Sollten die Leser also auf das wahre Vergnügen und die wahre und befreiende Verstörung verzichten, die darin liegen, anzunehmen daß Shakespeare schwul war? Ja und nein. Die Gedichte sind „für seine persönlichen Freunde“* gedruckte Gedichte. Wie wir gesehen haben, ermuntern sie ihre Leser, die Wahrnehmungsperspektiven zweier verschiedener Leserkreise einzunehmen: eines exclusiven Kreises Eingeweihter, die alle Anpielungen genau auflösen können (wie idealisiert und imaginär immer), und eine Leserschaft des gedruckten Buches, für die „William Shakespeare“ nur ein verführerischer Name auf einem Titelblatt ist.
Aus: William Shakespeare: The Complete Sonnets and Poems (The Oxford Shakespeare). Edited by Colin Burrow. Oxford: University Press, 2002 (Oxford World’s Classics)
*) Insofern der Erstausgabe von 1609 eine Widmung des Verlegers voransteht, mit der die Sonette „dem einziger Erzeuger … dieses Sonette, Master W. H.“ zugeschrieben werden, eine (unauflösbare) Anspielung, die den „eingeweihten“ Leser anspricht, welcher (skandalträchtige) private Umstände hinter diesen Gedichten kennt (zu kennen glaubt / sucht)
G&GN-INSTITUT D’DORF ELLER-SÜD / 2016 geht der 17.Nahbellpreis an einen heute weitgehend unbekannten Aussenseiter der Lyrikszene: Der Dichter Dr. phil. Wolfgang Streicher wurde am 23.1.1936 in Stuttgart geboren und war in seinem Wohnort Esslingen ab 1967 Diplom-Bibliothekar an der Pädagogischen Hochschule und später bis zu seiner Pensionierung an der Fachhochschule für Sozialwesen. Er studierte Germanistik, Romanistik und Philosophie an der Universität Tübingen und promovierte 1965 bei Professor Richard Brinkmann mit der Arbeit „Die Dramatische Einheit von Goethes ‚Faust‘: Betrachtet unter den Kategorien Substantialitat und Funktionalitat (Studien zur Deutschen Literatur)“, die 1967 im Max Niemeyer Verlag erschien und durch den Kritiker Hans Mayer im Literaturblatt der FAZ ihre Würdigung fand. Streicher schreibt seit 1974 Lyrik und Kurzprosa und ist Mitglied der IG Medien. Seine dichterischen Motive sind stark gekoppelt an seine eigene Psychosomatik, die Gedichte setzen aber kein spezielles Wissen zu ihrer Erschließung voraus: jedes Gedicht erschließt sich in seiner Durchführung. Insgesamt veröffentlichte er 24 Bücher (inklusive der Dissertation), darunter 14 mit Prosa und 9 Gedichtbände in verschiedenen Verlagen, von denen derzeit nur noch 4 (im österreichischen Wolfgang Hager Verlag) erhältlich sind. In seinem Debutband „Ohne Psychologie“ (Scherpe Verlag, Krefeld) sind bereits 1974 zahlreiche Hauptmotive angelegt, die sich bis heute wie ein Leitfaden durch sein gesamtes Werk ziehen – geradezu programmatisch wirkt schon der damalige Text „Das Gedicht ist schmal geworden“, mit dem der Debutband endet:
Das Gedicht ist schmal geworden.
Sein Leib ein Leib,
der nirgends unterkommt;
seine Seele eine Seele,
die an alle verteilt ist.
Der Leib widersetzt sich nicht,
wenn sie das Messer in ihn treiben;
die Seele nicht,
wenn nur wenige Sätze für sie übrigbleiben.
Das Gedicht ist schmal geworden.
Sein Leib ein Leib,
den alle schwächen,
und von dem alle erwarten,
daß er stark bleibt.
Auf diesem Paradox beginnt es zu tanzen.
Von Assoziation zu Assoziation
setzt es sich aus
der Gewalttat der Dinge,
an die es stößt,
nimmt unerotisch
sie in sich hinein,
während es linkisch
die Seele angeht,
durchsichtig im Protest
und aufzehrend den Leib
im reinen Programm.
Aber zuweilen gedenkt es des Prunkes,
mit dem die Frau
in die Unterwelt stieg,
gedenkt es der Mythe
Eurydike,
in ihrem Namen zusammenziehend
noch einmal die ersten
tausend Sätze über die Seele,
gedenkt es im reinen
Reim des Geschlechts
und der tausend Entsprechungen,
die aus ihm kommen;
aber da ist der neue Schnitt,
und vor Schmerz streift es
das Erotische ab,
und übrig bleibt
das Schnittbewußtsein,
zuweilen mit Pausen,
nur du, nur du.
