Noch eine

Ich habe Leonard Cohen nicht kennengelernt, bin aber neben ihm hergeschwommen, eine Stunde lang im Breach Candy Club in Bombay, jeder für sich, Bahn um Bahn in einem Becken, dessen Konturen den Außengrenzen Indiens nachgebildet sind. Wir blickten uns einmal an, er nickte mir nicht zu, er erwiderte nicht mein Lächeln.

Später erfuhr ich, sein Guru sei in Bombay zu Hause. Er schwamm mit langen, ruhigen Zügen. Das Gleiten ausgedehnt. Den Kopf aufrecht, wie ein schwarzer Schwan. Kann man sich Leonard Cohen als Krauler vorstellen? Kaum. Eher Mick Jagger oder Freddie Mercury.

100 Meter Brust. Der Olympiasieger: 0:58:46. Ich: 2:01. 200 Meter Brust. Der Olympiasieger: 2:07,28. Ich: 4:36. / Ilija Trojanow, Die Welt

Anekdote

Auf seiner Flucht vor der Polizei begegnet Toller Rilke, der in dieser Zeit in München lebt: „Ich bin sehr betrübt, bei mir sind Sie nicht sicher, zweimal schon wurde mein Haus durchsucht. Sie hatten meine Wohnung unter den Schutz der Räterepublik gestellt, ich vergaß den Anschlag zu entfernen, das wurde mir zum Verhängnis.“
Rilke wird aus München ausgewiesen, Toller kommt vor Gericht und wird von Hugo Haase verteidigt. In seinem Plädoyer formuliert der Anwalt:

Es ist ein Nonsens, dass die Regierung, die selbst durch eine Revolution zur Herrschaft gekommen ist, diejenigen als Hochverräter ins Zuchthaus oder gar aufs Schafott schickt, die nichts anderes tun, als sie selbst getan hat. / Jan Kuhlbrodt: Dichter in der Münchner Räterepublik: Ernst Toller, Signaturen

Auswärtsspiel

Witzige Unterhaltung bot vor allem der jüngste der drei Teilnehmer, der Lyriker Tristan Marquardt, mit seinen knappen und geistreichen, meist hintersinnig-philosophischenWortspielen und Aphorismen. Oft standen dabei technische Aspekte im Mittelpunkt. Kostprobe gefällig? „Ist ein voll aufgeladener Akku eigentlich schwerer als ein leerer“; „Wann hört ein neues Dokument eigentlich auf ein neues Dokument zu sein? Wenn man es abspeichert“; „Ein Haus – die erste Person Plural von Zimmer.“; „Ferne – das ist Nähe, erwachsen geworden.“ Marquardt las auch streckenweise mit seiner befreundeten Kollegin Ricarda Kiel, teilweise experimentierten die beiden mit künstlerischen Bearbeitungen von Twitter-Beiträgen und Auszügen aus Internet-Blogs. Dass mag dann mitunter experimenteller und für eher konservative Freunde der Dichtkunst gewöhnungsbedürftiger sein als etwa die klassischen Text-Präsentationen bei „Goethes Schlittschuh“ … / Donaukurier über eine Lesung in Pfaffenhofen

Poetopie

erschrick nicht über dich auf dem Selfie – ist ja nur ein Foto

Hansjürgen Bulkowski

Friederike Kempner, Genie der unfreiwilligen Komik?

Die Dichterin Friederike Kempner wird als „schlesischer Schwan“ und „Genie der unfreiwilligen Komik“ verlacht. Nicht zu unrecht. Allzu groß ihr Vertrauen in die göttliche Poesie

Die Poesie, die Poesie,
die Poesie hat immer recht.
Sie ist von höherer Natur,
von übermenschlichem Geschlecht.

