Rumi
(Dschalāl ad-Dīn Muhammad Rūmī, geboren am 30. September 1207 in Balch, heute in Afghanistan, oder Wachsch bei Qurghonteppa, heute in Tadschikistan; gestorben am 17. Dezember 1273 in Konya, Türkei)
16. Das spröde Erz ist weich geworden, Weich unter deinem Streich geworden. Du hast es ihm nicht fehlen lassen An Streichen, bis es weich geworden. Das starre Herz war arm voll Hochmut, Und ist in Demut reich geworden. Du gossest Ström' auf dürre Wüsten, Sie sind ein Gartenteich geworden. Das Reich der Welt ging in dir unter, Und ist zum Himmelreich geworden. Der Liebende ward zum Geliebten, Der Jünger ist zum Scheich geworden. Wir waren ungleich an Begierden Und sind in Liebe gleich geworden.
Aus: Friedrich Rückert, Aus den Ghaselen des Mewlana Dschelaleddin Rumi
Das brandneue Heft von Urs Engelers „Mütze“ mit Gedichten von Bertram Reinecke, Konstantin Ames, Hannes Bajohr, Thorsten Krämer, Christian Steinbacher und Christian Filips sowie weiteren Dichtern aus Schweden, Albanien und Polen.
Als Probe hier eins von zwei Preisgetichten von Bertram Reinecke, noch ein Beitrag zum 400. Jubiläum der Sibylla Schwarz.
Preisgetichte auf der verständigen und tugendhaften Jungfrauen Sibylla Schwarzen fruchtbar fortzeugendes Wercke Es muß doch jede Kunst einst mit der Zeit vergehen Eß sey nuhr Gauckel=werk / eß sey ein bloßer Tant So sagt der Aberwitz, so schliesset der Verstand Was andern schon vorher auf gleiche Art geschehen. Die aber bleibt auch noch in Ewigkeit bestehen, Verehrt man ihre Kraft – da wird sie erst bekannt: Dann haben wir das Spiel in unsrer klugen Hand, Daß man die Herrlichkeit aufs beste kan ersehen. Und was sie sich gebaut, durch Fleiß erhalten hat Die innerliche Lust / die lieblichen Geberden / Die Finster Nacht bescheint mit neugespanten Pferden ... ... was Wunder wenn ich es mit Freuden auffgenommen Ich nahm es mit zu Bett, du sollst es nun bekommen. Umsonst ernehret sich / kein Würmgen in der Saat /
Ziegler „Lob der Musik“ in „Versuch in gebundener Schreib-Art“, S. 216 / Schwarz: „Anbindbrief“ in „Deutsche Poetische Gedichte“, 2 Eiijb / Zäunemann: „Vorrede vor den curiösen und immerwährenden Astronomisch-Meterologisch-Oeconomischen Frauenzimmer-Reise- und Hand-Calender, so Hr. Funcke ediret“ in „Poetische Rosen in Knospen“, S. 593 / Zäunemann: „ln anderer Namen“ in „Poetische Rosen in Knospen“, S. 183 // Ziegler „Lob der Musik“ in „Versuch in gebundener Schreib-Art“, S. 216 / Neuber: „Antritts-Rede, gehalten zu Leipzig in der Ostermesse 1734“ in „Bitt- und Glückwunschgedichte“, S. 45 / Neuber „Ein Deutsches Vorspiel“, S. 8 / Zäunemann: „Auf das Absterben Ihro Hochwürden Hn. Doctor Reinhards, Herzoglich-Weißenfelsis. Ober-Hofpredigers, Ober-Kirchen- und ConsistorialRaths, und General-Superintendentens, den 1. Jenner 1732“ in „Poetische Rosen in Knospen“, S. 158 // Neuber: „Ein Deutsches Vorspiel“, S. 17 / Schwarz: „An Christina Maria von Seebach / etc. Weiland / etc. Herrn Alexanders von Forbusch / etc. Obersten / etc. Hertzgeliebte Gemahlin / als die traurige Zeitung kam: dieser jhr Liebster sey gestorben“ in „Deutsche Poetische Gedichte“, 1 Kiijb / Schwarz: „Lob der Verständigen und Tugendsamen Frauen / verdeutschet auß dem Niederländischen“ in „Deutsche Poetische Gedichte“, 1 Hiij // Ziegler: Antworts-Schreiben“ in „Versuch in gebundener Schreib-Art“, S. 147 / Neuber: „Das Schäferfest oder die Herbstfreude“, S. 125 / Neuber „Die von der Weisheit wider die Unwissenheit beschützte Schauspielkunst“, S. 21
In: Mütze #31, S. 1567
Von Schiller
Würde der Frauen
Ehret die Frauen! Sie flechten und weben
Himmlische Rosen ins irdische Leben,
Flechten der Liebe beglückendes Band,
Und in der Grazie züchtigem Schleier
Nähren sie wachsam das ewige Feuer
Schöner Gefühle mit heiliger Hand.
