An die Grenze

Oktober 2015: In Deutschland und in ganz Europa ist die Diskussion über die Flüchtlingskrise auf dem Höhepunkt. In dieser historischen Situation fliegt der Berliner Lyriker Björn Kuhligk an die äußerste Grenze Europas, in die Marokko vorgelagerte spanische Exklave Melilla. Die autonome Küstenstadt (eine weitere heißt Ceuta) gehört zur EU und zum Geltungsbereich der Nato.

Ein bis zu sieben Meter hoher Zaun aus messerscharfem Draht, überwacht durch Kameras und Nachtsichtgeräte, trennt Melilla von Afrika. Er ist das Modell aller Zäune, mit denen Europa sich zu sichern glaubt und zugleich seine Freizügigkeit verspielt.

(…)

Was Kuhligk sieht, ist nicht „miteinander zu verknüpfen“. Deshalb brechen die Bilder wie Scherben auseinander. Klare Linien verlaufen nur „zwischen denen, die Krieg haben/ und denen, die keinen haben“. Björn Kuhligk ist mit seinem Gedicht an die Grenze gegangen, unprätentiös und aufmerksam. / Herbert Wiesner, Die Welt

Björn Kuhligk: „Die Sprache von Gibraltar“. Hanser Berlin. 88 S., 16 €. 

Poetopie

auf der hintersten Bank im Bus – im Blick auf sein Smartphone der einsame junge Mann

Hansjürgen Bulkowski

Elfte Sibylle

Im Berliner Exemplar der Gedichte von Sibylla Schwarz (1621-1638) im ersten Band (1650) auf dem Innendeckel findet sich folgendes Sonnet in Schönschrift:

Sonnet

Wie deines Vatters wis mir wahr sehr wohl bekandt,
  Sein Beiseyn angenehm ; so thut mich ietzt erfrewen,
  Was deine Handt gesetzt, Nichts aber mehr gerewen,
Alß daß erst nach dem Todt' ich vnd das Vatterlandt
Erkennen deinen Geist ; was vor ein wehrtes pfandt
  Eß an dir hat gehabt ; Jch darff mich gar nicht schewen
  Zu sagen daß in dir der Musen schar vernewen,
Vermehren hat gewolt der zehn Sibillen standt :
  Was warstu sterbendt schon! Wie wen dir Gott das Leben
  Noch lenger hett' vergondt, wehm hettstu nachgegeben?
Jch kenn den Singer nicht, drumb Pommern billich weint
  Den gar zu frühen Todt: doch kan es sein Leidt stillen
Weil bey Jhm Jungfern das, was sonstwo Menner seindt,
  Ja das so fast sein Kindt es nachthut den Sibillen.

Zeile 1: wis = Weise, Art; Zeile 5: vor = für; Zeile 9: wen = wenn; Zeile 10: wem hettst nachgegeben = wer wäre dir überlegen gewesen

Jemand der ihren Vater Christian Schwarz gekannt hat und die 12 Jahre nach ihrem frühen Tod erschienene Ausgabe ihrer Gedichte besaß. Man muß nicht lange suchen. Links oben über dem Gedicht steht mit Bleistift der Name: Croy. Auf dem „teilweise schon abgebröckelten Lederrücken eingepreßt zunächst eine Krone und dann unterhalb des Buchtitels X BIBL D.  RO  d.h. (E)X BIBL. D. (C)RO(Y)“ (Pommersche Jahrbücher 21. Band, Greifswald: Julius Abel, 1921, S. 44).

