Gegen die Hochtrabenden

Von dem griechischen Dichter Anakreon (um 530 v.u.Z.) sind fast nur Fragmente geblieben, mit denen er gleichwohl berühmt wurde. Früher hat man Fragmente (wie auch Sapphos) gern mehr oder weniger frei ergänzt oder umgedichtet, wie offensichtlich im folgenden, übersetzt von einem deutschen Lehrer nicht aus dem Griechischen, sondern aus dem Französischen. Aus zwei einfachen Sätzen werden bei ihm zwei schwer verständliche („emphatische“, hochtrabende) Strophen. Leider konnte ich das Original in den konsultierten deutschen und englischen Ausgaben nicht auffinden. Vielleicht kann jemand helfen?

9.

Hassen muß ich und verachten,
Die hochtrabend immer reden,
Ohne daß sie g'rade dachten:
Denn dies lassen sie den Blöden.

Ja, das Schweigen zu beachten,
Ist die schönste Eigenschaft:
Dadurch haben Reden Kraft:
Denn sie werden zu bedachten.

Aus: Les Odes d’Anacréon. Die Oden des Anakreon. Französisch und deutsch. Übersetzt von Wilhelm Jaeger, Lehrer der französischen Sprache und Literatur. Berlin: E. Litfaß, 1848, S. 167

Je hais et je déteste ceux qui parlent d'un ton élevé, emphatique. Savoir garder le silence, voilà la plus belle qualité.

Aus: Ebd. S. 166. Jaegers Quelle war vermutlich: Anacréon. Fragmens. Traduction par Ernest Falconnet. Les Petits poèmes grecs, Texte établi par Ernest Falconnet, Louis-Aimé Martin, Desrez, 1838 (p. 252-253).

Übersetzt von Deepl:

Ich hasse und verabscheue diejenigen, die in einem hohen, nachdrücklichen Ton sprechen. Zu wissen, wie man schweigt, ist die beste Eigenschaft.

Leer

Reinhard Goering

(* 23.6.1887 Schloß Bieberstein bei Fulda, † Anfang (14. ?) Oktober 1936 Flur Bucha bei Jena, aufgefunden am 4. November)

So kann ich sitzen und die Stunden fragen,
Was bringt ihr mir so trüber – trübster Fracht?
Und meine Stunden werden so zu Tagen,
Und alle meine Tage so zu Nacht.

Soll ich dem jungen Leben denn entsagen?
Wofür? Warum denn ist's in mir entfacht?
Ich bin ja willens, alles zu ertragen,
Was mir das Leben nur erträglich macht.

Ich sitze müde brütend, und ich winde
Vergeblich mich, vergeblich hin und her
Wie schon so viele andere und finde.

Was alle anderen fanden und nicht mehr:
Daß dieses Lebens bittres Angebinde
Mir leer verfließt und ach, so schmerzlich leer.

Aus: Reines Ebenmaß der Gegensätze. deutscher Sonette. Berlin: Rütten & Loening, 1977, S. 181

Brunkes Lieblingsgedicht

Thomas Brasch 

(* 19. Februar 1945 in Westow, North Yorkshire; † 3. November 2001 in Berlin) 

BRUNKES LIEBLINGSGEDICHT

ist sehr kurz. Es handelt 
von einer Frau mit blutigen Händen. Die steht 
auf dem Flur einer Schule. Neben ihr Brunke 
tot, in der Hand seinen Füllfederhalter. Das Motiv 
der Mörderin verschweigt das Gedicht. Dafür ist es aber 
gereimt und klingt wie eine geheime schöne Melodie. 
Sein Titel heißt Vergißmichnie.

Aus: Thomas Brasch »Die nennen das Schrei« Gesammelte Gedichte. Hrsg. Martina Hanf u. Kristin Schulz. Berlin: Suhrkamp, 2013, S. 371

Bis auf einen indischen Berg aufgrundseiner Purpurfarbe

Georges Schéhadé (* 2. November 1905 in Alexandria; † 17. Januar 1989 in Paris)

Ein libanesischer Dichter, der in einer christlichen Familie in Ägypten geboren wurde, auf Französisch schrieb und in Paris starb.

Bis auf einen indischen Berg
aufgrund seiner Purpurfarbe

Bis auf einen indischen Berg aufgrund
     seiner Purpurfarbe
Und diesen Bronzegeruch den manchmal
     die Pferde haben
Lassen die welken Blätter uns kalt
Es gibt Traurigkeiten die nicht
     die unsrigen sind
Nur mein Herz ist mein Kind
Um zu berühren was wir geliebt
Werden wir ins Haus einer ländlichen Gegend
       gehen
Und der Engel einer Mauer wird
     unser Vorfahr sein

Aus Les Poésies, 1952
Übers. Heribert Becker

Aus: Das surrealistische Gedicht. Zweitausendeins / Museum Bochum, 2001 (3., korr. u. erweit. Aufl.), S. 1202

Ilse Aichinger 100

Ilse Aichinger 

(* 1. November 1921 in Wien; † 11. November 2016 ebenda)

Winterantwort

Die Welt ist aus dem Stoff,
der Betrachtung verlangt:
keine Augen mehr,
um die weißen Wiesen zu sehen,
keine Ohren, um im Geäst
das Schwirren der Vögel zu hören.
Großmutter, wo sind deine Lippen hin,
um die Gräser zu schmecken,
und wer riecht uns den Himmel zu Ende,
wessen Wangen reiben sich heute
noch wund an den Mauern im Dorf?
Ist es nicht ein finsterer Wald,
in den wir gerieten?
Nein, Großmutter, er ist nicht finster,
ich weiß es, ich wohnte lang
bei den Kindern am Rande,
und es ist auch kein Wald.

