Paul Wühr †

„Die Poesie“, so schrieb Friedrich Schlegel 1797 in seinen „Kritischen Fragmenten“, „ist eine republikanische Rede, eine Rede, die ihr eignes Gesetz und ihr eigner Zweck ist, wo alle Teile freie Bürger sind und mitstimmen dürfen.“ Genau 200 Jahre später hat Paul Wühr, der große Münchner Dichter vom Trasimenischen See in Umbrien, seinen 660 Gedichte umfassenden Band „Salve res publica poetica“ publiziert. Er hat uns den schamhaft vergessenen Begriff der Poesie zurückerobert und Gedichte als freie Bürger ästhetischer „Konfigurationen“ und politischer Koalitionen in einen großen Kontext republikanischer Rede gestellt.

Gemeinsam oder einander widersprechend, in Sonanz und Dissonanz, bilden die Poeme ihre poetische Republik. Das war, erschienen zum 70. Geburtstag, der erste von drei monumentalen poetischen Zyklen. Ihm folgten im Jahr 2000 „Venus im Pudel“ und dann zum 80. Geburtstag des Dichters der Band „Dame Gott“ als ein häretischer Glücksgesang, in dem alle polymorphen Gendervalenzen des Wühr’schen Werks zu ihrer auf schönste Weise falschen hierarchischen Ordnung finden, – und zur Lust, die gelesen werden kann.

Die auf Schlegel fußende Gleichsetzung von Dichtung und Rede verweist, wenn wir ihr folgen wollen, nicht nur auf den Band „Rede. Ein Gedicht“ von 1979, sie gilt selbstverständlich auch für die energischen „Ansprachen“ oder Anreden des ersten Gedichtbandes „Grüß Gott ihr Mütter ihr Väter ihr Töchter ihr Söhne“ aus dem Jahr 1976.

(…) Jetzt ist der große Poet auf dem umbrischen Berg zwei Tage nach seinem 89. Geburtstag, also am 12. Juli, in Passingnano sul Trasimeno gestorben.

(…)

Jetzt, da der Freund die letzte Absperrung überschritten hat, werde ich auch sein riesiges Lebenswerktagebuch „Der faule Strick“ von 1987 wieder lesen. In ihm steht der schöne Satz „Wir müssen die ursprüngliche Unordnung wiederherstellen.“ / Herbert Wiesner, Die Welt

In L&Poe

Formel und Metapher

Aus einem Interview zur Verleihung des Clemens-Brentano-Preises an Thilo Krause, durchgeführt von Katharina Grünke

Das Gedichteschreiben ist nun nicht Ihre Hauptbeschäftigung, sondern eigentlich sind Sie ausgebildeter Wirtschaftsingenieur und augenscheinlich ebenfalls mit Leidenschaft in diesem Bereich aktiv, da Sie ja in der aktuellen Forschung arbeiten. Wie passt dies zusammen: Heißt das, Sie haben mal mehr Zeit für Lyrik und mal gar keine? Können/müssen Sie in Ihrem anderen Beruf pausieren bisweilen, bzw. wie wurde Ihr Schreiben professioneller, haben Sie von Anfang an auch veröffentlicht?

Von der Literatur können nur wenige leben, von der Lyrik niemand. Gottfried Benn war Arzt. William Carlos Williams ebenfalls. Tomas Tranströmer war Psychologe. Wallace Stevens bei einer Versicherungsgesellschaft und Johannes Bobrowski Lektor. (Das sind die ersten, die mir in den Sinn kommen.) Die Literatur begleitet mich schon sehr lange. Ich habe geschrieben, als ich in der Schule war und als ich Zivildienst geleistet habe. Auch während Studium und Doktorat hat mich das Schreiben nie losgelassen. Dafür bin ich sehr dankbar. Dass ich auch noch einen anderen Beruf habe, ist für einen Lyriker nicht erstaunlich. So bin ich vielleicht zweimal Forscher, in der Wissenschaft und mit den Wörtern. In beiden Disziplinen schafft man in gewissem Sinne Ordnung, man verdichtet die Welt, macht sich einen Reim auf die Dinge. Es gibt eine großartige Rede von Peter von Matt, in der er die Ähnlichkeit von Formel und Metapher, von Erzählung und Modell darstellt und damit die Ähnlichkeit von Geistes- und Naturwissenschaften aufzeigt.

Ganz praktisch versuche ich jeden Tag zu schreiben oder mindestens zu lesen. Manchmal steige ich eine Haltestelle eher aus, um im Gehen noch nachzudenken oder ich habe auf dem Weg von einem Termin zum nächsten das Notizbuch in der Hand. An diese Parallelität bin ich seit meiner Schul- und Studienzeit gewöhnt.

