Es gibt Literaturschaffende, die der Ruhm nicht zu umarmen, sondern eher scheu zu umkreisen scheint. Substanz und Tiefe ihres Schaffens sind spürbar wie die Präsenz eines Bergmassivs; aber längst nicht allen Lesern ist es vergönnt, ins Innere der Materie vorzudringen, ihre Schichten auszuleuchten, ihre Goldadern freizulegen. Der am 30. Juni im Alter von 84 Jahren verstorbene britische Lyriker Geoffrey Hill zählte zu dieser Gattung von Autoren; das Wort «schwierig» schien untrennbar mit seinem Namen verbunden. Aber der «Guardian» scheute sich auch nicht, den Dichter anlässlich seiner 2013 erschienenen, 50 Schaffensjahre überspannenden Werkausgabe «Broken Hierarchies» als den «grössten lebenden Dichter englischer Sprache» zu bezeichnen. / Angela Schader, NZZ
Marcel Beyer besuchte Friederike Mayröcker in Wien und schreibt darüber in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung, Auszug:
Wir sitzen in Friederike Mayröckers Küche, unterm Dach. Immer war ihr die französische Literatur des zwanzigsten Jahrhunderts wichtig, insbesondere Prosawerke, die sich unter der schönen, im Deutschen undenkbaren Gattungsangabe „récit“ fassen lassen, also einem Erzählen, das nicht auf einen Plot angewiesen ist, mit leichter Hand zwischen Beobachtung und Imagination wechselnd, das Ineinandergreifen von Schreiben und Leben reflektierend: das Farnkraut-Augen-Buch „Nadja“ von André Breton etwa, „Mannesalter“, der Auftakt des lebenslangen Autobiographieprojekts von Michel Leiris, der Bericht „Sommer 1980“ von Marguerite Duras, Maurice Blanchots „Der Wahnsinn des Tages“, die Meskalinbücher von Henri Michaux oder das Werk Claude Simons, in dem so gut wie nichts erfunden ist, ohne dass es darum am Fliegenpapier Wirklichkeit klebte. Kurzum: das absichtslose Erzählen.
Keine Leseliebe aber hat so lange gehalten, ist bis heute so intensiv und euphorisch und anregend wie Friederike Mayröckers Leseliebe zu Jacques Derrida. Ob sie sich noch erinnere, wie sie ursprünglich auf ihn gestoßen sei, frage ich sie. Friederike Mayröcker steht auf und holt den ersten Band von Derridas philosophischem Briefroman „Die Postkarte“ aus dem Nebenzimmer – mindestens drei Exemplare dieses Buches finden sich in ihrer überbordenden Arbeitsbibliothek. Unter welchen Umständen es dorthin gefunden hat, bleibt im Dunkeln, doch die Arbeitszusammenhänge können wir rekonstruieren: Die deutsche Übersetzung von „La carte postale“ erschien 1982, und die Lektüre muss sich nahezu unmittelbar als schreibfördernd erwiesen haben, finden sich doch die ersten Derrida-Bezüge in dem 1982/83 entstandenen Prosawerk „Reise durch die Nacht“.
Wie das Collège de France in Paris mitteilte, starb der französische Dichter, Übersetzer und Kunstkritiker Yves Bonnefoy gestern im Alter von 93 Jahren. Er galt als einer der bedeutendsten französischen Lyriker der Nachkriegszeit. Bonnefoy schrieb Essays über Künstler wie Picasso, Balthus, Giacometti oder Mondrian und erzählende Texte, übersetzte Theaterstücke von Shakespeare und Gedichte von John Keats.
„Die Aufgabe des Dichters ist es, einen Baum zu zeigen, bevor uns unser Intellekt sagt, das ist ein Baum“, schrieb er.
