Dennoch schauen

Ágnes Nemes Nagy 

(* 3. Januar 1922 in Budapest; † 23. August 1991 ebenda) 

Dennoch schauen

Und dennoch schauen, schauen, sagte wer, sobald
der Rauchvorhang es zuläßt, in der spaltgroßen Pause
in diesem Augenblick zwischen dem Rauch, der Säure, dem
                                                              Ammoniak, den Angriffen,
schauen, weißt du, wie einen Tisch die Form auflösend
gleichzeitig schaun als Platte und Profil

Und tun, weißt du, tun, tun, ich tue unablässig
mein Körper macht Geschichte, macht Biologie
und reflektieren, weißt du, mir ist mein Kopf so merkwürdig,
                                       so unvollendbar
die Kugelform, ich weiß gar nicht, warum ich sie so mag,
Augapfel, Schädel, Erdkugel, derlei begrenzt Unendliches
doch diese sind zerrissene Kugeln, Kokosnüsse,
mit dem zerschlagnen Faserhaar der Sterblichkeit
                                       rings eingefaßt

Und schaun, von oben, unten, aus allerlei Winkeln
umtasten das Objekt mit etlichen Augen
mit ihnen die Kontur heraushaun, schlämmen, niederreißen
dieweil sie öffnen schließen öffnen sich in ungleichmäßigen
                                        Wellenschlägen
und auch heraus aus den Objekten selbst die langsam vielen
                                                     Blicke
der Höhlungen gewaltige Blicke unwahrnehmbar
in reglosen Seen und Steinen
herauspfeilend als splittrige Lichtzeichen

Wiewohl nichts, sagte wer, helfen diese verstreuten hunderttausend
                                                                       Augen
wiewohl nichts hilft der Biosphäre mich umrauschendes
                                          Palmwimpern-Aug,
spröde Äste der Zedern, Fächer Laubs
einiger Jahreszeiten Kratzer
                                                 Himmel Sonne um mich
                                                 ab und auf
schauen obwohls nicht hilft und dennoch schauen

Schaun, weißt du, schaun
wie eine, sagte wer, Narbe am Baum schaut.

Ágnes Nemes Nagy: Dennoch schauen. Gedichte. Nachgedichtet von Franz Fühmann. Leipzig: Insel, 1986 (IB 1068), S. 62f

Was ich hasse

Kasimir Edschmid 

(* 5. Oktober 1890 in Darmstadt; † 31. August 1966 in Vulpera, Engadin)

Aus: Zwei Gedichte des Mönchs von Montaudon
Aus dem Altprovenzalischen

I ENUEG
Ein Mann, der sein Weib liebt, fuchst mich,
Und sei sie die liebe Frau von Toulouse.
Das verachte ich: Kaplane, einen Mund, der
In Lügen sich abschleift und den bärtigen Mönch.
Pest über Habichte, die schon das andere
Ufer beschweben, Krüppel am Morgen weg
Und den Filou, der unser Banner hochträgt.
O du Sau, die meinem Pferd das Futter frißt!
Wie kann man,
Pfui! hartes Fleisch kauen und auf Würfel fluchen?
Und schlimm wie
Ein Hof ohne Violinen
Ist winters am Feuer liegen, wenn
Die Taverne gut riecht.
Oh, über den stürmigen Port
Und heut die unsaubere Hure!
Die hasse ich. Mehr noch jedoch
Den Jüngling, der seine Wade bespiegelt.
Und ein fettes Weib, das dürre Lenden hat.
Schlimm aber ist es, müde zu sein und nicht
Schlafen zu können.

Aus: Die Aktion 1914, Nr. 14, Sp. 303

Enueg (Enuig): eine Gattung der altprovenzalischen Poesie, die aus einer Aufzählung ärgerlicher Dinge besteht. Das Original zu dieser freien Nachdichtung ist um einiges länger.

