Kalume was born in Kigali, but grew up in the DRC. His mother was Rwandan while the father hailed from the DRC*.
Sadly, he lost his mother in the 1994 genocide against the Tutsi, the grief from which inspired his first poem – Death of a mother. In the poem, he pours out all his pain and sorrow following the death of his beloved mother.
One day while attending class, he was overwhelmed by emotions and memories of his mother and just started writing.
“After writing it I immediately started crying, and my teacher walked to me and took the poem to read it. Immediately, he also broke into tears and the whole class broke into tears. The whole class was crying so everyone left and went home.”
After that incident, his class teacher encouraged the young man to pursue poetry seriously, and he has never looked back.
He has won two online poetry competitions organized in Canada so far, and is also a budding author of short stories and a rapper and song writer, with four audio tracks to his name.
Kalume was one of the three winners at the fourth edition of the Kigali Vibrates with Poetry event that was staged in Kigali on July 30. / Moses Opobo, New Times
*) Demokratische Republik Kongo
In den frühen postkolonialen Jahren Afrikas stellte der amerikanische Dichter Langston Hughes die Anthologie „An African Treasury“ zusammen, Artikel, Essays, Geschichten und Gedichte schwarzer Afrikaner vornehmlich englischer und französischer Sprache. Sie erschien 1960. Hughes widmete sie „den jungen Autoren Afrikas“. In der Einleitung wünscht er, der Leser möge die Freude des Herausgebers am oft verblüffenden Umgang afrikanischer Autoren mit des Königs Englisch teilen. Besonders entzückte ihn der nigerianische Schriftsteller Amos Tutuola (sein Roman „Der Palmweintrinker“ erschien zuerst 1955 auf Deutsch), über den die biographischen Notizen mitteilen, er habe die Schule nur wenige Jahre besucht, dann als Schmied und Metallarbeiter gearbeitet und sei jetzt Regierungsangestellter. Vor etwa fünf Jahren habe er ihn gebeten, ihm einige seiner Geschichten für die Anthologie zu schicken. Es kam eine einzige Geschichte, handschriftlich mit abenteuerlicher Grammatik. Anbei ein Satz in absolut korrektem Englisch: „Was das Einschicken mehrerer Geschichten betrifft, schicken Sie mir Geld und ich schicke mehr.“
Afrika (1..n) ist kein Reisebericht, sondern eine lose Folge von Lese- und Augeneindrücken.
Die Herstellung, auch der Genuss von Lyrik können ein kontemplativer Akt ebenso sein wie eine Performance, intimes In-sich-Gehen ebenso wie öffentliches Ereignis. Zwei Lyriker, von Herkunft und Alter könnten sie kaum unterschiedlicher sein, zeigen in dem gemeinsamen Projekt eines „48-Stunden-Gedichts“ den Variantenreichtum lyrischer Produktion und Rezeption.
Der Schweizer Jürg Halter, geboren 1980 in Bern, machte sich als Mundart-Rapper und Sprechsänger „Kutti MC“ einen Namen. Er veröffentlichte neben seinen Büchern fünf Alben. Mehr als fünfzig Jahre vor Halters Debüt als Lyriker 2005 brachte der 1931 geborene Japaner Tanikawa Shuntarō seinen ersten Gedichtband heraus. Der Wegbereiter moderner, zukunftsorientierter Dichtung veröffentlichte bisher sechzig Lyrikbände, die in fünfzehn Sprachen übersetzt wurden.
2007 kam es bereits zu einer ersten Zusammenarbeit zwischen Halter und Shuntarō. 2012 veröffentlichten sie ihr Kettengedicht „Sprechendes Wasser“. War dieses noch mithilfe von E-Mails über Kontinente und einen Zeitraum von mehreren Jahren hinweg entstanden, so ist ihr jüngster lyrischer Dialog Resultat einer direkten Begegnung. / Carsten Hueck, DLR
Jürg Halter und Tanikawa Shuntarō: Das 48-Stunden-Gedicht. Ein Kettengedicht. Deutsch und Japanisch
Aus dem Deutschen von Niimoto Fuminari, aus dem Japanischen von Franz Hintereder-Emde
Wallstein Verlag, Göttingen 2016
46 Seiten mit je vier Zeichnungen von Yves Netzhammer und Tabaimo, 22,90 Euro
diesseits von Rio – warum nicht Langsamer, tiefer, näher?
