1. Gehen Amerika die großen Dichter aus?

Im Oktober wurde John Ashbery der erste Dichter, dessen Werkausgabe bereits zu Lebzeiten in der Reihe Library of America erschien. Diese Ehre sagt einiges über den Zustand der Gegenwartslyrik – teils Gutes, teils weniger Gutes –, aber die wichtigste und verstörendste Frage ist vielleicht die: Was wird, wenn Ashbery und seine Generation gegangen sind? Vielleicht zum erstenmal seit dem frühen 19. Jahrhundert wird der amerikanischen Lyrik Größe fehlen.

Das Konzept der Größe hat nämlich in der Lyrik eine besondere Bedeutung, die ihr anderswo oft fehlt. Fast überall ist Größe zwar angenehm, aber nicht unbedingt nötig. Die Lyrik ist ihrer Dauer weniger sicher als beispielsweise die Welt des Golfspiels. Sie rechtfertigt sich allein durch den Anspruch, daß sie unabhängig davon, wie wenige Leser sie hat und wie doof die Dichter sind (how dotty its practitioners), immer den Gipfel der Hochkunst darstellt. Wie es Byron in einer freien Horazübersetzung sagt: “But poesy between the best and worst / No medium knows; you must be last or first: / For middling poets’ miserable volumes, / Are damn’d alike by gods, and men, and columns.“ (Byron, Hints from Horace*) Die Dichtung braucht Größe.

Das Problem ist, daß im Lauf des 20. Jahrhunderts der Begriff der Größe unscharf geworden ist. Teilweise reflektiert das die Standarderzählung der Postmoderne, wonach alle hochgestochenen Ideale – Wahrheit, Schönheit, Gerechtigkeit – hinterfragt werden. Aber die Schwierigkeit mit poetischer Größe geht über die zeitgenössischen Kulturkriege hinaus. Größe ist – und war immer – ein Gewirr verschiedener und teilweise unvereinbarer Konzepte, von denen die meisten die Last der Größe auf unterschiedliche Teile des Schaffensprozesses gründen. Heißt „groß sein“ einfach „große“ Gedichte schreiben? Wenn ja, wie viele? Oder bedeutet „Größe“, daß jemand ein ausreichend „großes“ Projekt hat? Wenn man ein solches Projekt hat, kann man „groß“ sein und nur „gute“ (und vielleicht sogar etwas „langweilige“) Gedichte schreiben? Ist ein „großer“ (great) Dichter dasselbe wie ein „bedeutender“ (major)? Sind „große“ Dichter in jedem Fall „ernste“ Dichter? Das sind alles gute Fragen, auf die niemand besonders überzeugende Antworten gefunden hat. / David Orr, New York Times 22.2.

(Der Artikel beschäftigt sich mit den amerikanischen Debatten der letzten Jahre, aber die Fragen sind auch für die deutsche Lyrik relevant. Sind die Büchnerpreisträger groß? Alle? Die Huchelpreisträger? Man wird nicht zwei Kenner finden, die auch nur hierauf die gleichen Antworten geben. Bezogen auf den letzten Jahrgang: Falkner oder doch lieber Czernin? Und was ist mit (unvollständige und unsortierte Aufzählung) Birgit Kempker oder Farhad Showghi, Bert Papenfuß oder Uwe Kolbe, Steffen Popp oder Thomas Kunst, Franz Hodjak oder Benedikt Ledebur, Dieter M. Gräf oder Nico Bleutge, usw.? Shall we have a discussion later?)

 

 

*) Frei nach Horaz: An die Pisonen (Die Dichtkunst). In Wielands Übersetzung lautet die Horaz-Stelle:

Es gibt der Dinge viel, worin
die Mittelmäßigkeit mit gutem Fug
gestattet wird. Ein Rechtsgelehrter oder
ein Redner vor Gericht kann minder wissen
als ein Cascellius, an Beredsamkeit
weit unter dem Messalla stehn und hat
doch seinen Wert: den mittelmäß’gen Dichter
schützen weder Götter, Menschen noch
Verleger vor dem Untergang!

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