Der Originaltext des Mönchs von Montaudon

(Um 1143 – 1210)

Fort m'enoja, si l'auzes dire,
Parliers quant es avols servire;
Et hom qu vol trop autr'aucire
M'enoja, e cavals que tire;
Et enoja·m, si Dieus m'ajut,
Ries hom quan trop porta escut
Quan sol u colp no·i a agut,
Capela e morgue barbut,
E lausengier bec esmolut.

Enoja me domn' envejosa
Quant es paubra et orgoillosa,
E marritz qu'ama trop sa sposa,
Neus s'era domna de Tolosa;
Et enoja·m de cavallier
For de son pais ufanier,
Quant en lo sieu non a mestîer
Mais sol de pestar en mortier
Pebre o de tastar sabrier.

Enoja mi d'autra maneira
Hom volpilz quan porta baneira,
Et avols austors en riveira,
E paucs manjars en gran caudeira,
Et enoja·m, per saint Marti,
Trop d'aiga en petit de vi;
E quan trob escassier mati
M'enoja, e d'orb atressi,
Car no m' azaut de lor cami.

Enoja·m longa tempradura,
E carns quant es mal coita e dura,
E prestre qui m en ni-s perjura,
E puta veilla, quan trop dura.
Et enoja·m, per saint Dalmatz,
D'avol home en trop gran solatz;
E corre quan per via a glatz
E fugir ab caval armatz
M'enoja, e·l maldirs de datz.

Et enoja·m, per vita eterna,
Manjar ses foc, quan fort iverna,
E jaser cum veilla calerna (?),
Quant ella flaira en la taverna.
Et enoja·m, car es de fer,
Avols hom qu'a bella moiller,
E per gelosia la fer,
E fai o be qui la enquer
E no lo lai per marit fer.

Enoja me per saint Salvaire,
En bona cort avols violaire,
Et en pauca terra trop fraire,
E a bon joc paubres prestaire.
Et enoja·m, per saint Marsel,
Doas penas en un mantel,
E trop parier en un castel,
E rics hom ab pauc de revel,
Et en tornei dard e quairel.

Enoja me, si Deus mo vailla,
Longa tabla ab bref toailla,
Et hom ab mas roinos, quan tailla,
Et ausbercs pesanz d'avol mailla;
Et enoja·m estar a port
Quan trop cor greu venz e plou fort;
E entre amies dezacort
Aquel enois m'es peiz de mort,
Quan sai que tenson a lor tort.

E dirai vos que fort me tira
Veilla gazais quan trops atira
E paubra soudadeir' aira,
E donzels qui sas cambas mira.
Et enoja·m, per saint Aon,
Dompna grassa ab magre con,
E seignoratz que trop mal ton;
Qui no pot dormir quant a son
Major enoi non a el mon.

Ancar i a mais que m'enoja:
Cavalcar ses capa ab ploja,
E quan trob ab mon caval troja
Oui sa manjadoira li voja.
Et enoja·m e no·m sap bo
De sella, quan crolon l'arço,
E fivella ses ardaillo,
E malvaitz hom dins sa maiso,
Car no di ni fai s'enoi no.

Avantgarde

Im September war der 700. Todestag Dantes, der 200. Geburtstag Norwids und der 100. Geburtstag des Berliner Surrealisten Johannes Hübner. Von dem hier ein Gedicht aus dem „surrealistischen Ziegelstein“.

Johannes Hübner 

(* 27. September 1921 in Berlin; † 11. März 1977 ebenda) 

Avantgarde
                                     »Mut zum Wagnis und die Befähigung
                                     zur Passion« (L. Klünner)


Die Feigen haben an jedem Finger
einen Brillanten Vergangenheit
sie haben die schweren Füße von Erben
und keine Flügel

ihre Schlösser prunken mit steinerner Sicherheit
ihre Türme wachsen im Schutz der Gebirge
unterhalb der Orkane und großen Gewitter
unterhalb der Sonne

wir aber haben die Hände von allen Geländern
losgerissen ohne des Schmerzes zu achten
ohne der Angst zu achten die hängen blieb
wir lehnen das Herz weit aus den Booten
und schicken die Augen dem Wind voraus
mitten ins Unsichtbare

Aus: Das surrealistische Gedicht. Hrsg. Heribert Becker, Édouard Jaguer u. Petr Král. 3., korr. u. erw. Aufl. Frankfurt/Main: Zweitausendeins, 2000, S. 1552.