Aus: Ilse Aichinger, Verschenkter Rat. Gedichte. Frankfurt/Main: Fischer Taschenbuchverlag, 1991, S. 14 (EA 1978)

Tiroler Elegie

Karel Havlíček Borovský

(* 31. Oktober 1821, heute vor 200 Jahren, in Borová bei Přibyslav; † 29. Juli 1856 Prag)

Das Gedicht zum Anlass ist aus dem Zyklus „Tiroler Elegien“, einem jüngeren Bruder von Heines „Deutschland. Ein Wintermärchen“. Die Reise war nicht freiwillig, er wurde verbannt wegen politischer Umtriebe.

Tiroler Elegien VI

Hin nach Iglau rolln die Räder,
gellt Trompetenschrei,
hinter uns, damit wir nichts verlieren,
reitet Polizei.

Ach, das Kirchlein von Borová
auf dem Hügel dort,
durch die Wipfel sah michs an so traurig:
„Kind, was treibt dich fort?

Weiß den Tag noch deiner Taufe,
wo die Wiege stand,
dem Vikar, dem alten, halfst du fleißig,
kleiner Ministrant.

Durch die Welt ziehn, mit der Fackel
einst dann kehren heim,
jungen Leutchen auf den Weg zu leuchten
mit der Flamme Schein.

Wie die Zeit vergeht, ich kenn dich
schon seit dreißig Jahren,
aber, Kind, welch finstre Ungeheuer
seh ich mit dir fahren?“ –

Deutsch von Walther Petri, aus: Die Sonnenuhr. Tschechische Lyrik aus 11 Jahrhunderten. Teil 1 und 2. Leipzig: Reclam, 1986, S. 161.

Tyrolské elegie 6

Trubka břeští, kola hrčí,
jedem k Jihlavi,
vzadu, abysme nic neztratili,
klušou žandarmi.

Ten borovský kostelíček
stojí na vršku,
skrze lesy smutně na mne hleděl:
„Jsi to, můj hošku?“

Pode mnou jest tvá kolíbka,
já tě viděl křtít,
starému vikáři ministrovat,
pilně se učit.

Táhnout světem na zkušenou,
pak s pochodní jít,
naší chase plamenem veselým
na cestu svítit.

Vidíš, jak ty roky plynou,
znám tě třicet let:
ale, chlapče! jaké to obludy
vidím s tebou jet?“ —

Die Schritte

Zum 150. Geburtstag von Paul Valéry

Paul Valéry 

(* 30. Oktober 1871 in Sète, Département Hérault; † 20. Juli 1945 in Paris)

Les pas

Tes pas, enfants de mon silence,
Saintement, lentement placés,
Vers le lit de ma vigilance
Procèdent muets et glacés.

Personne pure, ombre divine,
Qu'ils sont doux, tes pas retenus !
Dieux !... tous les dons que je devine
Viennent à moi sur ces pieds nus !

Si, de tes lèvres avancées,
Tu prépares pour l'apaiser,
A l'habitant de mes pensées
La nourriture d'un baiser,

Ne hâte pas cet acte tendre,
Douceur d'être et de n'être pas,
Car j'ai vécu de vous attendre,
Et mon coeur n'était que vos pas.
Die Schritte

Deine Schritte, als meines Schweigens
Kinder, arglos und langsam gesetzt,
nahn sie dem Bette, wo ich mich eigens
wachsam halte, und frieren jetzt.

Göttlicher Schatten, du reine, du gute,
o deiner Schritte verhaltener Gruß!
Was ich, ihr Götter, an Gaben vermute,
kommt jetzt zu mir auf entkleidetem Fuß!

Wenn deine Lippen vielleicht schon vom Weiten
jenem, der in mir sich bergen muß,
seine unendliche Stillung bereiten
endlich in dem nährenden Kuß,

eile mir nicht zum Vollzüge, dem zarten,
Süße, drin Sein und Nichtsein stritt,
denn ich lebte vom Dich-Erwarten,
und mein Herz war nichts als dein Schritt.

Deutsch von Rainer Maria Rilke, aus: Französische Lyrik von Baudelaire bis zur Gegenwart, zweisprachig. Hrsg. Kurt Schnelle. Leipzig: Reclam, 1967, S. 147

Prosaübersetzung von Eva-Maria Schulz-Jander

Deine Schritte, Kinder meines Schweigens, heilig, langsam gesetzt, bewegen sich stumm und eisig auf das Bett meines Wachens zu.

Reines Wesen, göttlicher Schatten, wie wohltuend sind deine verhaltenen Schritte! Götter!... alle Geschenke, die ich erahne, kommen zu mir auf diesen nackten Füßen!

Wenn, mit deinen zugespitzten Lippen, du dem Bewohner meiner Gedanken, um ihn zu beruhigen, die Nahrung eines Kusses vorbereitest, 

Übereile nicht diesen zarten Akt, Süße zu sein und nicht zu sein, denn ich lebte davon euch zu erwarten, und mein Herz war nichts als eure Schritte.

Aus: Poesie der Welt. Frankreich. Berlin: Edition Stichnote im Propyläen verlag / Ullstein. 1985, S. 272f

Wie soll man Verse sprechen?

