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80. Besser scheitern?
Von Felix Philipp Ingold, Zürich
Der Autor schreibt: “ein Lektüre-Notat aus meinem Arbeitsjournal”
In Gebrauchs- wie in Kunstsprachen wird zur Zeit der natürliche, alltägliche, flüchtige, provisorische Ausdruck dem mehr oder minder streng formalisierten vorgezogen: Rhetorik, Stilistik, selbst Grammatik haben kaum noch normative Funktion, die Sprachverluderung nimmt in der mündlichen wie in der schriftlichen Praxis zu, findet weithin kritiklose Akzeptanz und wird somit ihrerseits normbildend. Vorab Leserkommentare im Internet, aber auch SMS- und Mailnachrichten sowie die Tratschrhetorik der Gratispresse bieten dafür beliebig viele Belege. Hauptmerkmale dieser Rhetorik sind defekte, defizitäre, jargoneske, wortspielerische, dabei aber (für die Kommunikationsteilnehmer) problemlos verständliche Sprach- und Sprechformen; dazu gehören zahlreiche Abkürzungen, Auslassungen, fremdsprachige und privatsprachliche Versatzstücke bei durchweg schwach ausgeprägter Syntax.
Dass auch die Poesie diesen Trend aufnimmt, ist deutlich genug zu erkennen und gilt keineswegs nur für die performativen Sparten von Rap und Slam. Das aktuelle poetische Sprachdesign gibt sich heute, zumindest im deutschsprachigen Raum, als eine willkürliche, dabei spontane (improvisatorische) Hybridisierung aus Alltagsrede, Werbesprache, Songtexten und Gruppenidiomen zu erkennen.
Ich will diese Tendenz nicht bewerten, doch ich frage mich, ob es das Interesse und die Aufgabe der Poesie sein kann … sein sollte, den heruntergekommenen Status der Alltagssprache zu übernehmen, ihn künstlerisch zu kultivieren und eben dadurch zu rechtfertigen. Gelegenheitslyrik, Plauderlyrik, Gebrauchslyrik, Verbrauchslyrik, Unterhaltungslyrik, Roadlyrik, Pornolyrik, Institutslyrik, Wettbewerbslyrik scheinen die Lyrikproduktion und den Lyrikbetrieb zu dominieren, und offenkundig bestimmen diese rezenten lyrischen Sprechweisen sehr weitgehend auch die einschlägigen Rankings, Stipendien- und Preisvergaben im Bereich der Versdichtung. Sprechkunst gegen Sprachkunst: Der improvisierte Sprechakt überbietet die Geste des Schreibens, mindert sie herab zum Notat.
Jede Sprechweise hat ihren Grund und ihre Berechtigung, doch nicht jede ist gleichermassen von künstlerischem Interesse … bei weitem nicht jede behauptet sich auch in der Schrift, in der Sprachform des Gedichts. Zwar gibt es bereits wieder minderheitliche Versuche, lyrisches Sprechen strengeren Regulativen zu unterstellen, den Endreim oder die Sestine oder gar die alkäische Strophe zu rehabilitieren, doch die meisten dieser Versuche bleiben in handwerklicher Nachahmung befangen, wirken altbacken oder unfreiwillig komisch, weil die strenge beziehungsweise die angestrengte Form mit der meist trivialen alltagsweltlichen Thematik kollidiert, ohne dass diese Kollision ironisch genutzt würde; das klingt dann – in einem gern zitierten Gedicht von Ann Cotten – beispielsweise so:
Rosa Meinung ‒
In des Landgerichtes Fotze
geh ich als ein blasser Traum,
Frau ist alles, was ich kotze,
lauter Wahrheit dieser Raum.
Dass man mir mein Schwärmen nähme
denk ich, aber glaub es kaum:
Dieser Prunk im schmalen Schoße
ist der Trödelväter Schaum.
Wenn ich nur die Arme breite,
ächzt er wie ein Eichenbaum,
kracht in brüchig tausend Scheite,
schäumt, dass ich, Blitz, ihn ableite.
Brenn zu Asche, mich zu wärmen!
(Denn ich will von Deutschland lernen.)
Welches sind die Meriten … welche künstlerischen Meriten hat dieses kleine lyrische Gedicht? Die Reime allein … die Reimqualitäten können es nicht sein. Zwar richtet die Autorin besonderes Ohrenmerk auf den Gleichklang der unregelmässig gekreuzten Versenden, doch besonders kunstvoll operiert sie damit nicht. Der starke Reim ist nicht der geklotzte Reim, der die Paarung zwischen “Fotze” und “kotze” vollzieht, zwischen zwei umgangssprachlich imprägnierten Wörter also, die einander nicht nur klanglich, sondern auch bedeutungsmässig und stilistisch analog sind.