Hansjürgen Bulkowski
Tuğçe Tekhanlı
(*1990, Nordzypern)
Der Mastixbaum
Dein Hals
weil er schwer verletzt wurde, dreht sich auf diese Seite
der Mastixbaum
zeigt beständig seine Wunden
ich gebe Cézanne Recht
die Bäume sollten mit ihren Gerüchen abgebildet werden
auf der Haut
Übersetzung: Achim Wagner
Sakız Ağacı
boynun
örselenmekten dönüyor bu tarafa
sakız ağacı
yaralarını gösterip duruyor
hak veriyorum Cézanne’e
ağaclar kokularıyla resmedilmeli
tene
Am 5. September 1947 wurde [Hans] Weigel von der einundzwanzigjährigen Kärntner Studentin der Philosophie, Psychologie und Germanistik Ingeborg Bachmann interviewt. Sie verstanden sich auf Anhieb. Als er 1948 seine nach New York emigrierten Eltern besuchte, übernahm Bachmann für ihn notwendige Alltagstätigkeiten: Sie führte fällige Überweisungen durch, schickte ihm nicht nur Post nach, sondern auch sehnsuchtsvolle Briefe, die in seinem Nachlass in der Wienbibliothek erhalten sind. Die intensive Beziehung dauerte bis zu Weigels zweiter Ehe 1951 mit der Schauspielerin Elvira Hofer, die 1964 geschieden wurde. Den Niederschlag fand die Beziehung mit Ingeborg Bachmann in Weigels aus der Sicht einer Malerin geschriebenen und 1951 erschienenen Roman „Unvollendete Symphonie“. / Wolff A. Greinert, Der Standard
Sollte zutreffen, dass das Wesen des Literarischen gerade darin besteht, emphatisch über keines zu verfügen, sich in hakenschlagenden Fluchtbewegungen (preschen: ein Anagramm von sprechen) von allem Essentiellen, die Sprache zur Sprache, d.h., siehe oben, zur berstenden Streuung, kommenlassend, frei- und auszuschreiben? Die frühromantische Kunstkritik bis hin zu Blanchots Auslotungen des Literarischen Raums haben das, ohne dadurch je den vorherrschenden, mit ontologischen Präjudizien gerüsteten Rezensionsbetrieb nachhaltig zu stören, implizit zur Prämisse gehabt. Dann nämlich läge die vorrangige Aufgabe einer adäquaten Auseinandersetzung mit Geschriebenem, die, da ebenso auf literarische Mittel zugreifend, notwendig auch eine in ihm ist, womöglich nicht darin, zu kritisieren. Zumindest wenn darunter, wie meist, vulgär die mit Lob oder Tadel sanktionierende, zensurenvergebende Einschätzung einer Leistung, ihres Gelingens oder Mißlingens, verstanden wird. Gemessen an einem Maßstab, der festlegt, wie etwas nun einmal gattungs- oder genrespezifisch beschaffen sein müsse. Über den Wert oder Unwert literarischer Hervorbringungen, deren Gut-, Schlecht- oder gar Bösesein zu entscheiden, – man erinnert sich daran, dass Bataille eben in diesem Bezug aufs Böse, in dieser Teilhabe an devianter Delinquenz, ohnehin ein unvermeidliches Charakteristikum aller Literatur erblickt hat -, richterlich evaluierende Urteile zu fällen, erwiese sich als apriori insuffizient und defizitär hinsichtlich des Textuellen; hätte ihrerseits die Rüge zu gewärtigen, den Gegenständen, ihrem Niveau, das ihnen als Texten zukommt, nicht gerecht zu werden.
(…)
Entgegenkommend dünken dabei der Einübung in derartiges anderes Verstehen, oder ein Anderes als Verstehen, für das es sogleich nichts und unendlich viel zu erfassen gibt, weil Über- und Unterdetermination ununterscheidbar werden, solche Texte, die ihrem äußeren Erscheinungsbild nach (aber nichts als die reine Äußerlichkeit phänomenaler Non-Phänomenalität sind ja Texte) bereits mit einer, eingeschliffene hermeneutische Mechanismen aushebelnden Fremdartigkeit aufwarten, wie es für zwei Bücher zutrifft, die im Reinecke&Voss Verlag herausgegeben wurden.