Seit jeher offen für die Literatur Frankreichs, namentlich für die Poesie, Kunst und Denkweise des Surrealismus, bildete Hübner in Berlin zusammen mit Klünner, Uhlmann und Richard Anders lange Zeit eine prosurrealistische Interessengemeinschaft ohne Gruppencharakter im engeren Sinne, die außerordentlich viel zur Verbreitung des surrealistischen Gedankenguts im deutschsprachigen Raum beigetragen hat.

Auf den Tod der Poesie

Vor 200 Jahren, am 24. September 1821, wurde Cyprian Norwid geboren.

Cyprian Kamil Norwid

(* 24. September 1821 in Laskowo-Głuchy, Masowien; † 23. Mai 1883 in Paris)

AUF DEN TOD DER POESIE (ELEGIE)

Sie ist nun tot! ... gibt es schlimmere Tode?
Und wie die hübsche Person begraben?
Sie starb an den Folgen schwerer Krankheit,
Die da heißt: Manuskripte und Honorar.
Du erinnerst dich gut an die schreckliche Stunde,
Als ich versonnen an ihrem Lager stand,
Mit großer Träne im Aug', und suchte, ob das.
Was im Sterben hier lag, Geist oder Leib war?

Sie aber (die Poesie), hob ihren bleichen
Arm zum Fenster, wies mich an,
Das Licht zu dämpfen, das ihr ein Lächeln vorlügt,
Ihr schien der Lenz in die Augen zu spotten.
Ich weiß nicht, bemerkt’ ich die Wunde, das Zeichen
Unterm Schatten der linken Brust, als sie zuckte? ...
Oh, ich war traurig, wie seither nie mehr,
Denn ich.hab meinen Friedhof hier, pflücke Blumen darauf.

Tot ist sie also (die Poesie), die große
Vermittlerin zweier konträrer Gebiete –
Der Ozean Brunst, und das Tröpfchen Tau –
Diese Monarchin und Handwerkerin –
Sehr exklusiv und zugleich allerwelts,
Großer Blitzstrahl und friedliche Täubin ...
Und nun sind die, deren Handwerk begraben
Heißt, da, die Erhabene mit Sand zuzuschütten!

Seither geh’ ich in der großen Kirche des Schweigens
Über den glatten Boden dahin,
Berühr’ aber nie ihr Grab ... vielmehr tret’ ich
Gerne denen aufs Werk, die den Friedhof mit Sand eingeebnet,
Bis sich besinnen die Gedankenvernichter,
Und beruf einen Blitz, daß er krachend einschlägt,
Wissend, daß Feuer für Leute ohne Feuer,
Vielleicht im Kiesel schläft, aber im Himmel erwacht.

Aus: Poesiealbum 305: Cyprian Norwid. Auswahl von Rolf Fieguth. Wilhelmshorst: Märkischer Verlag, 2013, S. 26

NA ZGON POEZJI
(ELEGIA)
 
Ona umarła!... są-ż smutniejsze zgony?
I jak pogrzebać tę śliczną osobę?
Umarła ona na ciężką chorobę,
Która się zowie: pieniądz i bruliony.
Pamiętasz dobrze oną straszną dobę,
Gdy przed jej łożem stałem zamyślony,
Łzę mając wielką w oku, co szukało,
Czy to, co gaśnie, jest duch albo ciało?

Ona zaś (mówię: Poezja), swe ramię
Blade ku oknu niosąc, znak mi dała,
Bym światło przyćmił, bo uśmiechy kłamie,
Jakby jej w oczy wiosna urągała.
Nie wiem, czy ranę dostrzegłem, czy znamię,
Pod lewej piersi cieniem, gdy zadrżała?...
O, byłem smętny, jak odtąd nie bywam,
Gdy mam już cmentarz i na nim kwiat zrywam.