Das ist, weiß Gott, ein heikles Thema! Alles was auf Dichtung Bezug hat, ist schwierig. Alle, die sich damit befassen, sind von ausgesuchter Reizsamkeit. Das unentwirrbare Verschränktsein dessen, was jeder einzelne fühlt, mit dem, was die Allgemeinheit fordert, gibt Gelegenheit zu unendlichen Mißverständnissen. Nichts ist natürlicher, als nicht zueinander zu finden; das Gegenteil würde in jedem Falle überraschen. Ich glaube, daß es nichts gibt, über das man zu einer Verständigung anders denn aus Versehen kommen könnte, und daß aller Einklang unter Menschen die glückhafte Frucht eines Irrtumes ist.

Paul Valéry: Über Kunst. Essays. Deutsch von Carlo Schmid. Frankfurt/Main: Suhrkamp, 1973, S. 26

Verwandlung

29. Oktober 1937: Nacht der ermordeten weißrussischen und jiddischen Dichter *

160 Repräsentanten der weißrussischen literarischen und wissenschaftlichen Elite werden vom NKWD erschossen, die meisten in der Nacht vom 29. zum 30. Oktober. Vorangegangen waren Listenerstellungen durch Stalin und die sowjetische Führung. Nach Stalins Tod wurden sie rehabilitiert. Die Angaben variieren bei einzelnen Autoren – der russische Wikipdiaartikel über einen dieser Erschossenen, Sjama Piwawarau, sagt, in der Nacht vom 28. zum 29.Oktober seien in Minsk 22 weißrussische und jüdische Schriftsteller Weißrußlands erschossen worden. Anscheinend war es tatsächlich die folgende Nacht. Unter den in dieser Nacht Erschossenen waren  der Literaturkritiker Jakau Branstein, der Schriftsteller Platon Halawatsch, die weißrussischen Dichter Ales Dudar, Todar Kljaschtorny, Jurka Ljawonny, Waleri Marakau (Маракоў), Sjargej Murso, Michas Tscharot und Sjama Piwawarau, der jiddische Schriftsteller Mosche Kulbak (Gedicht, Roman, Drama – anscheinend der einzige, der in Deutschland bekannt wurde) und die jiddischen Dichter Juli Taubin (יודל „יולי“ טאַוובין), Isi Charik, איזי כאַריק‏‎ und Aron Judelson; hinzu kommen zahlreiche Politiker, Wissenschaftler, Künstler usw. – offensichtlich der Versuch, die weißrussische Kultur und Identität auszurotten. Wann nehmen wir das zur Kenntnis? (Aus: Lyrikwiki) – Moische Kulbak sei „gestorben 1937“, sagt die deutsche Wikipedia immer noch, bitte mal ändern: Erschossen in der Nacht vom 29. zum 30. Oktober 1937 (Vergleiche dort die Fassungen in anderen Sprachen). **

*) Als Nacht der ermordeten Dichter wird die Nacht vom 12. zum 13. August 1952 bezeichnet (Wikipedia)

**) Bella Szwarcman-Czarnota: Z Wilna do Ziemi Izraela. Midrasz (Warsaw), October 2007. p. 48. The article makes clear that Moyshe Kulbak was arrested in September 1937 and executed one month later. Even so, in many encyclopedia articles (similarly to the case of Isaac Babel) 1940 is given as the date of his death. (Wikipedia engl.)

Mosche Kulbak

(Moische, Moyshe, jiddisch משה קולבאַק‎, belarussisch Майсей (Мойша) Кульбак)

Geboren 20. März 1896 Smarhon / Smorgon, Belarus (Russisches Reich), erschossen 29. Oktober 1937 in oder bei Minsk

Verwandlung

Was ist Sterben, wenn wir sterben, 
s ist ein Spiel mit bunten Scherben, 
tauschbereit:
Freud für Grämen 
im Leben –
s ist ein Nehmen 
und Geben 
in der Zeit.

  

Deutsch von Hubert Witt, aus: Der Fiedler vom Getto. Jiddische Gedichte aus Polen. Leipzig. Reclam, 1993, S. 98 (5. veränd. Aufl. – im Bild daneben die 2. Aufl. von 1968)

Aus: Lider. Berlin: Klal-Verlag, 1922, S. 29 (neu hrsg. vom National Yiddish Book Center, Amherst, Mass.)

Aus einem Vortrag von Jürgen Rennert bei den Tagen der jiddischen Literatur 1990

(…) eine talmudische Sentenz: „Das Vergessen verzögert das Kommen des Messias, allein das Erinnern beschleunigt es.“ Bevor dieser letzte Abend der letzten von mir bislang mitgetragenen Tage der jiddischen Kultur seinen Fortgang nimmt, erlaube ich mir, vor ihren Ohren die unvollständige Namensliste jener Autoren und Publizisten auszubreiten, die von Stalin und seinen unzähligen Mitbürgern ermordet wurden. Wenn der Phönix moderner sowjetjiddischer Literatur je wieder auffliegt, wird er sich aus ihrer Asche erhoben haben:

