Digest 21.6.

Flucht aus Wien

Bereits 1953 setzte sich die gefeierte junge Autorin nach Italien ab, um niemals mehr in die Stadt an der Donau zurückzukehren. Zumal die Beziehung zu ihrem Mentor und Liebhaber Weigel – McVeigh wertet als Erster Bachmanns Briefe an ihn aus – erwies sich als zunehmend kontraproduktiv, ja für sie selbst nahezu zerstörerisch. Dies erst recht, als Weigel 1951 die Schauspielerin Elvira Hofer heiratete.

Aber das war nicht der einzige Grund für den Weggang: Weigel hatte in einer nahezu erpresserischen Umarmung versucht, Bachmann für die eigenen Strategien einzuspannen, die sich auch gegen die junge, sich eben in der Gruppe 47 formierende bundesdeutsche Literatur richteten.

Ingeborg Bachmann empfand diese Situation offensichtlich als eine Art babylonischer Gefangenschaft, aus der sie im Wortsinn fliehen musste. Hinzu kam die – damals – gescheiterte Beziehung zu Paul Celan, der McVeigh sehr viel weniger Aufmerksamkeit schenkt. So oder so begann mit dem Abschied aus Wien jener Zustand der Unbehaustheit, den Ingeborg Bachmann bis an ihr Lebensende 1973 in Rom nicht mehr beenden konnte. / Markus Schwering, FR

Unica Zürn, Hans Bellmer, Alexander Camaro

Unica Zürn begegnet 1953 bei einer Ausstellungseröffnung in der Galerie von Rudolf Springer dem Surrealisten Hans Bellmer, der Mitte der dreißiger Jahre nach Paris immigriert war. Eine neue, fruchtbare Künstlerbeziehung beginnt, leidenschaftlich, gefährlich, denn in Unica Zürn hat Hans Bellmer eine lebende „Poupée“ gefunden, die er schnürt, malt, fotografiert, wie es der Surrealist zuvor nur mit seinen gebauten Figurinen praktiziert hat. (…)

Die Ausstellung ruft eine Künstlerin in Erinnerung, die zwar keine Unbekannte ist, deren Bedeutung aber immer noch unterschätzt wird. Die Camaro-Stiftung leistet da zweierlei: Sie würdigt diese besondere Figur durch wissenschaftlich fundierte Erarbeitung, wenn sie auch wieder vornehmlich als die Gefährtin zweier berühmter Männer gesehen wird. Und sie feiert Zürn, genauer: ihren 100. Geburtstag am 6. Juli mit einem großen Fest. Bis dahin ist die Ausstellung in der Camaro-Stiftung zu sehen, die im zweiten Hinterhof eines großbürgerlichen Hauses in der Potsdamer Straße residiert. Der Ort passt perfekt, denn hier unterhielt der Verein Berliner Künstlerinnen bis 1910 seine erste Malschule. In den lichten, hohen Ateliersälen im dritten Stock, unter der gläsernen Decke unterrichtete einst Käthe Kollwitz. / Nicola Kuhn, Tagesspiegel

Camaro Haus, Potsdamer Str. 98a, bis 6. Juli, Di bis Sa 13–17 Uhr, Mi 13–20 Uhr. Fest am 6. Juli. um 17 Uhr. Katalog (Brinkmann & Bose) 25 €

Tayseer al-Sboul

(1939-73) needs no introduction in his homeland, Jordan, but in recent years, there have been efforts to make his works accessible to the English-language readership. In coordination with his family and the Jordanian Writers Union, Nesreen Akhtarkhavari, the director of Arabic Studies at DePaul University, has translated his novel, “You As of Today”, as well as the poems in “Desert Sorrows”, a bilingual book, where the Arabic originals appear across from their English version. This is the first English translation of all of Sboul’s poems, which were written in the years 1960-73, right up to the time of his tragic suicide at the age of only 34. / The Jordan Times

Tayseer al-Sboul: Desert Sorrows
Translated by Nesreen Akhtarkhavari and Anthony A. Lee
East Lansing: Michigan State University Press, 2015
Pp. 139

Viktor Ullmann und Nelly Sachs

Die Kompositionen von Viktor Ullmann entstanden 1943/44 im Ghetto Theresienstadt. Es werden dazu Gedichte von Nelly Sachs vorgetragen. Der 1898 geborene und 1944 in Auschwitz ermordete Komponist Viktor Ullmann gehörte zum Kreis der führenden Wiener Komponisten in den 1920er/1930er Jahren. / NWZ

Zu spät

Brexit – John Oliver will Briten mit Eugen-Freund-Gedicht umstimmen

schrieb die Tiroler Tageszeitung schon am 20.6. Bin ich jetzt Schuld am Brexit? Ich hatte einfach keine Zeit. Sorry, Leute! Wahr ist es trotzdem:

Olivers Lösung: Man solle die „komplizierte, bürokratische, ambitionierte, überhebliche, inspirierende und stets irritierende“ Europäische Union ruhig weiter verteufeln – „aber Großbritannien wäre absolut verrückt, sie zu verlassen“.

Auch John Burnside hat es versucht:

Das ist dumm. Borniert. Man schneidet sich ins eigene Fleisch. Und während wir der überflüssigsten Krise der jüngeren Geschichte entgegentaumeln, kann ich nur ausrufen: I don’t believe it!