Sein erstes Gedicht veröffentlichte er 1946 in der surrealistischen Zeitschrift La Révolution la nuit. Aber die Nähe zum Surrealismus dauerte nicht lange. Er erkannte an, daß der Surrealismus das Denken von der Zwangsjacke der Gesetze und Dogmen befreit habe, aber warf Breton vor, sich zu Gunsten eines gewissen „Okkultismus“ vom Wirklichen entfernt zu haben. Nicht eine unwahrscheinliche Surrealität wolle er umarmen, sondern wie der von ihm bewunderte Rimbaud die rauhe Wirklichkeit“. 1947 brach er endgültig mit Breton und seiner Bewegung. Trotzdem leugnete er nie seinen Einfluß: besonders die Öffnung zum Traum und den Zugang zu „großen, wilden, unberechenbaren Bildern“. / Amaury da Cunha, Le Monde
Hätte ich, wie in so manchem Märchen, einen Wunsch frei, dann wäre es dieser: dem Gedicht den medialen Platz einzuräumen, der ihm als der so gern zitierten «Königsdisziplin» der Literatur doch wie selbstverständlich zustehen müsste. Jedes Jahr aufs Neue wird der «Lyrikboom» beschworen. Aber der Platz, der Besprechungen von Gedichtbänden in den Zeitungen und im Radio zugemessen wird – er wird kleiner und kleiner. Flotte Feuilletons über die Situation der Lyrik? Bitte nicht!
Das Gedicht braucht den genauen Blick. Das aufmerksame, geduldige, bald emphatische, bald ins Denken gedrehte Lesen und Wiederlesen. Das Abtragen der Schichten, Auffächern der Bedeutungsstränge, der Rhythmen und Klänge, der Brüche und Widersprüche, die es, das Gedicht, in sich trägt. Und es braucht diesen Blick in jenen Medien, die den Gedichtartikel neben die politische Glosse, den Wirtschaftskommentar und den Sportbericht stellen.
Wenn die Zeitungen der Kritik diese Möglichkeiten nicht bieten, wird sie sich ihre eigenen Inseln suchen, zum Beispiel ins Netz abwandern. Es gibt schon längst sehr schöne Foren, in denen Lyrik besprochen wird. Allerdings finden dort meist Schreibende und Lesende zusammen, die sich ohnehin für Gedichte interessieren. Ein Ideal wäre, würden sich die Kritik in der Zeitung und die Kritik im Netz gegenseitig ergänzen.
Nico Bleutge, aus der Dankrede zur Verleihung des Alfred-Kerr-Preises für Literaturkritik auf der Leipziger Buchmesse, NZZ 11.6.
Leseecke ist eine Rubrik, die sich der Veröffentlichung aller 154 Sonette Shakespeares in Günter Plessows Übersetzung und dem Originaltext (bei Signaturen) anschließt und hier Leseecke und Forum zur Diskussion über die Sonette und / oder Übersetzungen sein kann. Jedenfalls ich werde an 154 Tagen (mit Zwischenraum, um durchzuschaun) mir jeweils eins der Sonette vornehmen und hier den Originaltext und zusätzliches Material anbieten. Einladung zum Pendeln von Shakespeare zu Plessow und zurück (wenns sein muß auf Umwegen über Schlegel/Tieck, Bodenstedt, George, Kraus & Co). (Die Zahl neben dem Wort Leseecke ist die Nummer des Shakespearesonetts). Zur Originalschreibweise: u / v und i / j sind fast regellos austauschbar, liue lies live, ioy lies joy.
Sonette 15-21 bei Signaturen hier
Bisherige Folgen der Leseecke hier.
15
BVt wherefore do not you a mightier waie
Make warre vppon this bloudie tirant time?
And fortifie your selfe in your decay
With meanes more blessed then my barren rime?
