Jan Kuhlbrodt schreibt bei Signaturen über Dagmara Kraus:
Neben dem Titel war es vor allem der erste Vers, der mir Anker war, und auf den ich, wenn es schwierig wurde, mich im Textgelände zu bewegen, immer wieder zurückkam:
wochen ankern auf rümpfen guter antennen und mein mane ratzt noch
Das Humorpotential dieses Verses ist groß genug, dass es mich im Verlauf des Buches trägt. Im Weiteren des ersten Gedichtes wird an das Thema des Verses angelegt, sowohl thematisch als auch klanglich.
Ich hab mir die strümpfe an den teppich genäht, um nicht von hier wegzurennen
Irgendwo hörte ich bei der Lektüre in meinem Hinterkopf das Lachen von Meret Oppenheimer und Unica Zürn. Man kann also sagen, ich las in bester Gesellschaft.
Dagmara Kraus: das vogelmot schlich mit geknickter schnute. Gedichte und Collagen. Berlin (kookbooks) 2015. 32 Seiten. 22,00 Euro.
Aber Schreiben ist für Schittko nicht allein Notwehr, sondern auch eine „asoziale Handlung“. Womit er vermutlich nicht nur die Einsamkeit des Schreibens meint, sondern durchaus auch die Möglichkeit und Notwendigkeit, rücksichtslos auszusprechen, was ihn stört. Zu benennen, was er für zutiefst fragwürdig hält.
Schittkos Gedichte sind erholsam direkt und unverschlüsselt. Sie haben etwas zu sagen und der Dichter hat den Mut, das, was er ausdrücken will, ganz direkt zu sagen. / Elke Engelhardt, KuNo
Weiter im Text, von Clemens Schittko, Ritter Verlag, 2016
Der Lyriker, Erzähler und Essayist Marcel Beyer ist der unumstrittene 15. Träger des Düsseldorfer Literaturpreises und hat den mit 20.000 Euro ausgestattet Preis von der Kunst- und Kulturstiftung der Düsseldorfer Sparkasse jüngst in Empfang genommen. Gelobt wurde von der Jury sein politisches und historisches Interesse, sein hohes Reflexionsvermögen sowie seine Sprache, die scharfsinnig und akribisch genannt wird. / Rheinische Post
Er wurde gefeiert wie ein Staatsgast. Eine Blaskapelle spielte, als Günther Uecker zum Grab des Dichters Hafez im iranischen Schiraz ging. Auf diese Weise wurden im antiken Persien nur Gesandte ausländischer Mächte auf dem Weg zum König begleitet. Die Szene ist gut eingefangen in dem Film, den Regisseur Michael Kluth über die Reise des Düsseldorfer Künstlers nach Schiraz, Persepolis und Teheran vor wenigen Wochen gemacht hat. Viele Menschen drängten sich um den vorsichtig schreitenden Künstler, der an diesem von den Iranern verehrten Ort seinen Werkzyklus „Huldigung an Hafez“ ausgestellt hat.
Uecker über Hafis:
Als ich die Verse vor rund 50 Jahren das erste Mal las, habe ich nur die Trunkenheit der Worte erlebt. Als ein Freund mir Jahre später sagte, der Bilderberg, den Hafez‘ in seinen Gedichten auftürme, passe gut zu meinem Bilderberg, habe ich mich erstmals tiefer mit dieser Lyrik befasst. Damals habe ich schon gespürt, dass die Verse weit über das Poetische hinausgehen. Sie sind aus einem tiefen Glauben heraus geschrieben, aber einem Glauben, mit dem der Dichter sich im Konflikt befand.
Hafez zeichnet Lobeshymnen an die Freude und die irdische Liebe, er huldigt Wein und Musik, kritisiert heuchlerische Frömmigkeit. Das haben die Mullahs nach der Revolution als Rebellion gegen den orthodoxen Islam interpretiert.
