Poetopie

bist du noch dran? ich höre ja nichts – nur deinen Atem

Hansjürgen Bulkowski

wien, heldenplatz

STANDARD: Jandls Gedicht „wien: heldenplatz“ ist eines seiner berühmtesten. Zugleich ist es sprachlich sehr vielschichtig – also nicht gerade einfach zu verstehen.

Siblewski: Also es ist ein ungeheuer komplexes Gedicht. Und zwar weil es tatsächlich versucht, eine biografische Situation in dichterisch adäquate Form zu bringen. Als Hitler auf dem Heldenplatz gesprochen hat, befand sich der junge Ernst Jandl in der Menge. Und er hat versucht, sprachlich dieser Situation – und zwar seinen inneren Gefühlen als auch der hysterisierten Masse, als auch der Rede, die da von oben herunterdonnerte – gerecht zu werden. Das ist ihm aus meiner Sicht meisterlich gelungen. Ich glaube, das ist eines der ganz großen Gedichte der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts. Dieses Gedicht wird bleiben und belegt für mich den unangefochtenen Rang dieses Autors. / Andreas Puff-Trojan, Der Standard

Übergriff

Das Berliner Künstlerprogramm des DAAD hat mit Bestürzung erfahren, daß sein aktueller Gast, der kenianische Schriftsteller Binyavanga Wainaina, von einem Berliner Taxifahrer tätlich angegriffen worden ist. Wir verurteilen diesen Übergriff aufs Schärfste und sind beschämt, dass Gewalttaten dieser Art bei uns geschehen können. Das Berliner Künstlerprogramm des DAAD steht mit seiner Arbeit für eine Kultur des Willkommens, für Toleranz, für internationalen künstlerischen Dialog und die Abwesenheit von Differenz. Wir alle sind gleichermaßen Fremde, die einander mit ihren jeweiligen Kulturen begegnen. Nur so kann echtes Zusammenwirken gelingen.

Das Berliner Künstlerprogramm des DAAD steht in engem Kontakt mit Binyavanga Wainaina und wird ihn in dieser Situation nach Kräften unterstützen.

Hier sein Bericht

Wochendigest 3

Lyrikboom

Wenn auch sonst nicht viel, so boomt seit der großen Krise in Griechenland die Lyrik. Hier finden Wut und Zorn und die subjektiven Emotionen angesichts der Krise ihre Form. / Mehr

Eröffnung

Unter dem Titel „Weltklang – Nacht der Poesie“ (wurde) am 3. Juni, 19 Uhr, im Studio der Akademie der Künste ein Panorma zeitgenössischer Dichtung zelebriert. Der Auftakt des Poesiefestivals präsentiert in einem Konzert aus Stimmen und Sprachen den Reichtum internationaler Gegenwartslyrik, die Vielfalt ihrer Themen und Formen. Neun Dichter aus allen Teilen der Welt lesen, performen und singen in ihrer Muttersprache, ohne vorgetragene Übersetzung. Eines der Highlights dieses Abends wird der Auftritt des in Bordeaux aufgewachsenen Senegalesen Souleymane Diamanka sein. Seine Spoken-Word- und Raptexte verschmelzen den Bilderreichtum der Griots – Sänger Westafrikas – mit der Ästhetik der französischen Moderne. Diamanka aktualisiert so die orale Tradition seiner Vorfahren, der Fulbe, einem Hirtenvolk aus der Sahelzone. Er verfolgt Ähnlichkeiten und Assonanzen zwischen Ful – der Sprache jener Fulbe – und Französisch. Diamanka spricht und singt vom Gram der Engel und den Stimmen in seinem Kopf. Bei Weltklang – Nacht der Poesie wird er an der Gitarre und mit Samples und Loops begleitet von Alexandre Verbiese. Exklusiv für diesen Abend erscheint eine Anthologie mit den deutschen Fassungen der Texte zum Mitlesen. / Berliner Abendblatt

Erstes Buch

Carolin Callies erzählt seltsame Geschichten in den Gedichten ihres ersten Gedichtbandes „fünf sinne & nur ein besteckkasten“. Sie beschreibt jede Pore, jedes Haar. Der Körper dient ihr als „feldforschnes material“, als „geschichtenband“. Die Kunst, sagt Gottfried Benn, verdankt sich dem Körper. Carolin Callies seziert in Benn’scher Drastik und gleichzeitig in drastischer Komik die Körper, bis von der Oberfläche nichts mehr übrig bleibt. Gedichte, die dem Tod mit Klebstoff und Pflastern begegnen, um festzustellen: „wenn man stürbe und man stürbe nie“. So empfiehlt sich: „in den wunden munter bleiben“.

Im Rahmen des Literaturfestivals BS//LIEST findet im Roten Saal im Kulturinstitut, Schlossplatz 1, am Dienstag, 7. Juni, ab 18 Uhr, eine Sonderausgabe der Reihe „Das erste Buch“ statt: (…) um 19 Uhr spricht Carolin Callies mit Olaf Kutzmutz (Bundesakademie für Kulturelle Bildung Wolfenbüttel) über ihren ersten Gedichtband „fünf sinne & nur ein besteckkasten“ … / Braunschweig Presseservice

Wochendigest 2

Erdoğan und Gedichte, eine unendliche Geschichte

Ein türkisches Gericht hat eine ehemalige Schönheitskönigin wegen Verunglimpfung von Präsident Recep Tayyip Erdoğan zu einem Jahr und zweieinhalb Monaten Gefängnis auf Bewährung verurteilt. Das Model Merve Büyüksaraç habe den Präsidenten mit einem Gedicht beleidigt, urteilte das Gericht in Istanbul nach Angaben der Nachrichtenagentur DHA vom Dienstag. Büyüksaraç hatte das Gedicht im vergangenen August nach Medienberichten über den Fotodienst “Instagram” geteilt und damit verbreitet.

Der Text mit dem Titel “Ustanın Şiiri” (Das Gedicht des Meisters) ist eine ironische Abwandlung der dritten Strophe der türkischen Nationalhymne “İstiklal Marşı” (“Unabhängigkeitsmarsch”). Es geht darin um Bestechung. Im Dezember 2013 war gegen Vertraute des damaligen Ministerpräsidenten Erdoğan wegen Korruptionsvorwürfen ermittelt worden.