Ewig aus der Wahrheit Schranken
Schweift des Mannes wilde Kraft;
Unstet treiben die Gedanken
Auf dem Meer der Leidenschaft;
Gierig greift er in die Ferne,
Nimmer wird sein Herz gestillt;
Rastlos durch entlegne Sterne
Jagt er seines Traumes Bild.
Aber mit zauberisch fesselndem Blicke
Winken die Frauen den Flüchtling zurücke,
Warnend zurück in der Gegenwart Spur.
In der Mutter bescheidener Hütte
Sind sie geblieben mit schamhafter Sitte,
Treue Töchter der frommen Natur.
Feindlich ist des Mannes Streben,
Mit zermalmender Gewalt
Geht der wilde durch das Leben,
Ohne Rast und Aufenthalt.
Was er schuf, zerstört er wieder,
Nimmer ruht der Wünsche Streit,
Nimmer, wie das Haupt der Hyder
Ewig fällt und sich erneut. Usw.
Nach Schiller
August Wilhelm Schlegel (1767-1845) Schillers Lob der Frauen (Parodie) Ehret die Frauen! Sie stricken die Strümpfe, Wollig und warm, zu durchwaten die Sümpfe, Flicken zerrissene Pantalons aus; Kochen dem Manne die kräftigen Suppen, Putzen den Kindern die niedlichen Puppen, Halten mit mäßigem Wochengeld Haus. Doch der Mann, der tölpelhafte Find't am Zarten nicht Geschmack. Zum gegornen Gerstensafte Raucht er immerfort Tabak; Brummt, wie Bären an der Kette, Knufft die Kinder spat und fruh; Und dem Weibchen, nachts im Bette, Kehrt er gleich den Rücken zu. u.s.w.
Halldór Laxness Halldórsson
Idee zu einer Skaldensaga #1 Ein Zahnarzt, frisch geschieden, wohnhaft in den Vororten, fahrt heim nach Húsavík, um dort einem Wal, den es an Land geschwemmt hatte, die Zähne zu richten. Das Tier ist noch am Leben, die Zahnbehandlungen finden statt im Pool einer jungen hübschen Unternehmerin aus der Stadt. Bald darauf werden Wal und Zahnarzt, im Rahmen der Zahnbehandlung, beste Freunde. Zahnarzt nimmt Unternehmerin zur Frau. Frau lässt Zahnarzt sitzen, für einen Architekten aus Schweden. Da wird der Zahnarzt irre, würgt den Wal. So ist es halt, das Leben.

Aus: Halldór Laxness Halldórsson: Ich bin ein Bauer und mein Feld brennt. Aus dem Isländischen im Zustand vulkanischer Trance übersetzt von Christian Filips. roughbook 040, Reykjavik, Schupfart, August 2016, S. 7.
