Zeitgenössische Sprachkultur zwischen Kalauer und Dichtung

Aus einem Beitrag von Felix Philipp Ingold, Neue Zürcher Zeitung 8.7.

Begriffe wie „Grexit“ oder „Brexit“, neuerdings auch schon „Frexit“, „Dexit“ und „Nexit“ sind als aktuelle Trendwörter in aller Mund – man hört sie als Kampfparolen bei Demonstrationen, man sieht sie dick ausgemalt auf Transparenten, sie gehören in der Alltagssprache wie auch in der Publizistik zu den meistgebrauchten Neologismen der jüngsten Zeit, und dies keineswegs bloss im Deutschen.

Die hybriden Neubildungen zeichnen sich nicht zuletzt dadurch aus, dass sie gleichzeitig in mehrere Nationalsprachen eingegangen sind: Ob deutsch, dänisch oder russisch – sie werden überall in fast identischer Aussprache und stets in gleicher Bedeutung verwendet. (…)

Dass das hintersinnige Wortspiel in der zeitgenössischen Werbetechnik weithin auf höchstem Niveau praktiziert wird, ist vielfach belegt und kann von jedermann in vielen Bereichen der Alltagswelt mitvollzogen werden: Produktwerbung, Eventprogramme, Medientitel, Rubrikbezeichnungen, Werknamen, Textüberschriften, Schlagzeilen bieten dafür eine Fülle von Beispielmaterial. Ausser mit Gleichklang und Kontamination wird mit Wortzerstückelung operiert, mit der Umstellung von Buchstaben oder Silben, mit Alliterationen und Reimen, zunehmend auch mit der Vermengung von nationalsprachlichen und fremdsprachigen Elementen vorwiegend englischer, lateinischer, altgriechischer Herkunft. Exemplarisch sind Einzelbegriffe, Sachbezeichnungen, Slogans oder Werktitel wie „Inwastement“ (für Investment), „Quizzenswert“ (für wissenswert), „Sexpertin“ (für Sexexpertin), „Shakespeak“ (App für Shakespeare-Zitate), „Crowd und Rügen“ (für Kraut und Rüben), „Gnomeo und Julia“ (Computerspiel), „Baron Trumphausen“ (für Lügenbaron Münchhausen, über Donald Trump), „Wir sind eins“ (d. i. ARD 1), „Ei love Ostern“ (TV-Sendung, Ei ist lautidentisch mit engl. „I“, ich), „Joints are a Gift for Young People“ (deutscher Buchtitel, Gleichklang und Bedeutungsgegensatz von engl. „gift“, Gabe, und deutsch „Gift“). Usw.

Dass selbst die seriöse Publizistik das amüsante Sprachspiel pflegt, wo es eigentlich bloss um objektive Informationsvermittlung ginge, ist heute ebenfalls eine alltägliche Lektüreerfahrung. Für Leser dieses Blatts sei darauf hingewiesen, dass die NZZ regelmässig mit mehr oder minder ausgeklügelten Sprachspielen auf Inhalte unterschiedlichster Art abhebt. Davon zeugen jüngste Texttitel wie „Die Schlachten der Schlichten“, „Mann für alle Felle“, „Wer Kayne, der kann“, „Von Krankfurt nach Mainhattan“, „Die Nackten und die Quoten“, „Namen nenne man“ (Palindrom) u.a. – Nennenswert sind im übrigen einige wiederkehrende Kolumnentitel, darunter „In jeder Beziehung“ (über Beziehungsprobleme, die in jeder Beziehung, d.h. in jeder Hinsicht von Belang sind); „Alles, was Recht ist“ (aktuelle Rechtsfragen, über die zu reden recht und billig ist); „Laut und Luise“ (für laut und leise, mit Anspielung auf Ernst Jandls gleichlautenden Werktitel); und besonders ingeniös: „In medias ras“ – Titel einer Medienkolumne, mit Anspielung auf die lateinische Redewendung „in medias res“, wobei der vermeintliche Druckfehler („ras“ für res) das Kürzel des Verfassers (Rainer Stadler) und damit eine verkappte Signatur ergibt.