Im Gedicht heißt es: “Ich habe seit elf Jahren immer gestohlen und werde weiter stehlen./ Welcher Verrückte würde mich verurteilen? Ich wär’ erstaunt!” (“Ben 11 yıldır hep çaldım, yine çalarım/ Hangi çılgın beni yargılayacakmış? Şaşarım!”). / Deutsch-Türkisches Journal

Komische Lyrik

Der Leiter des Wachtberger Büchereiverbundes, Dieter Dresen, und der Berkumer Autor Herbert Reichelt haben sich entschlossen, einen Literaturpreis für Komische Lyrik auszuschreiben. „Wachtberger Kugel“ heißt dieser Wettbewerb. / General-Anzeiger

Celan-Denkmal

Paul Celan, der Dichter der „Todesfuge“, starb 1970 in Paris − erst jetzt hat er dort ein Denkmal erhalten. Der Künstler Alexander Polzin schuf nach 17 Jahren beharrlicher Arbeit eine Bronzeskulptur, die im Herzen der Metropole steht. (…) Alexander Polzins Bronzeskulptur besteht aus zwei Figuren. Eine stehende Frau, das Gesicht zu Haaren gewachsen, Haarflächen wie Flammen, die bis zum Knie reichen, der Leib und der Pfahl, an dem sie wie gefesselt steht, sind eins geworden; „dein aschenes Haar Sulamith wir schaufeln ein Grab in den Lüften da liegt man nicht eng“. / Deutschlandradio

Vortrag

Autokratische und habgierige afrikanische Führer und gewöhnliche Leute, die die Scheußlichkeiten begehen, die den Kontinent geißeln, Fremdenfeindlichkeit inbegriffen, hemmen Afrikas Entwicklung.

Und terroristische Splittergruppen wie Boko Haram sind nichts anderes als „moderne Sklaventreiber“.

Das gehörte zu den Themen eines Vortrags, den der weltberühmte Autor und Nobelpreisträger Wole Soyinka im Soweto-Theater in Jabulani hielt. / Daily News (Südafrika)

Liebe zur Poesie

Lyrikhass ist indes ein westliches Problem. Der Hyperkapitalismus in der arabischen und asiatischen Welt mag die Wirkmacht der Poesie bedrohen. Als Kunst, die dem Volk gehört, genießt sie einen unangefochtenen Rang. Ein Beispiel ist die Casting-Show „Million’s Poet“ aus Abu Dhabi, die nach dem Muster von „American Idol“ oder „Deutschland sucht den Superstar“ die besten in der mündlichen Nabati-Tradition stehenden Rezitatoren und Rezitatorinnen auszeichnet. Vor wenigen Tagen siegte dieses Jahr der kuwaitische Student Rajih al-Hamidani und trug umgerechnet 1,36 Millionen Dollar nach Hause. Die Parallelshow „Prince of Poets“ prämiert den Vortrag klassischer arabischer Lyrik.  / Gregor Dotzauer, Tagesspiegel

Haß auf Poesie

Es muss nicht immer Hass sein. Mit Gleichgültigkeit und Verachtung ist die abendländische Dichtkunst schon genug gestraft. Wenn aber von Hass die Rede ist, wie es der New Yorker Lyriker und Erzähler Ben Lerner in seinem Essay „Warum hassen wir die Lyrik?“ tut (in der Übersetzung von Nikolaus Stingl soeben als E-Book bei Rowohlt Rotation für 2,99 € erschienen), dann ist es nicht nur derjenige, der ihm in Form von aus Ahnungslosigkeit genährtem Unverständnis entgegenschlägt. Es ist auch derjenige, der ihn an seine eigene Profession fesselt.

„The Hatred of Poetry“ erzählt von einer Erziehung des poetischen Gefühls, in der die Zwietracht von Anfang an zu Hause ist. Schon als Neuntklässler in Topeka, Kansas, nahm sich Lerner mit Marianne Moores im Laufe eines lebenslangen Revisionskampfes auf drei Zeilen heruntergekürzten Gedichts „Dichtung“ einen Text zum Auswendiglernen vor, der mit dem verräterischen Bekenntnis eröffnet: „Ich mag sie auch nicht.“ Moore bekommt dann, absichtlich ungelenk, gerade noch einmal die Kurve: „Liest man sie jedoch mit vollkommener Verachtung für sie, entdeckt man in / ihr am Ende doch einen Ort für das Echte.“ / Gregor Dotzauer, Tagesspiegel

The Hatred of Poetry by: Ben Lerner

Wochendigest 1

Abrechnung

Uwe Kolbe rechnet mit dem Autor und seinen Nachbetern ab, die ihn „im kleinen Handgepäck mit sich führen**“.

meint Christian Eger am 30.5. in der Frankfurter Rundschau und ergänzt:

Hätte es die DDR ohne Brecht gegeben? Selbstverständlich. Aber hätte es die DDR ohne Brecht auch so lange gegeben? Das ist eine andere Frage. Es ist die Frage, die Uwe Kolbe stellt. (…)

Dass er das macht, ist überfällig. Eben weil an Brecht-kritischen Büchern zwar kein Mangel herrscht. Aber doch an Streitschriften aus der Mitte der von Brecht unmittelbar Betroffenen, aus jener DDR-Gesellschaft, die aufgezogen wurde mit der volkspädagogischen Denkungsart des Schriftstellers, der kein Parteikommunist war, sich aber so verhielt.*

*) Eine bemerkenswerte Unterscheidung zwischen kritischen Rezipienten im Westen (man erinnert sich, jede Spielart vom Außenminister, der ihn mit Horst Wessel verglich, bis zu maoistischen Studenten, die sicher waren, hätte Brecht länger gelebt, wäre er auch Maoist geworden, und alles Denkbare dazwischen) – und passiven Objekten einer Volkspädagogik im Osten, die sich nun dank Kolbe zu rehabilitieren (oder heilen) begonnen haben. Ein ziemlich volkspädagogisches Tun da zwischen Eger und Kolbe, das sich – zumindest soviel ist vergleichlich – wieder auf einen anscheinend allgemein als gültig angesehenen Satz von unhintergehbaren Grundannahmen stützen darf. Und ich denke darüber nach, ob es nicht an der Zeit wäre, darauf zu pochen – von Eger spreche ich jetzt nicht, aber von Kolbe – daß es in der DDR auch Leute ohne Stasivater gab.

**) Ein klarer Verstoß gegen die Zoll- und Ausfuhrverordnung (ZAVO)

Rainer-Malkowski-Preis

Der Schweizer Dichter Klaus Merz erhält den mit 30.000 Euro dotierten Rainer-Malkowski-Preis der Bayerischen Akademie der Schönen Künste. Das Stipendium (10.000 Euro) geht an die Übersetzerin und Literaturwissenschaftlerin Efrat Gal-Ed.

Charakteristisch für Klaus Merz, geboren 1945 in Aarau, in seiner Prosa wie in seiner Lyrik, sei die Kürze. „In seinen minimalistischen Gedichten gelingt es ihm, mit einem Augenaufschlag die ganze Welt zu umfassen“, urteilte die Jury. „Ich bin“, sagt Klaus Merz über sich, „eher ein vertikaler Erzähler, nicht ein horizontaler. Mein Versuch, es auf den Punkt zu bringen und diesen Punkt auch glühend zu machen, ist mein Anliegen und auch meine Passion“, zitiert die Pressemitteilung. Zu seinem 70. Geburtstag erschien eine Werkausgabe aus Lyrik und Prosa in sieben Bänden.