Und Ulrike Draesner

Gegen den Brexit hilft nur Aufklärung / Die Zeit

Universum Bachmann

Mittelbadische Presse: 1953 wurde sie [Ingeborg Bachmann] von der Gruppe 47 ausgezeichnet für die »besten deutsch-sprachigen Gedichte ihrer Generation«. Ich bin über das »ihrer Generation« gestolpert.

José F.A. Oliver: Ach, das mit dem »besten«, »wichtigsten« und »bedeutendsten« ist ein so furchtbares Ding  … Wer will das beurteilen. Die Universalität einiger Bachmann-Gedichte vergeht nicht. Das reicht doch, oder? Und dieses »Universum Bachmann« ist nach wie vor geheimnisvoll und magisch  … »Anrufung des Großen Bären«  … Welch wunderschöner Titel  … / Mittelbadische Presse

Verstörend

Unsere Urahnen sprachen gegendertes Semitisch

schrieb Die Welt und fand es verstörend.

Was sonst noch passierte

Fassungslos blickt die Welt auf AfD-Politiker, die die „Protokolle der Weisen von Zion“ für echt halten. Nix zu machen: An Facebook kommen die Medien nicht vorbei, meint Wolfgang Blau im Wiener Kurier. Vorher lassen sie aber in Deutschland noch die Adblocker verbieten, so Netzpolitik. / Perlentaucher

Opferlogik

Der slowenische Dichter Aleš Šteger schreibt in Der Standard

Der Logik des angeblichen Opfers, das sich der Gewalt von außen widersetzt, der Bevormundung durch Europa; das ist die Logik von Le Pen, Orbán und ihresgleichen. Sie sind die selbsternannten Opfer, Opfer der Politik der Linken, Opfer der Migration, Opfer der offenen Grenzen Europas, Opfer der schrittweisen Abkehr von der lokalen, nationalpolitischen und ökonomischen Hegemonie.

Allen anderen, die stumm dem Aufmarsch der Rechten, des Nationalismus, der selbsternannten Sheriffs zusehen, nützt die eigene Untätigkeit – oder sie hoffen es zumindest. Nach dem Vorbild der Rechten versuchen immer mehr Linke in Europa, die Ideale unserer Rechte zu renationalisieren, was empörend und verheerend ist.

Digest 19./20.6.

Peinlich

Nun schickt Lerner eine Programmschrift zum Status der Poesie hinterher… Es ist auch ein autobiographisches Spiel, denn häufig rekurriert der Autor auf eigene Erfahrungen. Lerner gefällt, dass ihm gegenüber jeder Nichtdichter Kenntnisse über Lyrik simuliere, „obwohl die einzigen Gedichte, denen er in den vergangenen Jahrzehnten begegnet ist, auf Hochzeiten und Beerdigungen vorgetragen wurden“. Bereits nach wenigen Seiten wird klar, dass die wahre Poesie eine unmögliche ist, eine, die sich nur im Scheitern, in der Ablehnung oder in der Markierung der Grenze greifen lässt.

Der Autor geht aus von Marianne Moores Gedicht „Lyrik“, das mit den Zeilen „Ich mag sie auch nicht“ beginnt (…). Schon als Kind habe ihn diese Selbstablehnung fasziniert. Sie munitionierte ihn, um gegen all die Zuschreibungen zu bestehen. Hartnäckig nämlich werde Dichtung mit Ruhm in Verbindung gebracht (anerkennende Blicke bei der Information, dass man publiziert wird), doch nicht als echte Arbeit anerkannt. Das dichterische Genie ist der Gesellschaft ein wenig peinlich. / Oliver Jungen, FAZ 19.6.

Ben Lerner: „Warum hassen wir die Lyrik?“ Rowohlt Rotation, E-Book, 2,99 €.

Deutsch-polnischer Preis für Jan Wagner

Der Lyriker Jan Wagner ist mit dem deutsch-polnischen Samuel-Bogumil-Linde-Literaturpreis 2016 gewürdigt worden. Wagner nahm die Auszeichnung gemeinsam mit dem zweiten Preisträger, dem polnische Dichter und Literaturkritiker Kazimierz Brakoniecki, am Sonntag in Göttingen entgegen.

Der Linde-Preis wird von der Stadt Göttingen und ihrer polnischen Partnerstadt Thorn verliehen, er ist mit zweimal 5000 Euro dotiert. Mit der zum 21. Mal vergebenen Auszeichnung werden Künstler gewürdigt, die Menschen, Gesellschaften und Nationen zum gemeinsamen Gespräch führen, wie es in der Ausschreibung heißt. / Die Welt

Tadschikistan

Eine neue Dichtergeneration im persischsprachigen Tadschikistan benutzt die neuen Medien dazu, soziale, ökonomische und politische Probleme, wie sie im exsowjetischen Land in Mittelasien ständig anwachsen, auf Facebook und dem russischen sozialen Netzwerk Odnoklassniki anzusprechen. / albawaba

Tunesischer Literaturpreis

Der Abou El Kacem-Chabbi-Literaturpreis, der bis zur Revolution 2011 jährlich verliehen wurde, wird wiederbelebt, wie das Kulturministerium mitteilte. Der Preis wird von der Banque de Tunisie finanziert und soll kulturelle Leistungen arabischer Länder würdigen.

Abou  El Kacem Chabbi war ein tunesischer Dichter, der 1934 mit nur 25 Jahren starb. Besonders bekannt ist sein Gedicht „Hymne an das Leben“. / impact24

Suche nach der Durchlässigkeit des Wortes

Nach anfänglichen Studien der Mathematik und der Naturwissenschaften zog es ihn, ausgelöst wohl durch die Lektüre Hegels, Heideggers, aber auch Kierkegaards, zur Philosophie.