Die Krone verweist auf das preußische Königshaus. Der „Große Kurfürst“ Friedrich Wilhelm von Brandenburg hatte nach dem Tod von Ernst Bogislaw von Croy, der ein Neffe des letzten pommerschen Herzogs war und in Preußen u.a. Statthalter in dem an Preußen gefallenen Hinterpommern wurde, dessen Bibliothek gekauft und der von ihm gegründeten „Königlichen Bibliothek“ gestiftet. Beide, Croy und Friedrich Wilhelm, waren nur ein Jahr älter als die früh gestorbene Dichterin. Als Croy 1634 an die Greifswalder Universität kam, schrieb die 13jährige Dichterin ein Willkommensgedicht. Ihr Vater war Landrat am Stettiner Hof und später Bürgermeister von Greifswald. Friedrich Wilhelm war Mitglied des „Fruchtbringenden Gesellschaft“. Croys Sonett sagt: Pommern hat keinen bedeutenden Dichter hervorgebracht, aber diese „Jungfer“, ja „fast sein Kind“ füllte die Stelle und gesellte sich als elfte zur Schar der zehn Sibyllen.

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Sibylla Schwarz in L&Poe

John Burnside

Burnside ist weniger Naturlyriker als vielmehr Romantiker. Sein Werk ist der Weg, dessen Richtung Novalis beschrieben hat: „Wo gehn wir denn hin? Immer nach Hause.“ Das Berührende an Burnsides Gedichten ist, dass sie durch alles Rohe, Kalte und Düstere der Natur manchmal einen Abglanz genau dieser Geborgenheit entdecken. Etwa in der Deutung des Gemäldes Winterlandschaft mit Eisläufern und Vogelfalle von Pieter Breughel …
/ André Hatting, DLR

John Burnside: Anweisungen für eine Himmelsbestattung
Hanser Verlag, München 2016
304 Seiten, 22 Euro

Jemand ergreift das Wort

Horst Samson

DAS WORT AM ENDE DES JAHRHUNDERTS

Wir sind frei, zu jagen oder
Gejagt zu werden. Jemand ergreift
Das Wort. Immer gibt es jemanden, der

Das Wort ergreift,
Am Anfang des Jahrhunderts oder
Am Ende des Jahrhunderts oder irgendwann

Dazwischen. Jemand muß es tun,
Also ergreife ich jetzt,
Mitten im Wort,

Das Wort. Das ist ein Wort,
Sage ich, und ein Wort reicht
Dazu nicht aus.

Hier ergreift einer das Wort,
Der wirklich was zu sagen hat:
Hier, sagt er,

Ergriff einer das Wort,
Der in Wirklichkeit nichts
Zu sagen hat!

Amerikanische Dichter

Aus einem Gespräch, das Die Welt mit Charles Simic führte

Irgendwo haben Sie den Dichter als „Verkörperung von Wagemut, von individueller Freiheit und Demokratie“ bezeichnet, als uramerikanischen Typus.

Seit Walt Whitman kommen amerikanische Lyriker meist aus dem Nichts und sind gewissermaßen self-made. Die meisten von uns sind irgendwie in ihre Arbeit hineingestolpert und tun sie nicht aus der alten romantischen Überzeugung, ein missverstandenes Genie zu sein, sondern weil sie von einem tiefen demokratischen Gefühl geleitet werden.

Haben Sie den Eindruck, dass dem Dichter, der die „ältesten Werte“ verteidigt und „die Erfahrung des Einzelnen gegen die des Stammes behauptet“, wie Sie in einem Essay schreiben, in den USA und anderen westlichen Gesellschaften heute eine besondere Bedeutung zukommt?

Ich denke schon, aber man trichtert dies den Leuten nicht mit dem Hammer ein. Allein die Haltung macht einen Unterschied, und wenn man als Lyriker von dem Sockel herabsteigt und sich unters Volk mischt, ist schon viel gewonnen. Das schönste Kompliment, das ich je erhalten habe, stammt von einem Mann, der in einem Landstrich Amerikas, in dem es so viel Kultur gibt wie in der Sahara, mit verblüfftem und irgendwie verstörtem Ausdruck einer Lesung beiwohnte und danach auf mich zukam: „Entschuldigung, Mr. Simic, aber war das, was Sie vorgelesen haben, wirklich Poesie?“ Ich weiß nicht, ob ich ihn überzeugen konnte, aber er sagte: „Unglaublich, ich habe Gedichte immer gehasst, aber ich habe jedes Wort verstanden, das Sie vorgelesen haben.“

(…)

„Wann immer alles andere in Amerika zum Teufel zu gehen scheint“, schreiben Sie in einem Essay, „geht es der Lyrik gut.“ Werden deswegen momentan wieder mehr Gedichte gelesen?