Die hier nur unzureichend dokumentierten Verfahren wortspielerischer Techniken, die für weite Bereiche der heutigen internationalen Sprachkultur charakteristisch, wenn nicht prägend geworden sind, gehörten ursprünglich dem Bereich der Poesie an. Für die Gebrauchssprache und auch für die konventionelle Erzählliteratur hatten sie keine merkliche Relevanz. Fast ist man versucht, von „gesunkenem Kulturgut“ zu reden, wenn man feststellt, mit welcher Selbstverständlichkeit heutzutage auch in durchaus kunstfernen Zusammenhängen höchst anspruchsvolle dichterische Verfahren brillant gehandhabt werden, während gleichzeitig – selbst bei der professionellen Literaturkritik – die Bereitschaft abnimmt, sich des angeblich „schwierigen“ Genres der Lyrik anzunehmen.

Die Tatsache, dass komplexe Werbetexte und Wortwitze problemlos verstanden werden, Gedichte jedoch mehrheitlich als hermetisch, selbstbezüglich und uncool gelten, hat einen ganz einfachen Grund: Die Kalauereien der Werbung wie der politischen Rhetorik und generell der Spassgesellschaft unterstehen einer vorbestimmten Intention und sind immer nur auf eine, ebenfalls vorbestimmte Bedeutung angelegt, derweil die Dichtung (und vorab die starke, die „schwierige“ Dichtung) stets mehrere Lesarten zulässt, dabei aber den Leser in die Pflicht nimmt, ihn zu produktivem Verstehen und damit zu eigener Sinnbildung herausfordert. Das zielgerichtete Wortspiel, das seine Bedeutung, wenn nicht gar seinen Zweck unverkennbar herausstellt, erfüllt eine Funktion, macht aber keinen Sinn.

Methode Schittko

Die Gratwanderung, die Clemens Schittko mit seinem literarischen Gestus stets hinlegt, ist nicht, wie fälschlich angenommen werden kann, die Erich Fried’sche zwischen langweiligem Automatismus der Form und relevantem Thema. Die Gratwanderung ist vielmehr die zwischen dem Gelächter und dem Entsetzen, die auftreten, wenn sich ein bestimmtes Bündel Sprach- oder Empfindungsmaterial unhintergehbar als fundamental Scheiße herausstellt (und zwar eben: dazu gebracht wird, sich selbst so zu entpuppen).

Man mag einwenden: Buchstäblich alles, was manisch noch und noch und noch weiter runterdekliniert wird, wird dazu gebracht werden können, sich selbst zu widersprechen, Widerspruchsfreiheit wär da ja gleich noch gruseliger … Wir dürfen annehmen, dass Schittko dem sogar zustimmen dürfte (ich werde ihn fragen, und im Falle einer abschlägigen Antwort ein Erratum nachreichen); und dürfen aber darüber hinaus durchaus finden, dass die Methode Schittko, wenn sie sich wie hier gegen Zumutungen wie die Hartz-IV-Gesetzgebung, die Entfremdung im Allgemeinen und die fröhliche Akzeptanz massenhaften Elends wendet, unbedingt willkommen ist. / Stefan Schmitzer, Fixpoetry

Clemens Schittko
Weiter im Text
Ritter Verlag
2016 · 152 Seiten · 13,90 Euro
ISBN: 978-3-85415-534-8

Maulelaunenmanual

Heutzutage wird viel gejammert, aber selten geklagt. Der kunstvolle Klagegesang ist anderen Zeiten, anderen Kulturen vorbehalten. Sieht man einmal von Friedrich Rückerts „Kindertotenliedern“ ab, führt das Genre im deutschsprachigen Raum eine Randexistenz. Wobei „Sprache“ als syntaktisches Gefüge für den Klagegesang ohnehin erst einmal zweitrangig ist; es geht vor allem um die Lautlichkeit, um tönende Vokalreihen. Hugo Ball machte das einst in seiner „Totenklage“ anschaulich: „tru-ü / tro-u-ü o-a-o-ü /mo-auwa“.