Bald aber kommt es zu einem Bruch. Bei Jean Wahl liefert Bonnefoy zwar noch eine Magisterarbeit ab, doch hat eine andere Begegnung inzwischen seinen Glauben an die Wahrheiten, die die Universität zu bieten hat, erschüttert. Bonnefoy lässt sich vom späten Surrealismus André Bretons bezaubern, den er 1944 in Paris kennen gelernt hat. Damit, mit der «Entdeckung» der Poesie als eines anderen, eines besseren Weges zur Erkenntnis von Welt und Wahrheit, beginnt das originelle und eigenständige Werk des Yves Bonnefoy. Der gelehrte Dichter weiss, dass er nicht weiss. Anders als etwa Paul Valéry glaubt er nicht an jenes «Mittelmeer des Geistes», das dem Autor des «Monsieur Teste» so teuer war. Die kristalline Klarheit der Konzepte, der Formen, die transparenten Ordnungen einer stillen, leidenschaftslosen Vernunft, kurz die Hervorbringungen eines cartesianischen «esprit de géométrie» sind ihm Konstrukte, philosophische Sprachspiele, die sich vor die Wahrheit des Lebens in seinen sinnlichen Erscheinungen, vor die Wahrheit des Seins schieben.

Aber auch mit Breton wird es rasch, kaum drei Jahre nach der entscheidenden Begegnung, zum Bruch kommen. Denn genauso wenig wie Bonnefoy sich mit den Vorstellungen einer autonomen, abstrakten Wissenschaft als Weg zur Wahrheit anfreunden will, kann er sich mit dem Konzept einer autonomen, selbstgenügsamen Sprache der Dichtung zufrieden geben.

So ist denn auch Yves Bonnefoys Lyrik, die sich in Dutzenden von Büchern über Poème en prose und Gedicht artikuliert, ein Suchen nach der Durchlässigkeit des Wortes, nach dem Zusammenhang des Wortes mit den Dingen des Lebens. «Gewisse Wörter», schreibt Bonnefoy 1970 in seinem oft zitierten Aufsatz über «Die Funktion der Dichtung», «wie etwa Brot und Wein, Haus, oder gar Gewitter, Stein, werden sich von ihrer Rolle als Konzept lösen» – und damit wieder auf einen Sinn ausserhalb der Sprache verweisen.

Mit solchen Vorstellungen, die in der modernen Lyrik seit Mallarmé eigentlich obsolet sind, stand Bonnefoy, trotz verwandten lyrischen Unternehmungen wie etwa im Werk von Francis Ponge oder Philippe Jaccottet, recht isoliert da. / Jürgen Ritte, NZZ

Digest 17./18.6.

Preis für Houellebecq

Michel Houellebecq bekommt den Frank-Schirrmacher-Preis. Der französische Schriftsteller erhält die Auszeichnung satzungsgemäß für „herausragende Leistungen, die zum besseren Verständnis der Gegenwart beitragen“. Der Stiftungsrat der Frank-Schirrmacher-Stiftung, dem Günther Nonnenmacher, ehemaliger Mitherausgeber der Frankfurter Allgemeinen Zeitung, sowie Michael Gotthelf, Martin Meyer, Mathias Döpfner und Marco Solari angehören, hat damit einen Autor ausgewählt, der als „Anreger und Visionär eine ebenso präzise wie hintergründige Sprache“ pflege und „dessen Werk mit analytischer Tiefe und provokativer Originalität die zivilisatorischen Befindlichkeiten unserer Gegenwart beschreibt“.

Die mit 20.000 Schweizer Franken dotierte Auszeichnung wird zum zweiten Mal verliehen und Houellebecq am 26. September im Berliner Haus dieser Zeitung überreicht. Die Laudatio hält die Soziologin Necla Kelek. / FAZ

Zur Hölle mit der Hymne

Lieber Herr Özil, lieber Herr Khedira, lieber Herr Boateng, bitte singen Sie, wenn Ihnen danach ist; bitte lassen Sie es, wenn nicht. Sollten Sie aber den Druck der Erpressung spüren, den ein anmaßend selbstgerechtes Heimatgefühl auf ein angemessen kompliziertes Heimatgefühl ausübt, dann empfehle ich Ihnen Schmähkritik. Unter uns, von deutschem Dichter zu deutschem Kicker: zur Hölle mit der Hymne! Zum Teufel mit dieser Promenadenmischung aus stumpfen Trochäen, ihrerseits gezeugt im Vollrausch auf einer englischen Insel, und süßlicher Schlampenmelodie, die auch für Österreich schon die Beine breit gemacht hat. Wenn ihr wissen wollt, ihr Patrioten, was eine vaterländische Hymne ist, dann lest gefälligst Hölderlins Gesang an den Rhein. Und dann fragt euch, ob darin etwas angesprochen wird, zu dem man sich bekennen könnte. Kann man nämlich nicht, obwohl dort an nichts gespart wird, durch das sich Zuneigung zu einer deutschen Landschaft fassen ließe. / Per Leo, FAZ

Kate Tempest

„Brand New Ancients“ hieß der erste Lyrikband der 1985 geborenen Autorin. 2013 erhielt sie dafür den renommierten Ted Hughes Award. Auch die Gedichte in „Hold Your Own“ versetzen antike Sagengestalten in die Gegenwart.