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Einfach furchtbar

Dada ist und war schon immer das Produkt seiner eigenen Tradierung. Das gilt auch für Balls «Eröffnungs-Manifest», das diese Bezeichnung erst seit 1966 trägt – es erhielt sie also knapp vierzig Jahre nach dem Tod des Autors und fünfzig Jahre nach der Genese von Dada, als im Jubiläumseifer ein Bedarf an Gründungsdokumenten wach wurde.

(…)

Die Probleme beginnen bei offensichtlichen Versehen, die aber nicht nachkorrigiert wurden. So heisst es im Originaltext über die Dada-Vokabel: «Ein internationales Wort. Sehr leicht zu verstehen. Es ist ganz furchtbar einfach.» In der Abschrift geht aus dem letzten Satz durch eine simple Wortvertauschung jedoch eine Sinnentstellung hervor: «Es ist einfach furchtbar.» Durch eine Unachtsamkeit beim Abtippen entsteht eine völlig konträre Bedeutung, die vielleicht Balls Unbehagen an Dada besser zum Ausdruck bringen mag, jedoch alles andere als Texttreue beweist. / Magnus Wieland, Neue Zürcher Zeitung

Mit der Schreibmaschine (falsch) abtippen und fotokopieren, fertig ist das Gründungsdokument. Sieht echt aus, oder?
Mit der Schreibmaschine (falsch) abtippen und fotokopieren, fertig ist das Gründungsdokument. Sieht echt aus, oder? (Aus: DADA total, Reclam 1994)

Vergnügen an Parodien

Oder um mit einem Vers zu fragen: «Und in der Tat, warum sollte jemand das lesen?» Allein der Sprache wegen! Weil hier jemand, im Wortsinn, Verse schmiedet. Weil hier im Reim zusammengezwungen wird, was nie und nimmer sonst zusammenkommt. Und weil hier auseinanderbricht, was man sich getrennt sonst nicht denken würde.

Für die Mühsal, die diese Lektüre, es sei nicht verschwiegen, kostet, entschädigt am Ende allein der ingeniöse Sprachwitz Ann Cottens. Wenn sie etwa «Klang» auf «Bumerang» reimt, dann ist das nicht nur lustig: Es fasst ins genaue Wort, was die hochkomplexe Reimstruktur der Spenser-Strophe macht: Alles kehrt immer wieder zurück. Jeder Klang schlägt den Leser zwei, drei, vier Verse später wieder als Bumerang vor den Kopf. Das bereitet ein köstliches Vergnügen, wie es nur die boshaften Parodien können. / Roman Bucheli, Neue Zürcher Zeitung

Ann Cotten: Verbannt! Versepos. Suhrkamp-Verlag, Berlin 2016. 168 S., Fr. 23.90.

1929 in Warschau

«Ich bin nach Warschau gekommen», sagte der Schielende, «und will, dass du für mich einen Empfang organisierst. Du bist doch Melech Ravitch.» Das war im Januar des Jahres 1929. In Warschau lebten dreihunderttausend Juden, die elf jiddische Tageszeitungen lasen. Jüdische Schriftsteller gab es hier wie Sand am Meer. Unter ihnen waren auch Israel J. Singer und sein Bruder Isaac Bashevis. Trotzdem stand Ravitch auf und begrüsste den jungen Mann: «Du bist Manger», sagte er. «Ich werde den Empfang organisieren unter der Bedingung, dass du hier nicht die Moskauer Stückchen von Jessenin und Majakowski aufführst.»

Im Januar 1929 hatte Itzik Manger zwar noch keinen seiner Gedichtbände veröffentlicht, aber sein Ruf als genialer, volksnaher Lyriker und hinreissender Exeget der modernen jüdischen Literatur war ihm von Rumänien nach Polen vorausgeeilt. Bekannt war ausserdem, dass Manger persönlich schwierig war. Wenn er trank, wurde er ausfällig.