Der starke Reim ist vielmehr der diskrete Reim, bei dem die Assonanz konterkariert wird durch den Bedeutungsunterschied oder den Bedeutungsgegensatz der Wortpaarung. In solchem Verständnis wäre, auf ein simples Beispiel heruntergebrochen, der Reim “Herz::quert’s” dem naheliegenden “Herz::Schmerz” vorzuziehen, so wie “Fotze” mit “Rotsee” oder “droht’s eh” überzeugender gereimt wäre als mit “kotze”. Immerhin wird aber die Wortart variiert (Substantiv/Verb) und damit die grammatische Gleichschaltung von “Fotze::Kotze” (Substantiv/Substantiv) vermieden. ‒ Nebst dem Reim soll offenbar auch die leicht antiquierte Wortfügung den Eindruck der Künstlichkeit und damit die Kontrastbildung zur Trivialthematik des Gedichts verstärken: “In des Landgerichtes Fotze …” und “der Trödelväter Schaum” (vorgezogener Genetiv); “dass man mir mein Schwärmen nähme” (stilistisch abgehobener Konjunktiv); “dieser Prunk im schmalen Schosse” (ferne Assonanz zu “Fotze” und “kotze” dank altertümlicher Dativform).
Ann Cotten selbst hat sich zu ihren Versen ausgiebig vernehmen lassen, hat gar deren nietzscheanischen Subtext offengelegt und – der historischen Moderne eben doch verpflichtet! – beteuert, sich mit dem Gedicht beziehungsweise mit dessen lyrischem Ich keineswegs identifizieren zu wollen. Gleichzeitig befürchtet sie, dass man ihre in den Text investierten “aufrichtigen Regungen” verkennen und etwa für unernsten Hohn halten könnte, was von ihr durchaus ernst gemeint sei. Aber wie denn nun? Stehen da Wollen und Können im Konflikt?
“Rosa Meinung”! ‒ Im Titel (der zugleich das Themawort des Textes ist) sind Samen und Moese und mein Ei und sogar der Reim buchstäblich mitgegeben – die anagrammatische Entfaltung erschliesst ein Bündel von Bedeutungen, die verlässlich über das bessere Wissen der Autorin hinausweisen. Auch das kann die Sprache ‒ besser wissen, statt bloss besser zu scheitern wie so mancher Dichter an seinem Gedicht.
19. Dilemma
Im Zuge der heftigen Debatten um Oskar Pastiors IM-Akte stand von Anfang an die Frage im Raum, ob auch sein literarisches Werk neu bewertet werden müsse. Als Stefan Sienerth vor zweieinhalb Jahren mit seiner Entdeckung an die Öffentlichkeit trat, dass Oskar Pastior von Juni 1961 bis April 1968 als IM „Stein Otto“ beim rumänischen Geheimdienst Securitate unter Vertrag gestanden hatte, plädierte er am 17. September 2010 im Gespräch mit der Nachrichtenagentur dpa für eine „neue Lesart“ von Pastiors Werk: „Seine Lyrik hat eine eigenartige Bildlichkeit – und eine neue Untersuchung vor diesem Hintergrund ist bestimmt nicht uninteressant.“ (…)
Beispiele für die Verunsicherung im Umgang mit dem literarischen Oeuvre von Oskar Pastior ließen sich viele nennen. Hier sei lediglich ein weiteres herausgegriffen, um das Ausufern der Diskussion zu verdeutlichen. In der Zeitung für Literatur Volltext vom 29. März 2011 hat der Publizist und Schriftsteller Felix Philipp Ingold die Frage aufgeworfen, „inwieweit Pastiors hermetischer Formalismus [...] als subversiv beziehungsweise als simulativ zu gelten hat und ob bei ihm allenfalls ,zwischen Zeilen‘ schon längst festgeschrieben steht, was sein ,Ordner‘ erst heute an Dokumenten freigibt“, um dieser Hypothese zufolge ein close reading zu fordern, das „im Hinblick auf ,verschwiegene‘ oder ,verdunkelte‘ oder ,verfremdete‘ Informationen“ unerlässlich sei, „da der Autor [...] sein zweites Trauma, den IM-Dienst, bis zu seinem Lebensende konsequent tabuisiert hat“.