Zumindest geht alles andere zum Teufel.

Charles Simic: Picknick in der Nacht. Gedichte 1962-2015. Aus dem Englischen von Wiebke Meier. Hanser, München. 280 S., 22,90 €.

Gestorben

Der amerikanische Dichter und Übersetzer Dennis Tedlock (geboren 1939) starb am 3. Juni, wie der Dichter Charles Bernstein mitteilt. Tedlock übersetzte das Popul Vuh und andere Schätze der Mayaliteratur und gab gemeinsam mit Jerome Rothenberg Alcheringa heraus, ein Magazin für Ethnopoetik (1979-1980), sowie zusammen mit Barbara Tedlock American Anthropologist (1994-1998).

Norwegische Auszeichnung für Anzhelina Pololonskaya

Die russische Dichterin Anzhelina Polonskaya, die seit September 2015 in Frankfurt am Main als Gastautorin im Rahmen des Programms Frankfurt – Stadt der Zuflucht lebt, wird Anfang September im norwegischen Frederikstad den Literaturpreis Ord i Grenseland – Words on Borders Freedom Prize – erhalten. Die Auszeichnung wird jedes Jahr ausschließlich an verfolgte oder exilierte Autorinnen vergeben, deren literarisches Werk von ihrem Engagement für die Freiheit des Wortes künden. Die Auszeichnung wird auf dem internationalen Literaturfestival Ord i Grenseland in Gamlebyen, dem historischen Ortskern von Frederikstad, verliehen und ist mit $ 5.000 dotiert. Zu den letzten Preisträgerinnen gehörte die international bekannte türkische Autorin Aslı Erdoğan, die vor einigen Tagen in ihrer Heimat verhaftet wurde.

/ litprom

Solidarität mit Aslı Erdoğan

Erklärung und Aufruf zur Solidarität mit der Schriftstellerin Aslı Erdoğan

Aslı Erdoğan ist nicht allein!

Die Türkei wird jetzt nach dem Putschversuch in ein Regime der Repressionen ohne Ende hineingezogen. Journalisten, Akademiker, Autoren und Schriftsteller werden entlassen, verhaftet, gefoltert.

Eines der jüngsten Opfer ist die Schriftstellerin Aslı Erdoğan.

Die Repression, die ihre Stimme zum Schweigen bringen will, richtet sich gegen die freie Meinung.

Wir stellen uns hinter diese Stimme.

Nicht Schriftsteller, sondern Regierende müssen die Wahl treffen:

Soll das Leben mit Repression und Unterdrückung weitergehen oder optieren sie für Demokratie und Geschwisterlichkeit?

Wir treten weiter für Demokratie, Geschwisterlichkeit und Frieden ein und sagen und schreiben auch weiterhin unsere freie Meinung, wie es sich für uns gehört.

Erstunterzeichner:

Aslı Tohumcu
Murathan Mungan
Burhan Sönmez
Sema Kaygusuz
Ayşegül Tözeren

Eine Pressekonferenz dazu ist für Freitag, 19.08.2016, 11.30 Uhr (türk. Zeit) in Istanbul angesetzt: Cezayir Toplantı Salonu / Beyoğlu.

