Hrotsvit von Gandersheim

Das Schicksal, vom lesenden Publikum vergessen und von manchen Fachleuten ignoriert und kleingeredet zu werden, teilte Sibylla Schwarz mit vielen Frauen. Heute ein Text von Hrotsvit von Gandersheim, die um 935 geboren wurde und Erzählungen, Dramen und Gedichte in lateinischer Sprache schrieb.

„Hrotswita wurde sofort nach ihrem Tode vergessen. Erst die Renaissance, und zwar der Humanist Conrad Celtes, entdeckte sie wieder. Er schrieb an Kaiser Maximilian: „Meine Überraschung kann ich nicht schildern, als das Werk einer germanischen Jungfrau, die in lateinischer Sprache und in Versen dichtete, vor mir lag. Wie konnte der hell glänzende Stern der deutschen Dichtung so lange hinter den Wolken der Mißachtung verborgen bleiben? Unglaublich ist es, daß ein Mädchen von zartem Alter, in seinem rauhen Vaterland und während der dunklen Barbarei erzogen, solche Dinge schrieb.“ (Georg Hauser: Herzklang der Völker. Lateinische Dichtung des Mittelalters. Deutsche Nachdichtung von Georg Hauser. Salzburg: Akademischer Gemeinschaftsverlag, 1949, S. 83).

Gottsched und Goethe rühmten sie, aber mit der Entstehung der Germanistik kamen auch die Skeptiker und Kleinredner. 1857 spricht Johannes Scherr von einer „echten und gerechten Literatin des Mittelalters, mit einem ziemlich bedeutenden Anflug von dem, was die Engländer so ganz treffend Blaustrümpfelei nennen“, nennt sie eine „gesetzte Matrone mit einem säuerlich frommen Zug um den Mund“ und schließt: „Man mag über den ästhetischen Wert dieser Nonnenpoesie urteilen, wie man wolle“… (Ebd. S. 84).

Wenn das Werk aber wirklich gut ist … muss es von einem Mann erfunden sein. 1867 erklärte der Wiener Historiker Joseph Aschbach Dichterin und Werk zu einer Fälschung Conrad Celtis’: „Eine Klosterfrau könne weder so korrektes Latein beherrscht noch die Komik und Erotik ihrer Dramen gekannt haben. Da Hrotsvit im 10. Jahrhundert nicht vorstellbar sei, sei das Werk eine Fälschung, die Dichterin erfunden. Trotz des Zirkelschlusses fand Aschbach breite Beachtung, auch wenn Mediävisten wie Georg Waitz Aschbach bald widerlegten.“ (Wikipedia)

Der Greifswalder Germanist Gustav Ehrismann hält 1918 dagegen: „Hrotswita ist in der Literatur der Zeit eine hervorragende Erscheinung. Sie besaß angeborenes Talent, sie zeigt Begeisterungsfähigkeit für ihre dichterische Aufgabe und einen gewandten Formsinn.“

Hier ein Auszug aus „Primordia coenobii Gandeshemensis“ — dem Epos von der Gründung des Klosters Gandersheim. „Wie liebt doch die Dichterin den Wald, wie sieht sie Faun und Schratt leibhaftig vor sich, wenn sie vor den arbeitenden Holzfällern jammernd die Flucht ergreifen. Vieles ist in diesem Werk „anmutig vorgetragen“.“ (Hauser a.a.O. S. 58).

Die Gründung des Klosters Gandersheim

Nach alten Berichten, vor urdenklichen Tagen,
Lang ist es her, kaum mehr recht zu sagen,
Da war unser Klosterplatz, der liebe hier,
Vom Walde umschlossen, wie heute noch wir.
Nur war alles viel dichter und stand so nah,
Daß man vor lauter Bäumen den Wald nicht sah.
Und auf diesem Platz stand ein Häuschen allein.
Am Abend eilten Männer hinein,
Müd von der Arbeit waren die,
Schweinehirten waren sie
Von Herzog Ludolfs Meierei
Und der Meier, ihr Herr, stand auch dabei.

Allerheiligen war schon nah,
Zwei Tage fehlten noch, plötzlich sah
Man in der Nacht ein Leuchten und Brennen,
Doch niemand konnte die Ursach erkennen.

Die Hirten packte ein Fürchten und Staunen,
Keiner wagte zu sprechen, zu raunen
Und keiner dieser guten Leute
Hatt’ eine Ahnung, was das bedeute.
So liefen sie zu dem Meier sein’ Haus
Und weckten ihn auf, er mußte heraus:
Meier, steh auf, auch du mußt erkennen,
Wie im dunklen Wald die Lichterlein brennen!

Vom Lager sprang der Meier schnell,
Eilte hinunter und war zur Stell.
Doch alles blieb finster, dem Dunkel gesellt,
Was früher die Lichter so taglicht erhellt.
Doch der Meier wollte das Leuchten ergründen,
Er wollte den Grund und die Ursache finden.
Die kommende Nacht ging er gar nicht schlafen,
Wenn ihn auch noch so die Sandmännlein trafen
Und sie ihm rieten: Meier, schlaf ein!
Doch jedesmal rief er: Ich darf nicht, nein!
Bald auch ward ihm des Willens Preis,
Es begann zu leuchten, erst rot, dann weiß,
Viel stärker strahlt’s als in letzter Nacht,
Da die Schweinehirten allein gewacht.