Das G&GN-Institut präsentiert weitere 7 ausgewählte Gedichte aus dem aktuellen Band „Utopie und Musik“ von 2013 auf der Nahbell-Hompepage sowie bei Twitter und Facebook:
– www.LYRIKSZENE.de & www.POESIEPREIS.de
– https/twitter.com/poesiepreis
– www.facebook.com/POESIEPREIS
Liste aller 9 Gedichtbände:
– Ohne Psychologie, Gedichte, Scherpe 1974
– Chromatik: Lyrische Übungen, Bläschke 1978
– Rondo, Gedichte, Lehmann 1979
– Modulationen, Gedichte, Lehmann 1981
– Privates Pfingsten, Lyrik, Otto 1997 (Hager 2012)
– Transparenz, Lyrik, Otto 1999
– Gang und Schlaf, Lyrik, Otto, Offenbach 2000
– Nerventheater, Gedichte, Hager 2008
– Utopie und Musik, Lyrik, Hager 2013
Liste aller 14 Prosawerke:
– Konstruktion, Prosa, Bläschke 1982
– Gang durch den Nebel, Monolog, R.G. Fischer 1986
– Die unendliche Kadenz, Kurzprosa, Lehmann 1988
– Beifall, Kurzprosa, Hager 2003
– Kulissen, Kurzprosa, Hager 2004
– Land ohne Spiegel, Kurzprosa, Hager 2005
– Der Schrei, Erzählungen, Hager 2006 (Otto 2001)
– Ich bin, der ich bin, der ich bin, der ich bin, Monologe und Dialoge, Hager 2007
– Der Rahmen, Erzählungen, Hager 2007 (Otto 2002)
– Unsere Delegierten sind schön, Hager 2009
– Das letzte Publikum, Erzählungen, Hager 2010
– Der Choral, Erzählungen, Hager 2011
– Narzissmus für alle?, Prosa, Hager 2013
– Der kleine Dämon des Dazwischenredens und andere Geschichten, Hager 2014
Autorenseite auf amazon:
www.amazon.de/Wolfgang-Streicher/e/B00JIPOFEU
Da die meisten seiner Bücher derzeit gar nicht (oder nur antiquarisch überteuert) erhältlich sind, empfiehlt es sich, direkt beim Verlag anzufragen, welche Werke lieferbar sind:
http://www.wolfgang-hager-verlag.at (Email: wolfgang.hager[ätt]aon.at)
Eine außergewöhnliche Ausstellung zur Visuellen und experimentellen Poesie zeigt das Museum für Westfälische Literatur in Oelde-Stromberg vom 31. Juli bis zum 3. Oktober 2016. Mit Reinhard Döhl, Timm Ulrichs und S.J. Schmidt werden drei der renommiertesten westfälischen Künstler-Autoren mit unterschiedlichen Werken auf dem Kulturgut Haus Nottbeck zu sehen sein – und zwar nicht nur in den Ausstellungsräumen des Literaturmuseums, sondern zudem als „Kunstparcours“ auf großflächigen Quadern im Außenraum. Zur Eröffnung am Sonntag, dem 31. Juli, um 17 Uhr, stellt der Mitinitiator des legendären „Bielefelder Colloquiums Neue Poesie“ S.J. Schmidt einige seiner Arbeiten persönlich vor.
In der Literatur- und Kunstwelt hat das Interesse an Visueller und Konkreter Poesie in jüngster Zeit eine Renaissance erfahren. Inzwischen ist sogar vom „neuen Konkreten“ im 21. Jahrhundert die Rede. Doch bereits in den 1960er Jahren gab es zahlreiche Künstler und Schriftsteller auch aus Westfalen, die mit Verbindungen von Sprache und Bild experimentierten und poetische Bildwerke geschaffen haben, die noch immer bemerkenswert aktuell sind.