Umarła ona (Poezja), ta wielka
Niepojednanych dwóch sfer pośrednica,
Ocean chuci i rosy kropelka,
Ta monarchini i ta wyrobnica -
Zarazem wielce wyłączna i wszelka,
Ta błyskawica i ta gołębica...
Gdy ci, co grzebać mają za rzemiosło,
Idą już piaskiem zasypywać wzniosłą!

Odtąd w przestronnym milczenia kościele,
Po brukowaniu się przechodząc płaskiem,
Nie jej ja depcę grób... lecz po tych dziele
Stąpam, co cmentarz wyrównali piaskiem.
Aż się zamyślą myśli niszczyciele,
I grom zawołam, by uderzał z trzaskiem,
Wiedząc, iż ogień dla bez ognia ludzi,
Choćby w krzemieniach spał, w niebie się zbudzi

Ivry, 1877

Slawen in London, Paris, Lissabon

František Listopad

(* 26. November 1921 in Prag; † 1. Oktober 2017 in Lissabon) 

Ivan Blatný gewidmet

Slawen in London, Paris, in Lissabon, 
genauer gesagt, die Tschechen, 
nur ein Tscheche spricht tschechisch zu Tschechen 
Pozor! At'! Bud'si!

Ivan Blatný ist sechzig 
aber ich kenne ihn nur aus Brünn 
Ein zwanzigjähriges Reh 
aus Angst scheu 
du Angst du gemeine 
lyrisch ein Leben lang 
aber jetzt in schwarzes Glas gesperrt undurchlässig

Aber 
in London, Paris und in Prag 
wird wieder Heiterkeit sein.
Ich sehe, was ich sehe, 
den Dekalog zerrissen.
Was ich nicht seh, seh ich, 
die tschechische Sprache nie rostend, 
die tschechische Sprache filigran

Deutsch von Peter Demetz, aus: Der Herrgott schuldet mir ein Mädchen. Tschechische Lyrik des 20. Jahrhunderts. Hrsg. Ladislav Nezdařil und Peter Demetz. München, Zürich: Piper, 1994, S. 50

Nur wer allein schläft

Die Dichterin Takashina Kishi (auch Kō no naishi, „Aufwärterin der Familie Takashina“ und Gidōsanshi no haha, „Mutter des stellvertretenden Ministers“) starb vor 1025 Jahren, im Oktober des Jahres 996. Sie ist eine der 36 unsterblichen Frauen der altjapanischen Dichtung.

Das folgende Gedicht schrieb sie, als ihr Ehemann, der Regent Fujiwara no Michitaka, ihr eine Botschaft schickte: „Die letzte Nacht war nur schwer zu ertragen…“. Ihre Antwort ist scharf und sarkastisch und deutet an, dass er die Nacht bei einer anderen Frau verbracht habe.

hitori nuru 
hito ya shiruran 
aki no yo o 
nagashi to tare ka 
(kimi ni usugetsuru)

Nur wer allein schläft, 
weiß, wie endlos die Herbstnacht. 
Sag, wer hat es dir 
erzählt? Denn du weißt doch, wie 
endlos eine Herbstnacht ist.
In der Handschrift fehlt versehentlich die letzte Zeile.

Aus: Sechsunddreißig Dichterinnen des Alten Japan. Höfische Dichtkunst der Heian- und Kamakura-Periode 9.-13. Jahrhundert. Einführung, Kommentare und Übersetzungen von Andrew J. Pekarik. Köln: DuMont, 1992, Bogen 16 L (Übersetzt aus dem Japanischen und Englischen von Peter Pörtner)

Gleich geworden

Rumi

(Dschalāl ad-Dīn Muhammad Rūmī, geboren am 30. September 1207 in Balch, heute in Afghanistan, oder Wachsch bei Qurghonteppa, heute in Tadschikistan; gestorben am 17. Dezember 1273 in Konya, Türkei)

16.