Die Neue Zürcher Zeitung schrieb über die Autorin:

Der in der Schweiz lebende kurdische Autor Yusuf Yesilöz informierte die Medien, dass seine Kollegin in der Nacht auf Mittwoch in ihrer Wohnung in Istanbul festgenommen worden sei, da sie Mitglied des beratenden Gremiums der kurdischen Tageszeitung «Özgür Gündem» war; diese wurde im Zuge der derzeit laufenden rabiaten Säuberungsmassnahmen am Dienstag gerichtlich verboten. Dreiundzwanzig Journalistinnen und Journalisten der Zeitung sind ebenfalls in Haft.

Asli Erdogan war der sprichwörtliche Falter, der von der tödlichen Flamme nicht lassen kann. In ihren autobiografisch geprägten Büchern atmet das fiebrige Temperament, das sie in sich trug und das für andere auch irritierend sein konnte. Im Innersten scheu und tief verletzt, hochbegabt – mit 24 durfte die damalige Physikstudentin am Cern in Genf forschen –, aber radikal unangepasst, wusste die Schriftstellerin selbst, dass sie immer am Rand des Abgrunds lebte, diese Exponiertheit wahrscheinlich sogar suchte.

Werke auf Deutsch:

  • Die Stadt mit der roten Pelerine. Aus dem Türkischen von Angelika Gillitz-Acar und Angelika Hoch; Nachwort von Karin Schweißgut; Unionsverlag, Zürich 2008 ISBN 978-3-293-10010-7 (Kirmizi Pelerinli Kent, Istanbul, 2001)
  • Der wundersame Mandarin. Aus dem Türkischen von Recai Hallaç, Ed. Galata, Berlin 2008 ISBN 978-3-935597-73-9 (Mucizevi mandarin)
  • Holzvögel. Literaturwettbewerb für die türkische Sprache 1997; Die preisgekrönten Beiträge. Deutsche Welle-Literaturpreis 1997, Önel Verlag, 1998 ISBN 3-933348-01-3

Wikipedia-Artikel

Satzzeichen-Suada

Samuel Gerlach war kein großer Dichter, nach den wenigen Widmungsgedichten zu urteilen, die ich kenne. Seine Widmung für Königin Christina von Schweden, die neben vielen Landstrichen auch Pommern regierte, heißt

Untertähnigste Zuschrifft
Der Durchlauchtigsten / Großmäch=
tigsten und Sieghaftesten Fürstin
und Fräulein /
Fr. CHRISTINEN /
Der Schweden / Gohten und Wenden Königin /
Großfürstin in Finland / Hertzogin zu Brehmen /
Verden / Pommern / Ehesten und Carelien / Fürstin
zu Rügen / Fräulein über Wismar und Jngerman=
land / etc. Seiner gnädigsten Königin
und Fräulein

und beginnt so:

O Du Grosse Königinne / deines großen Vaters Bild !
Die du bißher seine Stelle / mit dem blanken Schwerd und Schild /
aber mehr noch mit Verstand / hast / im Deutschen Reich / vertretten /
die so sehr betrengte Kirch‘ auß dem Elend zu erretten /

und geht auch so weiter. Er gilt als wichtiger Theologe, ich kann es nicht beurteilen. Aber vor allem ist er ein Pionier – der Editionsphilologie und der Würdigung weiblichen Schreibens. Er erkannte das Genie der sehr jungen Dichterin Sibylla Schwarz und bewahrte ihr Werk so der Nachwelt auf, nicht nur schlechthin indem er es sammelte und 12 Jahre nach ihrem Tode druckte, sondern ebenso durch die modern anmutenden philologischen Prinzipien, nach denen er es edierte. Wie erst spät im 20. Jahrhundert üblich wurde, „verbesserte“ er es nämlich nicht, sondern gab es buchstäblich im Wortlaut mit allen Flüchtigkeitsfehlern und aller Fragmenthaftigkeit der Originale heraus. Wertvolle Informationen für heutige Leser!