Es spricht für Ravitch, dass er seine Warnung in einen literarischen Vergleich packte, der Manger schmeicheln musste: Jessenin und Majakowski galten als die bedeutendsten russischen Dichter der Gegenwart. Doch Jessenin, so masslos dem Alkohol zugetan wie den Frauen, war schon seit vier Jahren tot. Im Rausch hatte er sich in einem St. Petersburger Hotel die Pulsadern aufgeschnitten, mit dem Blut ein Gedicht geschrieben und sich anschliessend erhängt. Er war dreissig Jahre alt. Manger war jetzt achtundzwanzig. Der Futurist Majakowski, der die Volksnähe seines Freundes Jessenin als konservativ gerügt hatte, schoss sich 1930 ins Herz. Aus Liebe, hiess es, aber wohl doch eher, weil ihm in Stalins Reich die Flügel gestutzt werden sollten. In Warschau begann die Lage der Juden 1929 heikel zu werden, und was man jetzt überhaupt nicht brauchen konnte, meinte Ravitch, waren Krawallmacher. / Susanne Klingenstein, Neue Zürcher Zeitung

Efrat Gal-Ed: Niemandssprache. Itzik Manger – ein europäischer Dichter. Suhrkamp-Verlag, Frankfurt am Main 2016. 784 S., Fr. 58.90.

Lyrik-Theater

Das Lyrik-Theater der Georg-Kerschensteiner-Schule ist keine ganz gewöhnliche Theater-AG: Die Schüler verschiedener beruflicher Ausbildungsgänge, des Sozialwissenschaftlichen und des Technischen Gymnasiums schreiben das Stück, das sie später auf die Bühne bringen, komplett selbst. Fast jeder aus der Gruppe habe eine Szene beigesteuert, berichten die Schüler, Stück für Stück sei so die Handlung gewachsen. Eine weitere Eigenheit sind die Gedichte, die im Laufe des Stücks rezitiert werden: von Eichendorff über Brecht bis hin zu einem afghanischen Liebesgedicht, eher gesungen als gesprochen.

Georg Stenger, einem der beiden Betreuer der AG, ist es wichtig, bei den Schülern die Liebe zur Lyrik zu wecken. / Beatrice Ehrlich, Badische Zeitung 12.7. 

Schule in L&Poe

Dichten 2020

Vor zwei Jahren organisierte die Kunststiftung NRW zusammen mit dem LCB eine Autorentagung unter dem Titel „Schreiben 2020“ im ehemaligen Kloster Gehrden im Höxter Land. Schon damals keimten Pläne, die Zusammenarbeit fortzusetzen und ein weiteres Treffen, dieses Mal mit Lyrikern, gemeinsam zu organisieren. Wieder sind wir in einem Kloster zu Gast, dieses Mal aber in einem, das noch als solches betrieben wird. Im Kloster Steinfeld in der Eifel treffen sich nun vom 13. bis 15. Juli 15 Dichterinnen und Dichter zum Lyrikertreffen „Dichten 2020“. In ruhiger Atmosphäre soll über die eigene Dichtung und über die Gedichte der Kollegen gesprochen werden. Dabei sind Nico Bleutge, Oswald Egger, Elke Erb, Norbert Hummelt, Barbara Köhler, Sina Klein, Jürgen Nendza, Marion Poschmann, Sabine Scho, Volker Sielaff, Ulf Stolterfoht, Julia Trompeter, Sonja vom Brocke, Christoph Wenzel und Judith Zander. Die Gesprächsleitung haben Hans Jürgen Balmes und Thomas Geiger. / LCB

Four Quartets

Schon von Zeitgenossen wurden die Vier Quartette als Rückschritt gegenüber der anarchischen Wucht des Waste Land betrachtet. Auch die Eliot-Übersetzerin Eva Hesse sprach von einem „Zurückfallen hinter die Errungenschaften der Moderne“; sie erkannte in den Quartetten eine Tendenz, alles Störende unter die „Gewalt“ eines „männlichen Logos“ zu zwingen. Als Beweis gilt ihr der Vers „The poetry does not matter“, der in ihrer Version lautet: „Auf die Poesie kommt’s nicht an.“

„Dass die Eva Hesse das als Offenbarungseid gelesen hat, daraus spricht doch eine gewisse Humorlosigkeit und ein erstaunlich undialektisches Lesen an dieser Stelle, denn wenn Eliot sagt: ‚The poetry does not matter’, macht es doch einen großen Unterschied, ob er das in einem Essay sagt oder in einem Gedicht. In einem Gedicht kann das ja gar nicht stimmen. Es ist sicherlich eine Verabschiedung von l’art pour l’art – das kann man schon so sehen. Aber das, worauf Eliot seit langem schon hinsteuerte, also auch in The Waste Land, das war ja schon ein Schritt in einer Art spiritueller Bewegung, einer Art Erkundung dessen, was ist da an religiöser Überlieferung: Woran kann ich mich halten? Es geht ihm schon um etwas, was im Gedicht aufscheinen kann. Und dass er nun, um sich an dieses Etwas heranzuarbeiten, eben das Gedicht wählt. Das zeigt natürlich schon, dass es auf die Poesie, auf die Dichtung sehr stark ankommt. [Nur,] ich habe dann übersetzt: ‚Was poetisch ist, tut nichts zur Sache.’ Das ist vielleicht ein bisschen frei, andererseits ein bisschen genauer an meinem Verständnis dessen, was Eliot bewegt, so einen natürlich als provokant zu verstehenden Satz zu sagen, eben: Leute, hört doch mal – was ist da gesagt, worauf weist die Dichtung? Dichtung eben nicht als eine rein selbstbezügliche Angelegenheit.“ / Dorothea Dieckmann, DLF