„ich bin ein gedicht“, so erklärte sich der Künstler Timm Ulrichs 1968 in einem Manifest zu einem lebenden Kunstwerk. Was sonst noch alles ein Gedicht sein kann, wird nun in der gleichnamigen Ausstellung sichtbar. Die Bandbreite reicht von bildhaft gestalteten Texten auf Papier über die Umsetzung von Sprache ins dreidimensionale Objekt bis hin zu bewegten Textbildern am Computerbildschirm. Im Werk von drei Klassikern der Visuellen und experimentellen Poesie, Reinhard Döhl (1934-2004), Timm Ulrichs (geb. 1940) und S.J. Schmidt (geb. 1940), wird das Spektrum der künstlerischen Auseinandersetzung mit Sprache deutlich. Ihre Sprachreflexionen, Konstruktionen oder Transformationen präsentieren sich mal humorvoll-verspielt, mal analytisch-nüchtern den Besuchern. Doch ihre Werke behaupten bei aller Unterschiedlichkeit genau das, was Timm Ulrichs für sich selbst proklamiert hat: Ich bin ein Gedicht – mag dieses Gedicht auch aus Text auf Papier, einem Betonblock oder gar einem Menschen bestehen.

Den Besuchern der Ausstellung bieten sich sowohl im Innenraum des Literaturmuseums als auch auf einem Kunstparcours im Außenraum des Kulturguts ebenso spannende wie anschauliche Beispiele einer Kunstform, die Sprache auf spielerische, tiefgründige, zum Teil partizipative und nicht zuletzt humorvolle Weise behandelt.
Kuratiert wird die Ausstellung von der Literaturwissenschaftlerin Sonja-Anna Lesniak, die gestalterische Umsetzung erfolgt durch den Ausstellungsdesigner Robert Ward. Die Ausstellung ist ein Projekt der LWL-Literaturkommission für Westfalen und des Museums für Westfälische Literatur. Gefördert von der Kunststiftung NRW, der Sparkasse Münsterland Ost und dem Verein der Freunde und Förderer des Hauses Nottbeck.
Zur Eröffnung am Sonntag, dem 31. Juli 2016, um 17 Uhr, stellt der Autor, Künstler und Wissenschaftler S.J. Schmidt einige seiner Arbeiten persönlich vor.
Im Rahmenprogramm zur Ausstellung eröffnet ein „Experimentierfeld Visuelle Poesie“ im Gartenhaus des Kulturguts einen eigenen interaktiven Zugang zum Thema. Unter dem Motto „Du bist ein Gedicht“ werden Phänomene Visueller Poesie in alltäglichen Zusammenhängen zur Anschauung gebracht. Das Experimentierfeld ist ein Seminarprojekt mit Studierenden der Universität Bielefeld unter der Leitung von Dirk Bogdanski. Es bietet Raum für eigene Anwendungen, Veränderungen und Erweiterungen durch die Besucher.
Ausstellungsinformation
SO 31.07. – MO 03.10.2016
Ausstellung
Ich bin ein Gedicht. Visuelle Poesie und andere Experimente
von Reinhard Döhl, Timm Ulrichs & S.J. Schmidt
Eröffnung und Lesung mit S.J. Schmidt am Sonntag, dem 31.07.2016, um 17 Uhr
Weitere Informationen unter Tel.: 0 25 29 / 94 55 90 und http://www.kulturgut-nottbeck.de
Künstler der Ausstellung
Reinhard Döhl (*1934, †2004) war gebürtiger Wattenscheider und als Germanistikprofessor, Autor und Künstler u.a. in Stuttgart, Japan und Paris tätig. Er beschäftigte sich schon früh mit Konkreter Poesie, Mailart und Internetkunst. 1965 schuf Döhl mit seinem „apfel“-Gedicht eins der bekanntesten Beispiele der Visuellen Poesie. Bereits in den 1990er Jahren widmete er sich der Verbindung von Literatur und Internet.

Timm Ulrichs (*1940) war jahrzehntelang Professor an der Kunstakademie Münster. Als „Totalkünstler“ war und ist er auf zahlreichen Gebieten wie Konzept- oder Aktionskunst aktiv. Ab den 1960er Jahren experimentierte er mit Visueller Poesie und den Bedeutungen von Wörtern. 1968 erklärte er sich in einem „egozentrischmonomanischen“ Manifest zu einem lebenden Gedicht. Mit einer Serie von Buch-Objekten nahm Ulrichs 1977 an der Documenta 6 teil.