Die Mullahs beachteten ihn nicht so sehr. Das war übrigens zu seinen Lebenszeiten nicht anders. Schon seit der frühen Zeit der Verbreitung des Islam hat die Religion eine Strenge in die Welt der Gläubigen gebracht. Damit zu leben, empfand Hafez als widersprüchlich. Zwischen dem Alltäglichen und dem angeblich Wahrhaften gibt es immer Fehler. Lebensgenuss, Leidenschaft und Religiosität miteinander zu verschmelzen, war sein Anliegen. Hafez, der Korankenner, will den geraden Weg der Religion gehen, aber er kann es nicht immer. Manchmal geht er auch ins Wirtshaus. „Entschuldige Gott“, schreibt er in einem seiner Gedichte, „meine Füße tragen mich in eine andere Richtung.“
/Christiane Hoffmans, Die Welt 12.6.
Zum sechsten Mal wurde am Samstag in Wandersleben der Menantes-Preis für erotische Literatur vergeben. Die mit 2000 Euro dotierte Auszeichnung ging an Hellmuth Opitz aus Bielefeld. Denn mit 500 Euro dotierten Publikumspreis konnte Ingrid Svoboda aus Wien entgegennehmen. / TLZ
Nach seinem Lauf-Buch „42,195: Warum wir Marathon laufen und was wir dabei empfinden“ hat der Hamburger Autor und Publizist Matthias Politycki sich mit seinem neuen Buch auf das literarische Gegenteil geworfen – die Lyrik. / Die Welt
Alle paar Jahre wird wieder über einen angeblichen Lyrik-Boom geschrieben. In Wahrheit aber wird das Gedicht gerade in den klassischen Feuilletons an den Rand gedrängt. / Sagte Nico Bleutge völlig zu Recht in seiner Dankrede zur Verleihung des Alfred-Kerr-Preises für Literaturkritik auf der Leipziger Buchmesse, die die NZZ gekürzt abdruckte.
seiner als seriös geltenden Autoren hat nicht nur Suhrkamp (psst, Name wird nicht verraten. Darf ja auch gar nicht 😉 ), sondern jetzt auch der Erbe des Dichters Rudolf Borchardt, berichtete die NZZ.
Der 1907 in L’Isle-sur-la- Sorgue geborene René Char war Poet, Denker und Partisan. Nach einer Begegnung mit André Breton und Paul Éluard einige Jahre Mitglied der Surrealisten in Paris, ging er nach der Eroberung Frankreichs durch Nazideutschland 1940 mit der Frau von Tristan Tzara, der schwedischen Malerin Greta Knutson, zurück in seine provenzalische Heimat und führte als „Capitain Alexandre“ eine Widerstandsgruppe. In diesen Jahren versuchte er der Poesie zu entsagen, dennoch entstanden Notizen, Aphorismen und Prosagedichte. Diese Aufzeichnungen aus dem Maquis wurden von seinem Freund Albert Camus, der Char für den größten Dichter Frankreichs seit Apollinaire hielt, unter dem Titel Hypnos herausgegeben; von Paul Celan ins Deutsche übertragen, erschienen sie das erste Mal 1959. / Richard Wall, Der Standard
René Char, „Suche nach Grund und Gipfel“, deutsch von Manfred Bauschulte, € 22,90 / 224 Seiten, Klever, Wien 2016.
Raymond Antrobus ist Junger oder Jugend-Poet Laureate (Young Poet Laureate) von London, ein Amt, zu dem die britische Hauptstadt jedes Jahr einen im UK lebenden Dichter zwischen 21 und 30 ernennt. Antrobus ist jamaikanischen Ursprungs in der zweiten Generation. Obwohl er nur hin und wieder nach Jamaika reist, betont der Sohn eines jamaikanischen Vaters und einer englischen Mutter den Einfluß seines jamaikanischen Erbes. „Meine Eltern hatten eine komplizierte Beziehung, genau wie ihre Nationen.“ / Jamaica Gleaner
Mit einem sehr ungewöhnlichen Kunst-Poesie-Projekt stimmt der in Berlin lebende argentinische Künstler und Dichter Cristian Forte auf den Hausacher Leselenz ein. Er gestaltet mit 50 Hausachern ein Hebel-Gedicht mit einem von ihm erfundenen »Fingeralphabet«. / Mittelbadische Presse
Gregor Dotzauer interviewte den amerikanischen Dichter Charles Simic, Tagesspiegel 14.6.