T.S. Eliot: „Vier Quartette / Four Quartets“, aus dem Englischen von Norbert Hummelt, Suhrkamp Verlag, 93 Seiten, 19.95 Euro

Mundart kann alles

Der Berner Autor und Spoken-Word-Performer Guy Krneta hat Kurt Marti in seiner Schulzeit kennen gelernt und besucht den Dichter, der im Januar 95 Jahre alt wurde, seit Jahren regelmässig. Im Hörbuch «Rosa Loui» – eine Liveaufnahme eines im September 2014 in Bern aufgeführten Programms – rezitiert Krneta zwanzig Texte von Kurt Marti und «variiert» sie, schreibt sie fort, formt sie um zu etwasNeuem.

Er tue das «auf hinreissende Weise, mit Liebe und Empathie, Furor und Understatement», urteilte die «NZZ am Sonntag». Was die gesamte Spoken-Word-Szene, zu der teilweise auch Halters frühere Auftritte und Alben als Kutti MC gezählt werden können, Kurt Marti verdankt, hat Guy Krneta aus Anlass von Martis 95. Geburtstag in der «Berner Zeitung» in Erinnerung gerufen. Mundart könne alles ausdrücken, hielt Marti schon 1964 fest, auch Fremdwörter sollten nicht tabu sein, und es sei an der Zeit, auch in der Mundartdichtung literarische Techniken wie Expressionismus, Dadaismus, Surrealismus und konkrete Poesie anzuwenden. Damit habe Kurt Marti, so Krneta, der Literatur «viele Türen aufgemacht». / Helmut Dworschak, Landbote

Förderpreise

Die Lyrikerin Ivette Vivien Kunkel (Jahrgang 1979) und der Lyriker Arnold Maxwill (Jahrgang 1984) erhalten 2016 den Förderpreis der Stadt Dortmund für junge Künstlerinnen und Künstler in der Sparte Literatur.

Der Preis wird seit dem Jahr 1978 im biennalen Rhythmus in wechselnden Kunstsparten verliehen und ist mit 7500 Euro dotiert. Die Jury unter dem Vorsitz von Bürgermeisterin Birgit Jörder entschied in ihrer Sitzung am Mittwoch, 6. Juli 2016, den Preis zwischen beiden Schriftstellern aufzuteilen. Verliehen wird er am Sonntag, 11. Dezember 2016, 11 Uhr im Rathaus.

Zur Jury gehörten die Schriftsteller Jörg Albrecht und Bettina Gundermann – beide ebenfalls ehemalige Förderpreisträger der Stadt – sowie Prof. Dr. Walter Grünzweig (Professor für amerikanische Literatur und Kultur an der TU Dortmund) und Schriftsteller Ralf Thenior, außerdem als Ratsvertreter Brigitte Thiel, Barbara Brunsing und Dr. Jürgen Eigenbrod. Der Jury lagen 15 Bewerbungen für den Förderpreis vor.

In der Begründung der Jury heißt es zu Ivette Vivien Kunkel:

„Mit ,beizeiten’ hat Ivette Vivien Kunkel einen Gedichtband vorgelegt, der schmal an Seiten ist und umso reicher an Poesie. Die Mittel, die sie nutzt, kommen leicht daher, verschieben das Alltägliche manchmal nur um ein Mü – und schon ist es anschaulich und komplex zugleich. Für diese Lyrik, die präzise, mit feinem Ohr für den Fluss der Sprache arbeitet, erhält Ivette Vivien Kunkel den Förderpreis.“

Ivette Vivien Kunkels Lyrikband „beizeiten“ wurde 2015 im vorsatzverlag veröffentlicht. Sie gewann bereits mehrere Literaturpreise, darunter 2004 den Dortmunder LesArt-Preis für junge Autoren. Sie war Stipendiatin des 13. Klagenfurter Literaturkurses bei den Tagen der deutschsprachigen Literatur und Stadtschreiberin der Stadt Otterndorf. Seit 2014 ist sie freie Mitarbeiterin im literaturhaus.dortmund.