Der Orakelpriester Teiresias, der mehrfach sein Geschlecht wechselt, wird für Kate Tempest zu einer Symbolfigur der Selbstsuche. „Während wir im Netz Identitäten sammeln / Und in unsere Smartphones glotzen“ lebe Teiresias vor, „Was es heißt: sich zu behaupten“ und sich beim Polieren diverser Profile nicht selbst zu verlieren. Tiresias – you teach us / What it means: to hold your own. / Frank Kaspar, DLR

National art form

She believes poetry is our national art form – and now Dame Carol Ann Duffy is travelling the length of Britain with a group of fellow poets, on a mission to bring contemporary poetry to the masses – and celebrate Independent Bookshop Week (June 18-25). / Yorkshire Post

Schirm-Gedicht

Seit dem 29. Februar stellt der ORF TELETEXT an jedem Montag ein sogenanntes Schirm-Gedicht eines österreichischen Lyrikers oder einer österreichischen Lyrikerin vor (zu finden im ORF TELETEXT ab Seite 480.) 53 Autorinnen und Autoren schrieben eigens für diese Aktion lyrische Texte, die mit 500 Anschlägen ihr Auslangen finden müssen, um auf eine Teletextseite zu passen. / Wiener Zeitung

Urteilsbegründung

Zwar handele es sich bei dem Gedicht zweifelsohne um Satire und in Verbindung mit dem Kontext, der musikalischen Untermalung und der Gespräche mit Böhmermanns Sidekick Ralf Kabelka auch um Kunst. Diese finde ihre Grenze aber da, wo es sich um reine Schmähung oder Formalbeleidigung handele bzw. die Menschenwürde angetastet werde, so die Begründung.

Der Aussagegehalt an sich sei dabei für Erdogan nicht so verletzend, dass aufgrund dessen ein Unterlassungsanspruch begründet wäre. Es sei fernliegend, dass der Rezipient annehme, das Gedicht weise einen Wahrheitsgehalt auf. Hinzu käme, dass sich Erdogan als türkischer Staatspräsident auch stärkere Kritik gefallen lassen müsse. Die Einkleidung des Gedichts führe allerdings zur Bejahung des Unterlassungsanspruches.

Die untersagten Zeilen seien laut Begründung zweifelsohne schmähend und ehrverletzend. Sie griffen gerade gegenüber Türken oftmals bestehende rassistische Vorurteile auf. Als besonders erschwerend sah das LG die Erwähnung des „Schweinefurzes“ an, da das Schwein im Islam als „unreines Tier“ gelte. / Legal Tribune Online

Wovor die Deutschen Angst haben

Ich weiß, wovor die Deutschen, also Sie, Angst haben. Ich weiß, weshalb sie mich nach meiner Angst fragen. Ihnen kann ich die Angst nehmen und den Jungs damit Mut machen. Ja! Mit der Angst, die Sie haben, kann ich ihnen Mut machen. Dankbar bin ich Ihnen, dass sie bis hierhin gekommen und Interesse gezeigt haben. Wenn wir, mit „Wir“ meine ich besonders die mit einer Migrationsgeschichte unter uns, Verantwortung übernehmen, ihnen die Wege zeigen, die wir selbst mit Mühe und Not bestritten haben, dann werden wir diese Kinder gewinnen! Wie? Mit ganz einfachen Sätzen wie: ‘Ja. Ich musste mal in die Hose machen, weil ich nicht sagen konnte: Ich muss Pipi! Und jetzt? Schaut mal! Jetzt stehe ich hier!’”

Liebt Kafka und Goethe genauso wie Rumi! /Alime Sekmen, Deutsch-Türkisches Journal

Bindingpreis für Schöffling

Der mit 50.000 Euro dotierte Binding-Kulturpreis geht in diesem Jahr an den Frankfurter Verlag Schöffling & Co..

Der Verlag setze seit über 20 Jahren konsequent auf literarische Qualität und Autorenpflege, teilte die Binding-Brauerei am Dienstag mit. Er sei ein „überregional weithin geachteter Leuchtturm der literarischen Welt“. Preisübergabe ist am 2. Juli im Kaisersaal des Frankfurter Römers.

Mit dem Preis werden seit 1996 jedes Jahr Kulturschaffende aus Frankfurt und dem Rhein-Main-Gebiet ausgezeichnet, zuletzt Städel-Direktor Hollein. / hessenschau

Der Binding-Kulturpreis (auch Binding Kulturpreis) wird seit 1996 jährlich von der Binding-Kulturstiftung vergeben. Alleiniger Stiftungszweck ist die Vergabe dieses mit 50.000 Euro hochdotierten Kulturpreises. Mit dieser Auszeichnung will die Stiftung „Künstler oder kulturelle Einrichtungen aus dem Rhein-Main-Gebiet, deren Wirken und Schaffen über die Region hinaus Aufmerksamkeit und Anerkennung gefunden haben“, besonders hervorheben.

Das Stiftungsvermögen in Höhe von 1,5 Millionen DM wurde 1995 aus Anlass des 125-jährigen Bestehens der Frankfurter Binding-Brauerei zur Verfügung gestellt.

Der Preis ist nicht mit dem Binding-Preis für Natur- und Umweltschutz zu verwechseln. / Wikipedia

Unter den bisherigen Preisträgern waren der Stroemfeld Verlag Frankfurt/Basel, die Maler der Quadriga: Karl Otto Götz, Heinz Kreutz, Otto Greis und Bernard Schultze, die „Kernmitglieder der Neuen Frankfurter Schule“: F. W. Bernstein, Bernd Eilert, Robert Gernhardt, Peter Knorr, Chlodwig Poth, Hans Traxler und F. K. Waechter, das Literaturhaus Frankfurt und der Komponist Heiner Goebbels.