S.J. Schmidt (*1940) lebt eine Doppelexistenz als Künstler-Wissenschaftler. Ende der 1970er Jahre war er Mitinitiator des bedeutsamen „Bielefelder Colloquiums Neue Poesie“, das jährlich Dichter und Künstler zu Lesungen und Diskussionen einlud. Als Kommunikations- und Literaturwissenschaftler lehrte und forschte Schmidt in Bielefeld, Siegen und Münster. Seine künstlerischen Arbeiten sind ein Zusammenspiel von wissenschaftlichen und poetischen Reflexionen von Sprache und Schrift.

Museum für Westfälische Literatur – Kulturgut Haus Nottbeck
Landrat-Predeick-Allee 1
59302 Oelde-Stromberg
Öffnungszeiten:
Dienstag – Freitag: 14.00 – 18.00 Uhr
Samstag, Sonntag und an Feiertagen: 11.00 – 18.00 Uhr
Kultur-Café: Samstag, Sonntag und an Feiertagen: 14.00 – 18.00 Uhr
A trend piece in the the New York Times on Friday touched on this fascinating development — which, incidentally, has been brewing for at least two decades, ever since kids were logging onto AOL Instant Messenger. The period is no longer how we finish our sentences. In texts and online chats, it has been replaced by the simple line break.
You just hit send
Your words end up on a new line
a visual indication
that you have started
a new sentence,
phrase,
clause,
or unit of meaning
Of course, this practice far predates the instant message. Poets have been using line breaks for basically forever. (In the right light, you might even say a text conversation has some of the same exuberant, associative, overlapping qualities of say, an e. e. cummings poem.) But we can credit the text and the IM for making the line break the default method of punctuation in the 21st century. / The Washington Post
Die zweite Auflage des Innsbrucker Lyrik-Festivals „W:Orte“ widmete sich in den vergangenen Tagen dem wundersamen Engtanz von Geschriebenem und dem ganzen Drumherum.
(…) José F. A. Oliver, der das Festival am Donnerstagabend gemeinsam mit Odile Kennel und Erica Zingano im Literaturhaus am Inn eröffnete. Ein Auftakt nach Maß: drei Dichter, die aus vielen Sprachen schöpfen – und sich zwischen andalusischem Schwarzwalddorf dem brasilianischen Bahnhof Berlin die Bälle zuspielten. Tags darauf: ein Testlauf, der viel versprach – und alles einhielt. Im Studio 3 des ORF Tirol wurde „klang_sprachen“ erprobt. Klex Wolf und Hannes Sprenger haben Barbara Hundeggers wunderbarem Dante-Reload „wie ein mensch der umdreht geht“ musikalische Werke des Renaissance-Komponisten Girolamo Frescobaldi sowie der zeitgenössischen Tondichter Sofia Gubaidulina, Manuela Kerer, Ivana Radovanovic, Ralph Schutti und Klaus Telfser zur Seite gestellt. Wobei auch die Partituren „radikal reloaded“ wurden, sprich: Sie wurden dem neuen Umfeld angepasst, rearangiert, spielerisch zurechtgestutzt und neu belebt. Und auch hier: Die unaufgeregte Dringlichkeit von Hundeggers Vortrag und das konzentrierte Spiel des Tiroler Kammerorchester InnStrumenti unter Gerhard Sammer eröffneten neue, bisweilen unerwartet funkelnde Zusammenhänge. Kurzum: Der Testballon hat abgehoben – eine Weiterführung des fraglos nicht unaufwändigen Projekt wäre wünschenswert.
Vergleichsweise unerwartet geriet auch die Lesung des deutschen Lyrikers Jan Wagner am Samstag im schmucken Salon Pauli des Cafés Katzung zur Erforschung des Mit- und Gegeneinanders von Sprache und Musik. Angekündigt als poetische Intervention kollidierte der Auftritt des vielfach ausgezeichneten Poeten mit einem Platzkonzert vor dem Goldenen Dachl. Die blechblasende Intervention seiner Intervention nützte Wagner mit viel Gespür für Hintersinn und noch mehr Stimmeinsatz zur unwiederholbaren Performance. / Joachim Leitner, Tiroler Tageszeitung
es bleibt dabei, die Lyrikzeitung erscheint im Juni nur an den Wochenenden. Da aber am verflossenen wenig Zeit war, folgen aktuelle Nachrichten und Nachträge heute.