Wahrlich, das war ein glückliches Zeichen!
Schließlich mußte das Leuchten weichen
Der strahlenden Sonne, dem neuen Tag.
Die Kunde doch nicht behalten mag
Der Meier für sich und sie ward bekannt,
Die freudige, schnell im ganzen Land.
Fröhlich erzählt man’s von Mund zu Munde,
So kam auch zu Herzog Ludolf die Kunde.
Es war die Nacht vor der Heiligen Fest,
Da sprach der Herzog: Es ist das Best,
Ihr wollt mich all in den Wald begleiten!
Und er mit den vielen tät also reiten
Dorthin, wo das Leuchten zuerst man sah.
Finsternis deckte fern und nah,
Doch plötzlich, in weitem Kreis herum
Sah man Licht aufleuchten um und um,
Immer strahlender ward sein Schein,
Man sollte glauben, es könnte nicht sein,
Aber doch war’s so, denn wahrlich, es hatten
Alle Bäume ihren Schatten.
Da jubelten alle Menschen laut:
Herr Herzog Ludolf, wir bitten, schaut
Die Lichter, sie künden uns allen eben
Den Platz, wo ein Kloster sich soll erheben
Zu christlichem Dienste, von euch erbaut,
Das künden die Lichter, Herr Herzog, schautl
Es frohlockte Herr Ludolf über Gottes Zeichen,
Weil aber die Gattin dem Gatten tat gleichen,
Rief auch Frau Oda, die Zierde der Frauen:
Hier laßt uns ein heiliges Kloster erbauen!

Es begann das Schlagen, es begann das Roden,
Die Bäume fielen, es wurde der Boden
Vom Gestrüpp befreit und geebnet glatt
Und jammernd flohen Faun und Schratt.
Und schließlich ward aus dem Walde Land
So unser liebes Tal entstand.
Schon wachsen Mauern, bis die Kirche steht,
„Zu Ehren Gottes!“ sei unser Gebet.
Und bald erhoben sich die Türme
Unseres Klosters, das Gott beschirme!

(Hauser, a.a.O. S. 59-61)

Lyrikwiki zur Autorin

An seine spröde Geliebte

Von Andrew Marvell, dem berühmten Generationsgefährten der Sibylla Schwarz, heute eins seiner – im englischen Sprachraum! – bekanntesten Gedichte. Die deutsche Prosafassung ist auch nicht zu verachten, schließlich verfolgt das Gedicht eine verschachtelte aber stringente Rhetorik, von der die Anstrengungen deutscher Reimkunst nur ablenken. Das Original markiert die langen Strophen nur durch eine Einrückung, hier zur leichteren Darstellung mit Leerzeilen.

Andrew Marvell

(* 31. März 1621 in Winestead bei Patrington, Holderness, Yorkshire; † 16. August 1678 in London)

To his coy Mistress

Had we but world enough and time,
This coyness, lady, were no crime.
We would sit down, and think which way
To walk, and pass our long love’s day.
Thou by the Indian Ganges’ side
Shouldst rubies find; I by the tide
Of Humber would complain. I would
Love you ten years before the flood,
And you should, if you please, refuse
Till the conversion of the Jews.
My vegetable love should grow
Vaster than empires and more slow;
An hundred years should go to praise
Thine eyes, and on thy forehead gaze;
Two hundred to adore each breast,
But thirty thousand to the rest;
An age at least to every part,
And the last age should show your heart.
For, lady, you deserve this state,
Nor would I love at lower rate.

But at my back I always hear
Time’s wingèd chariot hurrying near;
And yonder all before us lie
Deserts of vast eternity.
Thy beauty shall no more be found;
Nor, in thy marble vault, shall sound
My echoing song; then worms shall try
That long-preserved virginity,
And your quaint honour turn to dust,
And into ashes all my lust;
The grave’s a fine and private place,
But none, I think, do there embrace.

Now therefore, while the youthful hue
Sits on thy skin like morning dew,
And while thy willing soul transpires
At every pore with instant fires,
Now let us sport us while we may,
And now, like amorous birds of prey,
Rather at once our time devour
Than languish in his slow-chapped power.
Let us roll all our strength and all
Our sweetness up into one ball,
And tear our pleasures with rough strife
Through the iron gates of life:
Thus, though we cannot make our sun
Stand still, yet we will make him run.

An seine spröde Geliebte

Hätten wir Welt genug und Zeit, / dann wäre diese Sprödigkeit kein Verbrechen. / Wir könnten uns niedersetzen und nachdenken, welchen Weg / wir einschlagen sollen und wie wir unseren langen Liebestag verbringen wollen. / Du würdest am indischen Gangesstrand / Rubine sammeln, und ich würde bei den Fluten / des Humber meine Liebesklagen ausstoßen. Ich würde / dich schon zehn Jahre vor der Sintflut lieben, / und du könntest dich, wenn’s dir beliebte, / bis zur Bekehrung der Juden mir verweigern. / Meine pflanzenhafte Liebe sollte größer aufwachsen, / als Kaiserreiche sind, und langsamer wachsen als sie. / Hundert Jahre würden damit verbracht werden, / deine Augen zu preisen und deine Stirn anzustaunen; / zweihundert, um jede Brust einzeln anzubeten; / doch dreißigtausend Jahre gingen hin für den Rest. / Ein Menschenalter mindestens brauchte ich für jeden Teil, / und das letzte Zeitalter sollte dein Herz offenbaren. / Denn, Herrin, du verdienst diesen Staat, / und ich wollte nicht in niedrigeren Dimensionen lieben.

Doch mir im Rücken hör ich stets / den geflügelten Wagen der Zeit näherrollen, / und vor uns liegen / Wüsten weiter Ewigkeit. / Deine Schönheit wird darin nicht mehr zu finden sein, / noch wird mein Lied in deiner Marmorgruft widerhallen: / Würmer werden dann / deine lang gehegte Jungfräulichkeit erproben, / und deine mit soviel Findigkeit bewahrte Ehre wird zu Staub werden, / ebenso wie all mein Lustverlangen zu Asche zerfallen wird. / Das Grab ist ein feiner und verschwiegener Ort, / doch niemand, glaub ich, umarmt sich dort.