Er war auch ein großer Stilist. Hier seine Strafpredigt über die vielen Druckfehler, die ein in Vertretung den Druck mehr oder minder beaufsichtigender Freund in das Buch schmuggelte. Furioser Katalog barocker Satzzeichen und Manifest der Editionsphilologie der Zukunft! Sogar einen Hauch Brecht kann man darin finden (nur für Kenner! 😉 )

Eß geht mihr in disem / wie in andern meinen außgelassenen Werklein / ja wie fast einem jeden / der / abwesend / etwas dem Druk untergibet / und also die Aufsicht einem andern / ob er auch der bäste Freund / oder der gelehrteste Mensch wäre / anvertrauen muß. Dan da nimmet der eine ihm nicht so vihl Zeit / oder hat nicht so vihl Uhrteil bey sich / daß er das Werk mit der Häuptschrift fleissig und genau überschlagen / oder auf alle Worte / Sylben / Zwerchstreichlein / (Commata) Punctstrichlein ; (Semi commata) Doppelpuncten : Punkten. Fragpuncten ? Verwunderungs= Klag=und Freudpuncten ! Grosse Buchstaben u. a. m. nötige achtung geben möchte / oder könte / sondern er sihet / ohne einige richtige Gedanken oder Nachsehung / nuhr über die Brille wegk / wohrüber dan dem ganzen Werk nicht allein ein häslicher Unschein gegeben / sondern auch mehrmal aller reiner Verstand und eigentliche Meynung benommen wird. Ein ander wil dagegen seine eigne Kunst und Weißheit alzuvihl dabey sehen lassen / nach deren er alles zu ändern und zu verbässern / oder vihlmehr zu verbösern sich unterstehet / und / wegen guhter Vertrauligkeit mit dem Verfasser oder Außfertiger / dessen guhten Fug zu haben vermeynet / dahero dan diser oftmahls sein eigen Werk fast nicht mehr für das seinige erkennen kan. Eben also ist eß mihr / oder vihlmehr diser seel. Jungfer / mit ihrem Werklein ergangen / daß sie auch noch nach ihrem Tod / vohn denen / die ihre Ehre am meisten retten und verteidigen sollen / fast schändlich beflekket / und auß Achtlosigkeit / oder / das ein wenig bässer klinget / Unachtsamkeit der Aufseher / mit vihlen Flecken / Makkeln / Rizen / Wunden / und andern ¶ übelständigen Masern fast übel zugerichtet ist / welche alle zu vertreiben und außzuheilen / eß vihl Flekwasser / Meissel / Wund=und Heilpflaster erfordern / das ist : Alle Fehler aufzusezen und zu endern man wohl einen ganzen Bogen Papyr bedürftig seyn würde. Also hat man das meiste dihr / Günstig=Geneigter / und der Schriftscheidung verständiger Leser / solches selber zu verbässern / das außgelassene einzu schieben / und das unverständlich=nebeneingeschlichene außzumustern / wider Willen / doch unumgänglich / überlassen müßen / und nuhr das vohrnehmste davohn heraußnehmen / und / wie eß zu endern / hieher sezen wollen.

Lieferbar ist eine Auswahl aus ihrem Werk bei Reinecke & Voß

Sibylla Schwarz – Ist Lieben Lust, wer bringt dann das Beschwer? Leipzig (Reinecke & Voß) 2016. 60 Seiten. 9,00 Euro.

Meine Gesamtausgabe ist beinahe fertig – Textteil und Kommentare abgehakt, fehlen nur noch Nachwort und Register. Balde!

Bachmann-Gesamtausgabe

Die Verlage Piper und Suhrkamp bringen gemeinsam eine 30-bändige Gesamtausgabe der Werke und Briefe Ingeborg Bachmanns heraus. Neben der Lyrik und Prosa sowie den Essays der österreichischen Dichterin (1926 – 1973) soll auch den bisher unveröffentlichten Korrespondenzen mit u. a. Uwe Johnson und Heinrich Böll „ein besonderer Stellenwert zukommen“, hieß es in heute in einer Ankündigung.

