Kain. Rezension. Essay

Von Konstantin Ames (Leipzig)

Man (zum Beispiel ich) kann im Wahn stehen, einen durchstilisierten Gedichtkreis feuilleton- & klappentexthalber auf Stichworte zuzuspitzen. Genesis, Systemtheorie, Brecht. In einem Artikel. Geht nicht? Gab´s aber in einer beachteten Rezension (Perlentaucher.de griff drauf zurück) von Kai Martin Wiegand aus der Süddeutschen Zeitung. In welchem Zyklus will er die drei zu jedem guten Überraschungsei gehörenden Ingredienzien entdeckt haben? Wiegand nimmt Stichworte auf aus Michael Roes´ Kain. Nimmt zwei und fügt daran den Vorschlag an, den „epigrammatischen Duktus” hier an den der Buckower Elegien Bert Brechts zu halten. Halten zu Gnaden: Vergleiche können brauchbar zu sein. Vor allem wenn sie nicht aus dem off gemurmelt werden. Ich weiß, Begründungen solcher sind nicht immer ganz einfach, Platz knapp …

Deswegen sollte ihnen aber nicht aus dem Weg gegangen werden. Dem Rezensenten muss ich zugute halten: Er präsentiert sein Objekt so, dass vermutet werden kann, er habe es effektiv gelesen. Umso mehr muss ich aber und – so meine Hoffnung – müsste jeder, der nach Kain den nicht unwichtigen Hinweis für den Leser: Elegien zur Kenntnis genommen hat, von dieser Wiegand´schen Besprechung enttäuscht sein. Der Hinweis auf Brechts (angeblich) epigrammatische Tonführung reicht nicht nur nicht aus, der Rilke&Hölderlinton etwa klang mir lauter entgegen als Brechts „Umkehrelegien” : Nachgerade verfehlt ist der Hinweis auf den „Duktus” Brechts. Benns post- & expressionistische Lyrik ist eher für einen Vergleich geeignet. BennRilke&Hölderlin werden aber nicht einmal erwähnt. Von Wiegand.

Muss man überhaupt vergleichen? Kein Mensch muss müssen. Wenn das Objekt der Untersuchung Kain. Elegie heißt, schon.

„Schlaf kein reim ist vollkommen // Genug darunter zu ruhen.” Programm ist das vielleicht. Anklänge – s.v.v. – auf die siehe-obige pastorale Linie sind zu finden in den Zykluselementen Das Meer ist lange nicht so still gewesen (Verse 11ff.) ; Niemandes Schlaf ; DAS SYSTEM FORDERT DIE AUSGRENZUNG (13f.) ; Bennsche Verfallsästhetisierung ist beinahe durchgehend präsent. Brecht – in der Tat Brecht – klingt womöglich einmal an, in der Passage „Aus den Güterwagen stieg rauch auf ja / Also waren sie wohl bewohnt …” wird „Der Rauch” integriert. Zu finden in „Der entmannte Himmel”. Dieserhalb kann aber nicht regelrecht von einem brechtähnlichen Duktus geredet werden. Hier haben wir´s nicht mit Sinnsprüchen zu tun, bloß weil Luhmanns nachhegelianische Wehen aus Soziale Systemen angeführt werden. Übrigens ist wie anderen zu anderen Zeiten die Komödie, so Luhmann(ianern) der Sinn ein diffizil´ Ding, sozureden: eines das keiner voll aussinnt. Zurück: Geführt werden kann die Rede aber schon von einer Vermengung von Elegiezitaten & -haltungen dazu, wie´s die deutschen Gattungsexponenten (Celan kann nebenbei bemerkt ebenso gefunden werden: „Ich richte mich auf und halte dein haar / In der hand dein goldenes haar mein bruder”) mit dieser gehalten haben. Das erlaubt der Text. Ich meine, er fordert dem Leser diese Haltung sogar ab. Wie es in „17” heißt: „Endlich hat feuer gefangen was nicht brennen / Kann glühfadenentwinder fäulnisgaslöscher … diesselben augen lesen was der // Gläubige weggeschnitten das letzte fehlende / Wort ist nicht das letzte verbrechen” Vorher: „Die wissens chaft zittert nicht angesichts des // Monströsen Wo Gott geschieht, ist der Erfolg / Garantiert! Glaube ist der Sprung ins Gelingen!”.

Zu den Features zu kommen (das heißt hier: Warum-junge-Lyriker-ein-Vorbild-hier-sehen- und-das-Teil-kaufen-sollten-Gründe) : Kitsch wird von Roes ebenso wenig gescheut (weil er Pennälerlyriktopoi von „Großstadtgezellenanmut” bis „Herzensbildung” ironisch zu brechen versteht) wie barocke Sprachalchemie, oder gar das was Brecht „Druck-Kunst” nannte. Bis auf den Klappentext aber, der klare Metrumwahl (Alexandriner) und Traditionsorientierung (Barock bis Romantik) verspricht, kann von nichtgewinnbringender Lektüre keine Rede sein. Wer hingegen auf einer gattungspuristischen Position verharren möchte, dem empfehle ich die homophone Kurve doch noch kriegen. Also: K(e)in. Elegie. Elegikern ist ja nicht verboten Essayisten zu sein. Michael Roes ist mir einer. Der schreibt: Souverän ironisch souverän

© 2005 Konstantin Ames

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