Darum, solang noch die Jugendfarbe / wie Morgentau auf deiner Haut liegt / und solang deine liebesbereite Seele / durch jede Pore rasche Glut ausatmet, / laß uns uns vergnügen, dieweil wir’s noch können! / Und laß uns, wie Raubvögel der Liebe, / die uns zugemessene Zeit lieber auf einmal verschlingen, / als in der Gewalt ihrer langsam mahlenden Kiefer dahinschmachten. / Laß uns all unsere Kraft und all / unsere Süßigkeit in einen Ball zusammenrollen / und unsere Freuden mit wilder Gewalt / durch die Eisenpforten des Lebens zerren! / So werden wir unsere Sonne zwar nicht / Stillstehen lassen können, aber wir werden sie zum Laufen bringen.

Aus: Englische Barockgedichte. Englisch und deutsch. Ausgewählt, hrsg. u. kommentiert von Hermann Fischer. Stuttgart: Reclam, 1971, S. 327/329

An seine spröde Herrin

Hätten wir Welt genug und Zeit,
Wärst, Spröde, du von Schuld befreit.
Wir säßen nieder irgendwo.
Des langen Liebestages froh.
Du fändest wohl am Ganges dir
Rubine, und ich klagte hier
Am Humber. Zu lieben fing ich dann
Zehn Jahre vor der Sintflut an:
Du könntest, wolltest du’s verwehrn,
Bis daß die Juden sich bekehrn,
Und meine Liebe schoß ins Kraut
Größer als Rom, doch sacht gebaut,
Und ein Jahrhundert ging nur hin
Zum Preis der Augen und dem Kinn,
Zweihundert dann für jede Brust
Und dreißigtausend für den Rest.
Für jeden Teil ein Zeitenlauf,
Im letzten schloß dein Herz sich auf.
Denn du verdienst solch großen Staat,
Ich lieb nicht gern in mindrem Grad.

Doch rückwärts braust mir Tag für Tag
Ans Ohr der Zeiten Flügelschlag,
Und grade vor uns dehnt sich breit
Die Wüste weiter Ewigkeit.
Und deine Schönheit, ach, sie flieht;
Dann tönt in deiner Gruft kein Lied
Noch Widerhall; der Wurm benascht
Deine langbewahrte Jungfernschaft.
Und dein verjährter Kranz wird Staub,
Und Asche, was ich Lust geglaubt.
Das Grab ist ein verschwiegner Ort,
Doch keiner, glaub ich, küßt sich dort.

Drum, da noch Jugendschmelz dir jetzt
Wie Morgentau die Haut benetzt
Und deine Seele, rasch gewillt.
Aus jeder Pore feurig quillt,
Ergötzen wir uns jetzt und hier,
Daß wie verliebtes Raubgetier
Die Zeit wir schlingen, die uns bleibt,
Eh daß sie langsam uns zerreibt.
All unsre Kraft rolln wir und all
Unser Süßes zu einem einzigen Ball:
Und zerren unsre Lust zu zweit
Durchs Lebenstor in rauhem Streit.
Wir hemmen nicht den Sonnefuß,
Doch machens, daß er laufen muß.

Deutsch von Werner Vortriede. Aus: Beispiele manieristischer Lyrik. Hrsg. Gerd Henniger. München: dtv, 1970, S. 68f

Stanzenmotor

Heute vor 30 Jahren – ich meine joan –, am 15. August 1991 schreibt Ernst Jandl zahlreiche Stanzen, inspiriert von österreichischer Volksdichtung und … Rap. „mitte august 1991, während eines vom 2. august bis 1. september dauernden urlaubs in puchberg am schneeberg in niederösterreich, gelang es mir unversehens, einen motor anzuwerfen, der für eine gewisse zeit eine kontinuierlich rapide gedicht produktion ermöglichte“. Hier eine davon_

von den toten und lebenden dichtern

d’meistn dichta eh scho
san unta da ead
owa r a boa lewende brauch ma no
oes a oad von zoo

Aus: ernst jandl, werke in 6 bänden. Hrsg. Klaus Siblewski. werke 4. München: Luchterhand, 2016, S. 219

Wort-für-Wort-Übersetzung:

die meisten dichter sowieso schon
sind unter der erde
aber ein paar lebende brauchen wir noch*
als eine art von zoo

*) das r ist nur ein Einschub zwischen zwei Vokalen

was entsteht im beisein eines betrachters

Dirk Uwe Hansen

im beisein eines betrachters

auf der fenster
bank ein roter
fächer schlägt wellen schlägt
auf schlägt öffnung in flächen für
die ist alles davor und dahinter hat
jetzt keine farbe ist durchsichtig erst
in zukunft ein raum in dem was entsteht
was entsteht im beisein eines betrachters
hält hinterm berg läßt
wolken verdunkeln wer
wasser sagt muss liefern was
weiß auf gold in seinen träumen steht

Aus: Dirk Uwe Hansen, aussichtsplattform. Michael Wagener, welten.9.| darsolarpolar. Frankfurt/Main: gutleut, 2019, S. 10

Diese Arme! Diese (ich verliere den Verstand) Augen!

Aus der Anthologia Graeca

Anm.: Erst nachdem ich dieses Gedicht ausgewählt und eingestellt hatte, fiel mir auf, dass das gleiche Gedicht schon einmal vor 10 Jahren hier zu lesen war – damals von Dirk Uwe Hansen aus dem Manuskript zur Verfügung gestellt.. Auch gut, es lässt sich auch heute noch lesen.