Das Stipendium (…) geht an Efrat Gal-Ed, geboren 1956 in Tiberias, Israel. Sie studierte Judaistik, Germanistik und Komparatistik sowie Malerei und promovierte in Jiddistik. Die Malerin und Autorin lebt in Köln und lehrt jiddische Literatur und Kultur an der Heinrich-Heine-Universität Düsseldorf. Efrat Gal-Ed wird nicht nur für ihre Übersetzung des jiddischen Dichters Itzik Manger ausgezeichnet, dem sie auch eine umfangreiche Monografie gewidmet hat, sondern sie soll mit dem Preis auch ermuntert werden, eine größere Anthologie der weitgehend unbekannten jiddischen Poesie vorzubereiten, so die Preisstifter. / Börsenblatt

Interview

Die Autorin Barbara Hundegger sprach mit der Tiroler Tageszeitung über ihren Lyrikbegriff und Mißverständnisse zwischen Lyrikern und Publikum (und fast nebenbei auch zum Thema Lyrikkritik).

Das Aufmerksamkeitsdefizit bezüglich Lyrik dürfte auch mit den Klischees über Lyrik zusammenhängen – Gedichte schreibende Frauen zum Beispiel befinden sich ja noch immer in verdächtiger Nähe zum Häkelkreis. Und wie vielleicht bei keiner anderen Gattung wird alles in einen Topf geworfen – unabhängig von Qualität und Relevanz. Außerdem steht bei Lyrik ja ganz groß das Wort „Erbauung!“ im Raum. Erschwerend kommt hinzu, dass das Besteck, um Gedichte zu verstehen und über sie wirklich etwas sagen zu können, zunehmend abhandenkommt, auch in der Welt der Buchbesprechungen. Bei Lyrik gerät das weit verbreitete Herstellungsverfahren von Rezensionen aus drei viertel Nacherzählung, ein paar biografischen Daten und ein paar quergelesenen Zitaten ins Wanken, weil Gedichte sich – und das gefällt mir! – ihrer Nacherzählung ja entziehen. Die nötige Zeit für gründliche, entdeckende Lektüre hat keine und keiner, weil sie niemand zahlt.

Ballade

Die Lüneburger Landeszeitung dekretiert in schöner Erinnerung an den Deutschunterricht, was eine Ballade muß:

Eine Ballade muss dreierlei beinhalten*: Lyrik, Dramatik und Erzählung, weshalb die schwarze Wolke des Günter Grass da eher ein Grenzfall ist.

*) beinhalten ist auch ein schönes Wort

Poetikprofessur

Die amerikanische Autorin Claudia Rankine (Lyrik, Essay, Drama) übernimmt im Herbst die   Frederick Iseman-Professur für Lyrik an der Yale-Universität. YaleNews schreibt über sie:

Rankine is the author of the bestselling book “Citizen: An American Lyric” (Graywolf, 2014), which uses poetry, essay, cultural criticism, and visual images to explore what it means to be an American citizen in a “post-racial” society. “Citizen” was the winner of the 2015 Forward Prize for Best Collection, the National Book Critics Circle Award for Poetry (it was also a finalist in the criticism category, making it the first book in the award’s history to be a double nominee), the NAACP Image Award, the PEN Open Book Award, the LA Times Book Award for poetry, and the Hurston/Wright 2015 Legacy Award. A finalist for the 2014 National Book Award, “Citizen” was selected as an NPR Best Book of 2014, for which the citation read: “This collection examines everyday encounters with racism in the second person, forcing the reader — regardless of identity — to engage a narrative haunted by the deaths of Michael Brown, Trayvon Martin, and Renisha McBride.” “Citizen” also holds the distinction of being the only poetry book to be a New York Times bestseller in the non-fiction category.

Her other collections of poetry include “Don’t Let Me Be Lonely: An American Lyric” (2004) and “Nothing in Nature is Private” (1994), which was honored with the Cleveland State Poetry Prize.

postpoetry.NRW

NRW 2016

Wettbewerb 2016 für Lyrikerinnen und Lyriker sowie Nachwuchsautorinnen und -autoren aus Nordrhein-Westfalen

Die Gesellschaft für Literatur in NRW sowie der Verband deutscher Schriftsteller (VS NRW) loben 2016, unterstützt vom Land Nordrhein-Westfalen (MFKJKS), zum siebten Mal den Wettbewerb „postpoetry.NRW“ aus. Gefördert werden soll mit diesem Wettbewerb die Lyrikszene des Landes und besonders die Zusammenarbeit von erfahrenen Lyrikerinnen und Lyrikern mit Nachwuchsautorinnen und -autoren.

Bewerben können sich bis zum 15. August 2016

  • Lyrikerinnen und Lyriker aus NRW (Wohnsitz und/oder Geburtsort), die mindestens eine eigenständige Buchveröffentlichung nachweisen können,

sowie

  • Nachwuchsautorinnen und -autoren aus NRW (Wohnsitz) im Alter von 15-23 Jahren mit je drei unveröffentlichten (auch nicht im Netz veröffentlichten) Gedichten sowie einer Kurzbiografie/-bibliografie.

Langgedichte sind nicht zugelassen. Die Texte sollten auf einem Postkartenformat Platz finden können.

Eine Wiederbewerbung von Preisträgerinnen und Preisträgern der vergangenen Jahre ist erst nach drei Jahren erneut möglich.

Preise werden vergeben in der Kategorie

Lyrikerinnen und Lyriker des Landes Nordrhein-Westfalen:

  • 5 Geldpreise in Höhe von insgesamt 7.500 €

Mit der Auswahl eines Gedichtes verbindet sich

  • die Gestaltung und Veröffentlichung des Textes als Lyrikpostkarte in hoher Auflage
  • voraussichtlich eine honorierte Lesung in den Regionen des Landes Anfang 2017.

und in der Kategorie

Nachwuchsautorinnen und -autoren aus Nordrhein-Westfalen

  • 5 Geldpreise in Höhe von insgesamt 1.500 €
  • 1 zusätzlicher Publikumspreis für eine/n der jungen Autorinnen oder Autoren in Höhe von 450 €. (Die Vergabe erfolgt durch die Anwesenden der Preisverleihung.)
  • jeweils ein Mentoring/ein Workshop mit den erwachsenen Preisträgerinnen und Preisträgern

Liebe LeserInnen der Lyrikzeitung,

aus gegebenem Anlaß mußte ich mich zu einer eingreifenden Maßnahme entschließen. Seit über 15 Jahren betreibe ich die Lyrikzeitung & Poetry News fast täglich mit nur einigen Tagen Ausfall pro Jahr. Damit muß ich nun für etwa vier Wochen aussetzen. Bis Ende Juni erscheint die Lyrikzeitung quasi als Wochenendzeitung. Frische Nachrichten und ein Digest ausgewählter Lyriknachrichten der Woche erscheinen bis dahin nur zwischen Freitagnacht und Sonntagnacht. An den Wochentagen werde ich mich anders beschäftigen, ein Editionsprojekt muß dringend fertig werden.