Die Begründung zu Arnold Maxwill:

„In seinen Gedichtzyklen zeigt sich Arnold Maxwill als ein Wanderer durch das Ruhrgebiet, der mit genauem Blick und großer Liebe zum Detail Landschaften zum Leben erweckt. Es sind dies nicht die ,schönen Gegenden’, denen seine Aufmerksamkeit gilt, sondern die trostlosen, vergessenen Orte, die Randbezirke, Ruderalflächen und terrains vagues. Mit der Genauigkeit seiner Schilderungen wird der Autor zum Schöpfer einer poetischen Heimatkunde.“

Arnold Maxwill studierte Philosophie, Germanistik und Kunstgeschichte in Wien und Münster. Er arbeitet als Lektor, Lyriker und Literaturwissenschaftler in Dortmund. Er veröffentlichte seine Gedichte in mehreren Gedichtbänden und war mehrfach Finalist beim internationalen Lyrik-Wettbewerb „Open Mike“ der Literaturwerkstatt Berlin. / Stadt Dortmund

Digest 27.-30.6.

In Hausach

„Ich bin beseelt von dem heutigen Nachmittag“, schwärmte dann auch José F. A. Oliver als Macher des Leselenzes. Das Publikum sei Zeuge „von Literatur der Welt und Weltliteratur“ geworden. Mit beeindruckender und junger deutscher Lyrik ging der sehr schöne Poetik-Marathon auf die Zielgerade. (…)

„Ich beginne mit der Theorie des Waldes, die ich erstmals den Praktikern im Schwarzwald vorstelle“, eröffnete Tim Holland seine Lesung. Leicht und ohne Schnörkel las er: „Vollwertiger Wald ist umbaumter Raum; wer am Fluss sitzt sollte mit Steinen werfen; Wasser gibt es wie Sand am Meer; vor lauter Lichtung sieht man den Wald nicht mehr.“

Die tiefgreifende Erkenntnis: „Der Maulwurf sieht nur mit den Händen gut – das wiesentliche ist für den Maulwurf unsichtbar“ amüsierte das Publikum. Für die abschließende Erkenntnis: „Wald ist die neue Weltordnung“ gab es viel Applaus.

Der glänzende Schlusspunkt dieses Leseblocks im tagfüllenden Format „Vom poetischen Wort“ oblag Dagmara Kraus, deren Texte durch ihren Leserhythmus einen besonderen Klang bekamen. / Christine Störr, Schwarzwälder Bote

Umtriebe in Zürich

Die Frankfurter Rundschau meldet, daß ein Redakteur der „Neuen Zürcher Zeitung“ vor 65 Jahren über die Veranstaltung mit drei DDR-Dichtern im Lokal „Zur Eintracht“ berichtete – nicht für seine Zeitung, sondern für den Nachrichtendienst der Züricher Stadtpolizei, der ihn wiederum an die Schweizerische Bundesanwaltschaft weiterleitete.

Der erste Eintrag in den Überwachungsakten der Bundesanwaltschaft über Johannes R. Becher etwa stammte bereits vom Dezember 1919. Das damalige Politische Department der Schweiz hatte einen Vermerk über den „kommunistisch eingestellten Schriftsteller“ verfasst.

Anlass war seine Erwähnung in einer Korrespondenz, die der Schweizerischen Gesandtschaft in Berlin vom preußischen Staatskommissär für öffentliche Ordnung zugegangen war. Bis 1935 entstanden dann noch weitere Berichte über Becher. Darin ging es etwa um zwei Gerichtsverfahren, die in Deutschland 1925 und 1927 gegen den Dichter „wegen Vorbereitung zum Hochverrat und wegen Veröffentlichung revolutionärer und gotteslästerlicher Schriften durchgeführt“ wurden, sowie um seine Mitgliedschaft im „Bund proletarisch-revolutionärer Schriftsteller“. 1947 wurde in den Akten vermerkt, dass sich Becher während der Nazizeit in Moskau aufgehalten habe und als „Vertrauensmann“ der Russen gelte.

Auch in Stephan Hermlin vermuteten die Behörden in Bern stets einen kommunistischen Umstürzler. Hermlin, der eigentlich Rudolf Leder hieß und aus einer jüdischen Familie stammte, hatte sich schon frühzeitig den Kommunisten angeschlossen. 1936 ging er ins Ausland, sieben Jahre später floh er in die Schweiz. Dort steckten ihn die Behörden bis Kriegsende ins Internierungslager bei Wallisellen.