Zu seiner Amtseinführung als Präsident der USA lud John F. Kennedy den Dichter Robert Frost ein und begründete damit eine neue Tradition. Für den Fall, dass Donald Trump bei Ihnen anklopft: Hätten Sie ein Gedicht für ihn?
Die Wahrscheinlichkeit, dass Trump überhaupt einen Dichter einlädt, geht, wie Sie wissen, gegen null. Ich hätte aber auch unter anderen Umständen wenig beizutragen. Denn was Dichter zu solchen Anlässen beigetragen haben, war fast immer mies. Es funktioniert nicht, und ich habe Mitleid mit jedem, der es tut – selbst bei Clinton und Obama. Nach 9/11 bat der Kongress Billy Collins, den damaligen Poet Laureate der USA, ein Gedicht über das Geschehene zu schreiben. Doch als er „The Names“, ein ungewöhnlich gutes Gedicht schließlich vortrug, waren die meisten Gäste nur perplex. Wer ist das, fragten sie sich. Und: Was ist hier eigentlich los? Sie hatten offenbar noch nie ein Gedicht gehört. Das sagt alles über die Situation der Poesie in unserem Land.
Michael Braun: Der Zusammenherstellungs-Zwang wird doch auch von Günter Eich verweigert, er zieht sich doch auf eine Negation zurück: Leute, „es reicht“.
Jürgen Nendza: Ja, das Gedicht endet mit einer abwinkenden Geste. Aber wir wissen, Günter Eich hat weitergeschrieben. Der ursprüngliche Wahrheitssucher Günter Eich, den finden wir hier poetisch nicht mehr wieder. Die Wahrheit ist suspekt geworden, sie ist nicht sprachlich, poetisch erreichbar. Doch der Dichter Günter Eich schreibt ja weiter. Dieses „und“ ist sehr ambivalent, das sehe ich auch. Eich bleibt sich durchaus treu, er ist konsequent auch in dieser Ambivalenz. Und das ist faszinierend. Es wird zum Schluss bei Günter Eich immer wichtiger, gegen die Sprachlenkung zu schreiben, gegen die Herrschaft, die Macht des vorschnell identifizierenden Denkens. Dadurch werden auf poetische Art und Weise Dementi erreicht. Es wird aber auch neu konstelliert, das heißt: Wir haben die Möglichkeit, Ordnungen neu zu überdenken, vielleicht auch sinnentleerte, entfernte Räume neu zu sehen, wahrzunehmen. Oder, wie er auch vorschlägt: zu meditieren, indem wir die Verstandesleistung der Interpretation, des Verstehens erst einmal suspendieren und einen Schritt zurückgehen, um die Sprache wirken lassen jenseits der für uns geltenden Sinnkontexte und Sinnvorstellungen. / Mehr
Jan Wagner gratuliert:
Bei aller Sinnlichkeit, die Pietraß’ Gedichte zu geradezu greifbaren Erscheinungen macht, sie duften und klingen läßt, bei aller Lebenslust, die sich sogleich auf den Leser überträgt, läßt sich der Basso continuo der Melancholie und eines großen Ernstes kaum überhören, auch nicht in einem Gedicht wie „Die Gewichte“, das einem der in wechselnden Verlagen publizierten Auswahlbände des Pietraßschen Werkes den Titel gab: „Die Muttermilch und das Vatererbe. / Mein Hunger nach Leben und das Wissen zu sterben. / Der Gang zum Weib, der Hang zum Wort. / Der Keim der Reinheit und wie er langsam verdorrt. / Das Strohfeuer und der glimmende Docht. / Aufruhr, der auf Gesetze pocht. / Die heillose Fahne im bleiernen Rauch. / Galle, verschluckt im Schlemmerbauch. / Die Statuten des exemplarischen Falls. / Mein niemals vollgekriegter Hals. / Der säuernde Rahm, der flüchtige Ruhm. / Die Grube und die Gnade postum.“ / Tagesspiegel 11.6.