Und kränkt ihr sie, und drückt ihr sie,
sie schimpfet nie, sie grollet nie,
sie legt sich in das grüne Moos,
beklagend ihr poetisch Los!

allzu hemmungslos bedient sie sich durch langen Gebrauch abgenutzter Bilder und Reime:

Es ist mir so federleicht um’s Herz,
Versunken ist der wilde Schmerz,
Und wenn’s mir so im Innern glüht,
Sing‘ ich euch bald ein neues Lied

allzu bedenkenlos vergreift sie sich an der Grammatik

Gott im Himmel, sei gnädig,
Schütze dieses Dorf!
Schütze diese grünen Auen,
Diesen Moor und Torf.

hier ein e wegsensend

setzt eine Cigarett‘ in Brand

oder eine ganze Silbe

Großer Gott, du hast willfahret
Meinem still‘ Gebet

dort ein e zufügend

Süßes Kindchen, Menschenräupchen,
Mach‘ kein bitterbös Gesicht,
Und verbitt’re drum das Leben
Deinen Mite-Raupen nicht.

oder gleiche ganze Silben: aus -ti

Antisemitismus,
Aufgewühltes Meer,
Neueste Influenza,
Dauerst mich gar sehr

wird schnell mal ti-ti

Anti-ti-semiten,
Höret meinen Rat,
Heilet eure Leber,
Gehet nach Karlsbad!

damit Metrum und Reim(-dich-oder-ich-freß-dich) passen.

Aber taten das nicht viele, zumal im 19. Jahrhundert, zumal in der Gründerzeit? Gibts nicht Myriaden schlechte Verse, Klischee, Pathos, unfreiwillige Komik? Welche der folgenden Verse sind von Friederike Kempner? Zählen Sie mit!

1

Die Schlange

Sie stürzt mit furchtbarer Stimme
Auf ihren Raub sich los,
Vertilgt in einem Grimme
Den Reiter und sein Roß.

2

Napoleon

Die Welt hat nichts mit Großem mehr zu schaffen;
Denn ringt sich auch einmal ein Löwe los,
Er wird zum Tiger unter so viel Affen.

3

Und mußt du denn, trotz Kraft und Mut,
An jedem Dorn dich ritzen,
So hüt dich nur, mit deinem Blut
Die Rosen zu bespritzen.

4

Der Urwald

Sie standen auf und schauten
Hinaus und hörten zu,
Wie rings der Urwald summte
Im großen Land Peru.

5

Der Reim

Nicht wenigem, was man schreibt mit Schwung,
gibt erst der Reim Daseinsberechtigung.

6

Kepler

Du sahest herrliche Gesichte
In finstrer Nacht
Ein ganzes Blatt der Weltgeschichte
Du hast es vollgemacht.

7

Indisches

Im Gebüsch gestreckt
Ruhet Hindu faul,
Gift’ge Schlange leckt
Gierig sich das Maul.

Nimmt erst Anlauf dann
Springt auf Hindu ein,
Schlägt dem armen Mann
Giftzahn ins Gebein.

Hindu fliehen will –
Glieder sind verkrampft –
Bet’t zu Buddha still
Und verscheidet sanft.

Wieviele Kempner haben Sie gefunden? Ergebnis unterm Strich

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Hochhuths Reime

Zu seinem 85. Geburtstag erschien im Rowohlt Verlag Das Grundbuch mit „365 Sieben- bis Zwölfzeilern“ – sozusagen für jeden Tag des Jahres ein Gedicht. Oder wenn man so will: Ein lyrisches Tagebuch für den Zeitraum eines Jahres. Wollte Hochhuth, wie der Buchtitel zunächst vermuten lässt, etwas Grundsätzliches schaffen, etwas Bleibendes, ein persönliches Register? Bereits im Vorwort weist der Autor diesen Verdacht von sich: „Auf Erden gibt es überhaupt nichts Ewiges, einfach deshalb nicht, weil jede Generation mit anderen Augen urteilt; meist aburteilt, was die vorhergehende geleistet hat.“ / Manfred Orlick, literaturkritik.de

Besonders angetan haben es mir Hochhuths Reime:

„Annes Tagebuch wird den deutschen Staat, eine vergleichbare Untat / nicht bekannt –, wird sogar unser Volk überleben! / Unsühnbar: Der Weltgeist kann uns Auschwitzern nie vergeben.“

„Nicht wenigem, was man schreibt mit Schwung, / gibt erst der Reim Daseinsberechtigung.“

(Erstaunlicherweise enthält sich der Rezensent so gut wie jeglichen Urteils. Zum Geburtstag nur Gutes?)