Das spröde Erz ist weich geworden, 
  Weich unter deinem Streich geworden. 
Du hast es ihm nicht fehlen lassen
  An Streichen, bis es weich geworden. 
Das starre Herz war arm voll Hochmut,
  Und ist in Demut reich geworden. 
Du gossest Ström' auf dürre Wüsten,
  Sie sind ein Gartenteich geworden. 
Das Reich der Welt ging in dir unter,
  Und ist zum Himmelreich geworden. 
Der Liebende ward zum Geliebten,
  Der Jünger ist zum Scheich geworden. 
Wir waren ungleich an Begierden
  Und sind in Liebe gleich geworden.

Aus: Friedrich Rückert, Aus den Ghaselen des Mewlana Dschelaleddin Rumi

Preisgetichte

Das brandneue Heft von Urs Engelers „Mütze“ mit Gedichten von Bertram Reinecke, Konstantin Ames, Hannes Bajohr, Thorsten Krämer, Christian Steinbacher und Christian Filips sowie weiteren Dichtern aus Schweden, Albanien und Polen.

Als Probe hier eins von zwei Preisgetichten von Bertram Reinecke, noch ein Beitrag zum 400. Jubiläum der Sibylla Schwarz.

Preisgetichte auf der verständigen und tugendhaften Jungfrauen Sibylla Schwarzen fruchtbar fortzeugendes Wercke

Es muß doch jede Kunst einst mit der Zeit vergehen
Eß sey nuhr Gauckel=werk / eß sey ein bloßer Tant 
So sagt der Aberwitz, so schliesset der Verstand 
Was andern schon vorher auf gleiche Art geschehen.

Die aber bleibt auch noch in Ewigkeit bestehen, 
Verehrt man ihre Kraft – da wird sie erst bekannt: 
Dann haben wir das Spiel in unsrer klugen Hand, 
Daß man die Herrlichkeit aufs beste kan ersehen.

Und was sie sich gebaut, durch Fleiß erhalten hat 
Die innerliche Lust / die lieblichen Geberden / 
Die Finster Nacht bescheint mit neugespanten Pferden ...

... was Wunder wenn ich es mit Freuden auffgenommen 
Ich nahm es mit zu Bett, du sollst es nun bekommen. 
Umsonst ernehret sich / kein Würmgen in der Saat /


Ziegler „Lob der Musik“ in „Versuch in gebundener Schreib-Art“, S. 216 / Schwarz: „Anbindbrief“ in „Deutsche Poetische Gedichte“, 2 Eiijb / Zäunemann: „Vorrede vor den curiösen und immerwährenden Astronomisch-Meterologisch-Oeconomischen Frauenzimmer-Reise- und Hand-Calender, so Hr. Funcke ediret“ in „Poetische Rosen in Knospen“, S. 593 / Zäunemann: „ln anderer Namen“ in „Poetische Rosen in Knospen“, S. 183 // Ziegler „Lob der Musik“ in „Versuch in gebundener Schreib-Art“, S. 216 / Neuber: „Antritts-Rede, gehalten zu Leipzig in der Ostermesse 1734“ in „Bitt- und Glückwunschgedichte“, S. 45 / Neuber „Ein Deutsches Vorspiel“, S. 8 / Zäunemann: „Auf das Absterben Ihro Hochwürden Hn. Doctor Reinhards, Herzoglich-Weißenfelsis. Ober-Hofpredigers, Ober-Kirchen- und ConsistorialRaths, und General-Superintendentens, den 1. Jenner 1732“ in „Poetische Rosen in Knospen“, S. 158 // Neuber: „Ein Deutsches Vorspiel“, S. 17 / Schwarz: „An Christina Maria von Seebach / etc. Weiland / etc. Herrn Alexanders von Forbusch / etc. Obersten / etc. Hertzgeliebte Gemahlin / als die traurige Zeitung kam: dieser jhr Liebster sey gestorben“ in „Deutsche Poetische Gedichte“, 1 Kiijb / Schwarz: „Lob der Verständigen und Tugendsamen Frauen / verdeutschet auß dem Niederländischen“ in „Deutsche Poetische Gedichte“, 1 Hiij // Ziegler: Antworts-Schreiben“ in „Versuch in gebundener Schreib-Art“, S. 147 / Neuber: „Das Schäferfest oder die Herbstfreude“, S. 125 / Neuber „Die von der Weisheit wider die Unwissenheit beschützte Schauspielkunst“, S. 21

