99. „Verständliche“ Lyrik

Ein Hörbericht von Bertram Reinecke

Dieser Text soll einige Lyriker würdigen, die auf der diesjährigen Leipziger Buchmesse zu hören waren. Teilweise weniger bekannt, können sie vielleicht dem Bild, was Lyrik ist oder sein kann, einige Bausteine hinzufügen. Eine Rezension nur vom Höreindruck zu schreiben, ist ein Experiment. Da ich selber mit diesem Verfahren (schriftlich) wenig Erfahrung habe, verzeihe man mir, wenn ich hier vornehmlich zugänglichere Lyrik behandele.

Tim Turnbull

Lesebühnenliteratur (spoken word poetry) muss man mögen. Ich mag sie tendenziell weniger. Tim Turnbull ist da eine Ausnahme. Der Eindruck, dass er die Klischees vermeidet, die sich in den Texten solcher deutschen Veranstaltungen oft zu einem honigartigen Brei jugendlicher Befindlichkeit verdichten, mag noch von meiner Unkenntnis ihrer Gegenstücke in britischen Gefilden rühren. Sein Mut zu stilsicherem Rollensprechen, das nie bloß theatral wird, sondern immer von Understatement im Zaum gehalten bleibt (er tritt in schwarzem Anzug auf), machen seine balladesken Formen vital. Zwar leben auch seine Texte von interessanten oder randständigen Typen, zwar nutzt auch er scharfe Zeichnung und Übertreibung, doch ohne in bukowskihafte Übertreibung abzugleiten. So wirken seine Texte burlesk, sinnlich und frisch. Trocken und unprätentiös trug Norbert Lange dazu deutsche Übersetzungen vor, was diesen positiven Eindruck unterstrich.

Paul Bogaert

Während sich Tim Turnbull somit weit auf das gesprochene Wort einlässt, wählt der Flame Paul Bogaert einen anderen Weg: Er zeigt alle Texte zeitgleich auf Leinwand. Das tut den Texten gut, denn unmittelbar einleuchtend sind die nicht immer. Von der vokabulatorischen Streubreite allgemein und von dem Flow der Wortfolge erinnerten sie mich (dies ins Unreine gesprochen; Stichprobe: BELLA 17) an Daniel Falb. (Auch dessen Wortfolgen wirken auf mich von der Trockenheit der Setzung auf der einen Seite und und der anspruchsvollen Vermeidung des „Zwingenden“ auf der andern immer etwas wie Nachdichtungen. Freilich sind Bogaerts deutsche Gedichte ja tatsächlich Übertragungen.) Anders als Falb verzichtet Bogaert auf grammatische Lyrismen (z.B Genitivmetaphern aus Substantiv plus Adjektiv und Abstraktum usw.), spricht privater (mehr „ich“ und „du“ statt „wir“) und ein situativer Rahmen oder Mikroplot scheint deutlich durch. Diesen letztgenannten Zug mag mancher als konventionelle Rücksicht kritisch beäugen.

Radikal anders wird die Wahrnehmung, wenn Paul Bogaert einen Text als Powerpointpräsentation darbietet. Was schon als Jokus glänzend funktioniert, dringt gleichzeitig in tiefere poetologische Schichten vor. Der Klingsche Hinweis, dass jedes Gedicht eine Liste sei, bleibt insofern an manchem Gedicht abstrakt, als dass die Kriterien, warum die einzelnen Wörter des Textes genau auf diese Liste gekommen sind, oft verborgen bleiben. Eine hierarchische Gliederung dieser Liste (und nichts anderes tut ja eine solche Präsentation) lässt dagegen tiefere Einblicke in das Programm des Dichters zu. Die Spracharbeit wird gegenüber der bildgebenden Arbeit dominant. Eine ähnlich deutliche Verschiebung erreicht der Autor in einem Poetryfilm. Einem Loop einer Filmszene, die zeigt, wie Sekretärinnen einem Diktat folgen, wird ein eigener Text unterlegt. Dies radikal ökonomische Mittel multimedialer Verfremdung bewirkt dennoch, dass alle Spielzüge des Textes sich umwerten.

Hier lassen sich also Konvergenzprozesse zwischen eher traditionellen und eher experimentellen Verfahren beobachten. Diese in Stolterfohts umstrittenem Aufsatz in der BELLA triste ausgerufene Tendenz verfolgen andere, wie die Zeitschrift lauter niemand, allerdings schon seit Jahren. Sie widmen zudem nun dem problematischen Thema politische Lyrik einen Wettbewerb. Ob das politische Gedicht, seit Jahren lautstark gefordert, mit der Krise und dem auf seltsame Weise dazu passenden Gedenken an die friedliche Revolution scheinbar noch aktueller geworden, dadurch in größerer Breite auftreten wird, bleibt ebenso abzuwarten wie etwa Axel Kutschs Deutschlandbuch oder die Sammlung politischer Gedichte von Rotbuch.

Els Moors

Souverän und sympathisch trug die in den Niederlanden bei ihrem Debut gefeierte Dichterin ihre Texte vor, die deutschen dabei mit einer Sprachfärbung, die auch ständig wiederkehrende weiße fickende Kaninchen weniger wie einen knalligen Effekt, als eher wie etwas ausgesprochen Possierliches wirken ließ. Würden die Texte in perfektem Hochdeutsch weniger anmutig sein? Wäre das ein Einwand? Diese Eigenart ist letztlich ja nicht unwillkürlich. (Man hätte die deutschen Fassungen wie bei Tim Turnbull einem Muttersprachler übergeben können.) Insofern profitierten die Texte von ähnlichen Stilmitteln wie die der Wiener Mundartdichtung auf ihre Weise. Und dass der schriftliche Text dem mündlichen notorisch unterlegen scheint, damit muss ein Michael Lentz ebenso leben wie ein Czernin. Auch hier unterscheiden sich also „konventionelle“ Texte nicht unbedingt von experimentellen. Und eine Rezension über mündliches Material wird mehr als eine Spielerei, sondern hinterfragt die medialen Gewohnheiten. Es wäre zu mutmaßen, ob das Aussterben metrisch geordneter gereimter Formen jenseits aller poetologischen Debatten nicht vor allem mit dem Aussterben unseres mündlichen Umgangs mit Poesie zu tun hat. Ebenso wäre vielleicht das Überhandnehmen von Alliteration und Binnenreim, das von Daniel Graf in Neubuch und Lyrik von Jetzt Zwei (lesend) konstatiert wurde, vor allem Effekt der neuen Lesungskultur.

(Teil 2 folgt)

 

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