90. Heidelberger Ästhetik in Leipziger Verlag

Ein wichtiges Buch ist anzuzeigen, eine Anthologie von 100 Gedichten der Gegenwart, jeweils mit einem etwa zweiseitigen Kommentar versehen. Die Kommentatoren sind verbürgte Fachleute, Michael Braun und Michael Buselmeier, ihre Kommentare sind nützlich und ärgerlich, wie es zu gehn pflegt. Denn wenn man sich über die eine und andere Aussage ärgert und gaaanz anderer Meinung ist, war es doch der Kommentar, der einen drauf gebracht hat. Also ein Buch, das Profis ebenso wie interessierten Laien etwas bringt: anschaffen! lesen! Eine Quelle meines Dissents mache ich im Vorwort der Herausgeber aus: das häuft schon im zweiten Satz mit „chiffriert“, „vieldeutig“ und „verstehen lernen“ recht kopflastige Begriffe auf die mehr oder weniger zarten Gedichtpflänzchen. „Das Verstehen in der Lyrik hat der Teufel gesehen“, meint Stolterfoht: Michael B + Michael B, seid ihr des Teufels?
Indes bietet das Vorwort einen weiteren Stolperstein. Am Ende der ersten Seite lese ich, schon im Sprung beifällig nickend: „So stehen neben den Texten prominenter Dichter der Gegenwart vorzügliche Gedichte (Bravo!) von oft ganz unbekannt gebliebenen (Bravissimo!) oder schnell vergessenen Autoren, wortmächtigen Außenseitern (Toll!), und man kann daraus folgern, wie ungerecht die selektierende (sehr gut!) Literaturkritik häufig (ich hätt es nicht besser sagen können!) –
an dieser Stelle muß man umblättern und liest weiter: „verfährt.“ Sehr richtig, denkt der Leser, und selbstkritisch ja auch! Aber der nächste Satz bleibt, jetzt sage ich mir und nicht einem: bleibt mir im Halse stecken: „Gedichte zum Beispiel von Friederike Mayröcker, Marcel Beyer oder Monika Rinck, die nach ungewohnten, offenen Formen für ihre ästhetischen Erfahrungen suchen…“ (der Satz geht weiter mit Namen wie Wulf Kirsten, Christoph Meckel oder Gregor Laschen). Friederike Mayröcker, nach Form suchend? Marcel Beyer, unbekannt geblieben? Monika Rinck, schnell vergessen? Wo leben die denn, bzw. ich?  Welcher Teufel (da ist er wieder) hat die erfahrenen Leser und Kritiker geritten, diese Namen mit diesen Adjektiven zu koppeln? Hat man das in Wien schon bemerkt? Typisch deutsch, wird man dort denken, wenn man liest, wie Mayröcker zur Außenseiterin stilisiert wird. Eingedenkend, daß Suhrkamp in Frankfurt seit langem Friederike Mayröckers Hausverlag ist, borge ich mir lieber ein Wort von Thomas Kunst und mutmaße, hier spricht wohl die Heidelberger Ästhetik. Wenn das zutrifft, wird es Zeit, ihr eine Leipziger Ästhetik entgegenzusetzen.
/ Michael G

Michael Braun / Michael Buselmeier: Der gelbe Akrobat. 100 deutsche Gedichte der Gegenwart, kommentiert
Gebundene Ausgabe 360 S. | 19,95 €
Poetenladen 2009

One Comment on “90. Heidelberger Ästhetik in Leipziger Verlag

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