Awrom Abtschuk (1887-1937), Schmuel Agursski (1884-1937), Lejb Abram (1896-unbekannt), Scho Alek (1888-1937), Selik Aksselrod (1904-1941), Elje Oscherowitsch (1879-1937), Dowid Bergelsson (1874-12. August 1952), Alexander Brachman (1897-1942), Jasche Bronschtejn (1906-1937), Hirsch Brill (1901-1937), Chajim Gildin (1884-1944), Sorech Grinberg (1887-unbekannt), Awrom Damessek (1893-1937), Mojsche Dubrowitzki (genaues Geburts- und Todesjahr unbekannt), Leon Duschman (1886-unbekannt), Chazkel Dunjetz (1896-1937), Schimen Diamantschejn (1888-1937), Chajim Halmschtok (1882-1942), Fajwl Halmschtok (1880-unbekannt), Dowid Hofschtejn (1882-12. August 1952), Am Wolobrinsski (1900-1937), Am Wajnschtejn (1877-1938), Binjomin Susskin (1899-12. August 1952), Herschl Shitz (1896-1953), Alexander Tschemerinsski (1880-1936), Jud Jachinsson (1887-1937), Arn Judelsson (1907-1937), Jankl Jankelewitsch (1904-1938), Isi Charik (1898-1937), Alexander Chaschin – das ist Zwi Awerbach – (1886-1939), Joissef Liberberg (1889-1937), Mojsche Litwakow (1879-1937), Sisskind Lew (1896-1937), Jankl Lewin (1882-1937), Michl Lewitan (1882-1937), Nochem Lewin (1907-1947), Dowid Matz (1902-unbekannt), Peretz Markisch (1895-12.August 1952), Daniel Marschak (1872-1937), Awrom Mereshin (1880-1937), Wolf Nadel (1897-1939), Jizchok Nussinow (1889-1950), Der Nisster – das ist Pinchas Kahanowitsch – (1884-1950), Henech Solowejtschik (Geburtsjahr unbekannt, ermordet 1936), Dowid-Ber Slutzki (1877-1955), Oskar Strelitz (1892-1937). Wolf-Hirsch Segalowitsch (1890-1937), Elje Spiwak (1890-12.August 1952), Ester Frumkina – das ist Malke Lifschitz – (1880-1938), Erik Makss – das ist Salmen Merkin – (1898-1937), Schmuel Perssow (1889-12. August 1952), Itzik Fefer (1900-12. August 1952), Zwi Fridland (1897-1936), Lejb Zart (Geburts- und Todesdatum unbekannt), Mojsche Kulbak (1896-1940). Lejb Kwitko (1890-12. August 1952), Motl Kiper (1869-1938), Schmuel Klitenik (1904-1940), Borech Koblenz (Geburtsjahr unbekannt, ermordet 1937). Benje Kapeljewitsch (1891-1941), Jojssef Rawin (1890-1937), Schlojme-Itsche Rawin (1892-1937), Salmen Ratner (1884-1938), Michail Rafalski (1889-1937), Herz Riwkin (1901-1951), Nochem Rubinschtejn (1902-1938), Chajim Schajewitsch (Geburtsjahr unbekannt, ermordet 1937), Salmen Schnejer-Okun (Geburtsjahr unbekannt, ermordet am 12. August 1952), Efroim Schprach (1890-1937). Sie seien zum Segen erinnert! Ich danke Ihnen.

Jürgen Rennert, 25. Januar 1990

Aus: „Doss lid is geblibn…“ 5. Tage der jiddischen Kultur 1991. Hrsg. Deutsche UNESCO-Kommission Bonn + Theater unterm Dach, Berlin.

Hoffen

Mara Genschel

Aus: 
NEUE METAPHERN NEUNFACH IN 
DEN RACHEN DER LIEBE, WIEDER

[I : HOFFEN]

Offenen Mantels, Schlampe.
Offenen Munds, um dich geschäftig sich Regendes einatmend. 
Offenen Morgens, Hannover.

Klebrigen Daumens, Schlampe. Die Packung getrockneter Datteln halb leer. Und süß, der Attrappen-Zweig, oder? Diverse, so offen liegende Gleise. Die Luft. Der Bahnhof. Deine Arme, deine Venen.
Wehend, die klebrige Folie der Dattel-Packung. Die Hingabe der Folie der Dattel-Packung an den Wind. Die Wege der geweht werdenden Dattel-Packungs-Folie BioBio zwischen die Schienen.
Die Züge, dein Atem, Schlampe.

Offenen Munds, das gegessene Trockenobst, alle. Die um dich geschäftig sich regenden Affären. Die Bahn. Der Lufthof. Die Wehen. Die sich hochgeschraubt habende Öffnung, Süße. Die nach oben ewig offene Attrappe, die Gleis-Zweige: brechen. Das zweigleisige Müssen, die Hingabe: glasiges Sich-Übergeben. Müssen: brechen. Permanenz: brechen.

Aus: denkzettelareale. junge lyrik. hrsg. aron koban u. annett groh. mit einem nachwort von kurt drawert. Leipzig: Reinecke & Voß, 2019, S. 305

(In der Anthologie mit einem Kommentar von Anja Utler)

Ganz und gar Herbstliche

František Halas 

(* 3. Oktober 1901 in Brno / Brünn; † 27. Oktober 1949 in Prag)

Ein berühmtes Gedicht des tschechischen Dichters in 3 Fassungen

Die ganz und gar Herbstliche

Ihre Kleider waren ganz herbstliche
ihre Haare waren ganz herbstliche
ihre Augen waren ganz herbstliche

Ihr Mund war ein ganz herbstlicher
ihr Busen war ein ganz herbstlicher
ihr Schoß war ein ganz herbstlicher