(…)
Wie kann man vermeiden, in vernutzten Konventionen (Sitten sind öde, S.23), die mitunter nicht einmal als solche erkannt, sondern für die Freiheit selbst gelten wollen, zu sprechen und demgegenüber die Sprache genötigt werden, sich selbst unablässig zu überraschen? Vielleicht so wie [Titus] Meyers “Technik” des constrained writing – von der man, ähnlich wie von Zwölfton- oder Reihentechnik in der Musik sprechen könnte, um damit gleichzeitig die im techné Begriff gelegene Bedeutung des Know-How, savoir-faire und der Geschicklichkeit im Fügen zu bezeichnen – es in Szene setzt. Die strenge Form, die den Möglichkeitsraum des Sagbaren von einem ohnehin stets auf einen Fundus des standardmässig erlaubten bezogenen anything goes auf strenge Regularien hin restringiert, scheint quasi maschinenhaft-automatisch nicht gesuchte Findungen emergieren zu lassen. Serendipität kommt ex machina zum Zuge. Trouvailles, die sich dem Verfügungswillen des Autors, der bloß zum pflichtgetreuen Exekutor des entfesselten Gesetzes der Buchstabendrehungen und -wendungen degradiert ist, entziehen. (Im trobar, dem vom gr. tropos abstammenden altokzitanischen Wort fürs Dichten als Finden, findet sich dieses noch als ein Wenden und Drehen, trepein). Weshalb diesen als Silben-Artist im akrobatischen Sinne zu verstehen vielleicht zu kurz greift: die virtuose Akrobatik liegt eher auf Seiten der Sprache als findiger Drehung, Wendigkeit, Biegung, also Topos, und Flexion, und im Zuge dieser ständigen Überspanntheit: streuender Brechung, Atropie, denn in einem wie auch immer geniehaft über sie gebietenden, herrisch sie zu- und herrichtenden Dompteur.
(…)
Buchmanns barockes Büchlein Wahrhaftiger Bericht über die Sprache der Elfen des Exter-Thals, sicher falschverstanden, wenn man es wohlwollend, doch zu possierlich als vergnügliche und unterhaltsame Novelle rezipiert und in damit in seiner gewaltigen Sprengkraft unterschätzt, ist zwar Kleinod, aber alles andere als harmlos. Es ist ungeheuer und unheimlich nicht wegen seiner zauberhaften Märchenerzählung mit kriminalistischem Anstrich, sondern aufgrund des Einblicks, den es im Kleide dieser inszenierten Affäre gewährt: in die Abgründe, die eine ausufernde Beschäftigung mit Lauten und Lettern eröffnen kann. / Tillmann Reik, fichue
Informationen zur Milchwuchtordnung und zum Wahrhafftigen Bericht.
Titus Meyer
„Andere DNA“
ISBN: 978-3-942901-20-8
60 Seiten, 10 Euro
Jürgen Buchmann
Wahrhafftiger Bericht über die Sprache der Elfen des ExterThals, nach denen Diariis Seiner Hoch Ehrwürden Herren Martinus Oestermann, weiland Pfarrer an St. Jakobi zu Almena
50 Seiten, 10 Euro (D) 10,40 (A)
ISBN: 978-3-942901-10-9
Und dann reagierte Erdogan: Knapp 20.000 Menschen wurden verhaftet, zehntausende Reisepässe eingezogen, Menschen wurden suspendiert oder entlassen, darunter viele Wissenschaftler. Das Goethe-Institut brachte seine „wachsende Sorge“ über die Ausreiseverbote für türkisches Lehrpersonal zum Ausdruck. Auch Mitarbeiter von Istanbuls Theaterbühnen sollen ihre Jobs verloren haben, und nach Angaben des Börsenvereins des Deutschen Buchhandels sollen seit dem Putsch 29 Buchverlage geschlossen worden sein. „Die türkische Regierung greift die Meinungsfreiheit massiv an“, sagt Alexander Skipis, Geschäftsführer des Börsenvereins. „Autoren, Verleger und Journalisten werden wie Verbrecher behandelt.“ Zuletzt hieß es, dass auch der 80-jährige Dichter Hilmi Yavuz verhaftet worden sei, einer der größten seines Landes. „Ich fordere die Freilassung aller offensichtlich willkürlich Zusammengefangenen in der Türkei, denen man keine Schuld an einem Putsch nachweisen kann“, schrieb die österreichische Literaturnobelpreisträgerin Elfriede Jelinek daraufhin. / Rheinische Post
Auf der Demo in Köln wurde nicht nur Erdogan bejubelt, es wurde auch viel geschimpft. Auf die Medien aka „Lügenpresse“, auf deutsche Politik und Politiker, auf die vermeintlich hier nicht vorhandene Meinungsfreiheit und auf so vieles mehr. Der WDR hat einen dieser Ausbrüche in voller Länge dokumentiert. Ist es ein Zufall, dass man sich so eklatant an Pegida-Demos erinnert fühlt? (…)
Wenn unabhängige und kritische Medien als Feind angesehen und ihre Schließung begrüßt wird, dann muss das zu denken geben. Es muss auch zu denken geben, wenn Angehörige von Journalisten erst in Sippen- und dann in Geiselhaft genommen werden, damit die Betroffenen sich den Behörden stellen oder wenn der achtzigjährige Dichter Hilmi Yavuz verhaftet wird, weil er mal für das Gülen-Blatt Zaman gearbeitet hat – und wenn die Polizei dann seinen Angehörigen nicht einmal erlaubt, ihm Medikamente zu bringen. / Gerrit Wustmann, Telepolis
„Fröhlich treibt die laute Menge
immer mit dem Partyschwarm,
alle huldigen und drängen
auf die Bühne – ein Altar!