Möglich werde die erste Gesamtausgabe der Prosa, Gedichte, Essays, Hörspiele, Libretti und Korrespondenz durch die Öffnung des umfangreichen Nachlasses durch die Erben Bachmanns. Piper und Suhrkamp kooperieren dafür mit dem Salzburger Bachmann-Archiv. / ORF

Wahrer Klassiker

Für jemanden, der selbst bei der Choreographie des eigenen Todes um den kleinstmöglichen Interpretationsspielraum bemüht war, hat man Brecht im Laufe der Jahre einer schwindelerregenden Anzahl scheinbar inkompatibler Deutungen und Vereinnahmungen unterzogen, und das innerhalb wie außerhalb Deutschlands: „zu politisch“, „nicht politisch genug“, „apolitisch“; „modern“, „postmodern“, „bis zur Unkenntlichkeit verallgemeinert“. „Das größte Unglück, das Brecht widerfahren konnte“, schrieb der russische Literaturwissenschaftler Efim Etkind 1976, im Sammelband zur vierten Konferenz der International Brecht Society: „Leider ist es passiert, Brecht ist ein wahrer Klassiker geworden. Heute erforscht man seine Beziehung zu allem anderen auf der Welt.“ / Katharina Laszlo, FAZ

Trost gibt es keinen

Selten kommen lyrische Debüts so fertig und lakonisch daher wie dieses, mit dem sicheren Gespür dafür, dass das Schöne oft nur ein Konkurrenzprodukt zur Wahrheit ist. Trost gibt es keinen, nicht einmal von den Vögeln: „sie geben/ kunde von den gängen sagen sie sind/ wie wir aus einer luft die seltsam fließt/ als ob sie traurig ist.“ / Paul Jandl, Die Welt

Anja Kampmann: Proben von Stein und Licht. Hanser, München. 96 S., 15,90 €.

«Unübersetzbar? Nichts!»

In der Neuen Zürcher Zeitung schreibt Felix Philipp Ingold über die von Dagmara Kraus herausgegebenen Auswahlbände des polnischen Lyrikers Miron Białoszewski:

Die reiche Instrumentierung seiner lyrischen und erzählerischen Rhetorik wie auch die permanenten Anspielungen auf zutiefst persönliche, meist problematische Befindlichkeiten oder auf schwerlich eruierbare historische und literarische Bezugspunkte – all das macht Bialoszewskis Texte (vollends die Gedichte) für jeden Übersetzer zu einer abschreckenden Provokation.

Diese wird noch verschärft dadurch, dass der Autor Grammatik und Syntax in vielen Fällen krass missachtet; dass er einzelne Verse oder Wörter mittendrin abbricht; dass er ganze Redeteile als Substantive verwendet und dass er überdies zahlreiche Begriffe nach eigenem Gutdünken umformt oder neu erstellt. Selbst polnische Leser vermögen derartige Brüche und Entstellungen nicht ohne weiteres zu überbrücken, sie aber in einer Fremdsprache unter Beibehaltung ihrer ganzen Assoziationsfülle adäquat wiederzugeben, ist ein Ding der Unmöglichkeit.

«Unübersetzbar? Nichts!» Man erinnert sich an das hochgemute Diktum von James Joyce, und man darf sich freuen, dass ein kleiner Leipziger Verlag das Interesse und die Energie aufgebracht hat, Miron Bialoszewski, so vielen Widerständen zum Trotz, ins Deutsche zu bringen. Federführend war dabei die Polonistin Dagmara Kraus, die nun für eine erste grössere Lyrikauswahl in Buchform verantwortlich zeichnet.