Hundert Jahre nach Hugo Ball legt nun die 1981 in Breslau geborene Dagmara Kraus ihr „wehbuch“ vor, das einerseits ein ganzes „maulelaunenmanual“ beinhaltet, ein umfängliches Verzeichnis von Klagelauten („omoi“, „papai mu au“, „alälä! alälä! alälä!“) und sich andererseits in eine imaginäre Hochzeit der Totenklage zurückversetzt: „wäre ich im alten ägypten in die arbeiterklasse geboren / und früh verwaist, hätten mich die heimvormundinnen / von sais und saft el-hanna gleich ins berufsleben geschickt / fünfjährig hätte ich die dürren ärmchen um ein paar / schonend entdarmte staatsleichen gerungen, ein klagebalg / unter klagebälgern.“ / Tobias Lehmkuhl, Süddeutsche Zeitung

Dagmara Kraus: wehbuch (undichte prosage). Roughbook, Berlin und Schupfart2016. 110 Seiten, 10 Euro.

Forward Prize: Gedichte aus dem Zeitalter der Migration

Mag sein, daß die Hälfte der britischen Wähler Angst vor „Überfremdung“ hegt (hah: erst ein Empire errichten und dann wundern wenn die alle kommen). Wenn man sie über Lyrik abstimmen ließe, kämen vielleicht 99% heraus, na und? Was alle sagen, muß ja nicht für mich gelten, oder?

In Großbritannien wurde die Shortlist des Forward-Lyrikpreises veröffentlicht. Der Guardian schreibt, „sehr dynamische“ Finalisten zeigten grönländische, kreolische, schottische und kurdische Einflüsse. (Mancher erinnert sich aus dem Deutschunterricht, daß Johann Wolfgang Goethe vor 200 Jahren nicht in die patriotischen Franzosenfresserchöre einstimmen konnte und das Zeitalter der Weltliteratur ausrief. Vielleicht voreilig, wie gegenwärtige Entwicklungen in ganz Europa zeigen; aber was einmal in der Welt ist, kann immer wieder aufgerufen werden. Wir schaffen das!) Der Guardian spricht von „Gedichten aus dem Zeitalter der Migration“.

Der mit £15,000 dotierte Forwardpreis will „den besten Gedichtband“ des Vorjahres auszeichnen. Sprecherin Malika Booker sagte, die im Wettbewerb vertretenen Autoren seien eine Herausforderung an das was wir von Lyrik und ebenso an das was wir von der englischen Sprache wissen. (Nix korrekter Sprachgebrauch, werte Jury!). Booker, Schriftstellerin und Spoken word-Künstlerin, sagte, die britische Lyrik erlebe eine aufregende Phase. „Soviele Dichter dehnen jetzt die Sprache aus und bringen so vieles ihrer eigenen Erfahrung ein. Viele Gedichte handeln von Sprache und Raum. (…) Sie geben Einblick in die englische Sprache, zeigen wie sie sich ausdehnt und von anderen Sprachen aufnimmt. Die Gedichte, die wir gesichtet haben, reflektieren das.“

Sprecher von mehr als 300 Sprachen leben heute in Großbritannien. Viele Dichter hätten ein starkes Gefühl dafür, daß sie von andersher stammten. Sie mußten sich zwischen Sprachen und Dialekten zurechtfinden, das merkt man ihren Gedichten an. William Sieghart, der Begründer des Preises, meinte, vielleicht sei Lyrik heute das Genre des Zeitalters der Migration. Wenn man nicht alles mit sich tragen könne, könne man immer ein Gedicht im Kopf behalten.

Die kurdische Autorin Choman Hardi, die 1993 nach Großbritannien kam, erzählt in ihren Gedichten von den Überlebenden des Massakers an Kurden in Irak unter Saddam Hussein. Der aus Trinidad stammende Vahni Capildeo untersucht die Entfremdung der Ausgewanderten. Zitat: “My having had a patria, a fatherland, to leave, did not occur to me until I was forced to invent one.” Booker sagte, hier würden auch Grenzen zwischen Gattungen, zwischen Lyrik und Prosa eingerissen. Nancy Campbells Band Disko Bay handelt von Grönland, Harry Giles von den Orkneys.