Ich komm ohne ihresgleichen,
ohne Drama, Lärm und Rausch
mit dem Schicksal sehr gut aus:
Songs und gute Freunde reichen.“
Wem das für ein Gedicht von 1821 zu salopp erscheint, findet im Anhang die wortgetreue Interlinear-Übersetzung. Als Lyriker deklinierte Venevitinov das ganze romantische Inventar durch: Freundschaftskult, Italiensehnsucht, den Freiheitskampf der Griechen, die Verehrung für Byron, natürlich fehlen auch romantische Ingredienzien wie die bemoosten Steine alter Ruinen nicht. Bei dem jungen Russen tritt neben das Lob des Leichtsinns die Gedankenschwere, Enthusiasmus und Lebenslust schlagen bisweilen um in Niedergeschlagenheit und Todesahnung. Romantisch ist auch der Rückgriff auf die eigene Geschichte im Gedicht „Nowgorod“, das die einst große Vergangenheit der mächtigen mittelalterlichen Republik Nowgorod beschwört. (…)
Nur 21 Jahre alt wurde der russische Dichter Dmitrij Venevitinov (1805–1827). Wie leidenschaftlich das junge Genie für Russlands Fortschritt und Zukunft eintrat, belegen seine erstmals auf Deutsch edierten Gesammelten Werke. / Brigitte van Kann, WDR

Dmitrij Venevitinov
Flügel des Lebens – Lyrik, Prosa, Briefe. Gesammelte Werke
Herausgegeben und mit einem Nachwort versehen von Ilja Karenovics
Aus dem Russischen von Dorothea Trottenberg und Hendrik Jackson
Ripperger & Kremers Verlag, 2016
264 Seiten
22,90 Euro
Ulrich Schmid blickt auf die russische Kulturszene, die mit ungeniert propagandistischen Machwerken das Land auf einen neoimperialen Kurs trimmt: „Weitgehend unbeachtet von der Weltöffentlichkeit, wurde der syrische Präsident Bashar al-Asad im Januar 2012 für seinen „Widerstand gegen die westliche Expansion“ mit dem Preis „Imperiale Kultur“ ausgezeichnet. Hinter dieser Ehrung stehen der russische Schriftstellerverband, der russische Literaturfonds sowie orthodoxe Vereine.“ / Perlentaucher
«Ich brauche dieses Leben», so heisst der Gedichtband, mit dem Werner Lutz 1979 im Suhrkamp-Verlag debütierte. Da war er, mit Jahrgang 1930, bereits 49 Jahre alt und längst ein bekannter Lyriker – und immer noch zu entdecken. Jahrelang hatte er schon geschrieben, erste Gedichte waren in Anthologien und Literaturzeitschriften erschienen, in «Akzente» oder in der legendären Anthologie «Transit». Er galt als scheuer Autor, als einer, wie sein Freund Rainer Brambach an Hans Bender schrieb, der seine Gedichte «ums Verrecken nicht veröffentlichen will». (…)
Werner Lutz ist am 17. Juli im Alter von 85 Jahren gestorben. / Martin Zingg, Neue Zürcher Zeitung 23.7.

Unter dem Motto Literatur unter Einfluss – Schreiben unter Druck startet der Berliner Parlandopark eine neue Reihe von vier Gesprächslesungen, die um ausgewählte gesellschaftliche Veränderungskomplexe kreisen, von denen wir alle betroffen sind.