In: Mütze #31, S. 1567

Lob der Frauen

Von Schiller

Würde der Frauen

 Ehret die Frauen! Sie flechten und weben
 Himmlische Rosen ins irdische Leben, 
Flechten der Liebe beglückendes Band,
 Und in der Grazie züchtigem Schleier
 Nähren sie wachsam das ewige Feuer
 Schöner Gefühle mit heiliger Hand.
 
Ewig aus der Wahrheit Schranken
 Schweift des Mannes wilde Kraft;
 Unstet treiben die Gedanken
 Auf dem Meer der Leidenschaft;
 Gierig greift er in die Ferne,
 Nimmer wird sein Herz gestillt;
 Rastlos durch entlegne Sterne
 Jagt er seines Traumes Bild.
 
Aber mit zauberisch fesselndem Blicke 
Winken die Frauen den Flüchtling zurücke,
 Warnend zurück in der Gegenwart Spur. 
In der Mutter bescheidener Hütte
 Sind sie geblieben mit schamhafter Sitte,
 Treue Töchter der frommen Natur.
 
Feindlich ist des Mannes Streben,
 Mit zermalmender Gewalt
 Geht der wilde durch das Leben,
 Ohne Rast und Aufenthalt.
 Was er schuf, zerstört er wieder, 
Nimmer ruht der Wünsche Streit,
 Nimmer, wie das Haupt der Hyder
 Ewig fällt und sich erneut. Usw.



Nach Schiller

August Wilhelm Schlegel (1767-1845)

Schillers Lob der Frauen (Parodie)

Ehret die Frauen! Sie stricken die Strümpfe,
Wollig und warm, zu durchwaten die Sümpfe,
Flicken zerrissene Pantalons aus;
Kochen dem Manne die kräftigen Suppen,
Putzen den Kindern die niedlichen Puppen,
Halten mit mäßigem Wochengeld Haus.
   Doch der Mann, der tölpelhafte
   Find't am Zarten nicht Geschmack.  
   Zum gegornen Gerstensafte
   Raucht er immerfort Tabak;
   Brummt, wie Bären an der Kette,
   Knufft die Kinder spat und fruh;
   Und dem Weibchen, nachts im Bette,
   Kehrt er gleich den Rücken zu. u.s.w.

Entwurf zu einer Skaldensaga

Halldór Laxness Halldórsson

Idee zu einer Skaldensaga #1

Ein Zahnarzt, frisch geschieden, wohnhaft in den Vororten, fahrt heim nach Húsavík, um dort einem Wal, den es an Land geschwemmt hatte, die Zähne zu richten. Das Tier ist noch am Leben, die Zahnbehandlungen finden statt im Pool einer jungen hübschen Unternehmerin aus der Stadt. Bald darauf werden Wal und Zahnarzt, im Rahmen der Zahnbehandlung, beste Freunde. Zahnarzt nimmt Unternehmerin zur Frau. Frau lässt Zahnarzt sitzen, für einen Architekten aus Schweden. Da wird der Zahnarzt irre, würgt den Wal. So ist es halt, das Leben.

Aus: Halldór Laxness Halldórsson: Ich bin ein Bauer und mein Feld brennt. Aus dem Isländischen im Zustand vulkanischer Trance übersetzt von Christian Filips. roughbook 040, Reykjavik, Schupfart, August 2016, S. 7.