Unter den 15 Nominierten sind 11 Frauen.

Neben dem Hauptpreis gibt es den mit £5,000 dotierten Felix Dennis-Preis für den besten Debütband und den Forward Prize für das beste Einzelgedicht (£1,000).

The Forward Prize for Best Collection (£15,000)
Vahni Capildeo – Measures of Expatriation (Carcanet)
Ian Duhig – The Blind Road-Maker (Picador Poetry)
Choman Hardi – Considering the Women (Bloodaxe Books)
Alice Oswald – Falling Awake (Cape Poetry)
Denise Riley – Say Something Back (Picador Poetry)

The Felix Dennis Prize for Best First Collection (£5,000)
Nancy Campbell – Disko Bay (Enitharmon Press)
Ron Carey – DISTANCE (Revival Press)
Harry Giles – Tonguit (Freight Books)
Ruby Robinson – Every Little Sound (Liverpool University Press)
Tiphanie Yanique – Wife (Peepal Tree Press)

The Forward Prize for Best Single Poem (£1,000)
Sasha Dugdale – Joy (PN Review)
David Harsent – from Salt (Poetry London)
Solmaz Sharif – Force Visibility (Granta magazine)
Melissa Lee-Houghton – i am very precious (Prac Crit)
Rachel Hadas – Roosevelt Hospital Blues (Times Literary Supplement)

Preis-Digest

Auch wenn die Zeitung ruht, gehen die Nachrichten weiter. Brentano und Menantes schafften es in die News, nicht aber diese:

Eugen-Helmlé-Übersetzerpreis für Anne Weber

Der mit 10.000 Euro dotierte Eugen-Helmlé-Übersetzerpreis der Stiftung des Verbandes der Metall- und Elektroindustrie des Saarlandes (Stiftung ME Saar), der Stadt Sulzbach und des Saarländischen Rundfunks geht im Jahr 2016 an die deutsche Übersetzerin und Autorin Anne Weber.

Die Begründung der Jury lautet:

„Anne Weber bedient sich der französischen Sprache beinahe wie einer Muttersprache: nicht nur verfasst sie ihre eigenen Romane ganz selbstverständlich in zwei Sprachen, übersetzt sich also gewissermaßen selbst, sondern überträgt auch mit äußerster Behutsamkeit deutsche Autoren wie Peter Handke, Wilhelm Genazino oder Sibylle Lewitscharoff ins Französische. Ihre Übertragungen in eine Sprache, die bei aller Aneignung eine Nicht-Muttersprache bleibt, zeugen gerade deshalb von größter Sorgfalt im Umgang mit beiden Sprachen und einem tiefen Respekt gegenüber der französischen Version. Das macht die französische Lektüre eines kleinteiligen lyrischen Texts wie Handkes „Une année dite au sortir de la nuit“/“Ein Jahr aus der Nacht gesprochen“ ebenso wie die der Romane Genazinos zu einer wahren Sinnenfreude.“ / SR

Büchnerpreis für Marcel Beyer

Der Schriftsteller Marcel Beyer bekommt den Georg-Büchner-Preis 2016. Das teilte die Deutsche Akademie für Sprache und Dichtung mit. Der mit 50.000 Euro dotierte Preis wird am 5. November in Darmstadt verliehen werden.

„Ob Gedicht oder Roman, zeitdiagnostischer Essay oder Opernlibretto, für Marcel Beyer ist Sprache immer auch Erkundung“, begründet die Jury die Entscheidung. Beyer habe mit seiner Arbeit deutsche Vergangenheit vergegenwärtigt. Seine Texte seien „kühn und zart, erkenntnisreich und unbestechlich“.