Weil zahlreiche Spekulationen und Unterstellungen die Auseinandersetzung mit Pastiors IM-Vergangenheit begleitet haben, sieht es die Oskar-Pastior-Stiftung als ihre Aufgabe an, die Debatte zu versachlichen und mit ebenso detaillierten wie fundierten Forschungsergebnissen nicht allein für biografische, sondern auch für literarische Klarstellungen zu sorgen. Ein erster Schritt auf diesem Weg war das Symposion mit ausgewiesenen Literaturexperten am 23. Juni 2012 in Berlin (diese Zeitung berichtete), dessen Ergebnisse nun ein Sonderband der Zeitschrift TEXT + KRITIK unter dem Titel „Versuchte Rekonstruktion – Die Securitate und Oskar Pastior“ präsentiert. / Edith Konradt, Siebenbürgische Zeitung
Versuchte Rekonstruktion – Die Securitate und Oskar Pastior. Herausgegeben von Ernest Wichner. Text + Kritik, Zeitschrift für Literatur, Sonderband, München, 2012. ISBN 978-3-86916-199-0, Euro 24,00
Oskar Pastior: Lesen gehn … Gedichte, gelesen und teilweise kommentiert von Oskar Pastior, Urs Allemann, Oswald Egger, Péter Esterházy, Michael Krüger, Michael Lentz, Herta Müller, Ulf Stolterfoht und Ernest Wichner. 2 CDs, 142 Minuten, Hörbuch Hamburg, 2013, ISBN 978-3-89903-380-9, Euro 14,99
40. Zuviel Reime
Anna Achmatowa
Mein Gott, wie’s hier von Versen wimmelt,
Von Reimen ist die Welt verstellt.
Die Stille komme über uns – als Himmel,
Und jeder nehme sich ein Lied als Zelt.
Das Schweigen gelte als Erkennungszeichen,
Das insgeheim uns eint als Gleiche
Unter Gleichen …
Aus dem Notizheft Nr. 11, Moskau 1962.
In: Felix Philipp Ingold (Hrsg.): ’Als Gruß zu lesen’. Russische Lyrik von 2000 bis 1800. Russisch – Deutsch
Dörlemann Verlag, Zürich 2012
. ISBN 9783908777656
. Gebunden, 352 Seiten, 33,00 EUR
S. 6.
Das Gedicht steht als Mottogedicht in Ingolds Anthologie (und deshalb als einziges Gedicht der Anthologie nicht zweisprachig). Der Herausgeber stellte mir freundlicherweise den Originaltext zur Verfügung.
Aus: Anna Achmatowa, Zapisnye knizhki (1958-1966), Torino 1996.
Анна Ахматова
Все в Москве затрогано стихами,
Рифмами проколото насквозь.
Пусть безмолвие царит над нами,
Пусть мы с песней поселимся врозь.
Пусть молчанье будет тайным знаком,
По которому мы узнаем
Тех, кто с нами …
1962. Москва.
Es ist offenbar eine Vorstufe des folgenden Gedichts von 1963, das sich auf russischen Seiten wie dieser findet. Diese Russen, früher haben sie dicke verbotene Wälzer abgeschrieben und heute veröffentlichen sie die Werke ihrer Dichter im WWW, auch wenn sie noch keine 70 Jahre tot sind.
Все в Москве пропитано стихами…
Все в Москве пропитано стихами,
Рифмами проколото насквозь.
Пусть безмолвие царит над нами,
Пусть мы с рифмой поселимся врозь.
Пусть молчанье будет тайным знаком
Тех, кто с вами, а казался мной,
Вы ж соединитесь тайным браком
С девственной горчайшей тишиной,
Что во тьме гранит подземный точит
И волшебный замыкает круг,
А в ночи над ухом смерть пророчит,
Заглушая самый громкий звук.
1963. Москва.
52. Liste
Die Deutsche Akademie für Sprache und Dichtung und die Stiftung Lyrik Kabinett präsentieren ihre Lyrik-Empfehlungen des Jahres 2012
Eine Jury aus 11 Lyrikerinnen und Lyrikern, Kritikerinnen und Kritikern hat aus den Neuerscheinungen des Jahres 2012 ihre Empfehlungen deutschsprachiger oder ins Deutsche übersetzter Dichtung ausgewählt.
Der Jury gehören an: Michael Braun, Heinrich Detering, Maria Gazzetti, Harald Hartung, Ursula Haeusgen, Florian Kessler, Michael Krüger, Kristina Maidt-Zinke, Monika Rinck, Daniela Strigl und Jan Wagner.