Rolf Hochhuth: Das Grundbuch. 365 Sieben- bis Zwölfzeiler.
Rowohlt Verlag, Reinbek bei Hamburg 2016.
240 Seiten, 22,00 EUR.
ISBN-13: 9783498030278

Von ferne winken die Galgenbrüder

Schon mit einem geringfügigen Faible für DIY*, also Poesie, bietet dieses Buch vorwiegend großes Vergnügen. Eine so explizite und temperamentvolle, auch temporeiche Lobpreisung des Transitorischen hat es in dieser kompromisslosen Form schon eine Weile nicht mehr gegeben, vielleicht seit RD Brinkmanns Westwärts nicht mehr. Es ist nicht nur das Magenta des Covers und die Affinität zur Fotografie, die Ulrike Feibig mit dem Erzsubjektivisten aus Vechta verbinden; die Debütantin schafft auch etwas, was auf eine immense poetische Begabung hindeutet: Sie kann von ihrer Faszination fürs Material lassen, um sich dem Kontext ihres Tuns zuzuwenden und qua Text Poetologie zu betreiben. Und abseits dieses Changierens von ausgestellter Naivität und poetologischer Reflexion schafft sie sich und der Leserschaft Inseln, und auf diesen Inseln geht es entweder ausgesprochen intim zu oder verspielt, von ferne „WINKEN“ (dazu findet sich eine kaltschnäuzige Anweisung im Buch) die Galgenbrüder.
(…) Ulrike Feibigs perlicke, perlacke, mein Herz schlägt ist ein vitales Gedankenbuch. (…)

(…) der unverlierbare Humor dieses meisterlichen Debüts. / Konstantin Ames, Signaturen

Ulrike Feibig: perlicke, perlacke, mein Herz schlägt. Herausgegeben von Jayne-Ann Igel, Jan Kuhlbrodt und Ralph Lindner (= Reihe Neue Lyrik, Band 11). Leipzig (poetenladen) 2016. 91 Seiten. 16,80 Euro.

*) „Do it yourself, also Poesie“: werd ich mir merken. (Als Definition, nicht als Drohung!)

Leseecke 12

FullSizeRenderLeseecke ist eine Rubrik, die sich der Veröffentlichung aller 154 Sonette Shakespeares in Günter Plessows Übersetzung und dem Originaltext (bei Signaturen) anschließt und hier Leseecke und Forum zur Diskussion über die Sonette und / oder Übersetzungen sein kann. Jedenfalls ich werde an 154 Tagen (mit Zwischenraum, um durchzuschaun) mir jeweils eins der Sonette vornehmen und hier den Originaltext und zusätzliches Material anbieten. Einladung zum Pendeln von Shakespeare zu Plessow und zurück (wenns sein muß auf Umwegen über Schlegel/Tieck, Bodenstedt, George, Kraus & Co). (Die Zahl neben dem Wort Leseecke ist die Nummer des Shakespearesonetts). Zur Originalschreibweise: u / v und i / j sind fast regellos austauschbar, liue lies live, ioy lies joy.
Sonette 8-14 bei Signaturen hier
Bisherige Folgen der Leseecke hier.

12

VVHen I doe count the clock that tels the time,
And see the braue day sunck in hidious night,
When I behold the violet past prime,
And sable curls or siluer'd ore with white:
When lofty trees I see barren of leaues,
Which erst from heat did canopie the herd
And Sommers greene all girded vp in sheaues
Borne on the beare with white and bristly beard:
Then of thy beauty do I question make
That thou among the wastes of time must goe,
Since sweets and beauties do them–selues forsake,
And die as fast as they see others grow,
     And nothing gainst Times sieth can make defence
     Saue breed to braue him, when he takes thee hence

Einige Anmerkungen zum Text:

braue brave, hier: schön

3 past prime a) die Vergangenheit wo sie am schönsten war b) wenn der Frühling vorbei ist