Arnold Zweig hingegen, 1951 längst ein hochberühmter Schriftsteller („Der Streit um den Sergeanten Grischa“, „Erziehung vor Verdun“), war den im Berner Bundesarchiv überlieferten Akten zufolge für die Schweizer Staatsschützer ein weitgehend unbeschriebenes Blatt. Über den jüdischen Dichter und Pazifisten vermerkte die Züricher Stadtpolizei lediglich, er sei ein kommunistischer Schriftsteller, „welcher in der kryptokommunistischen Friedensbewegung eine maßgebende Rolle spielt“.

(…) Wie die Akten belegen, wurden die drei Schriftsteller während ihres Schweiz-Aufenthaltes bis ins Hotel hinein observiert, auch über ihre Gesprächspartner sind Vermerke gefertigt worden. Anfang Juli 1951 reisten die drei Autoren schließlich unbehelligt in die DDR zurück.

Becher kam danach bis zu seinem Tod 1958 nicht mehr in die Schweiz. Hermlin hingegen reiste öfter ein, auch zu Lesungen. Ab den 70er Jahren machte er zudem regelmäßig Urlaub mit der Familie im Sommerhaus von Verlegerfreund Klaus Wagenbach im Tessin. Jeder Aufenthalt Hermlins, das lässt sich im Bundesarchiv in Bern nachlesen, wurde vom Schweizer Staatsschutz sorgsam überwacht und in den Akten protokolliert.

Auch Arnold Zweig, dessen Sohn Adam in Zürich lebte, kehrte noch ein paar Mal zu Urlaubsaufenthalten in die Schweiz zurück. Den Akten zufolge soll sich der bereits schwerkranke Schriftsteller nach dem niedergeschlagenen Aufstand vom 17. Juni 1953 in der DDR sogar mit dem Gedanken einer Übersiedlung in die Schweiz getragen haben. Doch die eidgenössischen Behörden lehnten das ab – „aus Überfremdungsgründen“ und weil es sich bei Zweig um einen „bekannten linksgerichteten Schriftsteller“ handele. „Daran ändert auch die Tatsache nichts, dass Dr. Thomas Mann, Kilchberg, als Referenz angegeben wird“, heißt es in einem Vermerk der Züricher Stadtpolizei.

Ein Gedicht darf alles

Die Siebenbürgische Zeitung sprach mit Horst Samson:

Sind Sie ein politischer Dichter? Soll bzw. darf Poesie politisch sein?

Dichtung ist allein schon durch ihre Existenz und gesellschaftliche Präsenz ein Politikum. Ich bin in meinem Schreiben der Welt und mir zugewandt und reibe mich als Subjekt an den mich umgebenden, prägenden, inspirierenden auch provozierenden Zuständen und an der grundsätzlichen Verfasstheit unseres Lebens. Wenn wir der Vokabel Politik nicht Agitation, Propaganda, Reklame subsummieren, dann bin ich auch ein politischer Dichter. Prof. Johann Holzer aus Inns­bruck, der einen exzellenten Aufsatz über mein Buch „La Victoire. Ein Poem“ geschrieben hat, ein großes poetisches, aber auch ein dezidiert politisches Buch, bringt in diesem Zusammenhang unter anderem Heinrich Heines „Deutschland. Ein Wintermärchen“ ins Spiel. Das hat mich nicht nur gefreut, sondern auch stark bewegt. Die Bewunderung für den Meister des politischen Gedichtes versuchte ich ja nicht von ungefähr auch schon im Titel meines Buches anklingen zu lassen: „Ein Poem“. Zur Frage also, ob Poesie politisch sein dürfe, ein eindeutiges Ja. Warum auch nicht? Es sollte aber nicht plakativ, billig oder flach sein, etwa wie das von Günter Grass als Gedicht deklarierte agitatorische Pamphlet „Was gesagt werden muss“. Trotz des Agitprop aber bleibt gültig: Ein Gedicht darf alles, es ist frei, frei zu sein, wie es ist. Alles andere ist nachrangig.