Brentanopreis an Thilo Krause verliehen

Für seinen Gedichtband „Um die Dinge ganz zu lassen“ hat Thilo Krause den mit 10.000 Euro dotierten Clemens-Brentano-Förderpreis für Literatur der Stadt Heidelberg erhalten. Der Lyriker nahm die Auszeichnung am 28. Juni 2016 im Rahmen einer Konzert-Lesung aus den Händen von Kulturbürgermeister Dr. Joachim Gerner im Palais Prinz Carl in Heidelberg entgegen. Krause nannte die Auszeichnung eine große Ermutigung, auf dem Weg weiterzugehen, den er eingeschlagen habe.

Dass Krauses ruhig gehende Verse einen Kontrapunkt in das mediale Rauschen setzten, hatte die Jury bei ihrer Entscheidung im Februar 2016 hervorgehoben: „Mit wenigen Worten und unprätentiöser Sprache fängt dieser genaue Beobachter Stimmungen und Lebenssituationen ein und verwandelt sie in Sprach- und Klangbilder von großer Tiefenschärfe. Das Gedicht wird hier zum Ort, ‘um die Dinge ganz zu lassen‘.“

Laudator Manfred Papst (Neue Zürcher Zeitung) betonte bei der Preisverleihung, Krause habe sich bereits mit seinem 2012 erschienenen Erstling „Und das ist alles genug“ als Dichter mit ganz eigener Handschrift gezeigt. Mit seinem zweiten Lyrikband, „Um die Dinge ganz zu lassen“ (2015), bestätige er seinen Rang aufs Eindrücklichste: „Krauses Verse zeugen von genauer Beobachtungsgabe und tiefer Musikalität. In ihrer Kontemplation und Gelassenheit, aber auch in ihrem Sinn für überraschende Wendungen erinnern sie oft an chinesische Gedichte der Tang-Zeit“, sagte Papst. „Thilo Krause pflegt eine Ästhetik der Schlichtheit. Seine Texte ruhen ganz in sich selbst. Sie kommen ohne Pathos aus. Ihre Welt ist der Alltag, in dem sich indes immer wieder kleine Epiphanien ereignen. Wir verstehen jedes Wort und kommen gleichwohl aus dem Staunen nicht hinaus.“ (…)

Der Jury des Clemens-Brentano-Preises gehören an: die Literaturkritikerin und Kulturjournalistin Claudia Kramatschek, die SWR-Redakteurin Annette Lennartz, der Heidelberger Literaturwissenschaftler und Editionsphilologe Prof. Dr. Roland Reuß, Dr. Thomas Wohlfahrt, Direktor der Literaturwerkstatt Berlin, sowie die Germanistik-Studierenden der Universität Heidelberg Katharina Grünke, Markus Schork und Marcus Weiss. / Stadt Heidelberg

Neues vom Erdowahn

Wollte ich die Causa Erdoğan-Böhmermann seit der letzten Meldung vom April oder Mai nachtragen, es liefe auf 2 Stunden Recherche heraus. Muß nicht sein. Hier das Neuste:

Der Rechtsstreit um das Schmähgedicht von ZDF-Moderator Jan Böhmermann über den türkischen Präsidenten Recep Tayyip Erdogan geht in die nächste Runde: Nach der vom Landgericht Hamburg ausgesprochenen einstweiligen Verfügung gegen weite Teile des Gedichts wolle Erdogan nun den kompletten Text verbieten lassen, berichtete der „Spiegel“ an diesem Samstag. Erdogans Anwalt Michael-Hubertus von Sprenger habe am Mittwoch Klage beim Landgericht Hamburg eingereicht.

Mitte Mai hatte das Gericht eine einstweilige Verfügung erlassen, nach der ein Großteil des Werkes nicht weiterverbreitet werden darf. Erdogans Anwalt wolle nun im Hauptsacheverfahren ein Komplettverbot des Gedichts erwirken. Sprenger berufe sich dabei im Wesentlichen auf die Argumente, die er auch schon im Verfügungsverfahren vorgebracht habe, allerdings mit einer Ergänzung: „Böhmermann kann sich nicht auf Kunst berufen, wenn er selbst behauptet, das Kunstwerk stamme gar nicht von ihm“, sagt Sprenger dem Nachrichtenmagazin. / FAZ

Fein, Autorschaft vor Gericht, das gibt Arbeit für Literaturwissenschaftler. Wir berichten weiter. Wenn auch nicht lückenlos.