Über die vierte Revision der Lutherbibel schreibt Die Presse:
Es ist die vierte große Revision der Übersetzung, die Luther zwischen 1521 und 1545 erstellt hat. Die erste wurde 1892 vollendet, die zweite 1912, die dritte 1984. Ziel der vierten Revision war es, erklärt die Deutsche Bibelgesellschaft (DB), „größere sprachliche Genauigkeit herzustellen und gleichzeitig der Sprachkraft Luthers gerecht zu werden“. Etwa 44 Prozent der 35.598 Verse wurden geändert, teils wurden Änderungen früherer Revisionen wieder verworfen… (…) Und wo in der Ausgabe von 1984 Wortwiederholungen tunlichst vermieden wurden, hat man sich nun offenbar auf ihre Wirkung besonnen, so heißt es im Psalm 42 wieder: „Wie der Hirsch schreit nach Wasser, so schreit meine Seele, Gott, zu dir.“ Weitere Beispiele, die die DB jetzt schon gibt: Aus der „Wehmutter“ bei Benjamins Geburt wurde die heute gebräuchlichere Hebamme, aus den „Unzüchtigen“ in der Offenbarung wurden Hurer.
Mehr über die neue Ausgabe
Die zitierte Stelle aus dem 42.Psalm in verschiedenen Versionen:
nennt der aus Sachsen stammende, seit 1965 in Weimar ansässige Lyriker Wulf Kirsten seine literarischen Vorbilder, Dichter wie Heinrich Heine, Johannes Bobrowski oder Antonio Machado, „auf die man zusteuert, wohl wissend, dass man sie nie erreichen wird“. Eine dieser Bojen ist für mich Kirsten selbst, auch wegen seiner Ernst- und Standhaftigkeit … / Die Presse
im schaukelnden Autobus hält sich die junge Frau fest an ihrem I-Pad
Hansjürgen Bulkowski
Am 6.
Am 7.
Am 8.
Am 11.
Am 13.
Am 16.
Am 17.
Der New Yorker Lyriker Ted Greenwald starb gestern im Alter von 74 Jahren. Charles Bernstein schreibt bei Jacket2 von seinen “sublimen Echos.”
In the 1970s Ted and I would meet in the afternoons and talk till night. We even did a recording of a couple of dozen hours of our conversations. I owe a tremendous amount to those meetings and to our many conversations since.
Ein Gedicht aus dem Band Common Sense (reprinted this year by Wesleyan, originally published in 1978 by Curtis Faville’s L Publications):
Mehr bei poetry foundation
Zahlreiche Audios bei PennSound
Rapperin und Schriftstellerin Kate Tempest über ihre Lesereise in Deutschland:
Der Verlag hat mir gesagt, hier würden Lesungen normalerweise so aussehen, dass vorne jemand sitzt und dreißig oder vierzig Minuten lang vorliest. Meiner Erfahrung nach funktioniert so etwas nicht besonders gut. Den Leuten dauert das viel zu lange, und ich kann das gut verstehen. Romane werden schließlich dafür geschrieben, dass man sie für sich alleine liest, in dem Tempo, das für einen selbst am besten ist. Also habe ich beschlossen, kürzer zu lesen, zwischendurch auch ein paar Gedichte vorzutragen, und mich mit dem Publikum zu unterhalten. / Die Welt
In der Lautpoesie wird auf besondere Art gedichtet: nicht mit Worten, sondern durch Schnaufen, Pusten und dadaistische Sprachfetzen. Nur ein bis zwei Dutzend Künstler widmen sich in Deutschland dieser musikalisch-poetischen Form. Einer von ihnen ist Tomomi Adachi.
Er ist Mitglied des Berlin Sound Poets Quoi Tête und nach eigenen Angaben der einzige praktizierende Lautlyriker Japans. Seine Performances wurden bereits in der Tate Modern ausgestellt. Am 9.6. trat Adachi anlässlich des Poesiefestivals in Berlin auf. / DLR
A friend asked me the other day to choose my favorite Muhammad Ali fight. “The Rumble in the Jungle,” I responded. I was thinking of all the rhymes that accompanied it, from “You think the world was shocked when Nixon resigned? Wait till I whip George Foreman’s behind,” to the very phrase “rope-a-dope”, as he named the strategy he used to defeat a superior opponent in the heat of Kinshasa. It was an athletic event but it was also a linguistic one.
Almost from the beginning of his career, when he was still called Cassius Clay, his rhymed couplets, like his punches, were brutal and blunt. And his poems, like his opponents, suffered a beating. The press’s earliest nicknames for him, such as “Cash the Brash” and “the Louisville Lip,” derived from his deriding of opponents with poetic insults. When in the history of boxing have critics been so irked by a fighter’s use of language? A. J. Liebling called him “Mr. Swellhead Bigmouth Poet,” while John Ahern, writing in The Boston Globe in 1964, mocked his “vaudeville” verse as “homespun doggerel.”