Vietnam-amerikanische Schriftsteller gegen Marginalisierung

Linh Dinh, geboren 1963 in Saigon, kam mit 11 nach Philadelphia. Entfremdung und Gewalt waren seine ersten Erfahrungen in der neuen Heimat. Er berichtet über die Frustrationen beim Versuch, die oft ignorierten Stimmen aus Vietnam zu Gehör zu bringen. „Es gibt eine Faszination für den nordvietnamesischen Soldaten und eine komplette Ignoranz, wenn nicht Verachtung für den südvietnamesischen. Aber so ist das Schicksal des Verlierers.“ In der amerikanischen Kultur, in Filmen wie Apocalypse Now, Full Metal Jacket  und Platoon, kommen Vietnamesen nur als gesichtslose Nullen vor, die GIs durch den Dschungel jagen. / Southeast Asia Globe

Ich, Bertolt Brecht

… bisher kannte man drei Gedichte von Brecht, die mit diesen Worten beginnen. Nun wurde ein weiteres entdeckt und in der Akademiezeitschrift „Sinn und Form“ erstveröffentlicht: Es ist die Urform der später erschienenen Gedichte. Brecht schrieb es im Sommer 1918, im letzten Jahr des Ersten Weltkriegs, als er vom Kriegsdienst befreit war und angesichts des Elends in Europa seine Empörung ausdrücken wollte: „Von Kind an eher scheu als frech,/ich, der ich Wohlleben gewohnt war,/noch beinah nichts vom Leben litt/eh’r wie ein rohes Ei geschont war/beschwere ich mich dennoch hiermit.“ / Die Presse

Gestorben

Die irische Autorin Leland Bardwell starb im Alter von 94 Jahren. Sie veröffentlichte Romane, Gedichtbände, Theaterstücke und Kurzgeschichten. 1975 gründete sie mit Eiléan Ní Chuilleanáin, Pearse Hutchinson und Macdara Woods die Zeitschrift Cyphers. / Irish Times

Jandl in London

Er hatte das Publikum auf mitunter beängstigende Weise in der Hand. In der Royal Albert Hall in London hat Ernst Jandl am 11. Juni 1965 mit ein paar Beatpoeten den Saal gerockt und dabei selbst Allen Ginsberg die Show gestohlen. Jandl donnerte seine „ode an N“ durch den Saal, ein Gedicht, das den Namen Napoleon auseinandernimmt und wieder zusammensetzt, eine Art Kriegsgetrommel, auf das das Auditorium begeistert eingestiegen ist, ein Höhepunkt der Londoner „Wholly Communion“, bevor Jandl wieder dorthin zurückkehrte, wo er sein Geld verdiente. Als Lehrer für Englisch an ein Wiener Gymnasium. / Paul Jandl, Die Welt

Ernst Jandl, „Werke in sechs Bänden“ (herausgegeben von Klaus Siblewski. Luchterhand, 3712 S., 99 €)

Digest 22.-26.6.

Ich muß das Netz grobmaschiger machen, sonst komm ich nie nach. Heute 5 auf 1 Streich.

Kein Zweifel

Er heißt Zweifel, hat aber keinen. Emily Dickinson ist die überschätzteste Dichterin Amerikas. Die berühmteste, kargste, freudloseste sowie deprimierendste. Sie schrieb karge Gedichte, in denen sie eine leere, freudlose Welt beschreibt. Sie war der Proto-Emo. Ihre Fans sind meist weiblich. „Vielleicht, dachte ich früher, habe ich das falsche Geschlecht und kann deshalb diese empfindsame Weiblichkeit nicht schätzen. Oder ich bin zu jung – wer will mit 20 schon Gedichte über Entsagung und Todeserwartung lesen? Doch es hat sich nichts geändert. Ich ahne immer noch nichts, wenn ich ein Gedicht von Dickinson lese. Wahrscheinlich haben die melancholische Jungfer und ich das Heu einfach nicht auf derselben Bühne.“ Na und so weiter (Tagesanzeiger). Jetzt brauch ich ein Gedicht:

To make a prairie it takes a clover and one bee,
One clover, and a bee.
And revery.
The revery alone will do,
If bees are few.

Gunhild Kübler übersetzt:

Für eine Wiese braucht es Klee und Bienen,
Je eins von ihnen,
Und Träumerei.
Die Träumerei tut’s auch allein,
Bei wenig Bienen.

Über Gedichte und Politik darf halt jeder schwätzen wie ihm der Schnabel gewachsen ist.

Beat Brechbühl

Unermüdlich ist er auch mit 76. Beat Brechbühl gibt in seinem Waldgut-Verlag im Eisenwerk Frauenfeld handverlesene Bücher heraus: Lyrik und Prosa aus der Schweiz und aus fremden Ländern. Unterm selben Dach setzt er die Umschläge in Blei, von Hand also. Und druckt sie auf seiner Presse, ebenso von Hand. Denn Beat Brechbühl liebt und hegt die Schwarze Kunst. Kein Wunder – er hat Schriftsetzer gelernt, bevor er zu schreiben begann: erst Gedichte in «Spiele um Pan», den Roman um den Träumer und Querulanten «Kneuss», und später erfreute er die Kinderherzen mit den «Geschichten vom Schnüff». / Dieter Langhart, St. Galler Tagblatt