Böhmermann und Erdoğan in L&Poe

Gestorben: Geoffrey Hill

Es gibt Literaturschaffende, die der Ruhm nicht zu umarmen, sondern eher scheu zu umkreisen scheint. Substanz und Tiefe ihres Schaffens sind spürbar wie die Präsenz eines Bergmassivs; aber längst nicht allen Lesern ist es vergönnt, ins Innere der Materie vorzudringen, ihre Schichten auszuleuchten, ihre Goldadern freizulegen. Der am 30. Juni im Alter von 84 Jahren verstorbene britische Lyriker Geoffrey Hill zählte zu dieser Gattung von Autoren; das Wort «schwierig» schien untrennbar mit seinem Namen verbunden. Aber der «Guardian» scheute sich auch nicht, den Dichter anlässlich seiner 2013 erschienenen, 50 Schaffensjahre überspannenden Werkausgabe «Broken Hierarchies» als den «grössten lebenden Dichter englischer Sprache» zu bezeichnen. / Angela Schader, NZZ

 

Bei Friederike Mayröcker

Marcel Beyer besuchte Friederike Mayröcker in Wien und schreibt darüber in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung, Auszug:

Wir sitzen in Friederike Mayröckers Küche, unterm Dach. Immer war ihr die französische Literatur des zwanzigsten Jahrhunderts wichtig, insbesondere Prosawerke, die sich unter der schönen, im Deutschen undenkbaren Gattungsangabe „récit“ fassen lassen, also einem Erzählen, das nicht auf einen Plot angewiesen ist, mit leichter Hand zwischen Beobachtung und Imagination wechselnd, das Ineinandergreifen von Schreiben und Leben reflektierend: das Farnkraut-Augen-Buch „Nadja“ von André Breton etwa, „Mannesalter“, der Auftakt des lebenslangen Autobiographieprojekts von Michel Leiris, der Bericht „Sommer 1980“ von Marguerite Duras, Maurice Blanchots „Der Wahnsinn des Tages“, die Meskalinbücher von Henri Michaux oder das Werk Claude Simons, in dem so gut wie nichts erfunden ist, ohne dass es darum am Fliegenpapier Wirklichkeit klebte. Kurzum: das absichtslose Erzählen.

Keine Leseliebe aber hat so lange gehalten, ist bis heute so intensiv und euphorisch und anregend wie Friederike Mayröckers Leseliebe zu Jacques Derrida. Ob sie sich noch erinnere, wie sie ursprünglich auf ihn gestoßen sei, frage ich sie. Friederike Mayröcker steht auf und holt den ersten Band von Derridas philosophischem Briefroman „Die Postkarte“ aus dem Nebenzimmer – mindestens drei Exemplare dieses Buches finden sich in ihrer überbordenden Arbeitsbibliothek. Unter welchen Umständen es dorthin gefunden hat, bleibt im Dunkeln, doch die Arbeitszusammenhänge können wir rekonstruieren: Die deutsche Übersetzung von „La carte postale“ erschien 1982, und die Lektüre muss sich nahezu unmittelbar als schreibfördernd erwiesen haben, finden sich doch die ersten Derrida-Bezüge in dem 1982/83 entstandenen Prosawerk „Reise durch die Nacht“.

Gestorben: Yves Bonnefoy

Wie das Collège de France in Paris mitteilte, starb der französische Dichter, Übersetzer und Kunstkritiker Yves Bonnefoy gestern im Alter von 93 Jahren. Er galt als einer der bedeutendsten französischen Lyriker der Nachkriegszeit. Bonnefoy schrieb Essays über Künstler wie Picasso, Balthus, Giacometti oder Mondrian und erzählende Texte, übersetzte Theaterstücke von Shakespeare und Gedichte von John Keats.

„Die Aufgabe des Dichters ist es, einen Baum zu zeigen, bevor uns unser Intellekt sagt, das ist ein Baum“, schrieb er.

Sein erstes Gedicht veröffentlichte er 1946 in der surrealistischen Zeitschrift La Révolution la nuit. Aber die Nähe zum Surrealismus dauerte nicht lange. Er erkannte an, daß der Surrealismus das Denken von der Zwangsjacke der Gesetze und Dogmen befreit habe, aber warf Breton vor, sich zu Gunsten eines gewissen „Okkultismus“ vom Wirklichen entfernt zu haben. Nicht eine unwahrscheinliche Surrealität wolle er umarmen, sondern wie der von ihm bewunderte Rimbaud die rauhe Wirklichkeit“. 1947 brach er endgültig mit Breton und seiner Bewegung. Trotzdem leugnete er nie seinen Einfluß: besonders die Öffnung zum Traum und den Zugang zu „großen, wilden, unberechenbaren Bildern“. / Amaury da Cunha, Le Monde

Bonnefoy in L&Poe

Flotte Feuilletons? Bitte nicht!

Hätte ich, wie in so manchem Märchen, einen Wunsch frei, dann wäre es dieser: dem Gedicht den medialen Platz einzuräumen, der ihm als der so gern zitierten «Königsdisziplin» der Literatur doch wie selbstverständlich zustehen müsste. Jedes Jahr aufs Neue wird der «Lyrikboom» beschworen. Aber der Platz, der Besprechungen von Gedichtbänden in den Zeitungen und im Radio zugemessen wird – er wird kleiner und kleiner. Flotte Feuilletons über die Situation der Lyrik? Bitte nicht!

Das Gedicht braucht den genauen Blick. Das aufmerksame, geduldige, bald emphatische, bald ins Denken gedrehte Lesen und Wiederlesen. Das Abtragen der Schichten, Auffächern der Bedeutungsstränge, der Rhythmen und Klänge, der Brüche und Widersprüche, die es, das Gedicht, in sich trägt. Und es braucht diesen Blick in jenen Medien, die den Gedichtartikel neben die politische Glosse, den Wirtschaftskommentar und den Sportbericht stellen.

Wenn die Zeitungen der Kritik diese Möglichkeiten nicht bieten, wird sie sich ihre eigenen Inseln suchen, zum Beispiel ins Netz abwandern. Es gibt schon längst sehr schöne Foren, in denen Lyrik besprochen wird. Allerdings finden dort meist Schreibende und Lesende zusammen, die sich ohnehin für Gedichte interessieren. Ein Ideal wäre, würden sich die Kritik in der Zeitung und die Kritik im Netz gegenseitig ergänzen.