Vielleicht suchen Sie in der Zwischenzeit in den über 12.000 archivierten Beiträgen, die man auf verschiedenen Wegen erreichen kann.

a) die Schlagwortwolke hier am rechten Rand

b) die Liste der Kategorien (Länder und Sprachen) hier links

c) ganz unten auf der Seite ist ein Monatskalender zum vor-/zurückklicken

d) das Suchfenster zur Volltextsuche

e) unter dem Button Archiv gibt es weitere Optionen

 

Kempner in die Lesebücher (Aber es gibt die Tscherkessen)

Was ist ein gutes Gedicht? In den 50er Jahren schrieb Brecht: „Weder politische noch geschmackliche Urteile können gebildet werden nur an Gutem. (…) Wo bleibt der ‚Trompeter an der Katzbach‘ als Beispiel von Chauvinismus?“

Julius Mosen

Der Trompeter an der Katzbach

Von Wunden ganz bedecket
Der Trompeter sterbend ruht,
An der Katzbach hingestrecket,
Der Brust entströmt das Blut.

Brennt auch die Todeswunde,
Doch sterben kann er nicht,
Bis neue Siegeskunde
Zu seinen Ohren bricht.

Und wie er schmerzlich ringet
In Todesängsten bang,
Zu ihm herüberdringet
Ein wohlbekannter Klang.

Das hebt ihn von der Erde,
Er streckt sich starr und wild –
Dort sitzt er auf dem Pferde
Als wie ein steinern Bild.

Und die Trompete schmettert, –
Fest hält sie seine Hand –
Und wie ein Donner wettert
Victoria in das Land.

Victoria – so klang es,
Victoria – überall,
Victoria – so drang es
Hervor mit Donnerschall.

Doch als es ausgeklungen,
Die Trompete setzt er ab;
Das Herz ist ihm zersprungen,
Vom Roß stürzt er herab.

Um ihn herum im Kreise
Hielt’s ganze Regiment,
Der Feldmarschall sprach leise:
»Das heißt ein selig End‘!«

Zweifellos ein Beispiel von chauvinistischem Kitsch. Wie soll man Kunst von Kitsch unterscheiden lernen, wenn Kitsch nur im „Poosie“ der Freundinnen vorkommt? Wie soll man lernen, daß Sprüche von den von Storchs, den Gaulands Chauvinismus sind, wenn man keine Beispiele in der Schule diskutieren konnte? Chauvinismus, sagt der Duden, ist a) aggressiv Ÿübersteigerter Nationalismus [militaristischer PrŠägung] verbunden mit Nichtachtung anderer NationalitäŠten, b) auf Ÿübertriebenem SelbstwertgefüŸhl beruhende Grundhaltung von MäŠnnern, die bewirkt, dass Frauen geringer geachtet werden, gesellschaftliche Nachteile erleiden: mŠännlicher C.
© Duden – Deutsches Universalwöšrterbuch, 6. Aufl. Mannheim 2006 [CD-ROM].

Chauvisprüche und chauvinistische Losungen in unkorrektem Deutsch in die Lesebücher!

Hat Friederike Kempner Kitsch verfaßt? Offensichtlich ja. Liefert sie Beispiele für Chauvinismus? Kaum. Zu groß ihre Begeisterung für das Gute und Edle. Es gibt auch antichauvinistischen Kitsch.

Friederike Kempner wird als „schlesischer Schwan“ und „Genie der unfreiwilligen Komik“ verlacht. Die Kritik an ihr ist nicht frei von Chauvinismus, zum Beispiel wenn (männliche) „Kritiker“ von „Menstruationslyrik“ sprechen. Ist diese Ballade Kitsch oder Kunst?

Friederike Kempner

Die Tscherkessen

Sieh‘, drei Reiter, glänzend, prächtig,
Wie sie nur im Traume!
Scharlachrot auf schwarzen Rossen,
Und mit gold’nem Zaume.

Schwarz und golden, herrlich flimmert’s
Wie sie blitzschnell eilen.
Funken stäuben gleich Raketen,
Und es schwinden Meilen!

Purpurfedern auf Baretten,
Dolche an den Seiten,
Schienen sie die schnelle Runde
Um die Welt zu reiten.

Und die Rosse, wie arabisch
Ihre Blicke leuchten,
Wie die glänzend schwarzen Haare
Helle Tropfen feuchten!

Dreimal kam die Nacht gezogen,
Dreimal sah man’s tagen,
Und noch immer Rosseshufe
Samt den Herzen schlagen.

Dreimal kam die Nacht gezogen,
Dreimal sah man’s tagen,
Und es konnten Feuerkugeln
Sie noch nicht erjagen!

Nächtlich sieh‘ im Mondenscheine
Die drei Reiter knieen.
Brück‘ und Wasser hinter ihnen
Eine Linie ziehen.

In dem Grenzort auf dem Berge
Steht des Marktes Menge,
Und Bewunderung, Staunen, Rührung,
Wechseln im Gedränge:

Seht ihr, seht ihr die Tscherkessen,
Herr Gott! wie die reiten!
Feuer sprühen ihre Blicke
Hin nach allen Seiten!

Sie entfloh’n aus tiefen Reußen,
Heldenmut im Blute, –
So tönt’s in des Volks Geflüster –
»Wie den‘ auch zu Mute?« –

Vor des Preuß’schen Rathaus Schwelle
Stehet die Behörde,
Und die Reiter, heiß und glänzend,
Ruhen auf der Erde.

Ihre Zeichen, ihre Mienen,
Blicke, freudetrunken,
Streicheln sie die prächt’gen Rosse,
Wie im Traum versunken.

Ihre Zeichen, ihre Mienen,
Ihre dunklen Worte,
Sie enträtselt halb ein Dolmetsch,
Tief gerührt am Orte.

»Wir Cirkassien’s freie Söhne
»In der Sklaven-Ferne
»Hörten rühmend eure Freiheit,
»Dienten Freien gerne!

»Durch des höchsten Gottes Fügung
»Nun auf freier Erde,
»Flehen wir zum freien Preußen,
»Daß uns Hilfe werde!

»Dreimal vier und zwanzig Stunden
»Ohne Rast geflohen,
»Bieten wir uns, uns’re Schwerter
»Euch an voll Vertrauen!

»Dreimal vier und zwanzig Stunden
»Ohne Rast geritten,
»Wir um edle, große, deutsche
»Gastlichkeit nun bitten! – «

Also klagen ihre Worte,
Und mit starrem Munde
Still vernahm des Ortes Vorstand
Diese selt’ne Kunde.

Selbe Nacht noch, sieh‘, pechfinster,
Trotz des Vollmonds Lichte,
Lautlos durch die tiefe Stille
Lauschet die Geschichte.