4 sable schwarz, braun siluer’d ore silvered o’er übersilbert

5 barren Oxford Shakespeare kommentiert: „Unusual in the sense of ‚bare of leaves‘; its usual sense ‚bare of fruit‘ recalls the chill landscape of infertility, the bareness everywhere of 5.8.“ (hier)

6 erst vorher canopie bedecken 

girded vp in sheaues zu Garben gebunden

8 bier Bahre bristly stachlig

do I question make spekuliere ich darüber

13 sieth scythe, Sense

Deutsche Fassung von Otto Gildemeister (1871)

 Zähl ich den Glockenschlag, der Stunden mißt,
 Und seh den stolzen Tag in Nacht versinken,
 Schau ich das Veilchen nach der Blütenfrist
 Und Rabenlocken, die versilbert blinken;
 Seh ich den Waldbaum um sein Laub gekürzt,
 Der sonst die Herde vor der Glut bewahrte,
 Und Sommers Grün, in Garben hochgeschürzt,
 Auf Bahren ruhn mit weißem Stachelbarte:
 Dann über deine Schönheit grübel ich,
 Daß du hinab mußt in der Zeit Verderben;
 Denn Reiz und Schönheit läßt sich selbst im Stich
 Und eilt, so rasch wie Neues wächst, zu sterben.
    Nichts hält die Sense fern von deinem Haupt
    Als Saat, die stehn bleibt, wann die Zeit dich raubt.

Hölty-Preis für Christoph Meckel

Der zum fünften Mal verliehene Hölty-Preis „für Lyrik der Landeshauptstadt und der Sparkasse Hannover“ geht in diesem Jahr an den Dichter und Grafiker Christoph Meckel. Der Preis wird am 15. September um 20 Uhr öffentlich in der Orangerie Herrenhausen in Hannover verliehen. Der Lyriker Uwe Kolbe wird die Laudatio halten.

Der mit 20.000 Euro dotierte „Hölty-Preis für Lyrik“ ist die höchstdotierte Lyrikauszeichnung im deutschsprachigen Raum. Die bedeutende Auszeichnung wird an eine lebende deutschsprachige Lyrikerin beziehungsweise einen Lyriker für ein Gesamtwerk oder eine einzelne Veröffentlichung vergeben.

In der Begründung der Jury für den diesjährigen Preisträger heißt es: „Mit der Auszeichnung wird das in sechs Jahrzehnten entstandene lyrische Lebenswerk Christoph Meckels gewürdigt, das jenseits von allen Trends und Moden des Zeitgeistes inspiriert ist, eine ästhetische Subversion gegen jede Hierarchie und Routine.“

Der Jury gehörten an: Michael Braun (Literaturkritiker), Kathrin Dittmer (Literaturhaus Hannover), Cornelia Jentzsch (Literaturkritikerin), Michael Krüger (Schriftsteller) und Martin Rector (Germanist).

Die Stadt Hannover zu den Hintergründen:

2008 wurden durch die Einrichtung des Hölty-Preises die beiden vorherigen, von der Sparkasse Hannover finanzierten Literatur-Preise – der Gerrit-Engelke-Preis und der Kurt-Morawietz-Preis – abgelöst. (…) Er wird seit 2008 im Zwei-Jahres-Rhythmus gemeinsam von der Landeshauptstadt Hannover und der Sparkasse Hannover verliehen, die Sparkasse unterstützt dabei maßgeblich die Finanzierung. Die Auszeichnung ist für deutschsprachige Autorinnen und Autoren vorgesehen und stellt daher ein Instrument zur Förderung deutschsprachiger Lyrik dar.

Wankerer

Kritiker sagen, dieses Wort gibt es nicht.* Dabei steht es in Wörterbüchern**, wenn man nicht nur das OED konsultiert. Mit dem Reimwort auf „Ankara“ hat der ehemalige Londoner Bürgermeister Boris Johnson den £1.000-Preis für das beste (böste?) Erdoǧan-Schmähgedicht gewonnen. Es ist ein regelkonformer Limerick, eine Form, die im Deutschen trotz mancher Bemühungen nie richtig heimisch wurde:

There was a young fellow from Ankara,
Who was a terrific wankerer.
Till he sowed his wild oats, With the help of a goat,
But he didn’t even stop to thankera.