Der 1965 in Tailfingen (Baden-Württemberg) geborene Beyer gab von 1989 bis 2000 gemeinsam mit Karl Riha die Reihe Vergessene Autoren der Moderne heraus. Sein Debüt als Romanautor hatte er 1991 mit Das Menschenfleisch, im selben Jahr erschienen Gedichte unter dem Titel Walkmännin. / Die Zeit

Shortlist des Premio Strega Europeo

Im Rahmen des internationalen Festivals „Letterature“ der Stadt Rom und in Hommage an die vielseitige und reiche Kultur des alten Kontinents und ihre enge Verbindung mit Italien übergibt, am Dienstag, den 5. Juli 2016 um 21 Uhr ,die Fondazione Bellonci, in Zusammenarbeit mit dem internationalen Festival der Stadt Rom „Letterature“ und der italienischen Vertretung der EU Kommission zum dritten Mal den Strega Europeo.

Die europäische Sonderkategorie des bedeutenden italienischen Literaturpreises wurde 2014 dank der italienischen EU-Ratspräsidentschaft eingeführt. Im Rennen um den Preis 2016 sind wieder fünf Autorinnen und Autoren, die in ihren Herkunftsländern wichtige literarische Preise erhalten haben und in jüngerer Zeit übersetzt und in Italien veröffentlicht wurden. (…)

Die fünf Autoren der Shortlist, ausgewählt durch die Direktionen der Fondazione Bellonci und der Casa delle Letterature, sind: Mircea Cărtărescu (Rumänien); Annie Ernaux (Frankreich); Kerry Hudson (Großbritannien, Schottland); Ricardo Menéndez Salmón (Spanien) und Ralf Rothmann (Deutschland) mit Morire in primavera (Originaltitel: Im Frühling sterben), übersetzt von R. Cravero, Neri Pozza 2016. / European News

Außerdem: Shortlist des Forward Prize veröffentlicht (Einzelmeldung folgt)

Bodensee-Literaturpreis für Peter Salomon

Den traditionsreichen, seit 1954 bestehenden Bodensee-Literaturpreis der Stadt Überlingen, der alle zwei Jahre vergeben wird, erhält dieses Jahr der Lyriker, Prosaist, Essayist, Literaturkritiker und Übersetzer Peter Salomon für sein bisheriges Gesamtwerk, teilt Kulturreferent Michael Brunner mit. (…)

Salomon sei 1974 Mitbegründer und Mitherausgeber der Konstanzer Literaturzeitschrift Univers gewesen, die bis 1981 bestand, und ist seit 1992 Herausgeber der Reihe Replik, in der er vorwiegend Expressionisten „aus dem Abseits der Moderne“ porträtiert. Peter Salomon wird den Literaturpreis am 9. Oktober im Kursaal von Oberbürgermeisterin Sabine Becker entgegennehmen. Die Laudatio hält der St. Galler Literaturwissenschaftler und Dozent Mario Andreotti. / Südkurier

Scharfe Gedichte

Erik Lindner schreibt Gedichte wie andere Fotos machen.

„Aber das Bild, das ich sehe, ist nicht das Bild, das du siehst, wenn du meine Gedichte liest. Und ich denke, das ist es, worum es in meinen Arbeiten geht. Ich will ein klares Bild schaffen, wie ein Foto. Das will ich untersuchen: Wie scharf bekomme ich das Bild? Ich denke, Gedichte sind oft unscharf. Aber wenn man ein Bild ans nächste reiht, kann man darauf hoffen, dass beim Leser ein kurzer Film abläuft.“ / DLR

Lyrikpreis München 2016, zweite Vorrunde

Die Abendjury der zweiten Vorrunde am 4. Juli –
Markus Hallinger, Florian Kessler (für die verhinderte
Dagmar Leupold) und Sophie Reyer – hat für das Finale
im Herbst nominiert:

Daniel Bayerstorfer (München)
Sibylla Vričić Hausmann (Leipzig)

Wir gratulieren herzlich!