Die Nächte explodieren in den Städten

Tod einer Generation. Am 25. September 1914 „fiel“ Alfred Lichtenstein, am 26. September Ernst Wilhelm Lotz.

(* 6. Februar 1890 Culm an der Weichsel, Westpreußen; † 26. September 1914 bei Bouconville, Frankreich)

Die Nächte explodieren in den Städten, 
Wir sind zerfetzt vom wilden, heißen Licht, 
Und unsre Nerven flattern, irre Fäden, 
Im Pflasterwind, der aus den Rädern bricht.

In Kaffeehäusern brannten jähe Stimmen 
Auf unsre Stirn und heizten jung das Blut.
Wir flammten schon. Und suchten leise zu verglimmen, 
Weil wir noch furchtsam sind von eigner Glut.

Wir schweben müßig durch die Tageszeiten, 
An hellen Ecken sprechen wir die Mädchen an. 
Wir fühlen noch zuviel die greisen Köstlichkeiten 
Der Liebe, die man leicht bezahlen kann.

Wir haben uns dem Tode übergeben 
Und treiben, arglos spielend vor dem Wind. 
Wir sind sehr sicher, dorthin zu entschweben, 
Wo man uns braucht, wenn wir geworden sind.

Aus: Ernst Wilhelm Lotz, Wolkenüberflaggt. Sechsunddreißigster Band der Bücherei Der jüngste Tag. Leipzig: Kurt Wolff, 1917

Man hat mich glücklich eingesperrt

Alfred Lichtenstein

(* 23. August 1889 in Wilmersdorf; † 25. September 1914 bei Vermandovillers, Département Somme, Frankreich) 

Man hat mich glücklich eingesperrt,
Dran ist mir nichts gelegen,
Und für total verrückt erklärt
Des Dichtens nämlich wegen.

Denn erstens dicht' ich unerlaubt,
Grob und unmanierlich.
Und zweitens dicht' ich überhaupt
Und drittens zu natürlich.

Und viertens dicht' ich viel zu viel
Und viel zu atheistisch.
Und fünftens sei mein ganzer Stil
Sozusagen mystisch.

Und sechstens sei die Poesie
Von mir durchaus entbehrlich.
Und endlich sei ich ein Genie
Und auch noch sonst gefährlich.

Und achtens sei ich nicht von hier
Und fürchterlich versoffen.
Und deshalb, neuntens, stände mir
Die Gummizelle offen.

Das Urteil ließ mich völlig kalt.
Was sollt' mir denn passieren?
Ganz nett ist dort der Aufenthalt.
Man kann sich konzentrieren.

Die Gummizelle hat Kultur,
Das läßt sich nicht verhehlen.
Was mich betrifft – ich kann sie nur
Zum Dichten sehr empfehlen.

Rein kommt man doch, 's fragt sich nur wann.
Doch eins ist zu beklagen:
Der alte Zellenwärter kann
Das Reimen nicht vertragen.

Denn fange ich zu reimen an,
Dann wird er ungemütlich
Und ruft empört, der alte Mann:
»Nun sein Sie doch bloß friedlich!«

Drum schreib ich Ungereimtes meist
In der Gummizelle
Und was ich sonst mir etwas dreist
Von der Seele pelle.

Auch diese Verse tat ich da
Mir aus der Seele lutschen.
Wem's nicht behagt, der kann mir ja
Den Buckel runterrutschen.

Aus: Alfred Lichtenstein: Gesammelte Gedichte. Zürich: Arche, 1962, S. 13f

Ob Li Po ein Säufer war

Yi Chŏng-Bo

(um 1721 – 1741)

Ich ließ dem Knaben mein Gewand, 
der Wirt empfange es als Pfand! 
Schick einen Blick zum Himmel hin, 
den Mond zu fragen, ob Li Po, 
der Hochberühmte, jemals so 
ein Säufer war, wie ich es bin.
Kranich am Meer. Koreanische Gedichte. Hrsg. Peter H. Lee. München: Heyne 1987 (Heyne Lyrik Nr. 29/57, S. 77