Die Empfehlungsliste für Lyrik ist Bestandteil der zwischen der Stiftung Lyrik Kabinett und der Deutschen Akademie für Sprache und Dichtung vereinbarten Kooperation. Ihre Zusammenarbeit wurde 2012 mit der Veranstaltungsreihe „Das Lyrische Quartett“ begründet und hat zum Ziel, die Stimmenvielfalt der gegenwärtigen Poesie stärker ins öffentliche Gespräch zu bringen. Die Empfehlungsliste für Lyrik erscheint jährlich im Januar und bezieht sich jeweils auf Neuerscheinungen des zurückliegenden Jahres. Sie wird auf www.daslyrischequartett.de veröffentlicht. Die Jury ist auf zwei Jahre gewählt.
Unter den 9 von den 11 Juroren genannten Titeln (Derek Walcotts Buch wurde dreimal nominiert) sind 3 deutsche, darunter 2 von Autoren der Gegenwart: Bertram Reinecke und Kerstin Preiwuß.
Empfehlungen
Lyrische Neuerscheinungen des Jahres 2012
(Begründungen der Juroren in der angehängten Pdf)
Michael Braun:
- Derek Walcott: Weiße Reiher. Aus dem Englischen von Werner von Koppenfels. Carl Hanser Verlag 2012.
Heinrich Detering:
- Wolfgang Bächler: Gesammelte Gedichte. Herausgegeben von Katja Bächler und Jürgen Hosemann. Mit einem Nachwort von Albert von Schirnding. S. Fischer Verlag 2012.
Maria Gazzetti:
- Als Gruß zu lesen. Russische Lyrik von 2000 bis 1800. Russisch-deutsch. Herausgegeben und übersetzt von Felix Philipp Ingold. Dörlemann 2012.
Ursula Haeusgen:
- István Géher: In Jahre gegossene Jahre. Aus dem Ungarischen von Daniella Jancsó und Wolfgang Berends. Wenzendorf, Stadtlichter Presse 2012.
Harald Hartung:
- Derek Walcott: Weiße Reiher. Aus dem Englischen von Werner von Koppenfels. Carl Hanser Verlag 2012.
Florian Kessler:
- Bertram Reinecke: Sleutel voor de hoogduitsche Spraakkunst. roughbooks 2012.
Michael Krüger:
- Adam Zagajewski: Unsichtbare Hand. Aus dem Polnischen von Renate Schmidgall. Carl Hanser Verlag 2012.
Kristina Maidt-Zinke:
- Derek Walcott: Weiße Reiher. Aus dem Englischen von Werner von Koppenfels. Carl Hanser Verlag 2012.
Monika Rinck:
- Kerstin Preiwuss: Rede. Gedichte. Suhrkamp 2012.
Daniela Strigl:
- Roberta Dapunt: Nauz. Gedichte und Bilder. Aus dem Ladinischen von Alma Vallazza. Folio 2012.
Jan Wagner:
- Ezra Pound: Die Cantos. In der Übersetzung von Eva Hesse. Ediert und kommentiert von Heinz Ickstadt und Manfred Pfister. Zweisprachige Ausgabe. Arche Verlag 2012.
21. Basler Lyrikpreis an Elisabeth Wandeler-Deck
Der Basler Lyrikpreis wird jährlich vom Verein Internationales Lyrikfestival Basel verliehen. Er zeichnet ein Werk aus, das die zeitgenössische Lyrik mit neuen Impulsen bereichert und mit Konsequenz und Originalität sowie einem hohen formalen und ästhetischen Anspruch überzeugt.
Der Basler Lyrikpreis ist mit Fr. 10’000 dotiert und wird mit freundlicher Unterstützung der GGG Basel vergeben.
Der Basler Lyrikpreis 2013 geht an Elisabeth Wandeler-Deck
Elisabeth Wandeler-Deck entwirft in ihren Gedichten neue Sprachräume, mit deren Inventar sie Erlebniswelten erkundet und vermisst. Sie gibt die Sprache, mit der wir vertraut sind, nicht auf, aber sie verschiebt und verdichtet deren Gesetze und Regeln von Zeile zu Zeile, von Text zu Text. Ihr lyrisches Werk steht dabei in engem Zusammenhang mit musikalischen Ausdrucksformen. Elisabeth Wandeler-Deck publiziert seit gut dreissig Jahren regelmässig und hat neun Gedichtbände veröffentlicht.
