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STUTTGART/BERLIN. Der Berliner Schriftsteller Oskar Pastior hat am Dienstag in Staufen im Breisgau den Peter-Huchel-Preis 2001 bekommen. Die mit 20 000 Mark dotierte Auszeichnung erhielt der 1927 im siebenbürgischen Hermannstadt geborene Dichter für seinen Lyrikband „Villanella & Pantum“. In der Laudatio auf Pastior hieß es, „höchste lyrische Begabung“ verbinde sich bei ihm mit „Wortwitz und subtilem Humor“. Pastior sei der „Führer einer fröhlichen Subversion gegen alle Phrasendrescherei“. Bisherige Preisträger waren unter anderen Manfred Peter Hein, Wulf Kirsten, Sarah Kirsch und Jürgen Becker. (ddp) / Berliner Zeitung 04. April 2001
hat die australische Lyrikerin Dorothy Porter mit „Die Affenmaske“ geschrieben. Das klingt ziemlich unmöglich – und funktioniert dennoch ganz wunderbar. Es geht um ein verschwundenes Mädchen und, wie könnte das bei Lyrik anders sein, ums Literaturmilieu. „Ist es eine Mauer / oder ein Graben / oder eine tiefe Wunde, / was wächst zwischen Geliebten? / ich hab zuviel Lyrik gelesen / vielleicht ist es ja viel simpler . . .“
Ted Hughes: „Birthday Letters“. Serie Piper, 206 Seiten, 16,90 DM Paul Auster : „Vom Verschwinden/Disappearances“. rowohlt paperback, 219 Seiten, 25 DM Dorothy Porter: „Die Affenmaske“. btb, 221 Seiten, 16 DM Elisabeth Borchers: „Alles redet, schweigt und ruft“. suhrkamp tb, 285 Seiten, 19,90 DM Kurt Drawert: „Rückseiten der Herrlichkeit“. edition suhrkamp, 240 Seiten, 19,90 DM Paul Hoffmann: „Das erneuerte Gedicht“. edition suhrkamp, 186 Seiten, 19,90 DM / KLAUS MODICK, taz Nr. 6413 vom 3.4.2001
von The Daily Poetry Association (Charlottesville, USA)
Poetry Daily (http://www.poems.com/) bringt im April täglich ein spezielles Gedicht mit Kommentar – auch als täglichen Newsletter. Am 3.4. ist es „They Flee From Me“ by Sir Thomas Wyatt.
schrieb Giorgos Seferis, der grosse Dichter der Moderne, der 1967 den Nobelpreis für Literatur erhielt. Damit meinte er nicht nur, dass die arme Gegenwart seiner Heimat «Gestank, Pferdemist und boshafter Klatsch» ihrer grossen Vergangenheit nicht standhalten könne. Diese Wortedrücken auch die Hoffnungslosigkeit eines Menschen aus, der in seinem Land an keine gewachsene kulturelle Tradition anschliessen kann. Auch für Odysseas Elytis, den zweiten griechischen Nobelpreisträger des 20. Jahrhunderts, war Griechenland eine schwierige Heimat. Auch er war ein Dichter. «Wie stellt man es an, Grieche zu sein?»
Es ist, als ob sich diese Frage seines französischen Übersetzers Robert Levesque wie ein roter Faden durch das Werk des Giorgos Seferis spinnt. Oft zieht in seinen Gedichten eine Gruppe von Reisenden durch den zerfallenden helladischen Lebensraum: «Irrende zwischen zerborstenen Steinen seit drei- oder sechstausend Jahren / Stocherer in geborstenem Bauwerk das leicht unsereigenes Haus wär» / NZZ 3.4.01
Um so überraschender kommt nun die Wiederbelebung der Sammlung Luchterhand, die bei ihrem Neustart mit demonstrativem Selbstbewusstsein ans Werk geht. Denn die ersten sechs Bände der neuen Sammlung Luchterhand, die in diesen März-Tagen ausgeliefert werden, sind ausschließlich Lyrik-Titel!
Aus dem Programm der alten Sammlung Luchterhand hat man Auswahlbände der Jahrhundertpoeten William Butler Yeats und Pablo Neruda neu aufgelegt, nebst einer klugen Sammlung mit Gedichten des russischen Unglücksdichters Sergej Jessenin, dessen Werk bislang im Luchterhand-Schwesterverlag Volk & Welt erschienen ist. Neben diese drei Dichter der klassischen Moderne treten drei prägnante Temperamente der lyrischen Gegenwart mit Originalausgaben: Die experimentierfreudige Lyrikerin Ulrike Draesner legt nach ihren sehr eigenwilligen Shakespeare-Übersetzungen neue Gedichte vor („für die nacht geheuerte zellen“).