Ihr Lächeln war ein ganz herbstliches
ihr Zärtlichsein war ein ganz herbstliches
ihr Träumen war ein ganz herbstliches

Ihr Duft war ganz herbstlich
und ihr Bangen ganz herbstlich
und ihr Fürchten ganz herbstlich

wie wenn im herbsten Herbst man spricht
ein Allerseelengedicht

1947

Deutsch von Franz Fühmann, aus: František Halas : Der Hahn verscheucht die Finsternis. Gedichte. . Berlin: Volk und Welt, 1970, S. 131

Ganz herbstlich

Ihr Kleid war herbstlich
und ihr Haar war herbstlich
und ihr Auge war herbstlich

Ihr Mund war herbstlich
und ihre Brust war herbstlich
und ihr Träumen war herbstlich

Ihr Nabel war herbstlich
und ihr Schoß war herbstlich
und ihr Lächeln war herbstlich

Herbst war wie sie schmeckte
und Herbst war ihre Zärtlichkeit
und Herbst war ihre Furcht

Ganz herbstlich war sie
wie ein Allerseelengedicht

Deutsch von Peter Demetz aus: František Halas: Poesie. Texte in zwei Sprachen. Frankfurt/Main: Suhrkamp, 1965, S. 89

Celá podzimková

Šaty měla podzimkové 
a vlasy měla podzimkové 
a oči měla podzimkové

Ústa měla podzimková
a ňadra měla podzimková 
a snění měla podzimková

Život měla podzimkový 
a klín měla podzimkový 
a úsměv měla podzimkový

Chuť měla podzimkovou 
a něhu měla podzimkovou 
a úzkost měla podzimkovou

Byla celá podzimková 
jako báseň dušičková

1947

Amara, bittre

Friedrich Rückert

(* 16. Mai 1788 in Schweinfurt; † 31. Januar 1866 in Neuses)

Amara, bittre, was du thust, ist bitter,
   Wie du die Füße rührst, die Arme lenkest,
   Wie du die Augen hebst, wie du sie senkest,
   Die Lippen aufthust oder zu, ist's bitter.

Ein jeder Gruß ist, den du schenkest, bitter,
   Bitter ein jeder Kuß, den du nicht schenkest,
   Bitter ist, was du sprichst und was du denkest,
   Und was du hast und was du bist, ist bitter.

Voraus kommt eine Bitterkeit gegangen,
   Zwo Bitterkeiten gehn dir zu den Seiten,
   Und eine folgt den Spuren deiner Füße.

O du mit Bitterkeiten rings umfangen,
   Wer dächte, daß mit all den Bitterkeiten
   Du doch mir bist im innern Kern so süße.

Aus: Deutsche Lyrik. Gedichte 1800-1830. Nach den Erstdrucken in zeitlicher Folge hrsg. v. Jost Schillemeit. München: dtv, 2001, S. 290 – Erstdruck in: Vesta. Weihnachtsgabe für 1825 in Erzählungen und Gedeichten von A.J. Büssel, M. von Freiberg, Friedrich Rückert [ … ]. Frankfurt/Main, 1825

N-Wort

Vor einiger Zeit las ich einen Tweet, ein offenbar nichtweißer Deutscher sprach seine weißen Freunde an: Niemals sollt ihr das N-Wort aussprechen. Auch nicht im Zitat.

Freunde, die ich schätze, beeilten sich zu laiken. Als müssten sie dringend versichern, dass sie zu den Guten gehören, dachte ich zuerst nur halb belustigt. Dann wurden meine Gedanken düsterer. – Ich muss vorausschicken, ich weiß, dass sich Sprache ständig verändert, sonst würden wir alle so reden:

upi sia auar kihalont die         die dar fona himile quemant,

enti si dero engilo         eigan uuirdit

(Bert Papenfuß versteht mich)

Oder gleich so:


בראשית ברא אלהים את השמים ואת הארץ
Bereschit bara elohim et haschamajim we et ha’aretz
(Gott versteht mich)

Als ich Kind war, sprach man unverheiratete Frauen mit „Fräulein“ an. Auch die ältere Lehrerin, Fräulein M. Es machte Spaß zu witzeln: Fräulein und Herrlein. Das Wort wird kaum noch verwendet, aber wir können es in Büchern lesen, in Filmen hören.

Sprache verändert sich auch heute. Veränderung ist immer umstritten. Ich sage (schon lange) nicht mehr Fräulein, es sei denn ironisch (zu meiner Katze). Ich sage nicht mehr Zigeunerschnitzel und Neger. Bei Mohrenstraße habe ich meine Zweifel. Natürlich würde ich keinen Menschen „Mohr“ nennen (außer Karl Marx, Mohr war sein Spitzname).

Aber ich habe viele Bücher, in denen solche Wörter stehen: Zigeunerdichtung. Lyrik amerikanischer Neger. Soll ich die nicht mehr lesen, nicht mehr zitieren? 1990 war ich in einem kleinen revolutionären Akt an der Neuschreibung des Statuts der Philosophischen Fakultät beteiligt, es war im zeitigen Frühjahr 1990. Wir schrieben eine Drittelparität hinein: Professoren, Mitarbeiter, Studenten. (Da fingen manche Professoren an, das Hochschulrahmengesetz der Bundesrepublik zu studieren. Da gab es so etwas nicht. Vielleicht ein nicht immer berücksichtigter Grund für die schnelle Wiedervereinigung.) Im Statut benutzten wir das taz-Binnen-I: ProfessorInnen. Ein Professor fragte mich, ob man das heute so schreibe. Ein halbes Jahr später redete ein Herr Möllemann in der Aula der Universität Greifswald, er sagte: „Ab morgen bin ich Ihr Minister.“ Mit den Experimenten war Schluss.