(…) Perhaps Maya Angelou, whose own poetry is sometimes labeled doggerel, said it best: “It wasn’t only what he said and it wasn’t only how he said it; it was both of those things, and maybe there was a third thing in it, the spirit of Muhammad Ali, saying his poesies — ‘Float like a butterfly, sting like a bee.’ I mean, as a poet, I like that! If he hadn’t put his name on it, I might have chosen to use that!” / Henry Louis Gates, New York Times
In Baku fand zum Tag der Poeten eine Veranstaltung statt, die vom Verband aserbaidschanischen Autoren und der Vereinigung junger Dichter mit Unterstützung des Ministeriums für Kultur und Tourismus, der türkischen Botschaft in Aserbaidschan, dem Berufsverband Wissenschaftlicher und Literarischer Autoren und dem Weltverband Junger Türkischer Schriftsteller organisiert wurde.
In diesem Jahr war der Abend dem berühmten Schriftsteller und Verdienten Kunstarbeiter Aserbaidschans Vagif Samadoglu gewidmet. Persönlichkeiten aus der Türkei, Kirgisistan, Usbekistan, Georgien, der Ukraine, Iran, Rußland, den USA und Israel nahmen an der Veranstaltung teil. / Azernews
Im Hinblick auf Utopie ist die Lyrik für ihn zentral. «Weil das Menschsein in diesen Zeiten radikal bedroht und instrumentalisiert worden ist, ist genau die Stimme des Menschen gefragt, und das ist in einem umfassenden Sinne eben die Lyrik.» Ein afrikanischer Freund habe ihm einmal gesagt: «Arme Völker singen, reiche Völker nicht mehr.» Es scheine, als ob jene, welche die «Entzauberung der Welt» vorangetrieben hätten, es den Dichtern und der Lyrik zurückzahlen wollten. «Die Sprache, die ich meine, die die Sprache des Antlitzes, des Körpers mitumfasst», so Merk, «sagt von sich ex negativo in Schmerz, Leid, Hunger und Furcht was nicht sein soll, das ist gewissermassen das Lyrische dieser Welt.» Deshalb gehe es nicht um eine ausgemalte positive, sondern bilderlose Utopie. / Thomas Brunnschweiler, Basellandschaftliche Zeitung
unterwirft ihre ‚Kopffilme‘ einer Metamorphose zu Grafik und Lyrik aus einer Hand, 1:1 im Zwiegespräch. Zwei Ausdrucksformen, die sich die Bälle zuspielen und wechselseitig die Perspektiven verändern. Unkonventionelle, sehr eigenständige, grotesk-freche, stets hintergründige Bilder und Texte, in denen sich der Kreis zwischen Innen- und Außenwelt schließt. / art-in.de
Wenn ahnungslose Besucher, angelockt von dem bescheidenen landwirtschaftlichen Museum, das einer der Urenkel Pounds hier betreibt, den kurzen, aber steilen Abstieg von Dorf Tirol zur Burg hinunter auf sich nehmen, dann ist es wohl vor allem das eindrucksvolle Panorama des Meraner Tals, das ihnen im Gedächtnis bleibt – nicht die hier versammelten Artefakte der „Pound Ära“, wie der kanadische Kritiker Hugh Kenner die von Ezra Pound wesentlich mitgeprägte anglo-amerikanische Moderne genannt hat, nicht die Handschriften, Aufzeichnungen, Notizbücher und Briefe Pounds, die anschaulich seine Rolle als Mentor zahlreicher mit ihm befreundeter und korrespondierender Schriftstellerkollegen wie T.S. Eliot, James Joyce oder Ernest Hemingway belegen; und auch nicht die vielen Porträts, Fotografien (unter anderen von Henri Cartier-Bresson) und Büsten des Dichters, die die Brunnenburg nicht nur zu einer Fundstätte für Pound-Forscher, sondern für Kunstinteressierte insgesamt machen.
Ezra Pound ist einer der größten, aber auch einer der umstrittensten Lyriker des zwanzigsten Jahrhunderts. Ein Besuch bei seiner neunzigjährigen Tochter Mary de Rachelwiltz in Südtirol. / Klaus Benesch, FAZ 7.6.