Now stand you on the top of happie houres,
And many maiden gardens yet vnset,
With vertuous wish would beare your liuing flowers,
Much liker then your painted counterfeit:
So should the lines of life that life repaire
Which this (Times pensel or my pupill pen)
Neither in inward worth nor outward faire
Can make you liue your selfe in eies of men,
To giue away your selfe, keeps your selfe still,
And you must liue drawne by your owne sweet skill,
Einige Anmerkungen zum Text:
1 BVt wherefore unvermittelter Anschluß an das vorige Argument
3 fortifie befestigen, wappnen (gegen den Ansturm der Zeit)
4 blessed (zweisilbig blessèd) gesegnet, bedeutet auch schwanger – my barren rime die Dichtung hat ihren Auftritt, gar nicht glanz- und prunkvoll. Der Dichter (in Vers 11 mit seinem Stift präsent) ist persönlich anwesend und macht auf die Kluft zwischen Literatur und Leben aufmerksam. Insofern ist es hier keine Bescheidenheitsgeste. Auch der potenteste Reim und die größte Feder (meine) kann nicht leisten, was du selber mit gesegneteren Mitteln vermöchtest.
5 top Zenith
6 muß man erklären, was noch unbestellte jungfräuliche Gärten sind? Das Oxford English Dictionary (OED) zitiert diese Stelle für die Ausweitung der Bedeutung des Wortes unset von „nicht bepflanzt“ zu „unverheiratet“.
7 der Vergleich der Braut mit einem Garten ist ein Renaissancetopos, der aus dem Hohelied 4, 12 abgeleitet ist:
Meine Schwester, liebe Braut, du bist ein verschlossener Garten, eine verschlossene Quelle, ein versiegelter Born. Deine Gewächse sind wie ein Lustgarten von Granatäpfeln mit edlen Früchten
9 lines of life a) genealogische Linien b) Linien einer „nach dem Leben“ gezeichneten Porträtskizze c) Verse (die „unsterblich machen“, hier also trotz der barren rimes) d) dem Leben vom Schicksal gesetzte Grenzlinien
10 pensel (pencil) und pen sind traditionell die Repräsentanten von Bildender Kunst und Poesie. Pencil, aus dem Altfranzösischen übernommen, bedeutete ursprünglich Pinsel (vom lateinischen Diminutiv von penis abgeleitet, penicillum = kleiner Penis), erst später auch (Blei)stift. Pen dagegen stammt – ebenfalls über das Altfranzösische – vom Lateinischen penna = Feder ab. Pencil wäre für die Aufzeichnung des Äußeren zuständig, pen des Inneren (vgl. nächste Zeile: inward worth / outward faire.
12 eies eyes in eies of men a) vor den Augen von Menschen b) nach der Meinung der Welt
13 giue away Oxford Shakespeare kommentiert: heiraten oder Samen beim Geschlechtsverkehr verlieren
14 must hier: kann, vermag drawne gezeichnet nimmt das Spiel mit pen / penis auf, das damals verbreitet war und auch sonst bei Shakespeare vorkommt. Der Kaufmann von Venedig:
Well doe you so: let not me take him then,
for if I doe, ile mar the young Clarks pen.
A.W. Schlegel übersetzt verdunkelnd:
Gut! tut das nur, doch laßt ihn nicht ertappen,
Ich möchte sonst des Schreibers Feder kappen.
Ich vergleiche mal Verse 7 und 14 in mehreren deutschen Fassungen:
7 With vertuous wish would beare your liuing flowers
ihr Wunsch wird dir lebend’ge Blumen bringen (Kannegießer)
Im Wunsch, lebend’ge Blüte dir zu tragen, (Max J. Wolff nach Schlegel/Tieck)
Will herzhaft dir lebendige Blüten tragen (Ludwig Fulda)
mit junger Blume Huld dir aufzuwarten (Karl Kraus)*
14 And you must liue drawne by your owne sweet skill,
Und wirst bestehn, gemalt von eigner Hand. (Max J. Wolff nach Schlegel/Tieck)
Leb fort, von eigner Liebeskunst gemalt (Ludwig Fulda)
das Bild, das bleibt, du mußt es selbst gestalten (Karl Kraus)
Leb durch dein eignes süsses meisterstück (Stefan George)
*) Kraus schießt wie meist den Vogel ab.
Deutsche Fassung von Stefan George:
und Ludwig Fulda:
Die Vorjury der zweiten Vorrunde (Andrea Heuser, Àxel Sanjosé und Christel Steigenberger) hat folgende Autorinnen und Autoren ausgewählt:
Die Lesung findet am Montag, den 4. Juli, in den Räumen der Sendlinger Kulturschmiede, Daiserstraße 22, in München-Sendling statt. Eintritt 5 Euro, ermäßigt 3.