Soweit britische Verskunst und britischer Humor. Hier (zweiter Absatz) britische Politik:

“Certainly there were better poems,” he wrote on the Spectator website. “For sure there were filthier ones … For myself, I think it a wonderful thing that a British political leader has shown that Britain will not bow before the putative caliph in Ankara.

“Erdoğan may imprison his opponents in Turkey. Chancellor Merkel may imprison Erdoğan’s critics in Germany. But in Britain we still live and breathe free. We need no foreign potentate to tell us what we may think or say. And we need no judge, especially no German judge, to instruct us over what we may find funny.”*** [Hervorhebungen L&Poe]

*) „Can I remind entrants that you cannot just make up words. ‚Wankerer‘ does indeed rhyme with Turkey’s capital. But it is not a word.“ Judge Douglas Murray hier

**) „someone who has been accused**** of wankering“ urban dictionary.com

***) Aber Böhmermann ist immer noch Deutscher.

****) Vielleicht freut es unsere angelsächsischen Freunde zu hören, daß niemand in Deutschland wegen wankering angeklagt wird. 😉

Gestorben

Der amerikanische Liedermacher oder singer/songwriter Guy Clark starb im Alter von 74 Jahren.

Auch wenn der Name des amerikanischen Liedermachers Guy Clark in Europa nie besonders bekannt wurde, die Liste der Kollegen, die Clarks Lieder sangen, lässt bei jedem ein paar Glocken läuten: Emmylou Harris, Johnny Cash, John Denver, Willie Nelson und Kris Kristofferson zum Beispiel. Neidlos wurde er seit den frühen Achtzigern als einer der Besten, wenn nicht gar der Beste seiner Zunft anerkannt. „King of the Texas Troubadours“ hat die „New York Times“ den 1941 im texanischen Monahans Geborenen genannt, ein Etikett, das haften blieb.

Troubadour, dieser Ausdruck zeigt schon, wie wenig der in Deutschland verlegenheitshalber oft gebrauchte Begriff Countrysänger Clark und seinesgleichen fasst. / Stuttgarter Nachrichten

Hammerhai vor der Haustür

Macfarlane und seine über die Erde verstreuten Wanderfreunde sind alle wie dieser Raja Shehadeh. Sie wissen: Man braucht nicht an exotische Orte zu reisen, um berückende Geschehnisse zu entdecken, man findet die Welt vor der Haustür.

Eine ähnliche Auffassung greift auch hierzulande allmählich um sich. So bei der Lyrikerin Sabine Scho, die kürzlich einige Gedichte über das Naturkundemuseum in ihrer Heimatstadt Berlin, genauer: über dort zu sehende Präparate veröffentlicht hat. Eines ihrer mit allen Wassern der künstlerischen Moderne gewaschenen Poeme widmet Scho dem Hammerhai: „what is it like / to be a snarky crackpot / sensationally sick / 360 Grad im Blick / pausenlos pendeln / lorenzinische ampullen / melden impulse, sammeln / elektrische stimuli durch / poren im hammerkopf“. / MICHAEL GIRKE, der Freitag

Alte Wege. Robert Macfarlane , Judith Schalansky (Hg.) Andreas Jandl, Frank Sievers (Übers.), Matthes & Seitz 2016, 400 S., 34 Euro

Does the Arab get sleepy?