Zurück zu jenem Tweet. Wenn ihr die Wörter nicht mehr zitiert, dachte ich traurig, was macht ihr dann mit den alten Büchern? Klar kann man ein Wort in einem Kinderbuch ändern, das hat man schon immer gemacht. Aber die Bücher der alten Schriftsteller, der „weißen“, der „nichtweißen“? Der große US-amerikanische Dichter Langston Hughes, dessen Gedichte ich in einem Reclambuch las, als ich noch zur Schule ging. „Auch ich singe Amerika“, heißt ein Gedicht, es endet so:

Übrigens
Werden sie sehen, wie schön ich bin,
Und sie werden sich schämen –

Auch ich bin Amerika.

Deutsch von Stephan Hermlin

An ein anderes Gedicht von Hughes dachte ich, als ein Clown in Amerika diesen „MAGA“ abgekürzten Spruch einführte, Make Ummerica Great Again. Bei Hughes heißt es: „Let America be America again“, darin diese Zeilen:

Ich bin der arme Weiße, betrogen und verstoßen,
Ich bin der Neger, der die Sklavennarbe trägt.
Ich bin der rote Mann, den man vom Land vertrieben
(…)
Holen wir uns das Land zurück einmal,
Amerika!

Deutsch von Stephan Hermlin

Bitte nicht an dieser Stelle „N-Wort“ einsetzen. Lest die alten Dichter, nehmt sie ernst, zitiert sie, tragt sie vor, im Wortlaut. An Grammatik, Rechtschreibung und Wortschatz mag man erkennen, dass es ein alter Text ist, Schrift gewordene Geschichte. – (Hughes hatte übrigens sehr gemischte Vorfahren, ein englischer Dichter war darunter, ein jüdischer Sklavenhändler, ein französischer Kaufmann neben schwarzen Sklaven, die Irokesen oder Irokesinnen geheiratet hatten. Er war Amerika.)

Heute ein Gedicht von Langston Hughes

 (* 1. Februar 1902 in Joplin, Missouri; † 22. Mai 1967 in New York) 

The Negro Speaks of Rivers
(To W. E. B. DuBois)

I’ve known rivers:
I've known rivers ancient as the world and older than the
   flow of human blood in human veins.

My soul has grown deep like the rivers.

I bathed in the Euphrates when dawns were young.
I built my hut near the Congo and it lulled me to sleep.
I looked upon the Nile and raised the pyramids above it
I heard the singing of the Mississippi when Abe Lincoln
   went down to’ New Orleans, and I’ve seen its muddy
   bosom turn all golden in the sunset

I’ve known rivers:
Ancient, dusky rivers.

My soul has grown deep like the rivers.
Der Neger spricht von Strömen
(Für W. E. B. DuBois)

Ich habe Ströme gekannt:
Ich habe Ströme gekannt, alt wie die Welt und älter als
   der Fluß menschlichen Blutes in menschlichen Adern.

Meine Seele ist tief geworden wie die Ströme.

Ich badete im Euphrat, als die Dämmerungen jung waren.
Ich baute meine Hütte am Kongo, und er sang mich in
   Schlaf.
Ich blickte auf den Nil hinab und türmte Pyramiden über
   ihn.
Ich lauschte dem Gesang des Mississippi, als Abe Lincoln
   nach New Orleans herunterkam, und ich sah, wie die
   schlammige Brust des Stromes im Sonnenuntergang sich
   golden färbte.

Ich habe Ströme gekannt,
Uralte verdunkelte Ströme.

Wie die Ströme tief ist meine Seele geworden.

Deutsch von Stephan Hermlin, aus: Schwarzer Bruder. Lyrik amerikanischer Neger. Gedichte, Spirituals, Work Songs, Protestlieder, englisch und deutsch. Leipzig: Reclam, 1968, S. 37

Ursprung der Welt

Das Rig-Veda ist das älteste Literaturdenkmal Indiens. Es wurde zusammengestellt in der Mitte des ersten Jahrtausends vor unserer Zeitrechnung. Diese Gedichte sind nicht „freie lyrische Ergüsse“, sagen die Gelehrten, sondern Zweckdichtung, Gebrauchskunst.

… der rigvedische Dichter ist ein geistiger „Handwerker“. Sein Dichten wurzelt in praktisch notwendigen Bedürfnissen, gleichsam ohne seine bewußte Absicht wächst seine Kunst über sich hinaus und gipfelt schließlich in der reinen, scheinbar zwecklosen Schönheit gedanklicher und sprachlicher Form. Und der Zweck, dem sie dient, ist ein religiöser.

Paul Thieme in: Gedichte aus dem Rig-Veda. Stuttgart: Reclam 1999, S. 5
Der Ursprung der Welt

1 Nicht existierte Nichtseiendes, noch auch existierte Seiendes damals - nicht existierte der Raum, noch auch der Himmel jenseits davon. Was umschloß? Wo? Im Schutz wovor? Existierte das [Süß-]Wasser? - [Nein, nur] ein tiefer Abgrund!