Damit stehen für das Finale bis jetzt fest:

Daniel Bayerstorfer (München)
Arnold Maxwill (Dortmund)
Christian Schloyer (Nürnberg)
Sibylla Vričić Hausmann (Leipzig)


/ lyrikpreis münchen

Delicate flag

I have been reading Whitman on the American flag. He wrote about it repeatedly, though I think only during the years of the Civil War—years of ferocity and sorrow. Naturally his flags are living things. They sing, gaze, beckon, ripple, and pass by. The flag in “Song of the Banner at Daybreak” exhorts the poet himself to speak up: “Yet louder, higher, stronger, bard! yet farther, wider cleave!” The flag sings of the higher values—of more than wealth, and more than peace. Sometimes the flag is womanly. One of his war poems was a not-entirely successful ode to the flag called “Bathed in War’s Perfume,” which he never inserted into Leaves of Grass:

Bathed in war’s perfume—delicate flag!
O to hear you call the sailors and the soldiers! flag like a beautiful woman!
O to hear the tramp, tramp of a million answering men!
O the ships they arm with joy!
O to see you leap and beckon from the tall masts of ships!
O to see you peering down on the sailors on the decks!
Flag like the eyes of women.

But I think I know what he was getting at. You can see it in one of the other flag poems, “Delicate Cluster”:

Delicate cluster! flag of teeming life!
Covering all my lands—all my seashores lining!
Flag of death! (how I watched you through the smoke battle pressing!
How I heard you flap and rustle, cloth defiant!)
Flag cerulean—sunny flag, with the orbs of night dappled!
Ah my silvery beauty—ah my woolly white and  crimson!
Ah to sing the song of you, my matron mighty!
My sacred one, my mother.

Death, for Whitman—death is a woman. That is what he means. Death is the all-welcoming and all-comforting mother.

Ultimately the flag, which is teeming with life, and is the flag of death, is the banner of the revolutionary cause. Everyone who has read Leaves of Grass will remember “Thick-Sprinkled Bunting”:

Long yet your road, fateful flag—long yet your road, and lined with bloody death,
For the prize I see at issue at last is the world.

He means that America is fighting for democracy’s conquest of the world—democracy, in universal battle against the other, enemy principle, which is the flag of kings. / Paul Berman, Tablet

Leseecke 17

FullSizeRenderLeseecke ist eine Rubrik, die sich der Veröffentlichung aller 154 Sonette Shakespeares in Günter Plessows Übersetzung und dem Originaltext (bei Signaturen) anschließt und hier Leseecke und Forum zur Diskussion über die Sonette und / oder Übersetzungen sein kann. Jedenfalls ich werde an 154 Tagen (mit Zwischenraum, um durchzuschaun) mir jeweils eins der Sonette vornehmen und hier den Originaltext und zusätzliches Material anbieten. Einladung zum Pendeln von Shakespeare zu Plessow und zurück (wenns sein muß auf Umwegen über Schlegel/Tieck, Bodenstedt, George, Kraus & Co). (Die Zahl neben dem Wort Leseecke ist die Nummer des Shakespearesonetts). Zur Originalschreibweise: u / v und i / j sind fast regellos austauschbar, liue lies live, ioy lies joy.
Sonette 15-21 bei Signaturen hier
Bisherige Folgen der Leseecke hier.

17

VVHo will beleeue my verse in time to come
If it were fild with your most high deserts?
Though yet heauen knowes it is but as a tombe
Which hides your life, and shewes not halfe your parts:
If I could write the beauty of your eyes,
And in fresh numbers number all your graces,
The age to come would say this Poet lies,
Such heauenly touches nere toucht earthly faces.
So should my papers (yellowed with their age)
Be scorn’d, like old men of lesse truth then tongue,
And your true rights be termd a Poets rage,
And stretched miter of an Antique song.
   But were some childe of yours aliue that time,
   You should liue twise in it, and in my rime.

Einige Anmerkungen zum Text:

beleeue believe

deserts Verdienste

4 shewes shows parts Vorzüge, Eigenschaften

1-4 die Reime come / tomb, deserts / parts sind keine unreinen Reime, sondern verweisen darauf, daß die Wörter anders ausgesprochen wurden. Also vielleicht come / tome, desarts / parts.