Dann blätterte ich so lange, bis ich die Stelle mit dem Dialog gefunden hatte, und fing an zu lesen, eine Szene größter Zärtlichkeit zwischen einem Araber und seiner jüdischen Geliebten, die mit folgenden Worten beginnt:
„It‘s five in the morning, my dear.“
„And does the Arab get sleepy?“ she asked playfully. „As for me, I don‘t want to sleep.“
I said, „Yes. The Arab does get sleepy, and tries to sleep.“
She said, „Go ahead. I‘ll guard your sleep.“

Norbert Gstrein besucht die Gräber von Arafat und Machmud Darwisch, Volltext 1/2016, jetzt online

Not „nature“ but her backyard

few months ago, I began making my way through the complete set of Emily Dickinson’s 1,789 poems. Right from the start, I was struck by how often commonplace plants and animals—robins, bumblebees, dandelions—featured in her poetry. She devoted entire poems to such ubiquitous backyard creatures, describing them in ecstatic, even spiritual language. Whenever she needed a metaphor or a simile, she turned to the garden. When she required a symbol for herself, she chose the wren, clover, or spider. And she seemed to be deeply familiar with the biology of such species. Dickinson has long been classified as one of the great nature poets, but as I explored her work I started to see her as every bit the naturalist.

(…) What I learned is that Dickinson’s single biggest source of inspiration was not “Nature,” that grand abstracted entity supposedly external to human society, but quite simply—and quite literally—her backyard. (…)

In her 1,789 poems she refers to animals nearly 700 times, to plants almost 600 times, and to fungi four times. In her more than 350 references to flowers, the rose is most common (51 mentions) followed by daisies, clover, daffodils, and buttercups. She refers to birds 317 times, favoring the robin (47 mentions), followed by the bobolink, oriole, sparrow, blue jay, and blue bird. Although a few foreign species pop up now and then—the leopard, elephant, rhinoceros—the most frequently referenced creatures by far are the same ones she observed in her backyard every day—the bee, butterfly, and squirrel. But Dickinson’s descriptions of these creatures are entirely unexpected and linguistically innovative, urging the reader to look at the world anew: a hummingbird as a “Route of Evanescence / With a revolving Wheel”; a daffodil “untying her yellow bonnet”; an unseen choir of crickets ceaselessly eking out a “spectral canticle” from the grass.

In fact, an intimate knowledge of gardening and local wildlife is so integral to Dickinson’s work that the subjects and meanings of her poems can be rather opaque to readers who do not draw on similar expertise. / Ferris Jabr, Slate

Die elfte These … Utopisches Nachdenken bei Wolfgang Hilbig

9. Juni 2016 – 19:30

Podiumsgespräch mit Helmut Böttiger und Jayne-Ann Igel

Sind Utopien noch aktuell? Wie ›politisch‹ dürfen Utopien sein? Wie haben Schriftsteller des 20. Jahrhunderts utopische Ideen in ihren Werken verarbeitet? Die Veranstaltungsreihe »Utopien in der modernen Literatur« stellt den Dichter und Schriftsteller Wolfgang Hilbig (1941-2007) in den Mittelpunkt. Seine Erzählung »Die elfte These über Feuerbach« (1992) thematisiert u.a. das »Nachdenken über das Thema Utopie«. Diesem Nachdenken werden sich der Literaturkritiker Helmut Böttiger und die Schriftstellerin Jayne-Ann Igel im Podiumsgespräch annähern und dabei auch Raum für weiteres »Utopisieren« bieten.

Helmut Böttiger, 1956 in Creglingen geboren, studierte Germanistik und arbeitete nach der Promotion als Kulturredakteur in Stuttgart, Frankfurt und Berlin sowie als Literaturkritiker für Deutschlandradio, Die Zeit und die Süddeutsche Zeitung. Seit 2002 ist er freier Autor, 2013 erhielt er den Preis der Leipziger Buchmesse in der Kategorie Sachbuch für sein Werk »Die Gruppe 47«.
Jayne-Ann Igel wurde 1954 in Leipzig geboren. Von ihr erschienen u.a. »Fahrwasser. Eine innere Biografie in Ansätzen« (1991), »Wiederbelebungsversuche« (2001) und »Vor dem Licht/Umtriebe« (2014). Die Schriftstellerin ist seit 2011 Mitherausgeberin der Reihe »Neue Lyrik«.

Eintritt: 4,- /3,- EUR
Veranstaltung des Arbeitskreises für Vergleichende Mythologie e. V. und der Wolfgang-Hilbig-Gesellschaft e. V. Gefördert vom Kulturamt der Stadt Leipzig und der Kulturstiftung Sachsen