2 Nicht existierte der Tod, also auch nicht das Leben. Nicht existierte das Kennzeichen der Nacht (Mond und Sterne), des Tages (die Sonne). - Es atmete (begann zu atmen) windlos, durch eigene Kraft da ein Einziges. Nicht irgend etwas anderes hat jenseits von diesem (= früher als dieses) existiert.

3 Finsternis war verborgen durch Finsternis im Anfang. Kennzeichenlose Salzflut war dieses All. Der Keim, der von Leere bedeckt war, wurde geboren (kam zum Leben) als Einziges durch die Macht einer [Brut-] Hitze.

4 Ein Begehren [nach Entstehung] bildete sich da im Anfang, das als Same des Denkens als erstes existierte. Die Nabelschnur (den Ursprung) des Seienden im Nichtseienden fanden die Dichter heraus, in ihrem Herzen forschend, durch Nachdenken.

5 Quer aufgespannt war ein Seil [auf] ihrem [Wege]. Existierte denn ein Unten? Existierte denn ein Oben? Existierten Besamer? Existierten Schwangerschaften? Waren Eigenkräfte (männliche Prinzipien) später, Hingabe (das weibliche Prinzip) früher [oder umgekehrt]?

6 Wer weiß es gewiß, wer wird es hier verkünden, woher geboren (zum Leben gekommen), woher diese Emanation [der Welt] ist? Diesseits sind die Himmlischen von der Emanation dieser [Welt]. Also wer weiß es, woher sie geworden ("gekeimt") ist?

7 Woher diese Emanation geworden ("gekeimt") ist, ob sie getätigt worden ist [von einem Agens] oder ob nicht - wenn ein Wächter dieser [Welt] ist im höchsten Himmel, der weiß es wohl: oder ob er es nicht weiß?

Aus: Gedichte aus dem Rig-Veda. Aus dem Sanskrit übertragen und erläutert von Paul Thieme. Stuttgart: Reclam, 1999, S. 66f

Für wie gewaltig man die Wirkung in Gedichten formulierter Wahrheiten hielt, zeigt sich schon darin, daß man gerade im Zusammenhang mit weltschaffender Tätigkeit von der Gottheit als einem „Dichter“ (kavi) spricht. Auf der sprachlichen Formung – dies ist die ursprüngliche Bedeutung von brahman (n.) – beruht im Rahmen dieser Weltanschauung alles gute Geschehen, dies ist die Wirkung menschlichen wie göttlichen Gedichtes.

Ebd. S. 11

Antike Landschaft auf pommerschem Sand

2200 Jahre nach Sappho schrieb Sibylla Schwarz, auch genannt die pommersche Sappho. Landschaftsdichtung kann sie auch. In der kurzen Lebensspanne von 17 Jahren, 5 Monaten, 2 Wochen und 2 Tagen probierte sie sich in allen Gattungen, die ihr erreichbar waren. Faunus ist eine Schäfererzählung in Prosa mit eingestreuten Gedichten (Sonette, Lieder und Sprüche) und einem Vorspiel in Alexandrinern (jambische Sechsheber mit Mittelzäsur). Dieses baut eine veritable Schäferlandschaft auf, die der Gegend von Fretow ähnelt, wo Sibyllas Vater, der Bürgermeister der Hansestadt Greifswald, ein Landhaus hatte, in Wahrheit ehrlich der Stadt, deren Bürgermeister er war, in einer kriegsbedingten finanziellen Notlage abgekauft. Für die junge Dichterin ein Glücksfall, denn dort konnte sie die Sommer verbringen, fern (10 km) der Stadt mit ihren scheelen Blicken und erst kaiserlichen, dann schwedischen Besatzungssoldaten. (Es half nur eine Zeit. Ein halbes Jahr vor ihrem Tod kamen die Soldaten und brannten ihren Musenhof auf pommerschem Sand nieder.) Jetzt aber lebt sie noch, eine junge Frau mit dichterischen Gaben und Kenntnissen der neusten deutschen, niederländischen und englischen Literatur und mit ihrem Freundeskreis, Liebe nicht ausgeschlossen. Ein paar Kilometer übers Wasser einer kleinen Bucht gibt es das Dorf Gristow mit eiszeitlichen Hügeln, das ist ihr Helicon, wo Apollo mit den Musen Haus hält. In Fretow soll sich Venus, die griechische Sappho sagte Aphrodite, zum ersten Mal verliebt haben. Also bauen die örtlichen Schäfer der Göttin der Liebe zu Ehren einen Tempel, so schön, ach was, schöner noch als der Tempel der Göttin Artemis / Diana in Ephesos, der eins der Sieben Weltwunder der Griechen war. Lesen Sie selbst.

Sibylla Schwarz

( * 24. Februar [14. Februar jul.] 1621 in Greifswald, † 10. August [31. Juli jul.] 1638 ebd.)

Aus: Faunus.

