte, wieviel zigaretten und kaffees und ich weiß nicht was – vor solcher mühe ziehe ich den beuyschen hut!!! DANKE VIELMALS sage ich für heute einfach mal ganz unpoetisch persönlich emotional als „einfacher leser“. DAS ist echte hintergrundbildungslektüre vom feinsten!!! ich freue mich auf weitere „heimliche“ skandale!!! (ich hoffe, kein vom coolen zeitgeist verkorkster idiot denkt jetzt, ich schriebe ironisch??? es gibt noch ehrliche spontane freudesausbrüche, der mensch ist manchmal einfach mensch!)

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