Tod einer Generation. Am 25. September 1914 „fiel“ Alfred Lichtenstein, am 26. September Ernst Wilhelm Lotz.
(* 6. Februar 1890 Culm an der Weichsel, Westpreußen; † 26. September 1914 bei Bouconville, Frankreich)
Die Nächte explodieren in den Städten, Wir sind zerfetzt vom wilden, heißen Licht, Und unsre Nerven flattern, irre Fäden, Im Pflasterwind, der aus den Rädern bricht. In Kaffeehäusern brannten jähe Stimmen Auf unsre Stirn und heizten jung das Blut. Wir flammten schon. Und suchten leise zu verglimmen, Weil wir noch furchtsam sind von eigner Glut. Wir schweben müßig durch die Tageszeiten, An hellen Ecken sprechen wir die Mädchen an. Wir fühlen noch zuviel die greisen Köstlichkeiten Der Liebe, die man leicht bezahlen kann. Wir haben uns dem Tode übergeben Und treiben, arglos spielend vor dem Wind. Wir sind sehr sicher, dorthin zu entschweben, Wo man uns braucht, wenn wir geworden sind.
Aus: Ernst Wilhelm Lotz, Wolkenüberflaggt. Sechsunddreißigster Band der Bücherei Der jüngste Tag. Leipzig: Kurt Wolff, 1917
Alfred Lichtenstein
(* 23. August 1889 in Wilmersdorf; † 25. September 1914 bei Vermandovillers, Département Somme, Frankreich)
Man hat mich glücklich eingesperrt, Dran ist mir nichts gelegen, Und für total verrückt erklärt Des Dichtens nämlich wegen. Denn erstens dicht' ich unerlaubt, Grob und unmanierlich. Und zweitens dicht' ich überhaupt Und drittens zu natürlich. Und viertens dicht' ich viel zu viel Und viel zu atheistisch. Und fünftens sei mein ganzer Stil Sozusagen mystisch. Und sechstens sei die Poesie Von mir durchaus entbehrlich. Und endlich sei ich ein Genie Und auch noch sonst gefährlich. Und achtens sei ich nicht von hier Und fürchterlich versoffen. Und deshalb, neuntens, stände mir Die Gummizelle offen. Das Urteil ließ mich völlig kalt. Was sollt' mir denn passieren? Ganz nett ist dort der Aufenthalt. Man kann sich konzentrieren. Die Gummizelle hat Kultur, Das läßt sich nicht verhehlen. Was mich betrifft – ich kann sie nur Zum Dichten sehr empfehlen. Rein kommt man doch, 's fragt sich nur wann. Doch eins ist zu beklagen: Der alte Zellenwärter kann Das Reimen nicht vertragen. Denn fange ich zu reimen an, Dann wird er ungemütlich Und ruft empört, der alte Mann: »Nun sein Sie doch bloß friedlich!« Drum schreib ich Ungereimtes meist In der Gummizelle Und was ich sonst mir etwas dreist Von der Seele pelle. Auch diese Verse tat ich da Mir aus der Seele lutschen. Wem's nicht behagt, der kann mir ja Den Buckel runterrutschen.
Aus: Alfred Lichtenstein: Gesammelte Gedichte. Zürich: Arche, 1962, S. 13f

Yi Chŏng-Bo
(um 1721 – 1741)
Ich ließ dem Knaben mein Gewand, der Wirt empfange es als Pfand! Schick einen Blick zum Himmel hin, den Mond zu fragen, ob Li Po, der Hochberühmte, jemals so ein Säufer war, wie ich es bin.

Anm.: Li Po (Li Bai), bedeutender chinesischer Dichter der Tang-Zeit. Beides, Mond und Trunkenheit, kommt in seinen Gedichten oft vor, einzeln oder zusammen. In einem trinkt der einsame Dichter mit dem Mond und seinem eigenen Schatten.
mehr Li Bai hier https://lyrikzeitung.com/tag/li-bai/
Jaroslav Seifert
(* 23. September 1901 in Prag; † 10. Januar 1986 ebenda)
Ihr fragt, was vermögen die Frauen?