Über einen neuen Sammelband von Jacques Roubaud schreibt Françoise Siri, La Croix 9.6.:
Seine Ausbildung als Mathematiker stellt er ganz in den Dienst des poetischen Schaffens mittels gelehrter Formenanalyse. Deshalb lud ihn Raymond Queneau 1966 in die Gruppe Oulipo ein. Im Band findet man extrem unterschiedliche Formen (vom Kalligramm bis zur Sestine) und Interessenssphären. Diese Vielfalt entspringt seiner poetischen Konzeption:
„Ein Gedicht ist ein sprachliches Kunstwerk in vier Dimensionen: für die Seite (also das Auge), für das Ohr (das was wir hören), für die Stimme (das was wir sprechen) und für eine innere Vision.“
Je suis un crabe ponctuel Anthologie personnelle 1967-2014, Jacques Roubaud, Gallimard, 192 p., 6,20 euros.
Beim „Versschmmuggel“ arbeiten fremdsprachige mit deutschen Dichtern gemeinsam an ihren Texten und übersetzen sie gegenseitig. Ziel ist es, so nahe wie möglich an dem Originaltext zu bleiben, aber auch die Poesie in dem jeweils anderen Land bekannt zu machen. Etwa ein Jahr haben nun Lyriker aus Indien, Pakistan, Sri Lanka und Bangladesh mit Dichtern aus Deutschland zusammengearbeitet und ihre Texte in 20 verschiedene Sprachen übertragen. (…) Die Übersetzungsarbeit erfolgt dabei in zwei Schritten: Zunächst werden die Texte von einem Übersetzer Wort für Wort, also rein inhaltlich übertragen, damit zumindest ein Grundverständnis des Textes vorhanden ist. Erst danach beginnt die eigentliche Arbeit der Dichterpaare. Mit der Hilfe eines professionellen Dolmetschers besprechen sie ihre Texte und übertragen sie somit Element für Element in die jeweils eigene Muttersprache. Im Laufe der letzten 15 Jahre konnte somit Lyrik aus 20 Sprachen – unter anderem Chinesisch, Hebräisch und Koreanisch – relativ originalgetreu übersetzt werden.
(…) „Die südasiatischen Sprachen sind in der Hinsicht sehr besonders, da manche Sprachen hier in Deutschland vollkommen unbekannt sind und ohne unsere Vorgehensweise gar keine gute Übersetzung möglich wäre“, so Wohlfahrt, der auch das Poesiefestival Berlin leitet. So verfasst Mamta Sagar aus der indischen Stadt Bangalore ihre Werke beispielsweise in Kannada, einer Sprache, die vornehmlich in Südindien gesprochen wird. Ihre Texte wurden von der Deutsch-Ungarin Orsolya Kalász in die deutsche Sprache „geschmuggelt“, während Sagar Kalász’ Dichtung in Kannada aufgeschrieben hat. Beide Lyrikerinnen stellen ihre Arbeiten heute vor. Außerdem wird Sajjad Sharif aus Dhaka in Bangladesch gemeinsam mit Dichterpartner Hendrik Jackson bengalische sowie deutsche Werke präsentieren. Weder Sagars noch Sharifs Gedichte wurden vorher in die deutsche Sprache übertragen und sind somit im doppelten Sinne „unerhörte Texte“, wie Wohlfahrt sagt. / Sarah Kugler, Potsdamer Neueste Nachrichten
Mehr: Deutsche Welle
„Man kann in dem Gedichtband auch Hrabals Entwicklung gut verfolgen. Begonnen hat er mit sehr schwärmerischen, hoch sensiblen Gedichten, im Geist des Poetismus verspielt, mit sehr schönen Bildern, die er mit seiner hohen Sensitivität sehr ausgeprägt wahrgenommen hat. Das sind zu Beginn teilweise sehr melodische, sehr schöne Gedichte. Dann kam die schwierige Zeit des Protektorats, des Zweiten Weltkriegs, und da hat sich schon die Zukunft danach abgezeichnet, und auch der geschichtliche Hintergrund klingt in den Gedichten an. Ganz am Ende hat Hrabal noch einen Zyklus reingekommen, der schon 1946 entstanden. Da ist schon der spätere Hrabal enthalten, der sich jetzt für das großstädtische Milieu, das Arbeitermilieu interessiert, der das Gefühl der sozialen Verantwortung entwickelt hat.“ /Martina Schneibergová, Radio Prag
Die Dichter anderer Nationen brechen auf der Bühne zusammen (Molière), erliegen der Cholera (Adam Mickiewicz), werden zu stark zur Ader gelassen (George Byron), ersticken an Gegenständen, die sie verschluckt haben (Tennessee Williams), oder werden von herabfallenden Ästen erschlagen (Ödön von Horváth). In Russland kommen die beiden wichtigsten romantischen Lyriker in einem Duell um – Alexander Puschkin ist siebenunddreissig Jahre alt, als er stirbt, Michail Lermontow siebenundzwanzig. Die literarische Relevanz des Duells ist in Russland also offensichtlich.