Horch, zwei preußische Schwadronen,
Die Tscherkessen mitten,
Ziehen auf dem dunklen Boden
Hin mit festen Tritten.

Wieder sieht man durch die Gegend
Rosseshufe sprühen,
Brück und Wasser diesmal ihnen
Vorn die Grenze ziehen.

Horch, da öffnet sich der Schlagbaum,
Und am Brückenkopfe
Nicken durch die hohle Öffnung
Russen mit dem Kopfe.

Dumpf Gemurmel vom Kartelle,
Freundschaft, – ungeschwächte, –
Und man liefert unsere Helden
An Kosakenknechte!

Düster graut der vierte Morgen,
Einzeln leuchten Sterne,
Russen bilden einen Halbkreis,
Wetter leuchten ferne:

Düster flimmern die Laternen,
Donner westwärts grollen,
Von der Helden Haupt, gebücktem,
Große Tränen rollen:

Niederknien alle Dreie,
Und vom Regimente
Dreimal tönt die russ’sche Salve,
Daß die Erde dröhnte!

Der „poetisch“ verkürzte Teilsatz „Wie sie nur im Traume!“ in der ersten Strophe ist einerseits dem Reim geschuldet (Reiter, also Pferde, also Zaum, also Traum. Denkbar wäre auch gewesen Pferde – Zügel – Flügel), andererseits die triviale Aussage „sie waren traumhaft schön“, die unfreiwillig entwertet wird, weil solche Schönheit angeblich „nur im Traume“ existiert. Die Verkürzung in der vierten Strophe

Und die Rosse, wie arabisch
Ihre Blicke leuchten,

mag berechtigt und vielleicht sogar poetisch kühn, also stark sein, weil Kenntnisse über Pferderassen dahinter stehen. Es gibt nicht mehr Buchstabenauslassungen als durchschnittlich im 19. Jahrhundert bei jedermann: Brück‘ und Wasser, russ’sche Salve und so. Es gibt einen identischen Reim (Kopfe / Kopfe – das nahmen und nehmen die Kunstrichter übel) und ein paar gequetschte: Behörde – Erde, sprühen – ziehen. Im Schlesischen ein reiner Reim. Auch Goethe und Schiller reimen (unbewußt?) nach der Mundart ihrer Herkunft. Vor allem aber: geflohen – vertrauen. Das ist echter Kempner, ein Markenzeichen. Wir finden das komisch.

Amerika hatte es besser. Ihre Zeitgenossin Emily Dickinson reimt in einem einzigen Gedicht, ich zitiere sämtliche (Halb-)Reimpaare aus Gedicht #337: times – seems, rooms – comes, mold – world, things – wings, remained – mourned, go – do, fall – hill, sea – thee, know – go. Ja, sie wurde nicht gedruckt, die Kunstrichter kreideten es ihr an. Trotzdem gehörte ihr die Zukunft und sie wird heute auf allen Kontinenten gelesen. (Über Kempners Reimtechnik vielleicht an anderer Stelle mehr.)

Die Bilanz unserer Fehlersuche ist mager. Zwei mundartliche Reime, ein kühner Halbreim, ein identischer Reim, paar Elisionen, zwei kühne grammatische Konstruktionen… das soll alles sein? Bei Dutzenden heute noch in Auswahl gelesenen Dichtern des 19. Jahrhunderts finden sich mehr Schnitzer, zu schweigen von den tausend vergessenen. Was soll an dieser Dichterin besonders sein, daß wir sie heute noch lesen, sogar „Sämtliche Gedichte“ drucken und sie negativ als „Genie“ hervorheben? (Ich sehe, aus einem Artikel muß eine Serie werden! Gerechtigkeit für Kempner! 😉 )

Aber kommen wir zum wichtigsten an der Ballade, das ist, wie jeder Schüler weiß, der epische Stoff in dramatischer Behandlung. Der Stoff ist eine echte Anekdote (an-ekdotos, nicht herausgegeben). Was wissen wir über tscherkessische Geschichte? Wenn deutsche Politiker darüber nachdenken, ob es ein ukrainisches Volk eigentlich gibt, was sollen sie über die Tscherkessen sagen? Müssen sie nicht, es gibt kein Land namens Tscherkessien. Ich greife drei Nachschlagewerke aus dem Regal. Kleine Enzyklopädie Weltgeschichte (DDR 1966): Zwischen Tschesme, Schlacht und Tschetniks: nichts. (Auch die zweibändige Ausgabe von 1973 schweigt.) Der 1300-Seiten-Klopper „Weltgeschichte in Daten“ (DDR 1973): Ah da. Zwischen Tscheradynastie (Indien) und Tschermissen (Rußland) findet sich Tscherkassy. Allerdings nur im 2. Weltkrieg:

24.Jan.-17.Febr. [1944] In der Operation von Korsun-Schewtschenkowski kesseln Truppen der 1. und 2. Ukrainischen Ft. bei Tscherkassy etwa 10 faschistische Div. ein und vernichten sie.

Aber hat Tscherkassy überhaupt mit den Tscherkessen zu tun? Weder die deutsche noch die englische Wikipedia verraten es mir. Beide sagen, daß es eine Stadt im Zentrum der Ukraine ist, beide erwähnen ihre Rolle im 2. Weltkrieg und daß sie ein Zentrum der Kosaken war. Die deutsche erwähnt noch, daß sie beim Bau der Erdgastrasse „Freundschaft“ „Sitz der Baudirektion für den Abschnitt von Krementschuk bis Bar (war), der von der DDR übernommen wurde.“

Ukrainische und russische Wiki sind sich darin einig, daß die Herkunft und Etymologie des Namens bis heute ungeklärt sind und manche ihn von den Tscherkessen ableiten, was andere bestreiten. Also Fehlanzeige. Tscherkessen gibt es nicht.

Ich versuche es unter „Rußland“ und finde den Verweis auf „Union der Sozialistischen Sowjetrepubliken“. Dort auf drei Spalten zwischen diversen Untereinträgen wie: Atomkraftwerk, Kiewer Rus, Komutsch, Rußland und Wolgakolonien: kein Tscherkessien. Aber es gibt einen Eintrag Kolonialpolitik mit vier Verweisen, ich prüfe: 1. expansionistische Kolonialpolitik Rußlands seit dem 16. Jahrhundert gegen China, 2. 1904/05 Korea: durch den verlorenen Krieg gegen Japan Zurückdrängen der russischen Konkurrenz, 3. 19. Jahrhundert Rußland besetzt Alaska und einen Teil der Westküste Nordamerikas und versucht vergeblich Ansiedlung auf Hawai 4. russ. Entdeckungsreisen im Nordpazifik. Kaukasus, Sibirien, „Noworossija“: null Treffer. Tscherkessen gibt es nicht, nicht einmal als Opfer von Kolonialpolitik.