Bisherige Träger des Basler Lyrikpreises
2012 Klaus Merz
2010 Werner Lutz
2009 Felix Philipp Ingold
2008 Kurt Aebli
Grusswort: Thomas Schmid, Vorsteher GGG
Laudatio: Wolfram Malte Fues
11. Überraschungstour
Vergessen Sie alles, was Sie über russische Lyrik zu wissen meinten. Hier werden Sie auf eine Überraschungstour geschickt, denn Felix Philipp Ingold verweigert – wie er im Vorwort betont – das übliche “Rating”, in dem Großmeister wie Majakowski, Blok und Achmatowa ganz oben stehen. Ingold hingegen lässt sich nicht beeindrucken von denen, “die mit nachhaltigem Ruhm so sehr imprägniert” sind, schlüpft in die Rolle des Kriminalisten, sucht nach Spuren Verschollener, entdeckt “zu Unrecht disqualifizierte Außenseiter” wie Ilja Kutin und inszeniert dramatische Konfrontationen. / Dorothea von Törne, Die Welt
Felix Philipp Ingold (Hg.): Als Gruß zu lesen. Russische Lyrik von 2000 bis 1800. Dörlemann, Zürich. 536 S., 33 €.
43. Schweizer Lyrik
Wieviele Namen fallen dem Leser ein? Eine in Kürze erscheinende englische Anthologie versammelt eine beeindruckende Liste von Lyrikern des 20. und beginnenden 21. Jahrhunderts – nicht nur im Umfang, sondern auch im Gewicht der Namen aus den vier Hauptsprachen des Landes. Darunter sind:
Blaise Cendrars, Hugo Ball, Jacques Chessex, Hans Arp, Gerhard Meier, Philippe Jaccottet, Adelheid Duvanel, Arno Camenisch, Giorgio and Giovanni Orelli, Urs Allemann, Claire Genoux, Robert Walser, Maurice Chappaz, Fabio Pusterla, Regina Ullmann, Eugen Gomringer, Rainer Brambach, Kurt Marti, Silja Walter, Erika Burkart, Klaus Merz, Armin Senser, Felix Philipp Ingold und Raphael Urweider. “Die ideale Einführung in eine unterschätzte und eigenständige Kraft in der Weltliteratur, die an den Wurzeln vieler der einflußreichsten literarischen Bewegungen steht, seien es traditionelle oder experimentelle”, schreibt der Verlag.
MODERN AND CONTEMPORARY SWISS POETRY. An Anthology. Edited by Luzius Keller
(Collection Swiss Literature Series)
112. Abenteuerreise in die russische Lyrik
Wir sollten Ingold dankbar sein, denn wenn konservativ bewahrend heißt, dann ist diese Anthologie im Wortsinne konservativ, und sie bewahrt das, was an der russischen Lyrik einmal revolutionär war, oder zumindest eine Ahnung von dem, was im Grunde an ihr noch revolutionär ist, und das war oder ist eben nicht die gereimte Feier der Arbeiterklasse und ihres als Oktoberrevolution bezeichneten Aufstandes, der ja wesentlich nur ein Putsch von sich selbst zur politische Avantgarde erklärenden Bolschewiki gewesen ist. …
Der Gedanke einer literarischen Evolution scheint mir auch einer der grundlegenden dieser Anthologie. Es handelt sich also zum Glück nicht eben um die achtzigste Blütenlese oder um ein Best-of der russischen Lyrik, sondern stellt diese als ein sich entwickelndes, sich ausdifferenzierendes lebendiges Gefüge dar. Und auch deren Geschichte hat unter diesem Gesichtspunkt alle Statik verloren. Deshalb scheint es mir auch folgerichtig, dass in der Präsentation der Texte, die Chronologie umgekehrt wurde. Ich schlage dem Leser demnach auch vor, sich an die vorgeschlagene Reihenfolge im Buch zu halten. Man beginnt also in der unserer Zeit am nächsten gelegenen Textkonstruktionen, zum Bespiel denen Prigovs oder anderen Dichterinnen und Dichtern des Informell, und begibt sich auf eine Abenteuerreise ins Vergangene, das einem zuweilen sehr Präsentsisch erscheint. Und natürlich sind nicht alle Texte von gleichermaßen hoher Qualität. Zuweilen geht es sehr holprig zu auf dem Weg rückwärts durch die Zeit. Umso mehr wird man Entschädigt wenn man auf die Texte der Leuchttürme der russischen Dichtkunst trifft, und Namen wie Achmatowa, Chlebnikow und Charms sind hier nur Beispiele. / Jan Kuhlbrodt, fixpoetry
»Als Gruß zu lesen« Russische Lyrik von 2000 bis 1800. Ausgewählt, herausgegeben und übersetzt von Felix Philipp Ingold
536 Seiten. Leinen mit Leseband € 33.00 ISBN 9783908777656 Dörlemann Verlag Zürich 2012
91. Für eine Poetik der Anthologie
Selbstanzeige
Nice to have – und mehr als das
Für eine Poetik der Anthologie
Von Felix Philipp Ingold
Anthologien machen einen beträchtlichen Teil der aktuellen Buchproduktion aus – sie kommen dem weit verbreiteten Bedürfnis nach rascher Information, ordnender Übersicht, repräsentativer Auswahl entgegen. Ob “Seneca für Manager”, “Hesse für Minuten”, “Schopenhauer zum Vergnügen”, “Gedichte über den Mond”, “Deutsche Bräuche in Gedichten” oder einfach “Deutsche Lyrik von den Anfängen bis zur Gegenwart” – literarisches Kurzfutter dieser Art ist gefragt, wird dementsprechend reichlich produziert und ist gemeinhin stapelweise vorrätig in Grossbuchhandlungen, an Bahnhofskiosken und Autobahnraststätten.