Martin Piekar

Früher, in den „Bastard“-Gedichten, da hat er seine Wut poetisiert: „Meine Gedichte waren unruhig, laut, brutal.“ Die neuen Gedichte, die Gedichte, die er für seinen bald erscheinenden zweiten Band vorbereitet, die seien anders: „Ich habe zuletzt sehr viel T. S. Eliot gelesen“, sagt er. Vielleicht habe das etwas abgefärbt. Doch über Vorbilder, über Idole zu sprechen, das fällt Piekar nicht leicht. Einerseits, weil es so viele Dichter gibt, die er liest und liebt. Andererseits: „Meine Gedichte entstehen dadurch, dass ich in dieser Gesellschaft verwurzelt bin. Sie können nur hier und jetzt entstehen.“ Und genau das, dieses Hier und dieses Jetzt, dieses Gegenwärtige, das trägt die Gedichte von Piekar. Sie sind dunkel und schwer, nachdenklich und nahbar. „Sie sind keine Gesellschaftskritik. Das ist mir zu billig. Sie sind Beobachtungen, zu allem möglichen.“ Piekar blickt auf die Welt und wirft seine Worte drüber. / Frankfurter Neue Presse

Vergesst es

Einer der künstlerischen Beiträge bestand darin, dass eine riesige Maschine genau den Tisch zerstörte, an dessen exaktem Abbild anschließend gelesen wurde. Die Botschaft: Vergesst es, die Lyrik als etwas anzusehen, das angeblich keiner versteht. Es geht nicht um die Präsentation prämierter Bücher, aus denen an einem Tisch mit Sprudel und Lampe, vorgelesen wird. Ihre Macher begreifen die „lyrischen Ichs“ insgesamt als Performance, in der auch das Publikum eine Rolle spielt, anstatt von der Bühne herab mit Dichterworten beschallt zu werden.

Die Lesung ist damit ein Ort des Austauschs, in disziplinärer und sozialer Hinsicht. Worte schaffen Räume – und umgekehrt. Nach der Veranstaltung bleibt das Publikum oft noch stundenlang da, um über Literatur zu quatschen. „Textwerkstätten“ setzen das im Wohnzimmer von Zapfs und Bayerstorfers Apartment in Neuhausen fort. „Wenn man sich ansonsten nur drei Mal im Jahr zu den lyrischen Ichs sieht, verläuft sich das“, sagt Zapf. Die Gastgeber schreiben und diskutieren auch selbst eifrig mit – wenn es sein muss bis um vier Uhr morgens, während die Ersten schon zwischen Stapeln von Zetteln schlafen. / Philipp Bovermann, Süddeutsche Zeitung

Prix Halaly

Das Kulturbüro der ägyptischen Botschaft in Paris übergab den zum vierten Mal verliehenen Halaly-Lyrikpreis an den kongolesischen Lyriker Huppert Malanda (Republik Kongo-Brazzaville). Der Preis ist mit 1.000 Euro dotiert und erinnert an den Stifter und Mäzen Fathy Abdelfattah Halaly, der im Januar diesen Jahres gestorben ist. / adiac-congo.com

 

Chicago

The most famous poem in Chicago’s history — Carl Sandburg’s appropriately named „Chicago“ and published in a book also appropriately named „Chicago Poems“ — celebrates a centennial anniversary this year. / dnainfo.com

Gedächtnis und Bewahrer

Er ist der wohl beste Kenner der deutschsprachigen Literatur der Bukowina, dem Grenzraum zwischen Mittel- und Südost- und Osteuropa, und hat für seine vielfältige geleistete Arbeit im September 2015 in Berlin den Georg-Dehio-Kulturpreis verliehen bekommen. In der Begründung der Preis-Jury hieß es: „Der Literaturprofessor Peter Rychlo wurde zum lebendigen Gedächtnis und Bewahrer der längst untergegangenen deutschsprachigen Literaturlandschaft Bukowina, indem er das Interesse und die Erinnerung an die deutsche und deutsch-jüdische Literatur seiner Wirkungsstätte wach hielt und innovativ in eine moderne und multikulturelle Ukraine überführte.“ / Badische Zeitung

Der Bad Krozinger Kreis und die West-Ost-Gesellschaft Südbaden laden für kommenden Sonntag, 10. Juli, 10.15 Uhr, zu einem Vortrag von Peter Rychlo unter dem Titel „Der leise, der deutsche, der schmerzliche Reim – deutschjüdische Lyrik“ ins Josefshaus, Basler Straße 1 in Bad Krozingen, ein.