Gegenprobe im „Großen Ploetz“. Zwischen Tscheka, Tschernenko, Tschernobyl und Tschetniks: Tscherkessen njet. Auf über 2000 Seiten: kein Platz für das Kaukasusvolk (zumindest keine Erwähnung im 180 Seiten starken Register. Deutschland Ost und West sind nicht interessiert.

Ich prüfe noch die wenigen ausländischen Quellen in meiner Bibliothek. Die aus dem russischen übersetzte „Geschichte der Sowjetunion“ von 1960 enthält einen Eintrag „Tscherkessisches autonomes Gebiet“. Inhalt: Auf der VI. Tagung des Obersten Sowjets im Februar 1957 wurde „die Wiederherstellung der nationalen Autonomie der Balkaren, Tschetschenen, Inguschen, Kalmücken und der Karatschaier“ beschlossen. „In Übereinstimmung damit wurde die Tschetscheno-Inguschische ASSR innerhalb der RSFSR wiederhergestellt, das Autonome Gebiet der Kalmücken innerhalb der RSFSR gebildet, die Kabardinische ASSR in die Kabardino-Balkarische ASSR und das Tscherkessische Autonome Gebiet in das Autonome Gebiet der Karatschaier und Tscherkessen umgebildet.“ (a.a.O.S. 751) Nun sagt der gesunde Menschenverstand, daß man nur wiederherstellen kann, was zuvor negiert wurde. Aber darüber kein Wort. Die Tscherkessen, erfahre ich, sind ein Volk, das nirgendwoher kommt und nirgendhin geht, aber von der sowjetischen Nationalitätenpolitik gut betreut wird.

Noch ein Versuch mit einer englischen Quelle. Dorling Kindersleys „Chronologie der Weltgeschichte“ von 2007 ist die Übersetzung eines englischen Titels. Hier gibt es kein Register, nur ein über 200 Seiten starkes „Lexikon“ im Anhang. Aber auch hier zwischen Abbas I. und Zypern kein Eintrag zu Tscherkessen. Ich suche unter der russischen Kolonialgeschichte:

1696 Rußland erobert Asow von den Osmanen. 1736 Russen erobern Asow von den Osmanen zurück und rücken nach Jassy vor. 1769 Rußland überfällt Moldawien und die Walachei. 1771 Rußland erobert die Krim. 1783 dasselbe. 1792 Rußland gewinnt Kontrolle über die Schwarzmeerküste. 1810 Rußland beginnt die systematische Expansion nach Sibirien und Zentralasien. 1827 Die Russen nehmen Persien Eriwan weg. 1828 Rußland erobert Teheran. Im Friedensvertrag fällt Armenien an Rußland. 1832 Herzogtum Warschau wird Teil Rußlands. 1837 Briten über den zunehmenden Einfluß Rußlands in Afghanistan besorgt. 1849 Russen und Türken kontrollieren gemeinsam die Donaufürstentümer. 1855 Russen erobern die Stadt Kars (Nordosttürkei). 1874 Rußland beherrscht jetzt ganz Turkestan.

Fazit: Kriege und Konflikte rundherum, aber kein Kaukasus, keine Tscherkessen. Ich schau noch in die sowjetische Geschichte, da gibt es eine einzige vielleicht relevante aber indifferente Spur: 1946 Stalin beginnt Massendeportationen ethnischer Minderheiten in Arbeitslager.

Tscherkessen, ein alter Name, aber kein Land dazu. Aber hier hilft Wikipedia weiter. Da gibt es eine britische Karte von 1840, darin ein Land namens Circassia, das vom Asowschen Meer im Norden bis zum Fluß Terek im Südosten reicht. 1763 bis 1864 führte Rußland Krieg gegen Circassia, der 1864 mit der endgültigen Eroberung und der gewaltsamen Vertreibung der Überlebenden auf Schiffen in die Türkei endete. Tscherkessen waren die Nachbarn der Tschetschenen, von denen wir etwas mehr wissen, weil es eine Unabhängigkeitsbewegung in Rußland gab. Im Frühjahr kursierte ein Foto von Bodyguard-Typen, die vor dem Reichstag mit einem Schild posierten, auf dem in russischer Sprache Gegner des Tschetschenenführers bedroht wurden. Die Tscherkessen sind friedlich, deshalb nehmen wir sie nicht wahr.

Und jetzt sind wir bei dem Gedicht von Friederike Kempner. Ihre Ballade bewahrt ein Ereignis auf, das für unser Gedächtnis nicht existiert. Noch dazu in einer hochbrisanten Verbindung mit deutscher Geschichte. Das Nicht-Herausgegebene: Eine Gruppe tschetschenischer Reiter flieht vor den siegreichen Russen durch das ganze „Neu-Rußland“ hindurch bis zur preußischen Grenze, bittet um Asyl im „freien Preußen“, wird von preußischen Soldaten zur russischen Grenze zurückexpediert und drüben von den Russen exekutiert. Friederike Kempner hat etwas gewußt und aufbewahrt, worüber unsere Geschichtsbücher schweigen. Auf einmal bekommt die Aburteilung Kempners als unfreiwillig komische Kitsch- und gar „Menstruations“-Lyrikerin eine politische Dimension. Ihre Ballade „Die Tscherkessen“ gehört in unsere Lesebücher!

Circassia 1840

Zumal die Geschichte eine Fortsetzung in die Gegenwart hat. Nachkommen der 1864 umgesiedelten Tscherkessen leben auch in Deutschland. Für uns sind sie Türken, wie die hier lebenden Kurden und andere auch. Die deutsche Lyrikerin Safiye Can – geboren in Offenbach am Main – gehört dazu. Bei ihr fand ich auf Facebook diesen Text von Timaf Djengis Hatko, unterzeichnet: Berlin 14.05.2015 und in 4 Sprachen veröffentlicht. Ich rücke alle vier Fassungen hier ein. Lest selbst, und lest Kempner noch einmal! Die Ballade von einer bis heute unliebsamen Episode unserer Geschichte. Das Schweigen der Geschichts- und Lesebücher erzählt auch eine Geschichte – eine wichtige, brisante und hochaktuelle. Damals wie heute: Die „kleinen“ Völker sollen bitte unsere Beziehung zum großen Nachbarn nicht belasten.

21. Mai 1864:

An diesem Tag veranstalteten Russische Truppen eine Siegesparade in einer von ihnen zuvor eroberten tscherkessischen Siedlung nahe der Stadt Sotschi. Somit war der Russisch-Tscherkessische Krieg (1763-1864) und die Eroberung Tscherkessiens offiziell abgeschlossen, obwohl der tscherkessische Widerstand in einigen Ortschaften bis in die 1880er Jahre fortdauerte.

Aus diesem Grund ist der 21. Mai für die Tscherkessen ein Gedenktag.