Die Jury des Abends – Dagmar Leupold, Markus Hallinger und Sophie Reyer – wird zwei Autor/inn/en für das Finale im Herbst nominieren.
Jan Kuhlbrodt schreibt bei Signaturen über Dagmara Kraus:
Neben dem Titel war es vor allem der erste Vers, der mir Anker war, und auf den ich, wenn es schwierig wurde, mich im Textgelände zu bewegen, immer wieder zurückkam:
wochen ankern auf rümpfen guter antennen und mein mane ratzt noch
Das Humorpotential dieses Verses ist groß genug, dass es mich im Verlauf des Buches trägt. Im Weiteren des ersten Gedichtes wird an das Thema des Verses angelegt, sowohl thematisch als auch klanglich.
Ich hab mir die strümpfe an den teppich genäht, um nicht von hier wegzurennen
Irgendwo hörte ich bei der Lektüre in meinem Hinterkopf das Lachen von Meret Oppenheimer und Unica Zürn. Man kann also sagen, ich las in bester Gesellschaft.
Dagmara Kraus: das vogelmot schlich mit geknickter schnute. Gedichte und Collagen. Berlin (kookbooks) 2015. 32 Seiten. 22,00 Euro.
Aber Schreiben ist für Schittko nicht allein Notwehr, sondern auch eine „asoziale Handlung“. Womit er vermutlich nicht nur die Einsamkeit des Schreibens meint, sondern durchaus auch die Möglichkeit und Notwendigkeit, rücksichtslos auszusprechen, was ihn stört. Zu benennen, was er für zutiefst fragwürdig hält.
Schittkos Gedichte sind erholsam direkt und unverschlüsselt. Sie haben etwas zu sagen und der Dichter hat den Mut, das, was er ausdrücken will, ganz direkt zu sagen. / Elke Engelhardt, KuNo
Weiter im Text, von Clemens Schittko, Ritter Verlag, 2016
Der Lyriker, Erzähler und Essayist Marcel Beyer ist der unumstrittene 15. Träger des Düsseldorfer Literaturpreises und hat den mit 20.000 Euro ausgestattet Preis von der Kunst- und Kulturstiftung der Düsseldorfer Sparkasse jüngst in Empfang genommen. Gelobt wurde von der Jury sein politisches und historisches Interesse, sein hohes Reflexionsvermögen sowie seine Sprache, die scharfsinnig und akribisch genannt wird. / Rheinische Post
Er wurde gefeiert wie ein Staatsgast. Eine Blaskapelle spielte, als Günther Uecker zum Grab des Dichters Hafez im iranischen Schiraz ging. Auf diese Weise wurden im antiken Persien nur Gesandte ausländischer Mächte auf dem Weg zum König begleitet. Die Szene ist gut eingefangen in dem Film, den Regisseur Michael Kluth über die Reise des Düsseldorfer Künstlers nach Schiraz, Persepolis und Teheran vor wenigen Wochen gemacht hat. Viele Menschen drängten sich um den vorsichtig schreitenden Künstler, der an diesem von den Iranern verehrten Ort seinen Werkzyklus „Huldigung an Hafez“ ausgestellt hat.
Uecker über Hafis:
Als ich die Verse vor rund 50 Jahren das erste Mal las, habe ich nur die Trunkenheit der Worte erlebt. Als ein Freund mir Jahre später sagte, der Bilderberg, den Hafez‘ in seinen Gedichten auftürme, passe gut zu meinem Bilderberg, habe ich mich erstmals tiefer mit dieser Lyrik befasst. Damals habe ich schon gespürt, dass die Verse weit über das Poetische hinausgehen. Sie sind aus einem tiefen Glauben heraus geschrieben, aber einem Glauben, mit dem der Dichter sich im Konflikt befand.