1. Stadt als Einflusssphäre
(Gentrifizierung in Berlin | Menschen in der Großstadt | Milieus)
Tanja Dückers, Asmus Trautsch, Hendrik Jackson (Moderation)
Donnerstag, 18. August 2016
2. Staat und Literatur
(Reglementierung und Freiheit | Überwachung und Knete | Leben jenseits des
Staates)
Stefan Blankertz, Bert Papenfuß, Hendrik Jackson (Moderation)
Donnerstag, 08. September 2016
3. Atmosphären
(Flüchtiges | Stimmungen | Anthropozän)
Elke Erb , Daniel Falb, Steffen Popp (Moderation)
Donnerstag, 17. November 2016
4. Immigration und Sprache
(Fremdsprachen | Fachsprachen | „Speck der Mundart“)
Ann Cotten, Dagmara Kraus, Adrijana Bohocki (Moderation)
Donnerstag, 01. Dezember 2016
Der Dichter Hilmi Yavuz (80) wurde gestern abend verhaftet. Seine Gedichte erscheinen auf Deutsch bei Elif, übersetzt von Özlem Özgül Dündar.
Bis zum 18. September können Gedichte für die dritte und letzte Vorrunde des diesjährigen Lyrikpreises München eingereicht werden.
Die dazugehörige Vorrundenlesung findet am 11. Oktober statt. Die Vorjury, bestehend aus Konstantin Ames, Karin Fellner und Àxel Sanjosé, wählt hierzu aus den Einsendungen sechs Teilnehmer aus.
Alle Modalitäten unter Lyrikpreis München
Umso erfreulicher ist es, dass mit „Ein guter Traum mit Tieren“ bereits der zweite Band von István Kemény (Jg. 1961) vorliegt und mit „Puschkins Brüste“ eine erste Auswahl von Arbeiten des Budapester Dichters Márió Z. Nemes (Jg. 1982) erschienen ist.
Beide Dichter sind in ihrem Land längst Kultautoren, sie gehören zu den umtriebigsten Lyrikern ihrer Generation und einer aktiven Dichterszene in Budapest, die mit anderen Künstlern und Künstlerinnen (Bildende Kunst, Performance, Elektronische und Neue Musik) zusammenarbeiten.
„Ich habe dich geliebt, Heimat, du Schöne, / und auch du hast getan, als ob es Liebe wäre:“ Diese beinah klassische Anrufung an die Mutter Erde und das Vaterland verweist auf die Traditionen ungarischer Dichtung: ein Ringen um Freiheit und Eigenständigkeit. Wie schon Generationen von Dichtern zuvor steht István Kemény vor den prächtigen Ruinen der Macht. In seinen Gedichten zieht er eine poetische Bilanz aus der zweiten Hälfte des Lebens, die im Gedicht „Abschiedsbrief“ gipfelt: „Ich werde leben, solange es mich in die Ferne zieht, / denn ich will, dass mein Herz sich der Fülle ergibt, / wenn du klingelst, wird es in meinem Kopf läuten, / Heimat, du Schöne, dich habe ich geliebt.“ Keménys Gedichte kreisen um Trennungen und schmerzliche Bindungen, sie streifen den Nihilismus des Geistes und finden zurück in einen vitalen Trotz, ein trotz allem. Wenn Kemény im Nachwort als „Dichter mit einem zärtlichen Verhältnis zum Nichts“ bezeichnet wird, so mag dies stimmen, er ist auch ein schwermütiger Melancholiker, einer der auf dem „Gipfel der Verzweiflung“ mit hoher Kunstfertigkeit balanciert: „Ja, ich sah Gespenster, genau wie du gesagt hast, / und ich sehe sie auch jetzt, ich sehe sie alle, / genau, und auch deine Gespenster sehe ich. / Sie haben sich zu mir gesellt, ich fing sie ein.“ (Aus: „Unser Tag“).
Márió Nemes, der auch als Kunstkritiker und Dozent an der Universität Budapest arbeitet, gehört einer neuen Generation an, die nicht mehr direkt von den Verwerfungen des Staatssozialismus geprägt ist. Trotzdem findet sich bei ihm immer wieder der Rückgriff auf Themen und Vokabular aus der Zeit bis 1989 – im Titelgedicht „Puschkins Brüste“ heißt es: „In dieser Fabrik hat man auch Mutters Brüste hergestellt. Sie war noch Pionierin, als sie gemacht wurden.“ / Tom Schulz, Luxemburger Tageblatt
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