DEr Früling hatte schon den Feldern abgenommen 
Jhr weisses Winterkleid / an dessen stat war kommen 
Jhr grün gemahlter Rock / eß ließ die Nachtigal / 
Die schöne Singerin / sich hören über all ; 
Der warmen Sonnen Liecht hett auch schon aufgeschlossen 
Den Frost / des Wassers Bandt / und kam mit seinen Rossen 
Gleich iezund auß der See / der diken Bäume Schaar / 
Die vor gantz abgelaubt / bekam jhr grünes Haar.
Die Blumen hetten sich schon hin und her gesetzet / 
Der Mensch die kleine Welt / war gleichsam mit ergetzet / 
Der Bauren Coridon erhub sich auch ins Feldt / 
Mit seiner Kühe Heer / als wers ein Krieges=Heldt.
Mirtillo folget jhm mit grosser Herde Schaffen / 
Menalcas und sein Volck die wolten auch nicht schlaffen ; 
Hier sah man wie die Kuh den Stier verjagen kan / 
Dort kam mit brüllen her jhr dickköpfichter Mann ; 
Hier sah man zwene Böck sich stossen gantz verwegen 
Einander auff die Haut / dort dan sich nieder legen 
Ein mutigs geiles Pferd / und wältzen sich herum ; 
Die Ziegen tantzten auch all in die qver und krüm ; 
Der Ackerman hub an das Feld mit Lust zu bauen / 
Der Schiffer kühnes Volck den Wellen sich zu trauen; 
Der kluge Vogeler ging leis und gahr geheim / 
Das leichte Feder=Vieh zu fangen mit dem Leim ; 
Der Jäger bließ sein Horn / und jagte mit den Winden 
Den schnellen Haasen nach / den Hirschen und den Hinden ; 
Die Wälder lachten selbst ; Jn Summa alle Welt 
Hätt jhren gantzen Muht auff Fröligkeit gestellt : ¶

ALs ein mahl die Schäffer / der Göttin Venus zu Ehren / einen Tempel erbaueten / welcher nicht unbillig der DianenKirche zu Epheso konte verglichen / wo nicht gahr vorgezogen werden / und für das achte Wunder der Welt zu halten seyn ; Zu dem war derselbe an einem überauß lustigen Orte / der die Art an sich hatte / daß der / welcher nuhr denselben anschauete / dadurch alles seines Leydes vergessen muste ; Der Musen Eigenthum / der Helicon / war / nebst einer kleinen Jnsul / gleich dabey. Disen Tempel nun seiner Würde nach zu beschreiben / würde zu vihl werden / sintemahl auch meine Feder viel / viel zu schwach dazu ist / die Musen selbst / ob sie zwar Tag und Nacht daran arbeiten / können diesen Ort nicht gnugsam entwerffen ...

Aus:

Sibyllen Schwarzin /
Vohn
Greiffswald aus Pommern /
Deutsche Poëtische
Gedichte /
Nuhn
Zum ersten mahl / auß jhren eignen
Handschrifften / herauß gegeben
und verleget
Durch
M. SAMUEL GERLACH /
auß dem Hertzogtuhm Würtemberg.
und in
DANTZIG
Gedrukt / bey seel. Georg Rheten Witwen /
im M.D.C.L. Jahr. [Danzig 1650]


Zweiter Teil, Bogen A j / A j b.

Der erste Teil meiner Werkausgabe erschien im Januar 2021 bei Reinecke & Voß in Leipzig unter dem Titel: Sibylla Schwarz (1621-1638). Werke, Briefe, Dokumente. Kritische Ausgabe. Faunus wird im zweiten Band enthalten sein, der 2022 auch bei Reinecke & Voß erscheint

Sapphische Landschaft

Sappho  

(Σαπφώ, * zwischen 630 und 612 v. Chr.; † um 570 v. Chr.)

Vor 2600 Jahren erfindet Sappho die Landschaftsdichtung*. Sie lädt die Göttin Aphrodite zu sich ein und skizziert eine von Göttlichem und Menschlichem durchtränkte Landschaft. Mag das Gedicht kultischen Zwecken gedient haben, ein erotisches, ein Landschaftsgedicht ist es auch. – Das Gedicht ist überliefert auf einer Tonscherbe eines Bechers aus dem 3. oder 2. Jh. v.u.Z., vielleicht von einem Schüler eingeritzt. Es waren wohl ursprünglich 5 Strophen.

* Wenn ihr nicht jemand aus Asien oder Afrika zuvorgekommen ist.

2

(Aus dem Himmel herabkommend) 
hierher zu mir aus Kreta, (komm zu diesem) Tempel
dem heiligen, wo ein anmutiger Hain steht
von Apfelbäumen, zudem Altäre sind da, die schwelend qualmen
         vom Weihrauch;

drinnen kühles Wasser rauscht zwischen Zweigen 
der Apfelbäume, und von Rosen ist der ganze Ort
beschattet: Beim Säuseln der Blätter
ergreift einen der Schlummerzustand der totalen
         Verzauberung,

Drinnen ferner eine Wiese, Pferde weidend, steht in Blüte
mit Frühlingsblumen, und Lüftchen 
wehen honigsüß. 
         ...

Hier nun nimm du ... , Kypris,
in goldenen Bechern elegant
mit Festfreuden vermischten Nektar 
         einschenkend

Aus: Sappho, Lieder. Hrsg., u. übersetzt von Anton Bierl. Stuttgart: Reclam, 2021, S. 8

2

]
here to me from Krete to this holy temple 
where is your graceful grove 
of apple trees and altars smoking 
         with frankincense.

And in it cold water makes a clear sound through 
apple branches and with roses the whole place 
is shadowed and down from radiant-shaking leaves 
         sleep comes dropping.

And in it a horse meadow has come into bloom 
with spring flowers and breezes 
like honey are blowing 
         [                               ]

In this place you Kypris taking up 
in gold cups delicately 
nectar mingled with festivities:
         pour.

Aus: Anne Carson (Transl.): If not, winter. Fragments of Sappho. New York: Vintage Books, 2002, S. 7