V, 132

Philodemos

Dieser Fuß! Dieses Schienbein! Diese (hier muss ich zugrunde gehen) Schenkel! Diese Hüften! Diese Flanken! Die Grübchen am Bauch! Schultern! Diese Brüste! Dieser zarte Hals!
Diese Arme! Diese (ich verliere den Verstand) Augen!
Diese zierliche Bewegung! Und über alles erhabene
Küsse! Diese (schlag mich tot) Stimme!
Ist sie auch eine Barbarin und Fremde und singt nicht Sapphos Lieder, na und?
Auch Perseus hat sich in die indische Andromeda verliebt.

Deutsch von Dirk Uwe Hansen, aus: Anthologia Graeca. Band I. Bücher 1 bis 5. Hrsg. Dirk Uwe Hansen. Stuttgart: Hiersemann, 2011, S. 127f

Philodemos von Gadara in Palästina, lebte um 55 v.u.Z. in Rom

Anthologia Graeca. Buch I-VI. Ed. Hermann Beckby. München: Heimeran, 1957, S. 308

 

 

Stufen

Hanns Otto Münsterer

(* 28. Juli 1900 in Duß, Lothringen; † 30. Oktober 1974 in München)

STUFEN

Jugend. Zeit der Kantaten.
Unter dunklem Balkon
nächtliche Serenaden,
Waldhorn und Lampion.

Verse des Mannes. Klirren
der Degen. Haifischschlacht.
Lorbeer, Gold und Myrrhen
haben sie nicht gebracht.

Verse des Alters. Schweigen.
Hat es sich gelohnt?
Wind in dörren Zweigen.
Geißblattlauben, Mond.

Aus: Hanns Otto Münsterer: Mancher Mann. Gedichte. Frankfurt/Main: S. Fischer, 1987, S. 139

Uns fiel nicht auf, wie wundersam die Dunkelheit sich neigte

Sofija Parnok

(София Яковлевна Парнок, * 30. Juli jul. / 11. August 1885 greg. in Taganrog; † 26. August 1933 in Karinskoje, Oblast Moskau)

Sofija Parnok

Sonett

Uns fiel nicht auf, wie wundersam die Dunkelheit sich neigte
Und wie die Mullgardinen sich verfärbten – blau,
Der Teppich und die Sessel wurden tiefer, weicher,
Und du wardst nicht-du, ich war nicht-ich – eine Frau.

Ein Fremder ließ die Hand an jene Stelle gleiten.
Wo einstmals deine Hand geruht hat im Vertraun,
Und plötzlich wurde klar, die Liebe bringt nur Leiden,
Zwar blüht sie noch, im Innern ist sie längst schon faul.

Auch draußen ist bereits verglüht des Tages Gleißen,
Und deine Stimme dringt zu mir befremdlich rauh,
Uns beiden helfen solche Worte nicht mehr weiter.

Bist aufgestanden, greifst noch nach dem Schal am Boden,
Bei deinem Abgang rauscht die schwere Seidenrobe,
Mit einem knappen Nicken gehst du aus dem Haus.

1913

Deutsch von Felix Philipp Ingold,  aus: „Als Gruß zu lesen“. Russische Lyrik von 2000 bis 1800. Zürich: Dörlemann, 2012, S. 241

София Парнок

Сонет

Мы не приметили, как сумрак начудесил, –
Поголубела вдруг на окнах кисея,
И глубже стал ковер, и мягче выгиб кресел,
И стала ты – не ты, и стала я – не я.

И кто-то весь чужой тоскливо руку свесил
Там, где покоилась дотоль рука твоя,
И вдругъ открылось нам, что наш союз невесел.
Что расцветает он, безсилие тая.

Уже за окнами дневные стихли всплески.
Когда проговорил твой голос чуждо-резкйи
Чужие нам двоим, ненужные слова.

Когда ты, подобрав концы упавшей шали,
Привстала, и шелка прощально зашуршали, –
Когда ты, уходя, кивнула мне едва.

Vor 383 Jahren gestorben: Sibylla Schwarz

Am 10. August 1638 (nach gregorianischem Kalender) starb die Dichterin Sibylla Schwarz mit 17 Jahren in Greifswald. Zum Anlass heute ein Gedicht aus der Anthologie … und bey den Liechten Sternen stehen. Gedichte zu Sibylla Schwarz‘ 400. Geburtstag. Hrsg. Berit Glanz und Dirk Uwe Hansen. Leipzig: Reinecke & Voß, 1921 (S. 110)

Monika Vasik

Der edlen Lust der Poesey verbunden

Fingerwund nicht bloß vom Ordern Dienen
mit höchster gehorsamer Liebe verpflichtet
auf ihren Schultern die Haushaltsführung schwer
aber im Zwischendrin auch nachts beim Flackern
des Kerzenscheins haucht nicht verschämt sie nur
ein paarklein Sätzchen ins Dunkel des Kämmerleins
oder schweigt tugendsam wie es den Frawen ziemt
will immer auch bey meinen Worten bleiben
sie tichtet schreibet ein „Wunder ihrer Zeit“
Erfahrungen mit meiner Feder edles Safft
in Jamben Trochäen Alexandrinern aufs Papier
lässt formvollendete Galaxien aus eignen Reimen
trotz Elends des dreißigjährgen Kriegs frei sicht
bar in die Welt hinaus biß in die Wolcken ziehn
es hat die Mißgunst tausendt Zungen dass Frauen
sprechen zwar nicht minder klug doch minder
nuhr bekandt ist ein Affront ihr Ich in Versen
das nie begehrt durch dis berühmt zu werden
weiß niedrig sich kennt seine Grenzen auch genau
dass alles was je von ihr geschrieben wird kein ver
falschter Freund belieben erfährt den Neidt kennt
ja dies Leumbden Wut zwanghaften Hohn den Spott
der Männerzungen runzelt weil balt das Läsen
von Weibersonetten gewaltig unruh schafft
doch werd ich dennoch nicht erschreckt bekennt sie
frohlockt daß selbst die Musen Mägde sein ihr
zürnten sehr ließ ich die werthe Leyer hinden

Covergestaltung: Anne Martin

Unbekannter großer Dichter

Jakob Balde war ein großer deutscher Dichter des 17. Jahrhunderts. Leider schrieb er auf Latein, und so kennen ihn nur wenige Spezialisten.