Hafez zeichnet Lobeshymnen an die Freude und die irdische Liebe, er huldigt Wein und Musik, kritisiert heuchlerische Frömmigkeit. Das haben die Mullahs nach der Revolution als Rebellion gegen den orthodoxen Islam interpretiert.
Die Mullahs beachteten ihn nicht so sehr. Das war übrigens zu seinen Lebenszeiten nicht anders. Schon seit der frühen Zeit der Verbreitung des Islam hat die Religion eine Strenge in die Welt der Gläubigen gebracht. Damit zu leben, empfand Hafez als widersprüchlich. Zwischen dem Alltäglichen und dem angeblich Wahrhaften gibt es immer Fehler. Lebensgenuss, Leidenschaft und Religiosität miteinander zu verschmelzen, war sein Anliegen. Hafez, der Korankenner, will den geraden Weg der Religion gehen, aber er kann es nicht immer. Manchmal geht er auch ins Wirtshaus. „Entschuldige Gott“, schreibt er in einem seiner Gedichte, „meine Füße tragen mich in eine andere Richtung.“
/Christiane Hoffmans, Die Welt 12.6.
Zum sechsten Mal wurde am Samstag in Wandersleben der Menantes-Preis für erotische Literatur vergeben. Die mit 2000 Euro dotierte Auszeichnung ging an Hellmuth Opitz aus Bielefeld. Denn mit 500 Euro dotierten Publikumspreis konnte Ingrid Svoboda aus Wien entgegennehmen. / TLZ
Nach seinem Lauf-Buch „42,195: Warum wir Marathon laufen und was wir dabei empfinden“ hat der Hamburger Autor und Publizist Matthias Politycki sich mit seinem neuen Buch auf das literarische Gegenteil geworfen – die Lyrik. / Die Welt
Alle paar Jahre wird wieder über einen angeblichen Lyrik-Boom geschrieben. In Wahrheit aber wird das Gedicht gerade in den klassischen Feuilletons an den Rand gedrängt. / Sagte Nico Bleutge völlig zu Recht in seiner Dankrede zur Verleihung des Alfred-Kerr-Preises für Literaturkritik auf der Leipziger Buchmesse, die die NZZ gekürzt abdruckte.
seiner als seriös geltenden Autoren hat nicht nur Suhrkamp (psst, Name wird nicht verraten. Darf ja auch gar nicht 😉 ), sondern jetzt auch der Erbe des Dichters Rudolf Borchardt, berichtete die NZZ.
Der 1907 in L’Isle-sur-la- Sorgue geborene René Char war Poet, Denker und Partisan. Nach einer Begegnung mit André Breton und Paul Éluard einige Jahre Mitglied der Surrealisten in Paris, ging er nach der Eroberung Frankreichs durch Nazideutschland 1940 mit der Frau von Tristan Tzara, der schwedischen Malerin Greta Knutson, zurück in seine provenzalische Heimat und führte als „Capitain Alexandre“ eine Widerstandsgruppe. In diesen Jahren versuchte er der Poesie zu entsagen, dennoch entstanden Notizen, Aphorismen und Prosagedichte. Diese Aufzeichnungen aus dem Maquis wurden von seinem Freund Albert Camus, der Char für den größten Dichter Frankreichs seit Apollinaire hielt, unter dem Titel Hypnos herausgegeben; von Paul Celan ins Deutsche übertragen, erschienen sie das erste Mal 1959. / Richard Wall, Der Standard
René Char, „Suche nach Grund und Gipfel“, deutsch von Manfred Bauschulte, € 22,90 / 224 Seiten, Klever, Wien 2016.