Sie gedenken dem Völkermord und der Vertreibung an ihren Vorfahren. Sie gedenken dieser Tragödie. Die Tscherkessen wurden zwischen 1860 und 1864 von dem damaligen Russischen Zarenreich zu zehntausenden massakriert, ihre Dörfer niedergebrannt. Die Überlebenden wurden mit Schiffen über das Schwarze Meer in das damalige Osmanische Reich vertrieben (Türkei, Syrien, Jordanien, Israel).

Auch meine Vorfahren waren auf einem dieser Schiffe unterwegs. Sie kamen im Sommer 1864 in der türkischen Schwarzmeerstadt Samsun an…

21 May 1864: On this day the russian troops held a millitary victory parade in concuered Circassia. Now the Russian-Circassian war (1763-1864) was officially end but the Circassian resistance still had last in local form until the 1880s.

The May 21 marks the day of Circassian Genocide and Expulsion so the Circassians remembers worldwide every year on May 21 the genocide and expulsion against their ancestors. They remembers this tragedy. In the years 1860-1864 ten thousends of Circassians were killed, their villages destroyed and the survivors were expelled by ships to the Ottomanic Empire (Turkey, Syria, Jordan, Israel).

My ancestors were in one of these ships. They reached the turkish black sea city of Samsun in summer 1864…

21 Mayis 1864: Bu tarihte Rus ordusu Cerkesyada Soci yakinlarinda isgal ettikleri son Cerkes yerlesiminde bir zafer merasiminde bulundular. Böylece Rus-Cerkes savasi (1763-1864) ve Cerkesyanin isgali resmen son bulmus oldu. Cerkes direnisi yinede yerel yerel 1880lere degin sürdü.

Bu yüzden 21 Mayis günü Cerkesler icin bir yas günüdür. Atalarinin zamanin Rus carligi tarafindan soykirima ugratildigi tarihtir. Cerkesler dünyanin her tarafinda her sene 21 Mayis günü bu trajediyi anmaktadirlar. Rus carligi 1860-1864 yillari arasinda onbinlerce Cerkesi katletti, köylerini yok etti, bu katliamlardan kurtulabilenler ise gemiler ile Karadeniz üzerinden zamanin Osmanli Imparatorluguna (Türkiye, Suriye, Ürdün, Israil) sürüldüler. Benimde atalarim bu gemilerin birisindeydiler. 1864 yillinin yaz aylarinda Samsuna ayak bastilar…

21 ايار 1864: في مثل هذا اليوم عقدت القوات الروسية موكب النصر العسكري في احتلال شركيسيا. وا الحرب الروسية الشركسية نتهت رسميا (1763-1864) ولكن المقاومة الشركسية كان بثيت حتى 1880s.

ايار 21 يوم الإبادة الجماعية الشركسية والطرد وكل الشركس يتذكرون في جميع أنحاء العالم كل عام في 21ايار الإبادة الجماعية والطرد ضد أجدادهم.و هذه المأساة. و قتلوا بين 1860-1864 عشرات آلاف من الشركس، دمرت قراهم وطردوا الباقين على قيد الحياة وقد حملوا من قبل السفن الإمبراطورية العثمانية الى(تركيا، سوريا، الأردن، إسرائيل).

وكان أجدادي في واحدة من هذه السفن. وصلوا إلى المدينة التركية على البحر الاسود سامسون في الصيف 1864.

Timaf Djengis Hatko, Berlin 14.05.2015

Leseecke 14

FullSizeRenderLeseecke ist eine Rubrik, die sich der Veröffentlichung aller 154 Sonette Shakespeares in Günter Plessows Übersetzung und dem Originaltext (bei Signaturen) anschließt und hier Leseecke und Forum zur Diskussion über die Sonette und / oder Übersetzungen sein kann. Jedenfalls ich werde an 154 Tagen (mit Zwischenraum, um durchzuschaun) mir jeweils eins der Sonette vornehmen und hier den Originaltext und zusätzliches Material anbieten. Einladung zum Pendeln von Shakespeare zu Plessow und zurück (wenns sein muß auf Umwegen über Schlegel/Tieck, Bodenstedt, George, Kraus & Co). (Die Zahl neben dem Wort Leseecke ist die Nummer des Shakespearesonetts). Zur Originalschreibweise: u / v und i / j sind fast regellos austauschbar, liue lies live, ioy lies joy.
Sonette 8-14 bei Signaturen hier
Bisherige Folgen der Leseecke hier.

14

NOt from the stars do I my iudgement plucke,
And yet me thinkes I haue Astronomy,
But not to tell of good, or euil lucke,
Of plagues, of dearths, or seasons quallity,
Nor can I fortune to breefe mynuits tell;
Pointing to each his thunder, raine and winde,
Or say with Princes if it shal go wel
By oft predict that I in heauen finde.
But from thine eies my knowledge I deriue,
And constant stars in them I read such art
As truth and beautie shal together thriue
If from thy selfe, to store thou wouldst conuert:
     Or else of thee this I prognosticate,
     Thy end is Truthes and Beauties doome and date.

Einige Anmerkungen zum Text:

2 me thinkes methinks, scheint mir astronomy hier im Sinn des Einflusses der Sterne auf das menschliche Geschick, also astrology

seasons quallity Vorhersagen (des Wetters oder von Epidemien) waren damals beliebt, z.B. offerierte ein „Calendar of Shephards“ Wettervorhersagen

5 noch kann ich die Zukunft bis in die Einzelheiten vorhersagen

Pointing to each jeder (Einzelheit) ihr „Wetter“ zuweisend

6 oft häufige predict predictions

11 thriue thrive (gedeihen, aufblühen)

12 store (sich vermehren) vgl. Sonett 11; „wenn du dich von deiner Beschäftigung mit dir selbst abwendest und Kinder zeugst“

14 date hier Grenze, Ende

Deutsche Fassung von Stefan George:

Bildschirmfoto 2016-05-30 um 01.02.52


			
			

Reineckes Montagen

Da passiert es schon mal, dass „Hälfte des Lebens“ von Friedrich Hölderlin mit „Der greise Kopf“ von Wilhelm Müller gekreuzt, Emily Dickinsons „Let down the bars“ nachgedichtet oder Gottfried Benns Texte „beendet“ werden. „Des Wassers Klarheit wird ihnen entstreben“ hingegen ist eine der zahlreichen Konstrukte, in denen Reinecke gleich mehrere Werke von Theodor Däubler, Adelbert von Chamisso, Clemens Brentano, Felix Dörrmann, Anette von Droste Hülshoff, Theodor Fontane und Joseph von Eichendorff in ihre Einzelteile zerlegt und sie zu einem neuen Ganzen zusammenfügt. Rilkes „Blaue Hortensie“ wird in „Blaue Hydrangea“ vom Englischen wieder ins Deutsche rückübersetzt, und selbst von Luthers Texten („Dada; aus Psalter Lutherrevision 84“) macht der fürwahr nerdige Lyriker und Lyrikliebhaber nicht halt.

