Dossier: Zum Tod von Walter Höllerer

Walter Höllerer begegnete mir zuerst im Studium, in Rostock. Dort gab es nicht wie anderorts in der DDR „Giftschränke“ mit Westbüchern, sondern ein ganzes Giftzimmer. Wenn die Bücher eingearbeitet wurden, lagen sie auf dem Schreibtisch der freundlichen Bibliothekarin, wo man dann zum Beispiel die Akzente lesen konnte – „Begründet von Walter Höllerer„. – Als ich dann nach Greifswald geriet, entdeckte ich dort die Zeitschrift „Sprache im technischen Zeitalter“ – wieder Höllerer! Akzente schien mir etwas in die Jahre gekommen – aber das Neue! Schließlich – auch in Greifswald – schenkte mir mein Doktorvater zur Promotion (ja, so herum) etwas Wertvolles, wie er sagte. Es war die Anthologie „Transit. Lyrikbuch der Jahrhundertmitte“, herausgegeben 1956 – von Walter Höllerer. Nur die ebenfalls legendäre – alles von Höllerer war legendär! – Rowohlt-Anthologie „Theorie der modernen Lyrik“ war nicht aufzutreiben. Das gelang mir erst in den neunziger Jahren, in „seinem“ (West-)Berlin. Jetzt ist Walter Höllerer in Berlin gestorben. Hier ein kleines Dossier.

M.G.


König der Literatur

Ohne Zweifel war er der generöseste Mensch, dem ich je begegnet bin: Er teilte gerne, nahm Anteil, förderte, auch wenn ihm dadurch die Zeit für die eigene schriftstellerische Arbeit fehlte. Nun fehlt er uns. So einen wie ihn wird es nie mehr geben: den Provinzler aus der Oberpfalz, der es zum freundlichen König der Literatur brachte. / Michael Krüger, SZ 22.5.03

(Hier auch ein Nachruf von Adolf Muschg)


Zirkusdirektor

Als Walter Höllerer im März 1932 das Aufsatzthema „Was ich einmal werden will“ gestellt bekam, schrieb der Neunjährige: „Zuerst wollte ich Förster, dann Gärtner, dann Zirkusdirektor werden. Doch all diese Pläne habe ich aufgegeben. Ich habe Reisepläne entworfen. Ich will Reisen nach Irland, in die Wüste, nach Asien, Afrika, Australien und zum Nordpol machen. Ich will filmen und eine Expedition zusammenbringen. Das schreibe ich dann alles in ein dickes Buch. Und wenn ich von meinen Reisen heimkomme, gründe ich einen Zirkus.“ / Lothar Müller, SZ 22.5.03


Die deutsche Literatur hat Höllerer einiges zu verdanken. Sie hätte ohne ihn anders ausgesehen. Von Berlin ganz zu schweigen. Es wäre, ohne seine Aktivitäten, geblieben, was es wohl am liebsten ist: Provinz. / Martin Lüdke, Berliner Zeitung 22.5.03


„Gründervater der literarischen Moderne“

Wir verdanken Walter Höllerers Impuls die Zeitschriften „Akzente“ (1954) und „Sprache im technischen Zeitalter“ (1961). Auf ihn geht in Idee und Ausführung das „Literarische Colloquium“ zurück, Deutschlands erste Dichterwerkstatt nicht nur in einem chronologischen Sinne. Soeben konnte sie ihr vierzigjähriges Bestehen feiern. Höllerer hat aber darüber hinaus als Mitglied der Gruppe 47, als Literaturwissenschaftler mit Lehrstuhl an der Technischen Universität zu Berlin (seit 1959), als Herausgeber so wichtiger Anthologien wie „Transit“, dem „Lyrikbuch der Jahrhundertmitte“ von 1961 und nicht zuletzt als Autor, dessen Summa der Experimentalroman „Die Elephantenuhr“ von 1973 darstellt, er hat mit seiner gesamten geistigen Existenz angestoßen und mitvollzogen, was im Rückblick als wahrhaft heroischer Paradigmenwechsel bezeichnet werden muss: die Wende deutscher Geistigkeit nämlich, die sich traditionell als überpolitisch und solipsistisch begriff, hin zu einem kritisch-demokratischem Selbstverständnis, das die kollektive Organisation so wenig verschmähte wie das handfeste politische Statement und die gerade darum anschlussfähig wurde für den „langen Weg nach Westen“ (Heinrich August Winkler), den Nachkriegsdeutschland in politischer und lebensweltlicher Hinsicht gegangen ist. / Tilman Krause, Berl. Morgenpost 22.5.03

Weitere Nachrufe: Peter Rühmkorf und Marcel Reich-Ranicki, FAZ 22.5. / Roland H. Wiegenstein, FR 22.5. / Beatrix Langner, NZZ 22.5. / Stuttgarter Nachrichten 22.5. / Aargauer Zeitung 22.5. / Nico Bleutge, Stuttgarter Zeitung 22.5. / St. Galler Tagblatt 24.5.

Im Internet: Biographie / Film : Deutschland bleiche Mutter / TU zum 80. Geburtstag  Gedicht: Ein Boot ist immer versteckt

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