Moshe Dor, „ein Gründungsvater der israelischen Poesie“, starb im Alter von 83 Jahren. 1987 wurde er mit dem Bialikpreis geehrt. Er veröffentlichte 18 Lyrikbände und wurde in rund 30 Sprachen übersetzt. Er veröffentlichte auch Kinderbücher und übersetzte aus dem Amerikanischen. / Haaretz
Ein guter Freund, der Houellebecq verehrt, hat mir berichtet, immer, wenn die Stimmung in seiner Redaktion zu gut würde, klettere er auf einen Stuhl und deklamiere ein Houellebecq-Gedicht. Ein todsicheres Mittel, um eine konzentrierte Arbeitsatmosphäre herzustellen. Übrigens erwischt man sich irgendwann beim Lachen, wie in einem Film von Kaurismäki oder Lars von Trier. Tausend Seiten Depression sind schließlich ziemlich witzig. / Jan Küveler, Die Welt
Michel Houellebecq: „Gesammelte Gedichte„. Aus dem Französischen von Hinrich Schmidt-Henkel und Stephan Kleiner. Dumont. 781 S., 14,99 €.
Schon der Eröffnungsabend, der traditionell unter dem Begriff „Weltklang“ firmiert, zeigte, dass gute Lyrik die an sie herangetragenen Erwartungen gut auszuhalten weiß. Da war es gar nicht nötig, das Büchlein mit den Übersetzungen der dargebotenen Gedichte aufzuschlagen. Es genügt, etwa den Vokalreihen einer Ana Blandianas aus Rumänien nachzulauschen oder dem ätherischen Gesang der barfüßigen Neuseeländerin Hinemoana Baker. Auch Charles Simic wollte man ja immer schon einmal gesehen haben, und dann stand der fast Achtzigjährige da wie ein alter College-Professor, die Hände lässig in den Taschen, und räusperte sich so beharrlich, dass es klang wie ein ganz eigenes Lautgedicht.
„Wie Sie sehen, komme ich nicht allein“, sagte die hochschwangere Uljana Wolf, als sie die Bühne betrat und ein strukturalistisch inspiriertes Gedicht über die Sprachentwicklung von Kindern vortrug. Und mit einem Mal trat da, „gebubbelt, gebabelt“, aus der „konnotation“ eine „notunterkunft“ hervor. Seiner Zeit entkommt man eben einfach nicht. / Tobias Lehmkuhl, Süddeutsche Zeitung
Das Gedicht als moralische Obstkistenpredigt ist unerträglich – das Gedicht also, dessen Freiraum missbraucht wird, um eine eindeutige Aussage zu treffen, eine Pointe, etwa als Paarreim, mit der das Gedicht sich dann sozusagen erledigt hat. Ein Gedicht muss schon etwas dauerhaft Verstörendes haben, es muss eine Verrückung der Wahrnehmung erreichen. / Jan Wagner antwortete auf Fragen des Tagesspiegels
Wirklich verstehen im Sinne der Ratio kann man das nicht. Muss man aber auch nicht. Denn Handlung steht hier nicht im Vordergrund – sondern der Reim. „Verbannt“ kommt nämlich durchgängig in sogenannten Spenser-Strophen daher, die beliebt waren zu Zeiten von Byron, Keats und Shelley.
Das Deutsche ist für solche Strophen nicht wirklich geeignet, was zu manch schrägem Reim und kuriosem Kalauer führt. An vielen Stellen knirscht es also mächtig im Gefüge. Ann Cotten hat deutlich ihren Spaß daran. Dass ihr am Ende dieses Versepos gar die Puste auszugehen schien: Es kümmert sie nicht. Verfugung, Verschiebung, die Lockerung der Übergänge ist hier alles. „Verbannt!“ inthronisiert sie insofern als Königin der Schraubenliteratur. / Claudia Kramatschek, DLR
Ann Cotten: Verbannt!
Versepos
Suhrkamp Verlag, Berlin 2016
168 Seiten, 16 Euro
Am 3.6. wurde in Tokio eine musikalische Hommage an den Dichter Allen Ginsberg aufgeführt: „Der Dichter spricht“. Die Idee wurde 2007 von der Rockikone und Schriftstellerin Patti Smith und dem Komponisten Philip Glass entwickelt. An der Aufführung in Tokio arbeiteten der Romancier, Dichter und Übersetzer Haruki Murakami (seine Ginsberg-Übersetzungen wurden auf eine Leinwand projiziert) und der japanische Musiker Joe Hisaishi mit. / ActuaLitté
Hier eine Aufnahme von 2005 mit Patti Smith und Philip Glass:
Through verses about loss and tragedy, Hassan has become one of Iraq’s most successful and celebrated poets. Sometimes called the “Maya Angelou of Iraq,” Hassan’s work has been heavily awarded and translated into dozens of languages.