Anthologien sind nice to have, finden sich vorzugsweise im Urlaubsgepäck oder auf dem Klubtisch zwischen TV-Gerät und Sofa. Das Interesse des Feuilletons bleibt dieser Textsorte allerdings ebenso weitgehend versagt wie das der Literaturwissenschaft. Was durchaus nachvollziehbar ist, wenn man bedenkt, dass Anthologien in aller Regel nichts Neues zu bieten haben; dass sie vielmehr darauf angelegt sind (und schon immer darauf angelegt waren), bereits vorhandene Materialien unter bestimmten Gesichtspunkten (nach Epochen, Themen, literarischen Gattungen oder Textsorten) zu kompilieren, sie gegebenenfalls zu bearbeiten, zu kürzen usf.
Als grundlegendes Ordnungsprinzip gilt nach wie vor die Chronologie, unabhängig davon, ob eine Nationalliteratur, ein Epochenstil oder das Werk eines einzelnen Autors in repräsentativer Auswahl anthologisch vorgeführt wird. Als “repräsentativ” gilt eine “Auswahl” gemeinhin dann, wenn sie dem Qualitätsprinzip folgt, wenn sie also – dem griechischen Begriff der Anthologie als “Blütenlese” entsprechend ‒ der Leserschaft “the best of” vor Augen führt. Es mag sich um “Liebesgedichte” des Barock, um “Sonette” von Friedrich Rückert oder Joseph Brodsky, um “Weihnachts-” oder “Kriegsgeschichten”, um “Prosagedichte” des Jugendstils handeln – in jedem Fall besteht das Anliegen (auf Herausgeber- wie auf Publikumsseite) darin, die besten Texte zu einer repräsentativen Auswahl zusammenzuführen.
Nur scheint kaum jemand zu bedenken, dass die besten Autoren eine literarische Epoche ebenso wenig zu repräsentieren vermögen wie die besten Texte eines Einzelautors dessen Gesamtwerk. In Bezug auf eine Epoche, auf einen Autor sind nicht die “besten”, mithin die seltensten Texte repräsentativ, sondern jene, die in durchschnittlicher Qualität am häufigsten vertreten sind. Dass auch “beste” Autoren – von Goethe bis Rilke und Celan ‒ insgesamt weit mehr mittelmässige denn “beste” Texte geliefert haben, ist durch ihre Werkausgaben klar genug belegt. Kriterien wie “repräsentativ”, “typisch”, “charakteristisch” haben, entgegen den üblichen Vorurteilen und Erwartungen, primär mit Quantität zu tun, können also logischerweise nicht mit “the best of” abgedeckt und abgegolten werden.
So betrachtet können Anthologien im Regelfall gerade nicht als stellvertretend gelten für das, was sie angeblich objektiv dokumentieren. Objektivität könnte einzig dadurch erreicht werden, dass die “Blütenlese” ausser raren Orchideen auch Feld-, Wald- und Wiesenblumen, ja sogar Unkraut in die Auswahl einbezöge, das heisst die gesamte literarische Flora, von der Epochen- und Personalstile gleichermassen geprägt sind. Damit könnte sich die Anthologie von ihrem unbedarften didaktischen Image emanzipieren, könnte zur Fundgrube werden für verkannte, verfehlte, verfehmte Texte, die zusammen mit den Meisterwerken einen Kontext bilden, den man in Bezug auf ihr jeweiliges Zeitliches oder thematisches Einzugsgebiet für repräsentativ halten dürfte. Die Anthologie wäre dann weit mehr als bloss eine Bestätigung des geltenden literarischen Kanons, für den ausschliesslich das Beste gut genug ist und der sich an Leuchttürmen, an Berggipfeln orientiert, ohne auf deren Grundfesten – die Literaturproduktion in ihrer ganzen Breite ‒ zu achten.
II
Solche Beachtung wollte ich der russischen Lyrik der vergangenen zweihundert Jahre verschaffen mit meiner Textsammlung “Als Gruss zu lesen”*, einem zweisprachigen Reader, der sich nach Umfang und Konzept von allen bisherigen Anthologien (nicht nur zur russischen, auch zur deutschen Poesie) markant unterscheidet.