Hier ein Text im Original, die Nachdichtung Herders und darunter eine Prosaübersetzung. Eine neuere, vollständige Übersetzung wäre wünschenswert (aber vielleicht kenne ich sie nur nicht?).

Jacob Balde

(* 3. Januar 1604 in Ensisheim, Elsass; † 9. August 1668 in Neuburg an der Donau)

Melancholia.

Semper ego inclusus Germanae finibus Orae,
  In Bauara tellure senescam!
Tristibus imperijs spatio retinemur in arcto,
  Et curtum malè perdimus aeuum.
Atqui vincla, licet rupto dissoluere nodo,
  Et clausas diducere turreis.
Graeculus effugiens aliquis Minoia regna,
  Ceratas sibi sumpserat alas.
Sed neque fallaceis ventos tentare necesse est
  Lapsuris super aequora pennis.
Tota mihi quamuis adeò Germania carcer.
  Deterius quoque carcere corpus:
Libera MENS tamen est. vbi vult, habitátque, volátque.
  In pelago non impedit Auster:
In terris non tardat obex, transcendit & Alpes
  Nubiferas, ac sidera pulsat.
Accedit Phoebi donum, diuina Poësis.
  Hac fretus, velocior Euro,
Euri nascentis Patriam, cunásque videbo,
  Aurorae rapiendus in ortum.
Melancholie

Muß ich im Kerker denn, in diesem traurigen Lande
  Oede verblühn und frühe verwelken?
Sind die Bande, die hier mich fesseln, nimmer zu lösen?
  Nicht zu zersprengen der Thurm, der mich einschließt?

Dädalus schuf sich Flügel; ich darf der wächsernen Flügel
  Nicht, die über dem Meere zerschmelzen!
Kann mein freies Gemüth sich nicht aufschwingen, wohin es
  Will? Kein tobender Wind in den Fluthen,
Auf dem Lande kein Riegel verhindert den Geist, daß er auffliegt,
  Ueber Alpen und Wolken und Sterne.

Und hat Apollo mir nicht der Gaben höchste, die Dichtkunst,
  Milde geschenkt, die auf Flügeln des Ostwinds
Auf der Aurora Flügeln sich hebt? – – O Erretterinn, und dann!
  Ferne von hier! bis zum Bett der Aurora!

Aus: Johann Gottfried von Herder’s Terpsichore. 1795. Hrsg. Johann Georg Müller. Stuttgart u. Tübingen: Cotta, 1829, S. 233

Melancholie.
Immer eingeschlossen in den Grenzen des deutschen Landes, soll ich auf bayrischem Boden altern! Durch unfreundliche Befehle werde ich im nördlichen Raume festgehalten, und ich verliere auf üble Weise die kurze Lebenszeit. Aber man kann die Fesseln, indem man die Knoten zerschneidet, lösen und die verschlossenen Türme sprengen. Ein junger Grieche [Daedalus] batte, um aus dem minoiscben Reich zu fliehen, sich mit Wachs überzogene Flügel augelegt. Indes man braucht nicht die trügerischen Winde zu versuchen, mit Federn, die sich über dem Meer lösen. Mag mir auch das ganze Deutschland ein Kerker sein, und schlimmer noch als ein Kerker der Körper: frei ist dennoch der Geist. Wo immer er will, wohnt er und fliegt er dahin. Auf dem Wasser hält ihn der Südwind nicht auf, auf dem Land hemmt ihn keine Schranke. Er übersteigt auch die wolkentragenden Alpen und stößt sogar an die Sterne. Die Gabe Apolls tritt hinzu, die göttliche Dichtkunst. Mit ihrer Hilfe werde ich, schneller als der Ostwind, die Heimat des Ostwinds und seine Wiege sehen, fortgerissen zum Aufgang der Morgenröte.

Aus: Gedichte 1600-1700. Nach den Erstdrucken in zeitlicher Folge hrsg. von Christian Wagenknecht. München: dtv, 2001, S. 143

Sieh zu, dass du ihr folgen kannst

In dem kurzen Leben der Sibylla Schwarz gibt es beide reichlich, Freude („das / was ich lieber hab als Gelt / Ja auch als alle alle Welt“) und Leid (angefangen vom frühen Tod der Mutter), reichlich Auf- und Abschwung. Mehrmals kündigt sie an, das Schreiben zu unterlassen, aber sie schreibt bis an ihr frühes Ende. Heute ein Gedicht mit einem fast euphorischen Aufschwung, ihr Geist fliegt himmelan. He Amor, wenn du mich treffen willst, musst du auf die Wolken zielen!

Sibylla Schwarz (1621-1638)

Alß sie ein Poëtischer Geist tribe.