(…) Faszinierend ist bei all dieser Puzzelei die Symbiose aus sich aneinander aufladender Anarchie, Akribie und Aussage (Achtung, Alliterationen-Alarm!), denn all die Fragmente werden durch das Herausreißen aus ihrem eigentlichen Zuhause völlig aus ihrem Kontext gerissen und erhalten durch diese Neuanordnung und Vermischung einen neuen solchen. Die Neuarrangements ergeben einen oftmals gänzlich anderen Sinn, und wenn man es nicht besser wüsste (oder es gar nicht besser weiß), könnte man meinen: »Schön, was der Reinecke da so geschrieben hat.«

Die Lektüre und Analyse dieses freundlich-friedvollen Diebstahls amüsiert, sie fordert heraus – man bekommt richtiggehend Lust darauf, nach den Quellen zu suchen, fühlt sich nahezu verleitet, anhand einem selbst vorliegender Texte selbst Montagen anzufertigen. / Chris Popp, Booknerds

Bertram ReineckeSleutel voor de hoogduitsche Spraakkunst. (roughbook 019)
Verlag: roughbooks
Erschienen: 2012
Einband: Paperback (Heft, Leimbindung)
Seiten: 96
Sonstige Informationen:
Produktseite mit Erwerbsmöglichkeit (Direktvertrieb)

Die Fill-ins und die Übergänge

Angenehm geschmeidig und weich trägt der Rhythmus die Worte, doch fast einer Komponistin gleich wusste Sibylla Schwarz die Gedichte so zu arrangieren, dass sie niemals ein monotones Einerlei steifer Metrik sind. Im Schlagzeugerjargon würde man sagen, die Fill-ins und die Übergänge sind originell, überraschend, aber niemals unsauber oder holprig. Auch der Rhythmus selbst ist niemals stoisch sondern variiert in zarten Nuancen. Schwarz jonglierte mit Worten und sprang unter ihnen umher, sicher koordinierend und am Ende mit einer selbstbewussten Verbeugung gen imaginärem Publikum abschließend.

„Ist Lieben Lust, wer bringt dann das Beschwer?“ ist, wenn man so will, ein kleines Tablett an Appetithäppchen, die man sich schnappen darf. Und wovon man auch probiert: Man möchte es in größeren Portionen genießen (wenngleich „Ein Gesang wider den Neid“ sowie diverse andere Gedichte ob ihrer Überlänge ordentlich mächtig sind!) – am besten die poetische schwarz’sche Speisekarte rauf und wieder runter. / Chris Popp, booknerds.de

Sibylla Schwarz: Ist Lieben Lust, wer bringt dann das Beschwer?
Verlag: Reinecke & Voß
Erschienen: 03/2016
Einband: Leseheft; Leimbindung
Seiten: 60
ISBN: 978-3-942901-21-5

Schulprojekte zu Sibylla Schwarz

(…) Dass eine Frau zur Feder griff und Gedichte schrieb, war damals ungewöhnlich. Sibylla Schwarz wollte jedoch gegen alle Widerstände gehört werden, das zeigt sie in diesen Versen unmissverständlich an. Und so gibt dieser Band dem Leser einen Einblick in die Vielfalt und die Eigenart ihrer Dichtung, ja, er gibt dieser jungen Barockdichterin sprichwörtlich wieder eine Stimme. Eine Fundgrube für jeden, welcher bekannte Wege der Auseinandersetzung mit der Barockzeit verlassen und sich eingehender mit dieser „alten“, aber manchmal doch so aktuellen Literatur befassen möchte!

Dieses Lesebuch bietet aber noch mehr, und auch das ist bemerkenswert Es enthält nämlich eine Reihe von Anknüpfungspunkten für Schulprojekte, sich genauer mit Sibylla Schwarz und der Barockzeit zu befassen. Reizvoll ist das gerade für Schülerinnen und Schüler der gymnasialen Oberstufe, die eine Facharbeit schreiben wollen oder einen Projektkurs besuchen, wie er in vielen Bundesländern angeboten wird. Denn sie können sich vor dem Hintergrund dieser Textsammlung intensiv mit einer Dichterin auseinandersetzen, die genauso alt ist wie sie und über die man noch nicht so viel weiß. Wenn das kein Ansporn ist! Die folgenden Themenfelder dürften sich bei genauerer Betrachtung dabei besonders lohnen:

  1. Leben, leben lassen oder auch nicht. Greifswald im 30jährigen Krieg
  2. In Zeiten der Krise: Familienleben im Barockzeitalter zwischen Anspruch und Wirklichkeit
  3. Kein feste Burg: (Religiöse) Wahrheiten im Widerstreit
  4. Philosophische Implikationen konkret: Descartes` Diktum “Ich denke, also bin ich“
  5. Weiblicher Gestaltungswillen zwischen den Normen, Mustern und Rollenkonzepten der Barockzeit
  6. Literarisch gespiegelt: eine 17jährige auf dem Weg zu sich selbst
  7. Damals und heute: poetisches Schreiben zwischen den Stühlen

Interessant sind diese Themenfelder für Jugendliche, wenn sie ein Stück weit in die Regionalforschung eintauchen und dann Vergleiche mit ihrer eigenen Situation heute anstellen können. Wenn also, kurz gesagt, das Damals in ihrem Jetzt ein Gegenüber findet. Wenn sie da Gemeinsamkeiten und Unterschiede erkennen und ergründen können. Denn dann lernen sie, ob und inwieweit das Vergangene ihnen noch etwas zu sagen hat und inwiefern sie darüber hinausgehen müssen. Das ist gerade für junge Menschen und ihren Werdegang sehr wichtig.

Natürlich kann das hier nur angerissen werden. Es sollte jedoch deutlich sein, wie gut im Anschluss an die Lektüre dieses Lesebuchs hier ein kompetenzorientiertes Arbeiten möglich ist, das ja in den Kernlehrplänen der Republik landauf landab gefordert wird. Getoppt wird das sicherlich noch dadurch, dass die Schülerinnen und Schüler in der Auseinandersetzung mit Sibylla Schwarz und ihrem Werdegang sowieso ihre eigene psychosoziale Entwicklung spiegeln können. Ein spannender Prozess, der ein anderes, ja, besseres Lernen bietet! Eines, das anzeigt, was Schule tatsächlich leisten kann, wenn sie denn will! Ein interessantes Lesebuch, das für das Verständnis unserer Vergangenheit und unserer Gegenwart sehr konkret Entdeckerqualitäten entwickelt. Und eines, dem viele Leser zu wünschen sind!

/ Artur Nickel, Alliteratus

Sibylla Schwarz: Ist Lieben Lust, wer bringt dann das Beschwer? Reinecke & Voß 2016 • 60 Seiten • 9,00 • 978-3-942901-21-5

Thema Schule in L&Poe