Nico Bleutge, aus der Dankrede zur Verleihung des Alfred-Kerr-Preises für Literaturkritik auf der Leipziger Buchmesse, NZZ 11.6.

Leseecke 16

FullSizeRenderLeseecke ist eine Rubrik, die sich der Veröffentlichung aller 154 Sonette Shakespeares in Günter Plessows Übersetzung und dem Originaltext (bei Signaturen) anschließt und hier Leseecke und Forum zur Diskussion über die Sonette und / oder Übersetzungen sein kann. Jedenfalls ich werde an 154 Tagen (mit Zwischenraum, um durchzuschaun) mir jeweils eins der Sonette vornehmen und hier den Originaltext und zusätzliches Material anbieten. Einladung zum Pendeln von Shakespeare zu Plessow und zurück (wenns sein muß auf Umwegen über Schlegel/Tieck, Bodenstedt, George, Kraus & Co). (Die Zahl neben dem Wort Leseecke ist die Nummer des Shakespearesonetts). Zur Originalschreibweise: u / v und i / j sind fast regellos austauschbar, liue lies live, ioy lies joy.
Sonette 15-21 bei Signaturen hier
Bisherige Folgen der Leseecke hier.

15

BVt wherefore do not you a mightier waie
Make warre vppon this bloudie tirant time?
And fortifie your selfe in your decay
With meanes more blessed then my barren rime?
Now stand you on the top of happie houres,
And many maiden gardens yet vnset,
With vertuous wish would beare your liuing flowers,
Much liker then your painted counterfeit:
So should the lines of life that life repaire
Which this (Times pensel or my pupill pen)
Neither in inward worth nor outward faire
Can make you liue your selfe in eies of men,
   To giue away your selfe, keeps your selfe still,
   And you must liue drawne by your owne sweet skill,

Einige Anmerkungen zum Text:

BVt wherefore unvermittelter Anschluß an das vorige Argument

fortifie befestigen, wappnen (gegen den Ansturm der Zeit)

blessed (zweisilbig blessèd) gesegnet, bedeutet auch schwanger – my barren rime die Dichtung hat ihren Auftritt, gar nicht glanz- und prunkvoll. Der Dichter (in Vers 11 mit seinem Stift präsent) ist persönlich anwesend und macht auf die Kluft zwischen Literatur und Leben aufmerksam. Insofern ist es hier keine Bescheidenheitsgeste. Auch der potenteste Reim und die größte  Feder (meine) kann nicht leisten, was du selber mit gesegneteren Mitteln vermöchtest.

5 top Zenith

6 muß man erklären, was noch unbestellte jungfräuliche Gärten sind? Das Oxford English Dictionary (OED) zitiert diese Stelle für die Ausweitung der Bedeutung des Wortes unset von „nicht bepflanzt“ zu „unverheiratet“.

7 der Vergleich der Braut mit einem Garten ist ein Renaissancetopos, der aus dem Hohelied 4, 12 abgeleitet ist:

Meine Schwester, liebe Braut, du bist ein verschlossener Garten, eine verschlossene Quelle, ein versiegelter Born. Deine Gewächse sind wie ein Lustgarten von Granatäpfeln mit edlen Früchten

lines of life a) genealogische Linien b) Linien einer „nach dem Leben“ gezeichneten Porträtskizze c) Verse (die „unsterblich machen“, hier also trotz der barren rimes) d) dem Leben vom Schicksal gesetzte Grenzlinien

10 pensel (pencil) und pen sind traditionell die Repräsentanten von Bildender Kunst und Poesie. Pencil, aus dem Altfranzösischen übernommen, bedeutete ursprünglich Pinsel (vom lateinischen Diminutiv von penis abgeleitet, penicillum = kleiner Penis), erst später auch (Blei)stift. Pen dagegen stammt – ebenfalls über das Altfranzösische – vom Lateinischen penna = Feder ab. Pencil wäre für die Aufzeichnung des Äußeren zuständig, pen des Inneren (vgl. nächste Zeile: inward worth / outward faire

12 eies eyes in eies of men a) vor den Augen von Menschen b) nach der Meinung der Welt

13 giue away Oxford Shakespeare kommentiert: heiraten oder Samen beim Geschlechtsverkehr verlieren

14 must hier: kann, vermag drawne gezeichnet nimmt das Spiel mit pen / penis auf, das damals verbreitet war und auch sonst bei Shakespeare vorkommt. Der Kaufmann von Venedig:

Well doe you so: let not me take him then,
for if I doe, ile mar the young Clarks pen.

A.W. Schlegel übersetzt verdunkelnd:

Gut! tut das nur, doch laßt ihn nicht ertappen,
Ich möchte sonst des Schreibers Feder kappen.

Ich vergleiche mal Verse 7 und 14 in mehreren deutschen Fassungen:

7 With vertuous wish would beare your liuing flowers

ihr Wunsch wird dir lebend’ge Blumen bringen (Kannegießer)
Im Wunsch, lebend’ge Blüte dir zu tragen, (Max J. Wolff nach Schlegel/Tieck)
Will herzhaft dir lebendige Blüten tragen (Ludwig Fulda)
mit junger Blume Huld dir aufzuwarten (Karl Kraus)*

14 And you must liue drawne by your owne sweet skill,

Und wirst bestehn, gemalt von eigner Hand. (Max J. Wolff nach Schlegel/Tieck)
Leb fort, von eigner Liebeskunst gemalt (Ludwig Fulda)
das Bild, das bleibt, du mußt es selbst gestalten (Karl Kraus)
Leb durch dein eignes süsses meisterstück (Stefan George)

*) Kraus schießt wie meist den Vogel ab.