Die Sammlung ist darauf angelegt, neben kanonisierten Meistern auch weniger bekannte und selbst völlig vergessene Dichter zu Wort kommen zu lassen, die zur Lyrik Russlands zwischen Aleksandr Puschkin und Bella Achmadulina das Ihre beigetragen haben, ohne jedoch in die Literaturgeschichte einzugehen oder gar im allgemeinen Leserbewusstsein zu überdauern ‒ einstmals erfolgreiche Modeautoren aus dem literarischen Mittelfeld gehören ebenso dazu wie marginale Talente, die mit vereinzelten hochrangigen Gelegenheitsgedichten aufwarten können, nicht aber mit einem nachhaltigen Lebenswerk, das sich mit ihrem Namen identifizieren liesse.
Die Anthologie “Als Gruss zu lesen” präsentiert weit über einhundert Autoren mit je einem Gedicht, die meisten davon in deutscher Erstübersetzung. Die Abfolge der Gedichte verläuft umgekehrt zur Chronologie, beginnt mit den jüngsten zeitgenössischen Autoren und Texten und entwickelt sich gleichsam archäologisch zur Vergangenheit hin – der Verlauf entspricht mithin einer gewöhnlichen, um nicht zu sagen: einer natürlichen Retrospektive, die sich vom Gegenwärtigen und Vetrauten allmählich abhebt und durch die Geschichte zu den vorgegebenen Anfängen zurückführt, in diesem Fall zu den Anfängen der neuzeitlichen russischen Dichtung im Zeitalter Puschkins, Shukowskijs, Batjuschkows.
Klar ist, dass ein einzelner Text weder für den jeweiligen Autor noch für die entsprechende literarische Epoche repräsentativ sein kann. Das Ziel besteht hier jedoch darin, aus möglichst vielen, formal wie thematisch möglichst unterschiedlichen Einzelstücken eine repräsentative Bestandsaufnahme der russischen Lyrik insgesamt zu erstellen. Diesem Ziel dient nicht zuletzt der umfangreiche Kommentar, der jeden Autor und jeden Text separat einführt und einordnet. Kanonisierte beziehungsweise schulbuchtaugliche Gedichte haben, der Wirklichkeit des literarischen Lebens entsprechend, am Gesamtbestand der Anthologie einen verhältnismässig geringen Anteil; stärker vertreten sind vergessene Gedichte von kaum noch bekannten Autoren (Batenkow, Liwschiz, Petrowych, Parnok u.a.m.), die aber qualitativ hinter dem Kanon nicht zurückstehen. Andererseits mussten, um die kollektive Repräsentation der neueren russischen Dichtung zu gewährleisten, auch manche Texte minderer Qualität aufgenommen werden, wie sie etwa für die 1860er/1870er oder die 1940er/1950er Jahre charakteristisch und im Literaturbetrieb dominant gewesen sind.
Dazu kommt, dass Russlands literarische Kultur ohne Berücksichtigung der Übersetzung nicht adäquat darzustellen ist. Dichterisches Übersetzen gilt hier als eine Spielart dichterischen Schreibens schlechthin und hat sich seit der Puschkinzeit so weitgehend verselbständigt, dass die Übersetzer in vielen Fällen als Autoren auftreten und ihre Nachdichtungen als Originalgedichte deklarieren. Diese besondere Art des Übersetzens als Poesie bringe ich in meiner Anthologie ebenso zur Geltung (etwa mit Texten von Annenskij, Brjussow, Iwanow) wie das Dichten in Fremdprachen, das in der russischen Exillyrik (etwa bei Nabokow, der Zwetajewa oder Brodsky) zu höchster Qualität entwickelt wurde.
Natürlich hoffe ich und wünsche ich mir, dass meine am Leitfaden der russischen Dichtung hier erstmals angewandte Poetik des Anthologisierens auch in Bezug auf andere Nationalliteraturen produktiv gemacht und allenfalls noch differenziert wird. Darüber hinaus besteht meine Ambition darin, die Anthologie als eigenständige Textsorte plausibel zu machen und durchzusetzen. Wie ungern freilich gängige Erwartungen aufgegeben werden, ersehe ich aus den wenigen bislang vorliegenden Besprechungen.