JCh / der ich sonsten pflag von schlechten Dingen schreiben /
bin gänzlich umgekehrt / nun muß mein Lob wohl bleiben /
und grünen wie ein Zweig / iezt wil ich meinen Sinn /
von dem / das niedrig ist / biß in die Wolcken ziehn.
Die Göttin Fama wil mir selber Flügel geben /
die immer für und für am hellen Himmel kleben /
und wo der Venus Sohn hinfüro schiessen wil
nach mir / so raht ich / daß er in die Wolcken Ziel.
Da soll mein Ball=Plaz seyn / da soll das Glüder* fliegen /
wie Spreu / das brennen muß / und allzeit unten ligen.
Die Clio bindet mir schon selbst die Lohrbeer=Kron /
die Ewig grünen wird / nun soll die Kunst den Lohn
erlangen / recht ; So muß ein freyer Sinn bekleiben ;
nuhn / ich wil immer auch bey meinen Worten bleiben /
und steigen mit dem Sinn des Himmels Leiter an /
ein jeder sey bereit / daß er mir folgen kan.

 

 

 

 

 

 

 

* Gudrun Weiland hat eine Lösung für das rätselhafte Wort gefunden. Sie vermutet, dass es sich um einen Druckfehler handelt, bei dem „ck“ mit „d“ verwechselt wurde, die in Fraktur ähnlich aussehen. Glücker ist eine Murmel aus Marmor, Glas oder Ton. In: Sibylla Schwarz: Ich fliege Himmel an mit ungezähmten Pferden. Ausgewählte Werke. Hrsg. Gudrun Weiland. Zürich: Secession, 2021, S. 19.
Das ganze Werk gibt es in einer zweibändigen Ausgabe bei Reinecke & Voß, Leipzig.

Bei Twitter kann man unter dem hashtag #SibyllaSchwarz das lyrische Werk der Dichterin strophenweise lesen, jeden Tag ein Stück. Lektürevorschlag?

Gleich noch eine Idee. Wenn Ihnen das Gedicht oder unser Buch gefällt, könnten Sie hier auf der Hotlist der unabhängigen Bücher und Büchermacher für unsere Ausgabe stimmen. Die weiße (die Taschenbuchausgabe) hat es auf die Liste von 30 Büchern geschafft, aus denen bis 20. August zehn Sieger gewählt werden: sieben von einer Jury und drei von Ihnen, wenn Sie mitmachen.

Vor 100 Jahren starb Alexander Blok

Alexander Blok

(Александр Александрович Блок, * 16. November jul. / 28. November 1880 greg. in Sankt Petersburg; † 7. August 1921 in Petrograd)

Den Freunden

Verstummt doch, ihr Saiten, verfluchte!
A. Maikow


Einander verborgene Feinde,
Sind taub wir und neidisch und fremd.
Wie könnte der leben und schaffen,
Der ewige Feindschaft nicht kennt.

Was tun! Gab nicht jeder sich Mühe,
Zur Hölle zu machen sein Haus,
Vom Gift sind durchtränkt alle Mauern,
Kein Platz, wo man bettet sein Haupt.

Was tun! Niemand glaubt an das Glück mehr,
Wir lachen uns um den Verstand,
Betrunken beschaun wir von draußen,
Wie einstürzen Dach uns und Wand.

An Leben und Freundschaft Verräter,
Verschleudern wir Worte aus Müll.
Was tun! Nun, wir schlagen den Weg frei
Dem Sohn, der da kommen einst will!

Sind erst unsre ärmlichen Knochen
Verfault bei den Nesseln am Zaun,
Wird daraus ein kluger Professor
Historische Werke sich baun …

Nur damit die schuldlosen Kinder
Aufs Blut der Verfluchte dann quält
Mit Todes- und anderen Daten,
Zitatenbrei, leer und entstellt…

Ein trauriges Los – so zu leben,
Verworren, gefeiert und schwer,
Besitz sein für künftge Dozenten
Und zeugen ein Kritikerheer …

Ins Steppengras sinken, ins frische.
In Schlaf, der mich ewig umgibt!
Verstummt doch, ihr Bücher, verfluchte!
Ich nehme zurück, was ich schrieb.

  1. Juli 1908

Deutsch von Wolfgang Tilgner, aus: Alexander Block, Ausgewählte Werke Bd. 1: Gedichte. Poeme. Berlin: Volk und Welt, 1978, S. 173f

ДРУЗЬЯМ

Молчите, проклятые струны!
А. Майков

Друг другу мы тайно враждебны,
Завистливы, глухи, чужды,
А как бы и жить и работать,
Не зная извечной вражды!

Что‘ делать! Ведь каждый старался
Свой собственный дом отравить,
Все стены пропитаны ядом,
И негде главы приклонить!

Что‘ делать! Изверившись в счастье,
От смеху мы сходим с ума
И, пьяные, с улицы смотрим,
Как рушатся наши дома!

Предатели в жизни и дружбе,
Пустых расточители слов,
Что‘ делать! Мы путь расчищаем
Для наших далеких сынов!

Когда под забором в крапиве
Несчастные кости сгниют,
Какой-нибудь поздний историк
Напишет внушительный труд…

Вот только замучит, проклятый,
Ни в чем не повинных ребят
Годами рожденья и смерти
И ворохом скверных цитат…

Печальная доля – так сложно,
Так трудно и празднично жить,
И стать достояньем доцента,
И критиков новых плодить…

Зарыться бы в свежем бурьяне,
Забыться бы сном навсегда!
Молчите, проклятые книги!
Я вас не писал никогда!