Die zweisprachige Präsentation der Texte lässt umso deutlicher die immensen Schwierigkeiten der Übersetzung hervortreten. Eigentlich kann von Übersetzung in diesem Fall gar nicht gesprochen werden. Die mehr oder minder wörtliche Wiedergabe der Originaltexte würde im Deutschen vollends unverständliche Unsinnspoesie erbringen. Also mussten die Gedichte in der Zielsprache nicht primär nach ihrer Aussage, sondern nach ihrer Machart, ihrer lautlichen und rhythmischen Struktur nachgebaut werden. Ein riskantes Unterfangen, das hier allerdings manche Treffer für sich beanspruchen kann. Nur sollte sich der deutschsprachige Leser stets bewusst sein, dass er immer nur eine von vielen möglichen Versionen vor sich hat – Bialoszewski zu übersetzen, ist eine kaum abschliessbare Daueraufgabe, und keine Lösung im Einzelnen wie im Ganzen kann als definitiv gelten. Was bekanntlich auf jeden starken Autor zutrifft.

Als Beispiel sei ein Gedicht angeführt, in dem Bialoszewski ungeschlacht und genialisch zugleich dartut, dass er eigentlich nicht schreiben kann – allein schon die defekte Zeichensetzung und die löchrige Syntax machen es klar: «s ist dunkel hier . . . | was ist vom grauen Pulli zu sagen? | – nichts als das. | draussen | ist die ausgepresste Zitrone vorbei | Schnee | der Baum aus Frost und Gestaltstruktur | schwätzt nicht | rauscht nicht | wo lang geht’s aus dem Wort?» Mehr als ein rechtschaffener (und berechtigter) Übersetzungsversuch ist das nicht – das Gedicht könnte in der Zielsprache auch völlig anders daherkommen und dennoch irgendwie «entsprechend» sein.

Die Herausgeberin scheint das genau so einzuschätzen und hat deshalb mehr als ein Dutzend deutsche Dichter eingeladen, einige kürzere Gedichte unabhängig voneinander in jeweils eigener Fassung zu übertragen. Inwieweit die Beteiligten mit den polnischen Originalen vertraut waren oder ob sie nach (wessen?) Interlinearfassungen gearbeitet haben, wird leider nicht mitgeteilt.

Erwartungsgemäss resultierten aus dem kollektiven Übersetzungsversuch völlig unterschiedliche Texte, die teilweise gerade noch in zwei, drei Kernbegriffen miteinander übereinstimmen. Von den vierzehn Varianten zu einem melancholischen lyrischen Selbstporträt des Autors erweist sich die Fassung von Ulf Stolterfoht als besonders gelungen. Obwohl die Nachdichtung in Sachen Wörtlichkeit manches zu wünschen lässt, wird sie dem Original in klanglicher Hinsicht optimal gerecht.

Man beachte die gehäuften Alliterationen (mann/manisch/mache usw.) und die diskret verteilten lautlichen Entsprechungen (wörterns/möchten/örterns): «martert mann miron sich selbst martert | manisch seines wörterns unvermöchten | untauglicher mache | örterns». Aber eben: Dazu gibt es in dem Band dreizehn weitere Eindeutschungen zu lesen, die alle in irgendeiner Weise zum Original passen und es jeweils doch, ohne fehlerhaft zu sein, verpassen. Insgesamt: mehr als ein Lesevergnügen – ein Leseabenteuer; und nicht zuletzt ein Anstoss für weiterführende übersetzerische Dialoge mit Miron Bialoszewski.

Miron Bialoszewski: Wir Seesterne. Gedichte polnisch und deutsch. Übersetzt und herausgegeben von Dagmara Kraus. Verbesserte Neuauflage. Verlag Reinecke & Voss, Berlin 2016. 94 S., € 10.–. Miron Bialoszewski: Vom Eischlupf. Nachdichtungen polnisch und deutsch. Herausgegeben von Dagmara Kraus. Verlag Reinecke & Voss, Berlin 2015. 70 S., Fr. 18.90.

Gestorben

Im Alter von 88 Jahren ist in Luzern der Lyriker Hans Leopold Davi gestorben. Davi sprach Spanisch und Deutsch und hat fast alle Bücher zweisprachig herausgegeben. Nachruf von

Charles Linsmayer, Neue Zürcher Zeitung