Raymond Antrobus ist Junger oder Jugend-Poet Laureate (Young Poet Laureate) von London, ein Amt, zu dem die britische Hauptstadt jedes Jahr einen im UK lebenden Dichter zwischen 21 und 30 ernennt. Antrobus ist jamaikanischen Ursprungs in der zweiten Generation. Obwohl er nur hin und wieder nach Jamaika reist, betont der Sohn eines jamaikanischen Vaters und einer englischen Mutter den Einfluß seines jamaikanischen Erbes. „Meine Eltern hatten eine komplizierte Beziehung, genau wie ihre Nationen.“ / Jamaica Gleaner
Mit einem sehr ungewöhnlichen Kunst-Poesie-Projekt stimmt der in Berlin lebende argentinische Künstler und Dichter Cristian Forte auf den Hausacher Leselenz ein. Er gestaltet mit 50 Hausachern ein Hebel-Gedicht mit einem von ihm erfundenen »Fingeralphabet«. / Mittelbadische Presse
Gregor Dotzauer interviewte den amerikanischen Dichter Charles Simic, Tagesspiegel 14.6.
Zu seiner Amtseinführung als Präsident der USA lud John F. Kennedy den Dichter Robert Frost ein und begründete damit eine neue Tradition. Für den Fall, dass Donald Trump bei Ihnen anklopft: Hätten Sie ein Gedicht für ihn?
Die Wahrscheinlichkeit, dass Trump überhaupt einen Dichter einlädt, geht, wie Sie wissen, gegen null. Ich hätte aber auch unter anderen Umständen wenig beizutragen. Denn was Dichter zu solchen Anlässen beigetragen haben, war fast immer mies. Es funktioniert nicht, und ich habe Mitleid mit jedem, der es tut – selbst bei Clinton und Obama. Nach 9/11 bat der Kongress Billy Collins, den damaligen Poet Laureate der USA, ein Gedicht über das Geschehene zu schreiben. Doch als er „The Names“, ein ungewöhnlich gutes Gedicht schließlich vortrug, waren die meisten Gäste nur perplex. Wer ist das, fragten sie sich. Und: Was ist hier eigentlich los? Sie hatten offenbar noch nie ein Gedicht gehört. Das sagt alles über die Situation der Poesie in unserem Land.
Michael Braun: Der Zusammenherstellungs-Zwang wird doch auch von Günter Eich verweigert, er zieht sich doch auf eine Negation zurück: Leute, „es reicht“.
Jürgen Nendza: Ja, das Gedicht endet mit einer abwinkenden Geste. Aber wir wissen, Günter Eich hat weitergeschrieben. Der ursprüngliche Wahrheitssucher Günter Eich, den finden wir hier poetisch nicht mehr wieder. Die Wahrheit ist suspekt geworden, sie ist nicht sprachlich, poetisch erreichbar. Doch der Dichter Günter Eich schreibt ja weiter. Dieses „und“ ist sehr ambivalent, das sehe ich auch. Eich bleibt sich durchaus treu, er ist konsequent auch in dieser Ambivalenz. Und das ist faszinierend. Es wird zum Schluss bei Günter Eich immer wichtiger, gegen die Sprachlenkung zu schreiben, gegen die Herrschaft, die Macht des vorschnell identifizierenden Denkens. Dadurch werden auf poetische Art und Weise Dementi erreicht. Es wird aber auch neu konstelliert, das heißt: Wir haben die Möglichkeit, Ordnungen neu zu überdenken, vielleicht auch sinnentleerte, entfernte Räume neu zu sehen, wahrzunehmen. Oder, wie er auch vorschlägt: zu meditieren, indem wir die Verstandesleistung der Interpretation, des Verstehens erst einmal suspendieren und einen Schritt zurückgehen, um die Sprache wirken lassen jenseits der für uns geltenden Sinnkontexte und Sinnvorstellungen. / Mehr
Jan Wagner gratuliert:
Bei aller Sinnlichkeit, die Pietraß’ Gedichte zu geradezu greifbaren Erscheinungen macht, sie duften und klingen läßt, bei aller Lebenslust, die sich sogleich auf den Leser überträgt, läßt sich der Basso continuo der Melancholie und eines großen Ernstes kaum überhören, auch nicht in einem Gedicht wie „Die Gewichte“, das einem der in wechselnden Verlagen publizierten Auswahlbände des Pietraßschen Werkes den Titel gab: „Die Muttermilch und das Vatererbe. / Mein Hunger nach Leben und das Wissen zu sterben. / Der Gang zum Weib, der Hang zum Wort. / Der Keim der Reinheit und wie er langsam verdorrt. / Das Strohfeuer und der glimmende Docht. / Aufruhr, der auf Gesetze pocht. / Die heillose Fahne im bleiernen Rauch. / Galle, verschluckt im Schlemmerbauch. / Die Statuten des exemplarischen Falls. / Mein niemals vollgekriegter Hals. / Der säuernde Rahm, der flüchtige Ruhm. / Die Grube und die Gnade postum.“ / Tagesspiegel 11.6.