Felix Philipp Ingold hat es in einem fulminanten Buch unternommen, die Kulturgeschichte des Zweikampfs im Zarenreich nachzuzeichnen. (…)
Am 22. November 1909 schossen Nikolai Gumiljow und Maximilian Woloschin aufeinander – nicht ohne Seitenblick auf ihren Nachruhm wählten die Streithähne einen Ort nördlich von St. Petersburg, wo auch Puschkin gestorben war. Anlass des glimpflich ablaufenden Schusswechsels war Cerubina de Gabriac, eine angebliche exotische Meisterdichterin, die sich allerdings als literarische Mystifikation entpuppte. Als besonders erregbar erwies sich der esoterisch beflügelte Andrei Bely, der seine Dichterkollegen Waleri Brjussow und Alexander Blok wegen ästhetischer Meinungsverschiedenheiten in Duellforderungen verwickelte. In beiden Fällen kam es jedoch nicht zum Waffengang, sondern zu einem literarischen Turnier. / Ulrich M. Schmid, NZZ 14.6.
Die 1976 in Wien geborene und in Berlin und Wien lebende Autorin Sandra Gugic wird mit dem Reinhard-Priessnitz-Preis 2016 ausgezeichnet. Der mit 4.000 Euro dotierte und vom Kulturministerium gestiftete Preis erinnert an den 1985 gestorbenen Wiener Autor Reinhard Priessnitz und wird seit 1994 vergeben. Im Vorjahr ging die Auszeichnung an Anna-Elisabeth Mayer. „Lebensfragmente und schlaglichtartige Aufnahmen vom Alltag ihrer Protagonisten verdichtet Sandra Gugic zu einem überzeugenden vielstimmigen und multiperspektivischen Kaleidoskop. Sie versteht es, ihre Sprache den jeweiligen Figuren anzuverwandeln, und schafft so das authentische Porträt einer Generation“, heißt es in der Begründung der beiden Juroren Robert Schindel und Gustav Ernst, die Gugic die Auszeichnung „für die konsequente und sprachlich avancierte Darstellung der großstädtischen Lebenswirklichkeit“ zuerkennen. / Der Standard
Frauenmangel dagegen bei der Hotlist der unabhängigen Verlage, jedenfalls im Fach Lyrik. Von 16 eingereichten Titeln stammen gerade einmal 2 von Frauen: Debora Vogel: Die Geometrie des Verzichts (Arco) und Granaz Moussavi: Gesänge einer verbotenen Frau (Leipziger Literatur-Verlag).
Nach der Dichterin aus Elberfeld sind momentan zwei Literaturpreise benannt. Beide gehen in diesem Jahr an Frauen.
Der Else-Lasker-Schüler-Lyrikpreis der Else Lasker-Schüler-Gesellschaft geht in diesem Jahr an die Offenbacher Schriftstellerin Safiye Can.