6 in fresh numbers number in innovativen Versen aufzählen

8 touches a) Eigenschaften, Züge b) touching a surface with the proper tool in painting, drawing, writing, carving etc. (OED) toucht touched

9 papers Werke lesse truth then tongue mehr geschwätzig als ehrlich

10 scorn’d verachtet

11 true rights a) gerechtfertigtes Lob b) Wortspiel mit rites, Rituale (verdienter Anbetung) Poets rage dichterische Begeisterung, mit einem Beiklang von (schöpferischem) Wahnsinn. Lt. OED erster Beleg

12 stretched miter (stretchèd meter) überanstrengtes Versmaß Antique song häufiges Wortspiel mit antique / antic (grotesk, bizarr)

14 rime (rhyme) damals = Vers (mit leicht pejorativem Anklang)

Deutsche Fassung von Karl Simrock:

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Shakespeares Gedichte. Deutsch von Karl Simrock. Stuttgart: Cotta, 1867, S. 19

Perlen aus der Karl Krausschen Poetisierung:

„wenn der Welt mein Sang zuteil wird“ (1) | „ganz von deiner Huld erfüllt“ (2)

Ann Cotten auf Platz eins

Die Kritiker-Jury der ORF-Bestenliste wählte im Juli Ann Cottens Versepos Verbannt! (Suhrkamp) zum besten Buch des Monats.


Storypart_t105382„Es ist ein bizarres und oft imposantes Gemansche, das Ann Cotten da aus hoch Gestelztem und flachem Kalauern erstellt hat – allerdings kann man das Ganze auch als eine Art Essay in Versen lesen, als Bestandsaufnahme unserer Zeit“, begründet Erich Klein die Wahl.

Der Krieg ist wie eine Krankheit

Serhij Zhadan schöpft seine Prosa und Poesie auf langen Reisen über Landstraßen, in wodkatrunkenen Gesprächen und immer öfter in Schützengräben. Als im Winter 2013/2014 Gegner und Befürworter des Maidan in seiner Stadt Charkiw auf die Straße gingen, war er unter den proeuropäischen Demonstranten. Seit sein Land vor zwei Jahren in den Krieg abrutschte, fährt er in das Konfliktgebiet im Donbass. Er begleitet Hilfstransporte für ukrainische Soldaten, tritt mit seiner Band in Jugendzentren und Kulturheimen in ostukrainischen Industriestädten auf, sitzt mit den örtlichen Bewohnern bei einem Bier am Tisch und redet. Und schreibt.

Anfang August erscheint im Suhrkamp-Verlag die Textsammlung „Warum ich nicht im Netz bin“, die Zhadans Auseinandersetzung mit dem Krieg in seinem Land in Gedichten, Poemen und Tagebucheinträgen dokumentiert. Am Dienstagabend liest er aus dem Buch beim Wiener Lyrik-Festival Poliversale. Im Vorwort beschreibt Zhadan, was Krieg für ihn als Autor bedeutet: Der Tod liegt wie ein drohender Schatten über jeder Handlung. „Der Krieg ist wie eine Krankheit, die unerwartet ausbricht. Und deswegen weißt du auch nicht gleich, wie du dich verhalten und welche Wörter du verwenden musst.“ /   Die Presse

Deserteur

Ein Chanson kommt mir in den Sinn, Le déserteur von Boris Vian, 1954 geschrieben, einen Skandal löste es aus. Eine Aufforderung zur Desertion konnte die Grande Nation nicht brauchen, gerade hatte sie in Indochina ihr Waterloo erlebt und war in den Algerienkrieg gezogen.