24 июля 1908

O Dichter

Paul Claudel

(* 6. August 1868 in Villeneuve-sur-Fère; † 23. Februar 1955 in Paris)

Aus: Die Musen. Eine Ode

So, wenn du redest, o Dichter, und in köstlicher Aufzählung
Von jedem Ding den Namen aussprichst,
Wie ein Vater es geheimnisvoll in seinem Urwesen nennst, da du ja einst
An seiner Schöpfung teilnahmst, also hilfst du mit an seinem Bestehen!
Jedes Wort eine Wiederholung.
So ist der Sang, den du singst im Schweigen, und so ist die selige Harmonie,
Mit der du in dir selbst Ähneln und Trennen nährst. Und so,
O Dichter, werde ich nicht mehr sagen, daß du von der Natur
je Unterricht erhältst, nein, du bists, der ihr deine Ordnung gibst,
du, der du alle Dinge bedenkst!
Um ihre Antwort zu sehen, ists dein Spiel, eins nach dem andern beim Namen zu nennen.
O Virgil unter den Reben!

Deutsch von Franz Blei. Aus: Der Jüngste Tag. Die Bücherei einer Epoche. Neu herausgegeben und mit einem dokumentarischen Anhang versehen von Heinz Schöffler. Faksimile-Ausgabe in 2 Bänden. Frankfurt/M. Scheffler 1970. Band 1, S. 1703f (Der Originalband erschien 1917 bei Kurt Wolff, Leipzig)

Ainsi quand tu parles, ô poëte, dans une énumération délectable
Proférant de chaque chose le nom.
Comme un père tu l’appelles mystérieusement dans son principe, et selon que jadis
Tu participas à sa création, tu coopères à son existence !
Toute parole une répétition.
Tel est le chant que tu chantes dans le silence, et telle est la bienheureuse harmonie
Dont tu nourris en toi-même le rassemblement et la dissolution. Et ainsi,
O poëte, je ne dirai point que tu reçois de la nature aucune leçon, c’est toi qui lui imposes ton ordre.
Toi, considérant toutes choses !
Pour voir ce qu’elle répondra tu t’amuses à appeler l’une après l’autre par son nom.
O Virgile sous la Vigne !

Paul Claudel: CINQ GRANDES ODES. ÉDITIONS DE LA NOUVELLE REVUE FRANÇAISE, PARIS 1913, S. 30f

du 1% quotenschweizer, sag ja zur lyrik!

Tanja ‚Lulu‘ Play Nerd

du 1% quotenschweizer, sag ja zur lyrik!
(das anbrechen einer neuen zeitrechnung)

dieses gedicht stammt aus einer zeit vor meiner geburt. ich schrieb es drei jahre bevor ich zur welt kam. obwohl das für dich einfach unmöglich erscheint. wenn du es im 21.jahrhundert zu lesen bekommst. weil echte zeitreisen erst ab dem 23.jahrhundert technisch ausgereift waren. weshalb ich zunächst von einem großen fan meiner eigenen gedichte aus der zukunft. in seine gegenwart entführt werden musste. damit ich von dort aus nach 1979 zurückreisen konnte. um dieses gedicht in dieser vergangenheit geschrieben haben zu werden. ich widme dieses gedicht meinen geschätzten kollegen. aus der gesamten deutschsprachigen lyrikszene. die damals noch lebten und im allerersten jahrbuch der lyrik vom herausgeber Karl Otto Conrady veröffentlicht wurden. ich widme es also: Oda Schaefer. Rose Ausländer. Wolfgang Weyrauch. Lotte Paepcke. Hans Peter Keller. Karl Krolow. Hildegard Wohlgemuth. Josef Büscher. Margarete Hannsmann. Otto Heinrich Kühner. Ingrid Würtenberger. Erika Burkart. AUS AARAU IN DER SCHWEIZ! Walter Höllerer. Heinar Kipphardt. Heinz Winfried Sabais. Jochen Hoffbauer. Rudolf Langer. Franz Liebl. Kay Hoff. Friederike Mayröcker. Wolfgang Bächler. Ernst Jandl. Gisela Pfeiffer. Heinz Piontek. Franz Mon. Walter Neumann. Dagmar Nick. Hugo Ernst Käufer. Oskar Pastior. Fritz Pratz. Richard Anders. Edwin Wolfram Dahl. Astrid Connerth. Walter Helmut Fritz. Wolfgang Hädecke. Kurt Küther. Josef Reding. Peter Rühmkorf. Karl Alfred Wolken. Hans-Jürgen Heise. Roger Loewig. Dieter P. Meier-Lenz. Kurt Morawietz. Jürgen Becker. Fritz Deppert. Harald Hartung. WAS WAREN DAS DOCH FÜR ZEITEN! Lorose Keller. Günter Lanser. Arnfrid Astel. Horst Bingel. Peter Härtling. Christel Guhde. Dieter Hoffmann. Arno Reinfrank. Fritz Werf. Rolf Haufs. Bruno Hillebrand. Christoph Meckel. Otto Sahmann. Gottfried Schäfer. Elke Oertgen. Klaus M. Rarisch. Karin Voigt. Jean Apatride. Ingeborg Görler. Jochen Lobe. Gerd Norias. Hannelies Taschau. Helder Yureen. Michael Buselmeier. Christoph Derschau. Harald Gröhler. Renate Krämer. Rainer Malkowski. Hans Dieter Schäfer. Hans-Jörg Modlmayr. Konrad Rabensteiner. Guntram Vesper. Ute Zydek. Gerd-Peter Eigner. Hanne F. Juritz. Gerhild Michel. Gerhild Wirth. Gregor Laschen. AUS CASABLANCA IN MAROKKO! Godehard Schramm. Mathias Schreiber. Johann P. Tammen. Peter Paul Zahl. ZUR ZEIT IN DER JUSTIZVOLLZUGSANSTALT! Sigfrid Gauch. Dietmar Ortlieb. Ralf Thenior. Ludwig Fels. Bernhard Laux. Peter Maiwald. Heidi Wegner. Ursula Krechel. Claus-Peter Lieckfeld. Rainer René Müller. Jürgen Wellbrock. Wolfgang Fienhold. Gerhard Falkner. Norbert Ney. Uwe-Michael Gutzschhahn. und Bodo Morshäuser. als geborene schweizerin bin ich stolz darauf. dass mein geliebtes herkunftsland. damals schon zu 1% anteil lyrik vertreten war. DAS WAREN NOCH ZEITEN! als die dichter (laut Conrady schon seit 1975) ihr „ich“ wiederentdeckten. und dadurch zu neuer innerlichkeit, subjektivität, sensibilität und privatheit erstarkten. während die schweizer wie immer ihren sonderweg einschlugen. abgesehen von Erika. denn die wollte unbedingt mitmachen. und dichtete wie es der zeitgeist verlangte. und landete prompt in dem ersten jahrbuch für richtige lyrik. mit ihren gedanken über das leben, den tod, die nacht, den nebel und andere tiefsinnige erschütterungen des herzens. DAS WAREN NOCH ECHTE GEDICHTE! die letzten großen begriffe hatten noch vornamen. die zwar genau so geheim blieben wie heute. doch allein ihre anspielung erlaubte ein staunen. und immerhin folgte auf Erikas beiträge der traum von Walter Höllerer. den ja nun jeder kennt. also den Walter. oder den traum. der nur ein teil eines „langen gedichts“ war. als schweizerin bleibe ich spätestens an diesem punkt der anthologie. ausgesprochen n e u t r a l. um mir die lust auf den rest nicht zu verderben. ich bin erst auf seite 19 des schweren buches. das raue papier ist dick und fest. mein privates, subjektives und innerliches ich nimmt sich die zeit. die es braucht um die zukunft zu erreichen. in der diese gedichte geschichte sind. und geschichte bleiben. während dieser vorliegende text. erst im jahre 2020 gelesen wird. denn als ich mich damit für das jahrbuch nummer 2 bei Conrady bewarb. hielt er es für einen schlechten witz. und empfahl mir die psychiatrie. mehr lob ist 1979 wohl kaum zu erwarten. der ritterschlag durch die hand eines königs. darf dich auch notfalls enthaupten. denn eines ist sicher: du wirst dadurch zum adligen engel. und hast einen platz im olymp der geköpften poeten schon vor deiner geburt. posthum verleihen sie dir dann den nobelpreis. und schon ist dein verdammtes leben als quotenschweizerin. eine runde sache zeitloser schönheit. wie ein klassisches uhrwerk ohne zeiger. mit wörtern über den zahlen: das NICHTS für die 1, das SEIN für die 2, das ALL für die 3, die ERDE für die 4, der GEIST für die 5 – und beim letzten atemzug der SINN für die 24. frohe weihnachten und einen guten rutsch!