Die Tochter von tscherkessischen Einwandern aus der Türkei hat bisher zwei Lyrikbände veröffentlicht: „Rose und Nachtigall“ sowie „Diese Haltestelle habe ich mir gemacht“. In der Begründung heißt es, Cans lyrische Bildsprache sei voller „Magie und Suggestionskraft aus dem Spannungsfeld orientalischer und okzidentaler Kultur“. Die Auszeichnung ist mit 3.000 Euro dotiert und wird am 11. November verliehen. / WDR
Der Else-Lasker-Schüler-Dramatikerpreis, der vom Pfalztheater Kaiserslautern im Auftrag der Stiftung Rheinland-Pfalz für Kultur vergeben wird und mit 10.000 Euro dotiert ist, geht – nach Götz, Schleef, Handke, Pollesch & Co. – in diesem Jahr an Sibylle Berg für ihr Gesamtwerk:
Bergs genaue Diagnosen eines verhinderten Lebens gingen meist ins Boshafte und Schrille über, doch begleite sie ihre Figuren immer auch mit Sympathie und stiller Sehnsucht, hieß es in der … Begründung der Jury. Die Preisverleihung findet am 27. November 2016 im Pfalztheater Kaiserslautern statt. / SWR
Vom 21. bis 26. Mai fand an verschiedenen Orten in der Westbank und in Israel das Palestine Festival of Literature statt. Mit dabei war Jehan Bseiso, eine junge palästinensische Dichterin. Nach zwei Anthologien und Online-Publikationen auf „Electronic Intifada“ und „The Palestine Chronicle“ arbeitet sie derzeit an einer Gedichtsammlung. Mit ihr sprach Ylenia Gostoli bei qantara.de.
Welchen Teil des Festivals fanden Sie am inspirierendsten?
Jehan Bseiso: Ich war an der Bethlehem University und las dort in einer Veranstaltung mit Remi Kanazi, Nathalie Handal und Basima Takrori ein paar meiner Gedichte vor einem Saal voller Studenten. Ich habe in Kairo und im Libanon gelesen, aber das war jetzt das erste Mal, dass ich meine Gedichte über Palästina in Palästina gelesen habe. Es war eine ganz besondere Erfahrung. Das Auditorium war brechend voll und man spürte eine starke Energie. Ich glaube, die Studenten konnten sich auf die Texte und meinen Umgang mit der Sprache gut einlassen; ich schreibe auf Englisch, verwende aber viele arabische Wörter. Ich glaube, diese Sprachmischung hat die Studenten fasziniert. Ich habe mehrere Texte gelesen, darunter „Brainstorming Nakba“, eines der ersten Gedichte, die von mir gedruckt wurden. Es geht darin um verschiedene Aspekte, die das Heranwachsen als Palästinenser außerhalb Palästinas mit sich bringt.
„Wir sind Bastardkinder von Bindestrichen und Ergänzungen und Sätzen, die beginnen mit ‚Ursprünglich stamme ich aus‘ …“, heißt es in einem der Gedichte, die Sie vorgetragen haben. Welche Rolle spielen die Schriftsteller und Künstler aus der Diaspora im Freiheitskampf der Palästinenser?
Bseiso: Über sechs Millionen Palästinenser leben in der Diaspora, und wir spielen eine wichtige Rolle, die immer mehr an Bedeutung gewinnt, indem wir uns für Veränderungen einsetzen, Ungerechtigkeit anprangern, und uns, auch wenn es schmerzt, aus der Ferne zu Wort melden – sei es im Bereich der Kunst, der Politik oder im Geschäftsleben. Die Entscheidung ist ganz einfach: Wir können die Diaspora entweder als eine Art Vergessen betrachten und uns fügen, oder sie über Grenzen und Kontinente hinweg in einen sinnvollen Akt des Widerstands verwandeln.
Heute vor 90 Jahren wurde Ingeborg Bachmann geboren. In der Tagespost schreibt Gudrun Trausmuth u.a. über die neue Gesamtausgabe:
Ja, Ingeborg Bachmann rührt an den Nerv unserer Zeit, so dass der Start der auf 30 Bände angelegten Gesamtausgabe ihres Werkes im November dieses Jahres nicht nur dem 90. Geburtstag der Dichterin geschuldet ist, sondern wie ein gültiges, zum Teil fast prophetisches Sprechen erscheint, das vielleicht erst heute seine Adressaten zu erreichen vermag. Die Sensation besteht nicht nur darin, dass die vom Salzburger Germanisten Hans Höller edierte Gesamtausgabe bis dato gesperrte Teile des Nachlasses publizieren wird, sondern dass sie als Zusammenarbeit der Verlage Piper und Suhrkamp geplant ist: Fast alle Bücher der 1926 geborenen Ingeborg Bachmann erschienen im Piper Verlag, mit dem sie aber 1967 brach. „Malina“, ihr großer Roman, erschien dann 1971 im Suhrkamp-Verlag.