Der Dichter Norbert Hummelt ist auf seinem Weg zur romantischen Wiederverzauberung der Welt noch einen Schritt weiter gegangen – und erprobt beim Entziffern der „Zeichen im Schnee“ einen hohen Sehnsuchts-Ton. Die Portalfigur bei der Eröffnung der neuen Sammlung Luchterhand ist aber der tote Ernst Jandl, an dessen „künstlichem Baum“ sich die Reihe einst emporrankte. Mit den „Letzten Gedichten“ dieses großen, verzweifelten Dichters, der in minimalistischer Lapidarität die Vernichtung des eigenen Werks heraufbeschwört, beginnt – vielleicht – eine neue Ära des literarischen Taschenbuchs. / Michael Braun, Die Rheinpfalz 3.4.01
Thomas Kling und seine wundersamen „Botenstoffe“:
Hermes, in der griechischen Mythologie der Götterbote des Olymps, überbringt den Menschen Nachrichten und Geschenke, ist ein gewandter Überredungskünstler, zeigt Wege auf und geleitet die Seelen Verstorbener sicher bis zum Boot Charons, das sie zum Hades übersetzt. Von Hermes stammt auch der listenreiche, auf dem Meer hin- und herschwenkende Odysseus ab. Eine Affinität zu diesem besonderen Stammbaum lässt Thomas Kling in seinem neuen Band mit dem Titel Botenstoffe ahnen. Es ist diesmal kein Gedichtband geworden, vielmehr umreißt Kling das, was zu den Gedichten hinführt, unter ihnen lagert, ihre Substanz ausmacht. In gut zwei Dutzend Essays, die in den letzten Jahren entstanden sind, sortiert und kommentiert er sein Quellenmaterial und arbeitet sein Umfeld nachrichtenmäßig auf.
Poesie ist ja von ihrer Wesenhaftigkeit her zunächst selbst göttlicher Botenstoff. Sie bringt einzigartige, vollkommene Mitteilungen aus dem inneren Kosmos des Menschen. Zuvor muss sie Material aufnehmen, sich füllen, anreichern und im Dichter hin- und herbewegen, ehe sie Gestalt zeigen kann. / Cornelia Jentzsch, FR Spezial Literatur
wie man es erwartet. Eines handelt von einer Autofahrt und vom Gegenteil des ersten Blicks, der Formel „x ist schön“. Trotzdem, und obwohl das „Du“ am Steuer sitzt, landet die Fahrt wieder beim Du: „wir haben abgemacht / in dieser Gegend / den Mund zu halten / mit dem Finger nur / zu deuten auf die Dinge / sie als Variable leise / einzusetzen in die Formel: / x ist schön // die Füße auf der Armatur unterbrechen wir / selten nur / die Stille in Gesprächen / über Benzinpreise / Wasservorräte / und Dattelkerne / bin ich unterwegs zu dir.“ (jae.)
Eva Corino: Keine Zeit für Tragödien. Gedichte. Berlin Verlag, Berlin 2001. 144 Seiten, 24 Mark. / Berliner Zeitung 31.03.2001
wie sie experimentelle Ansätze kennzeichnen, die gerade auch in der jungen österreichischen Literatur um sich griffen und verblüffende Resultate zeitigten, sind seine Sache nicht, im Gegenteil: Er möchte, wie er ausdrücklich formuliert, den Satz vor den Silben schützen. Und er gewinnt Gewissheit über sich selbst aus der Tatsache, dass es immer „einige Wörter“ gibt, die sagen, „dass es uns geben muss“.
Alfred Kolleritsch: Die Summe der Tage. Gedichte. Jung und Jung Verlag, Salzburg 2001, 32 DM. / Kurt Riha, Frankfurter Rundschau 29.03.2001
findet fast alles seinen Platz, bis hin zu kleinen Pikanterien wie dieser: „Gott gab der Sprache der Frau eine onomatopoetische Qualität. / Diese ewiglich holprigen Laute, ewiglich / hinstolpernd hinein // in die wirklichen Wörter, aus dem, was sie sind. / Wie Füße, die man schüttet in Knochenschuhe. / ,Untreue‘ (fällt ihr auf) klingt fast wie Sein Reißverschluss, wenn / er aufgeht.“
Der Erfolg, den Anne Carson in der englischsprachigen Welt mit ihren Gedichten hat, gründet wohl auch auf dieser spielerischen Leichtigkeit, mit der sie es versteht, Figuren und Dinge zu durchleuchten. Michael Ondaatje, der große Romancier, hat die enorme Vielfalt dieses Werks, in dem Intellekt, Witz und Humor so trefflich zusammenfinden, hervorgehoben.
In deutscher Übertragung erscheinen die Gedichte Anne Carsons nun erstmals, und für die Entdeckung dieser Autorin ist Alissa Walser und Gerhard Falkner zu danken. Betrüblich ist dabei allerdings, dass der Piper Verlag sich nicht zu einer zweisprachigen Ausgabe entschließen konnte.
Anne Carson: Glas, Ironie und Gott. Gedichte. Aus dem Englischen von Alissa Walser und Gerhard Falkner . Piper Verlag, München 2000, 192 Seiten, 38 DM. / Frankfurter Rundschau 22.03.2001
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