Über einen neuen Sammelband von Jacques Roubaud schreibt Françoise Siri, La Croix 9.6.:
Seine Ausbildung als Mathematiker stellt er ganz in den Dienst des poetischen Schaffens mittels gelehrter Formenanalyse. Deshalb lud ihn Raymond Queneau 1966 in die Gruppe Oulipo ein. Im Band findet man extrem unterschiedliche Formen (vom Kalligramm bis zur Sestine) und Interessenssphären. Diese Vielfalt entspringt seiner poetischen Konzeption:
„Ein Gedicht ist ein sprachliches Kunstwerk in vier Dimensionen: für die Seite (also das Auge), für das Ohr (das was wir hören), für die Stimme (das was wir sprechen) und für eine innere Vision.“
Je suis un crabe ponctuel Anthologie personnelle 1967-2014, Jacques Roubaud, Gallimard, 192 p., 6,20 euros.
Beim „Versschmmuggel“ arbeiten fremdsprachige mit deutschen Dichtern gemeinsam an ihren Texten und übersetzen sie gegenseitig. Ziel ist es, so nahe wie möglich an dem Originaltext zu bleiben, aber auch die Poesie in dem jeweils anderen Land bekannt zu machen. Etwa ein Jahr haben nun Lyriker aus Indien, Pakistan, Sri Lanka und Bangladesh mit Dichtern aus Deutschland zusammengearbeitet und ihre Texte in 20 verschiedene Sprachen übertragen. (…) Die Übersetzungsarbeit erfolgt dabei in zwei Schritten: Zunächst werden die Texte von einem Übersetzer Wort für Wort, also rein inhaltlich übertragen, damit zumindest ein Grundverständnis des Textes vorhanden ist. Erst danach beginnt die eigentliche Arbeit der Dichterpaare. Mit der Hilfe eines professionellen Dolmetschers besprechen sie ihre Texte und übertragen sie somit Element für Element in die jeweils eigene Muttersprache. Im Laufe der letzten 15 Jahre konnte somit Lyrik aus 20 Sprachen – unter anderem Chinesisch, Hebräisch und Koreanisch – relativ originalgetreu übersetzt werden.
(…) „Die südasiatischen Sprachen sind in der Hinsicht sehr besonders, da manche Sprachen hier in Deutschland vollkommen unbekannt sind und ohne unsere Vorgehensweise gar keine gute Übersetzung möglich wäre“, so Wohlfahrt, der auch das Poesiefestival Berlin leitet. So verfasst Mamta Sagar aus der indischen Stadt Bangalore ihre Werke beispielsweise in Kannada, einer Sprache, die vornehmlich in Südindien gesprochen wird. Ihre Texte wurden von der Deutsch-Ungarin Orsolya Kalász in die deutsche Sprache „geschmuggelt“, während Sagar Kalász’ Dichtung in Kannada aufgeschrieben hat. Beide Lyrikerinnen stellen ihre Arbeiten heute vor. Außerdem wird Sajjad Sharif aus Dhaka in Bangladesch gemeinsam mit Dichterpartner Hendrik Jackson bengalische sowie deutsche Werke präsentieren. Weder Sagars noch Sharifs Gedichte wurden vorher in die deutsche Sprache übertragen und sind somit im doppelten Sinne „unerhörte Texte“, wie Wohlfahrt sagt. / Sarah Kugler, Potsdamer Neueste Nachrichten
Mehr: Deutsche Welle