Bis Kriegsende 1962 durfte das Chanson nicht ausgestrahlt werden, zugleich wurde es weit über Frankreichs Grenzen hinaus zum Protestlied einer Generation. Von Joan Baez interpretiert, von Wolf Biermann auch, in zahlreiche Sprachen übersetzt, bis ins Schweizerdeutsche schaffte es Vian, Der Dienschtverweigerer von Franz Hohler zeugt davon. / Christoph W. Bauer, Der Standard

Jeremy Adler zum Brexit

Die politische Entscheidung ist gefallen. Nun geht es darum, die kulturelle und wirtschaftliche Bindung zwischen Großbritannien und der EU soweit auszubauen, wie es die politische Situation erlaubt. Wir müssen uns nun mehr denn je an Europas Werte halten. Diese Werte bauen auf die englische Magna Carta auf und auf den Ideen der italienischen Renaissance, der französischen Revolution, der deutschen Aufklärung und der griechischen Demokratie. Mehr denn je müssen wir gemeinsam für Recht und Demokratie, für Freiheit und Toleranz arbeiten. Unsere großen Denker von Locke bis Rousseau, Kant und Havel bleiben vorbildlich. Ihr Projekt Menschlichkeit bleibt. Was die größten deutschen Dichter als die Liebe Hoffnung gepriesen haben, gilt es nun zu bewahren. Die europäische Integration ist unaufhaltbar. Sie lässt sich nicht durch politische Entscheidungen beirren.

Jeremy Adler, geboren 1947 in London, lehrte bis 2004 Deutsche Literatur am King’s College in London.

/ Süddeutsche Zeitung 25.6.

Jeremy Adler (* 1. Oktober 1947 in London) ist ein britischer Dichter und Professor für Deutsche Sprache am King’s College London. Er ist der Sohn des tschechoslowakisch-britischen Schriftstellers H.G. Adler.

Er studierte englische und deutsche Literatur am Queen Mary College in London. Das Thema seiner Dissertation (1977) bei Claus Victor Bock, auf deutsch:Eine fast magische Anziehungskraft, ist der Gebrauch der Chemie in Goethes Roman Die Wahlverwandtschaften. Wie bereits sein Vater Hans Günther Adler gab er Werke von Franz Baermann Steiner (aus dessen Nachlass) heraus. In Deutschland wurde er durch seine Kritik an Bernhard Schlinks Bestseller Der Vorleser bekannt.*

Er schreibt Gedichte und hat sie als Künstlerbücher in seinem Verlag Alphabox publiziert, dort sind auch Texte seines Vaters, von Franz Wurm und Friedrich Danielis erschienen. Vier Ausgaben der von ihm herausgegebenen Sammlung A. An Envelope Magazine of Visual Poetry erschienen 1971–73 und 1977 in London. Er gab verschiedene Bücher bei Writers Forum heraus.

/ Wikipedia

*) Mir wurde er durch seine Arbeiten über und Editionen der Werke von August Stramm bekannt; auch in Deutschland.

When dancers perform poetry and become the poems

(…) what followed was a journey through dance into the soul of various poets. Disciples of Guru Asha Sunilkumar of Sanskriti Academy of Fine Arts presented an absorbing excerpt from the poem Brahma, Vishnu, Shiva by Rabindranath Tagore in Bharata Natyam. Tagore’s ‘fires of creation and the dark without Origin’ soon moved on to Harivansh Rai Bacchhan’s Pralay ki Raat coming to life through the talented disciples of noted Odissi exponent Guru Shubada Varadkar. Dance is truly ‘music made visual’ and some danced the same path, by using penned compositions. (…) The canvas then shifted from Vrindavan to Kailas with Jayeeta Dutta, talented disciple of Muraryi Saharan Gupta, visually etching the opulence of Shiva and Uma in a swing an unusual composition by Kazi Nazrul Islam, the revolutionary poet from Bengal. Renowned teacher, exponent and choreographer Guru Debi Basu’s disciples highlighted through Odissi the emotional lyricism within the saint poet Jayadeva’s poem with the allegory of the human soul’s love — Jeevatama pining for Paramatman, ‘Feeling the essence of God in all creation through beautiful contemporary folds – came the contemporary dance choreographer – Abhishek Rathod and his team. Kalashri Lata Surendra laced the traditional varnam in Bharata Natyam, with lines from the 13th century Persian sufi poet Rumi. Developing the lines of a traditional varnam – she used verses from Rumi in an interesting formatting and blending tradition and innovation (…) / The Asian Age