Als befremdlich wird allein schon die umgekehrte Chronologie empfunden, als noch befremdlicher die Beschränkung auf ein Gedicht pro Autor, und vollends inakzeptabel scheint die Aufnahme solcher Dichter und Texte zu sein, die dem Qualitätsstandard des Kanons nicht entsprechen. Dass eine schockierte Rezensentin eines der von mir präsentierten Gedichte als Druckfehler- beziehungsweise “Buchstabensalat” verkennt, offenbart ja nicht nur, dass sie meinen Kommentar dazu nicht gelesen hat, es zeigt auch, dass in einer historisch konzipierten Anthologie experimentelle Texte nach wie vor nicht erwartet werden und schon gar nicht gefragt sind. Solchen Vorurteilen entgegenzuwirken, war für mich ein zusätzliches Motiv bei der Ausarbeitung dieses grossen Lyrikbuchs, das nun “als Gruss zu lesen” ist.
*) Felix Philipp Ingold, “Als Gruss zu lesen”. Russische Lyrik von 2000 bis 1800. Russisch-Deutsch. Dörlemann Verlag, Zürich/Hamburg 2012; 533 Seiten, mit Abb.
69. Replik
Von Felix Philipp Ingold
Ein merkwürdiges Phänomen sind jene Kommentare Ingolds, die so vernichtend wirken, als wollten sie einem die Lust zum Weiterlesen austreiben. Man versteht nicht, wie ein Herausgeber, von dem man doch meinen sollte, er empfehle seine Ausgabe, sich derart selber ein Bein stellen kann. (Birgit Veit in “Neue Zürcher Zeitung”, 2012-06-06)
Was man bei der Lektüre meiner Lyrikanthologie Als Gruss zu lesen “meinen sollte” (also erwarten dürfte), legt die Rezensentin in ihrer kritischen Besprechung wortreich und mit merklicher Irritation dar. Indigniert wirft sie mir vor, einige der ins Buch aufgenommenen Autoren schlecht zu machen und damit nicht nur ihren weithin anerkannten Rang herabzumindern, sondern auch dem Grundprinzip anthologischer Auslese zu widersprechen.
Dass eben dies mein erklärtes Ziel ist, entgeht ihr, obwohl ich im Vorwort deutlich mache, dass meine “Blütenlese” ausser Orchideen auch mindere Gewächse und sogar Unkraut berücksichtigt, weil erst all dies zusammengenommen die literarische Kultur einer Epoche oder einer Nation ausmache. Auch verkennt die Rezensentin, dass es innerhalb meines Konzepts kein Kritiktabu geben kann; dass also von einem starken Autor (etwa Wiktor Sosnora), einer starken Autorin (etwa Jelena Schwarz) durchaus gesagt werden darf, dass es in deren Gesamtwerk – wie übrigens bei jedem Dichter ‒ auch schwächere und beiläufige Texte gibt.
Es ist schon dreist (oder ist es bloss unbedarft?), von mir eben das zu erwarten, sogar zu fordern, was ich explizit nicht zu liefern beabsichtige. Meine Anthologie ist gerade kein weiterer Beitrag zur Kanonisierung “schöner”, “bedeutender”, “wunderbarer” Gedichte oder “herausragender”, wenn nicht “genialer” Autoren. Als repräsentativ kann sich die Sammlung nur deshalb empfehlen, weil sie neben Meisterwerken auch Gelegenheitsgedichte – gelungene und weniger gelungene – berücksichtigt; weil sie ausser lyrischen Spitzenprodukten auch mittelmässige Ware zugänglich macht: die gängige Durchschnittsqualität prägt den Epochenstil (wie übrigens oft auch den Personalstil der Autoren) weit mehr als vereinzelte dichterische Höchstleistungen.
Lew Tolstoj war’s doch, der einst das Elend aller Kanonisierung – auch seiner eigenen! ‒ beklagte und davor warnte, grosse Namen und kanonisierte Werke bloss aufgrund ihrer literarhistorischen Einstufung der Kritik zu entziehen. Nicht alles – eigentlich doch das Wenigste – von dem, was als “klassisch” und somit als vorbildlich gilt, vermag auf Dauer, bei unvoreingenommener Lektüre, seinen angeblichen Rang zu bewahren, so wie auch keineswegs jene andern Autoren vergessen werden sollten, die vom Kanon ausgeschlossen blieben und in der Literaturgeschichte dementsprechend marginalisiert wurden. Unter den Aussenseitern gibt es – meine Anthologie ist ein Beleg dafür ‒ “Genies”, die mit noch unerkannten “Meisterwerken” manches von dem übertreffen, was weiterhin als “ewiger Vorrat” europäischer Dichtung gehortet wird.
Felix Philipp Ingold, “Als Gruss zu lesen”. Russische Lyrik von 2000 bis 1800. Russisch/Deutsch. Dörlemann Verlag, Zürich 2012, 532 S.