(5.12.2020)

Vor 50 Jahren gestorben: Georg Maurer

Georg Maurer

(* 11. März 1907 in Reghin (Sächsisch Regen), Siebenbürgen, Königreich Ungarn; † 4. August 1971 in Potsdam)

Vor 50 Jahren, am 4. August 1971, starb der Dichter Georg Maurer. Sein letztes Gedicht schrieb er am 25. Juli 1971.

Spätes Aufwachen

Mir geht’s schlecht, schlecht geht’s mir.
Von diesem Lager erheb ich mich nicht mehr. Vor acht Wochen
da war ich noch ein Kerl. – Aber vor acht Wochen
sagtest du auch, du wärst vor acht Wochen ein Kerl gewesen
und du stürbst jetzt, wie heute. Was soll ich glauben?
Alles, was ich sage. Ich spaß nicht. – Ich hol den Arzt. –
Bist du wahnsinnig? Was soll mir ein Arzt? Die Augen
kannst du mir zudrücken. – Sieh mich mal an. –
Meine Lider sind wie Blei. Ich mag kein Licht sehn,
das ist es ja. Wahrhaftig, ich fürcht mich vorm Licht.
Ich könnt mich sterben sehn. Unerträglich. Ich wache lieber
mit geschlossenen Augen. Da kann ich mich konzentrieren.
Solang sich einer konzentriert, stirbt er nicht. –
Dann konzentrier dich. Ich mach währenddes das Essen. –
Aber wenn ich einschlafe und der Tod kommt?
Seit altersher waren sie Brüder und schieben sich gegenseitig
die Menschen zu. Infame Brüder. Richtige Verschwörer.
Ich will nicht schlafen. Dösen, ja! Da wird man wenigstens
nicht so überrascht. – Gut. Ich mach jetzt das Essen. –
Was gibt’s denn? – Blumenkohl! – Gut, aber gebacken
und mit Bröseln. Da ist wenigstens noch eine Hoffnung.
Und schau nach Post. – Aber du kannst ja die Augen nicht öffnen. –
Du liest mir vor. Vielleicht schreibt mir einer,
daß ich ein Kerl war. Da stirbt sich’s leichter. –
Du brauchst also keinen Blumenkohl mehr? – Was,
die eigne Frau läßt einen verhungern? O Welt, Welt!

Aus: Georg Maurer, Werke in zwei Bänden. Band 2. Halle, Leipzig: Mitteldeutscher Verlag, 1987, S. 491

Kafka was here

Veronique Homann

Auch Franz Kafka ist,
lange bevor er neben dem eigenen Vater
zur Unruhe gelegt,
auf der Insel Helgoland gewesen.

Geschrieben hat er dort
                       eine Postkarte.

 
Aus: Veronique Homann, Sid Wischi Waschi. Gedichte. Köln: parasitenpresse, 2021, S. 11