Sowas ist ohnehin zeitlos, sprich aktuell / von heute:
„Es kommen härtere Tage./ Die auf Widerruf gestundete Zeit/ wird sichtbar am Horizont. Bald mußt du den Schuh schnüren/und die Hunde zurückjagen in die Marschöfe./ Denn die Eingeweide der Fische sind kalt geworden im Wind./ Ärmlich brennt das Licht der Lupinen./ Dein Blick spurt im Nebel: die auf Widerruf gestundete Zeit wird sichtbar am Horizont.“
Echt les- und hörbar dagegen von Thomas Bernhard: „Erinnerung an die tote Mutter“ in der Frankfurter Anthologie (Kommentar von Jan Wilm)
Ein unveröffentlichtes Gedicht von Bertolt Brecht aus dem Kriegssommer 1918 im Spiegel #26 (nur für Abonnenten)
As I write, it’s approaching 6am and JK Rowling has tweeted that Cameron’s legacy will be the breaking of two unions. His unleashed genie has indeed given us our country back – torn in two like a bad poem. / Carol Ann Duffy (schottische Lyrikerin und britische Poet Laureate), The Guardian
Worldwide Reading Appeal / Aufruf zur weltweiten Lesung
Dear Ladies and Gentlemen,
The ilb is organizing a Worldwide Reading against Populism on September 7th. I think after the Brexit this is more useful than ever. We would be grateful if you participated. In this case please write us at: worldwidereading@literaturfestival.com
Below you can find the appeal and a signatory list of authors, who have signed the appeal so far.
Democracy without Populism
The international literature festival Berlin (ilb) calls on all individuals, institutions and media outlets that care about democracy to participate in a worldwide reading of selected texts for Democracy and against Populism, on 7 September 2016.
Populism describes a political position that aligns itself with the prevailing emotions, prejudices and fears of a population, and uses these to define an agenda promising simple and quick solutions to all problems.
Some argue that populism is part of the inherent logic of politics, that it is present in some measure in all society, and can be a force for good. That may be, but history shows that populist feeling can quickly be manipulated by unscrupulous leaders, on the left and right wing, to ugly ends.
Now, in many countries across the globe, in long established and newer democracies, populist sentiment is being stoked and exploited by demagogues such as Donald Trump in the US, Marine Le Pen in France, Geert Wilders in The Netherlands, Recep Tayyip Erdoğan in Turkey, Nigel Farage in Britain, Viktor Orbán in Hungary, Jacob Zuma in South Africa, Frauke Petry in Germany, Vladimir Putin in Russia, Narendra Modi in India – to name but a few.
These rabble-rousers brazenly lie to the public, pledging fantasy policies, scapegoating minorities, trumpeting national superiority. Their inflammatory rhetoric distorts and devalues language, while their propaganda debases the public sphere as racist, sexist and nationalistic attitudes become mainstream. This firebrand approach threatens democracy, which depends on deep discussion not shallow sound bites.
Populism thrives on binaries: it’s always us against them.
Populism narrows the definition of “the people”, excluding immigrants, refugees, religious groups, indeed all minorities.
Populism despises pluralism – never admitting that the opposite of pluralism is totalitarianism.
With this worldwide reading, we express an urgent need for a better understanding of democracy, and for more critical yet humane political thinking, in our societies.
We call on every individual to be more skeptical about the easy answers and quick fix “solutions” of demagogues. We ask simply that you stop and think.
We call on the media, on journalists and editors, to refrain from sensationalist reporting and instead to frame the news in a more responsible way, not just uncritically disseminate the dangerous views and toxic speech of Populists.
We call on respectable political parties to resist the temptation to follow in the footsteps of demagogues and thus shift the entire political spectrum towards extremes. We ask for a truthful, more compassionate and creative approach to politics, and more direct engagement with citizens.
We call on governments to recognize the legitimate concerns of citizens who, discontented with
Globalization in its current neo-liberal form, long for an alternative. We ask for earnest commitment to dealing with the growing inequality that is the underlying cause of much unrest in today’s world.
In the near future all texts for the readings will be available in various languages on the website.
.
Neueste Kommentare