Anm.: Li Po (Li Bai), bedeutender chinesischer Dichter der Tang-Zeit. Beides, Mond und Trunkenheit, kommt in seinen Gedichten oft vor, einzeln oder zusammen. In einem trinkt der einsame Dichter mit dem Mond und seinem eigenen Schatten.

mehr Li Bai hier https://lyrikzeitung.com/tag/li-bai/

Was vermögen die Frauen

Jaroslav Seifert

(* 23. September 1901 in Prag; † 10. Januar 1986 ebenda)

Ihr fragt, was vermögen die Frauen?

Ihr fragt, was vermögen die Frauen?
Offenbar alles.

Legt jemand drei Strohhalme
über den Abgrund,
gehen sie leichten Fußes darüber.
Ich kann nicht erklären, wieso,
aber bedenkt,
ihre Füße erfanden den Tanz!

In freien Momenten
häkeln sie für den schwarzen Wald
die grünen Blätter des Farns.
Doch wenn sie nachts in den Wald geraten,
löschen sie mutig der Irrlichter Flämmchen,
damit sich der Wanderer auch in den Sümpfen
nicht ängstigen muß.

Sie rieten auch den verschämten Blumen,
mit traulichem Duft  
ihre Kelche zu füllen.
Aber wie Schwerter benutzen sie selbst
                                   die Düfte,
die noch gefährlicher sind,
als der Tropen gift’ge Skorpione.

Doch was man am meisten bewundern muß:
Sie schufen die weiblichen Brüste,
die herrlich sind
wie die Schlösser der Loire.
Vielleicht sogar herrlicher noch.
Und gleichzeitig können sie ihrem Kind
ein süßes Wiegenlied singen.
Und das wird geboren
                                genau neun Monde
nach ihrem Lied.

Und wollen sie sich verlieben,
dann flechten sie Fesseln, woraus auch immer,
und sei’s aus Altweibersommer.
Und ziehn sie so fest,
daß es blutet.
Doch sie vermögen zugleich mit bloßen Händen
ein drohendes Leck in der Liebe zu stopfen,
die schon dem Untergang nahe ist.

Aber sie können noch viele andere Dinge.
Sie schläfern mit einer Liebkosung die Leidenschaft ein,
wie einen ungebärdigen schreienden Säugling,
die schlafende Leidenschaft wiederum küssen sie wach.
Im Grund ist das gar nicht so schwer!

Lediglich aus ihrem Atem
können sie Vorhänge weben,
sie raffen sie leicht und lassen sie fallen,
damit man von gegenüber nichts sehen kann,
denn sie legen gerade die Kleider ab,
um sich langsam
mit ihrer Nacktheit zu schmücken,
die mit keiner Abendrobe von Dior
vergleichbar ist,
und sei sie mit goldenem Flitter besetzt.

Und was vermögen die Männer?
So sehr viel nicht.

Sie haben den Krieg erfunden,
die Not, die Verzweiflung, den Schrei der Verwundeten.
Sie können Kanonen gießen,
Städte in Trümmer legen
und erbärmlichen Männermut
dabei beweisen.

Sie erfanden die Tankstellen
und die Emanzipation der Frauen.

Und zum Dank für die Küsse in Frauenarmen
konstruierten sie einen Spezialstuhl,
damit die Frau
noch im letzten Schwangerschaftsmonat
an der Maschine arbeiten kann.

So ist das.
Das ist alles. Lebt wohl, macht’s gut.

Ihr wolltet eine Arie von mir,
hier ist sie!

1967
Deutsch von Annemarie Bostroem

Aus: Jaroslav Seifert, Wermut der Worte. Gedichte. Hrsg. Karl-Heinz Jähn. Berlin: Volk und Welt, 1985, S. 95-97

Der sogenannte Herr Fröhlich

Herta Müller

Aus: Herta Müller: Der Beamte sagte. Erzählung. München: Hanser, 2021, S. 19