„Man kann in dem Gedichtband auch Hrabals Entwicklung gut verfolgen. Begonnen hat er mit sehr schwärmerischen, hoch sensiblen Gedichten, im Geist des Poetismus verspielt, mit sehr schönen Bildern, die er mit seiner hohen Sensitivität sehr ausgeprägt wahrgenommen hat. Das sind zu Beginn teilweise sehr melodische, sehr schöne Gedichte. Dann kam die schwierige Zeit des Protektorats, des Zweiten Weltkriegs, und da hat sich schon die Zukunft danach abgezeichnet, und auch der geschichtliche Hintergrund klingt in den Gedichten an. Ganz am Ende hat Hrabal noch einen Zyklus reingekommen, der schon 1946 entstanden. Da ist schon der spätere Hrabal enthalten, der sich jetzt für das großstädtische Milieu, das Arbeitermilieu interessiert, der das Gefühl der sozialen Verantwortung entwickelt hat.“ /Martina Schneibergová, Radio Prag
Die Dichter anderer Nationen brechen auf der Bühne zusammen (Molière), erliegen der Cholera (Adam Mickiewicz), werden zu stark zur Ader gelassen (George Byron), ersticken an Gegenständen, die sie verschluckt haben (Tennessee Williams), oder werden von herabfallenden Ästen erschlagen (Ödön von Horváth). In Russland kommen die beiden wichtigsten romantischen Lyriker in einem Duell um – Alexander Puschkin ist siebenunddreissig Jahre alt, als er stirbt, Michail Lermontow siebenundzwanzig. Die literarische Relevanz des Duells ist in Russland also offensichtlich.
Felix Philipp Ingold hat es in einem fulminanten Buch unternommen, die Kulturgeschichte des Zweikampfs im Zarenreich nachzuzeichnen. (…)
Am 22. November 1909 schossen Nikolai Gumiljow und Maximilian Woloschin aufeinander – nicht ohne Seitenblick auf ihren Nachruhm wählten die Streithähne einen Ort nördlich von St. Petersburg, wo auch Puschkin gestorben war. Anlass des glimpflich ablaufenden Schusswechsels war Cerubina de Gabriac, eine angebliche exotische Meisterdichterin, die sich allerdings als literarische Mystifikation entpuppte. Als besonders erregbar erwies sich der esoterisch beflügelte Andrei Bely, der seine Dichterkollegen Waleri Brjussow und Alexander Blok wegen ästhetischer Meinungsverschiedenheiten in Duellforderungen verwickelte. In beiden Fällen kam es jedoch nicht zum Waffengang, sondern zu einem literarischen Turnier. / Ulrich M. Schmid, NZZ 14.6.
Die 1976 in Wien geborene und in Berlin und Wien lebende Autorin Sandra Gugic wird mit dem Reinhard-Priessnitz-Preis 2016 ausgezeichnet. Der mit 4.000 Euro dotierte und vom Kulturministerium gestiftete Preis erinnert an den 1985 gestorbenen Wiener Autor Reinhard Priessnitz und wird seit 1994 vergeben. Im Vorjahr ging die Auszeichnung an Anna-Elisabeth Mayer. „Lebensfragmente und schlaglichtartige Aufnahmen vom Alltag ihrer Protagonisten verdichtet Sandra Gugic zu einem überzeugenden vielstimmigen und multiperspektivischen Kaleidoskop. Sie versteht es, ihre Sprache den jeweiligen Figuren anzuverwandeln, und schafft so das authentische Porträt einer Generation“, heißt es in der Begründung der beiden Juroren Robert Schindel und Gustav Ernst, die Gugic die Auszeichnung „für die konsequente und sprachlich avancierte Darstellung der großstädtischen Lebenswirklichkeit“ zuerkennen. / Der Standard
Frauenmangel dagegen bei der Hotlist der unabhängigen Verlage, jedenfalls im Fach Lyrik. Von 16 eingereichten Titeln stammen gerade einmal 2 von Frauen: Debora Vogel: Die Geometrie des Verzichts (Arco) und Granaz Moussavi: Gesänge einer verbotenen Frau (Leipziger Literatur-Verlag).
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