Deutsche Fassung von Stefan George:

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und Ludwig Fulda:

Bildschirmfoto 2016-06-27 um 14.44.15


			
			

Münchner Lyrikpreis 2. Vorrunde

Die Vorjury der zweiten Vorrunde (Andrea Heuser, Àxel Sanjosé und Christel Steigenberger) hat folgende Autorinnen und Autoren ausgewählt:

  • Daniel Bayerstorfer (München)
  • Alisha Gamisch (München)
  • Horst Jahns (Nürnberg)
  • David Krause (Kerpen-Sindorf)
  • Christoph Georg Rohrbach (Greifswald)
  • Sibylla Vričić Hausmann (Leipzig)

Die Lesung findet am Montag, den 4. Juli, in den Räumen der Sendlinger Kulturschmiede, Daiserstraße 22, in München-Sendling statt. Eintritt 5 Euro, ermäßigt 3.

Die Jury des Abends – Dagmar Leupold, Markus Hallinger und Sophie Reyer – wird zwei Autor/inn/en für das Finale im Herbst nominieren.

Digest 15./16.6.

Kantonaler Literaturpreis

Der Berner Dichter Martin Bieri wird mit dem kantonalen Literaturpreis geehrt. Die Jury lobt seinen Gedichtband «Europa, Tektonik des Kapitals» für seine überraschenden sprachlichen Bilder und die gelungene Überführung der Landschaftslyrik in eine zeitgemässe moderne Form.
Die Ver­leihung bildet gleichzeitig den Ausgangspunkt für eine Lese­reise aller Preisträgerinnen und Preisträger in den verschiedenen Regionen des Kantons Bern: Die «Literatour 2016» beginnt am 8. Oktober in Mürren und endet am 17. November in Biel. / Berner Zeitung

Homer-Vorlesungen

Die deutsche Autorin Barbara Köhler interpretiert Homers Werk in einer Vorlesung an der Universität Wien. (…)

Der Kitzel liegt für Köhler im Aufweis dessen, was man in aller Vorsicht die weibliche Domäne der Schrift nennen könnte. Penelope ist eine Vorläuferin der berühmten Scheherezade. Diese erzählt bekanntlich tausendundeine Nacht lang, um ihre Lebensfrist zu verlängern. Die Echos der Odyssee verweisen auch auf die jeweilige Stellung der Frau(en) im Text, etwa auf die unselige Gattenmörderin Klytaimnestra, deren „Ansehen“ mit Fortdauer der Erzählung umso mehr schwindet, je reiner das Gattinnenideal der Penelope ans ägäische Licht gebracht werden soll. Köhler wird weiterknüpfen an ihrer eigenen Homer-Paraphrase, einem Metaepos. / Ronald Pohl, Der Standard

Alles notieren

Flanieren, genau hinsehen und alles notieren – so stellt sich Peter Wawerzinek seine Zeit als Dresdner Stadtschreiber vor. Vielleicht werde er sich als eine Art „Kosmonaut“ auch unter die Pegida-Demonstranten mischen und dabei diese „Geister“ erkunden, meint der Autor. / DLR

Dagegen anschreiben

In Israel verschärft sich durch konservative Hardliner wie Kulturministerin Miri Regev das Klima für Kulturschaffende zusehends, Freiräume werden eingeschränkt. Die Lyrikerinnen Anat Zecharia und Sharon Hass schreiben in Tel Aviv mit ihren Gedichten dagegen an. / DLR

Kunstlied lebt

„Das Kunstlied lebt weiter!“ – so positiv blickte der 80-jährige Komponist Aribert Reimann in die Zukunft beim MozartLabor des Mozartfestes Würzburg. (…)

Durch die Musik entstehen Stimmungen im Kopf, ein neuer Raum; auch Wiederholungen, bei Dichtung oft ein Fehler, erschließen im Lied unterschiedliche Bedeutung, verstärken die Aussage.

Reimann meinte, Wörter seien im Gedicht eine Hülle, „in die Musik hineingeblasen wird“. Zu manchen Gedichten allerdings höre er nichts. So bei Goethes in sich abgeschlossenen Gedichten; dazu falle ihm nichts ein. Insgesamt solle der Text etwas auslösen, wobei unwichtig ist, aus welcher Zeit er stammt. Dagegen kann dasselbe Wort in verschiedenen Sprachen eine jeweils andere Reaktion beim Komponisten hervorrufen. / Bayerische Staatszeitung

Poetic Address System

It’s hard to get mail in Mongolia. The countryside is large and sprawling, and even in the largest cities, many of the streets have no names. On top of that, a quarter of Mongolia’s citizens are nomads. To get a letter or a package, they must either travel to a collection area, or write out detailed, subjective instructions for postal employees, with a phone number for when they inevitably get lost.

Sometime this month, though, things might get a bit easier. As Quartz reports, the Mongolian government has become the first nation to adopt a new addressing system based on three-word codes. So instead of sending mail to, say, the US Embassy in Mongolia—at Denver Street #3, 11th Micro-District, Ulaanbaatar 14190—you can just send it to „constants.stuffy.activism.“ / Atlas obscura

(Die Adresse der Lyrikzeitung lautet: darum.paare.nase )