Writing from her new home in New Jersey, Hassan explained via e-mail how her childhood, her faith and her war-torn nation turned her into one of Iraq’s first prominent female writers.
“Writing is very dangerous, especially for an Arab woman if she writes honestly and freely,” she said. “Some people do not like honesty and freedom of expression, so sometimes women stop writing because they worry about themselves and their family.” / Graham Dudley, Nondoc.com
Zur vorangegangenen Meldung sehr gut passend hier ein Hinweis auf die erste Nummer der Zeitschrift Der Dackel. Blätter für Asphaltliteratur, herausgegeben von Edition Samisdat in Wien. »Was ist nun dieser erstaunliche Hund«, fragt Paul Asti im Editorial: »Ein guter Geist, der über den Dächern der großen Städte schwebt, der unverdächtige Patron aller Asphaltliteraten […], angetreten gleichsam zum Staffellaufe, die Lichtenbergsche Fackel der Wahrheit über die versteinerten Köpfe und umwölkten Stirnen hinweg ins Morgen zu tragen – der schimmernden Abendröte aller Kultur entgegen.« Quasi als Bekräftigung dieses Programms beginnt das Heft mit Jakob van Hoddis’ »Weltende«. Es folgen Gedichte und Kurzprosa von – ich vermute: zeitgenössischen – Autorinnen und Autoren, die mir, von wenigen Ausnahmen abgesehen, zugegebenermaßen kaum bis überhaupt nicht bekannt sind (schade, dass es am Ende keine biographischen Kurzhinweise gibt)., dazwischen einzelne Texte von Größen wie Dumas, Lorca, Georg Heym, Jarry, Keats, Karl Kraus oder Morgenstern. Der erste Teil kreist um »Lüge« als Thema der ersten Ausgabe, der zweite ist ein freies »Florilegium«.
Das Heft räumt dem Kulturkritischen humoristisch-satirischer Prägung großen Raum ein, ist aber keineswegs darauf fixiert. Vom ersten Lesen her scheint mir das Niveau der Beiträge sehr unterschiedlich. Von der schülerzeitungstypischen Harmlosigkeit bis hin zu poetologisch reflektierten post-postmodernen, an einer Weiterführung klassischer Ästhetik arbeitenden Gedichten (Alexandra Bernhardt), von leicht miefiger Absage an zeitgenössische Schreibpraxis bis hin zu dezidiert experimentellen Neologismus-Gedichten an der Grenze tradierter Semantik (Unda Maris). Bin gespannt, wie sich Der Dackel weiterentwickelt. Für das zweite Heft 2016 können Textvorschläge noch bis zum 15. Juni an redaktion@asphaltliteratur.com eingereicht werden (Thema: »Dummheit«).
In Heft 1 Beiträge von: Heiner Bangemann, Robert Bareis, Anne Bennet, Alexandra Bernhardt, Marina Büttner, Udo Dickenberger, Alex Dreppec, Lena Fehlhaber, Nico Feiden, Sabine Frambach, Eugen Fuchs, Federico García Lorca, Károly Göndör, Hans G. Gohlisch, Gerhard Goldmann, Christian Heim, Willi van Hengel, Georg Heym, Jakob van Hoddis, Alfred Jarry, Till Kammerer, John Keats, Ayn Kempffer, Hagen Klennert, Karl Kraus, Thomas Krause, Steffen Krenzer, Stefan Kunzke, Alfred Lichtenstein, Lukas Meisner, Christian Morgenstern, Andrea Nagy, Roman Olasz, Michel op den Platz, Ole Paulsen, Susanna Piontek, Christian Pradel, Karl-Heinz Rölke, Bertil Rolf, Scarnafol, Sigune Schnabel, Sebastian Schneider, Lena Schweizer, Niclas Siebert, Ernst Stadler, Ben Ulrich Stein, Jan Stenmark, Jochen Stüsser-Simpson, Gabriele Sümer, Raimund Tandler, Tim Tharun, Màrius Torres i Perenya, Mona Ullrich, Unda Maris, Jürgen Völkert-Marten, Ludwig Wassermann, Carlos Wolf.
/ àxel sanjosé
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