Ihr fragt, was vermögen die Frauen?
Offenbar alles.
Legt jemand drei Strohhalme
über den Abgrund,
gehen sie leichten Fußes darüber.
Ich kann nicht erklären, wieso,
aber bedenkt,
ihre Füße erfanden den Tanz!
In freien Momenten
häkeln sie für den schwarzen Wald
die grünen Blätter des Farns.
Doch wenn sie nachts in den Wald geraten,
löschen sie mutig der Irrlichter Flämmchen,
damit sich der Wanderer auch in den Sümpfen
nicht ängstigen muß.
Sie rieten auch den verschämten Blumen,
mit traulichem Duft
ihre Kelche zu füllen.
Aber wie Schwerter benutzen sie selbst
die Düfte,
die noch gefährlicher sind,
als der Tropen gift’ge Skorpione.
Doch was man am meisten bewundern muß:
Sie schufen die weiblichen Brüste,
die herrlich sind
wie die Schlösser der Loire.
Vielleicht sogar herrlicher noch.
Und gleichzeitig können sie ihrem Kind
ein süßes Wiegenlied singen.
Und das wird geboren
genau neun Monde
nach ihrem Lied.
Und wollen sie sich verlieben,
dann flechten sie Fesseln, woraus auch immer,
und sei’s aus Altweibersommer.
Und ziehn sie so fest,
daß es blutet.
Doch sie vermögen zugleich mit bloßen Händen
ein drohendes Leck in der Liebe zu stopfen,
die schon dem Untergang nahe ist.
Aber sie können noch viele andere Dinge.
Sie schläfern mit einer Liebkosung die Leidenschaft ein,
wie einen ungebärdigen schreienden Säugling,
die schlafende Leidenschaft wiederum küssen sie wach.
Im Grund ist das gar nicht so schwer!
Lediglich aus ihrem Atem
können sie Vorhänge weben,
sie raffen sie leicht und lassen sie fallen,
damit man von gegenüber nichts sehen kann,
denn sie legen gerade die Kleider ab,
um sich langsam
mit ihrer Nacktheit zu schmücken,
die mit keiner Abendrobe von Dior
vergleichbar ist,
und sei sie mit goldenem Flitter besetzt.
Und was vermögen die Männer?
So sehr viel nicht.
Sie haben den Krieg erfunden,
die Not, die Verzweiflung, den Schrei der Verwundeten.
Sie können Kanonen gießen,
Städte in Trümmer legen
und erbärmlichen Männermut
dabei beweisen.
Sie erfanden die Tankstellen
und die Emanzipation der Frauen.
Und zum Dank für die Küsse in Frauenarmen
konstruierten sie einen Spezialstuhl,
damit die Frau
noch im letzten Schwangerschaftsmonat
an der Maschine arbeiten kann.
So ist das.
Das ist alles. Lebt wohl, macht’s gut.
Ihr wolltet eine Arie von mir,
hier ist sie!
1967
Deutsch von Annemarie Bostroem

Aus: Jaroslav Seifert, Wermut der Worte. Gedichte. Hrsg. Karl-Heinz Jähn. Berlin: Volk und Welt, 1985, S. 95-97
Die Dichterin Sibylla Schwarz hat viel über den Krieg geschrieben, Gedichte, Lieder und ein Trauerspiel. Heute Auszüge aus einem Gedicht, das vielleicht am drastischsten erlebte Kriegsgreuel beschreibt. Sie kannte es. Krieg, das ist Flucht und Vertreibung, Töten, Brandschatzen, Plündern, Vergewaltigen. Kein Heldentum, keine Schonung für Frauen, Kinder und Alte:
Es werden ohne schew die Alten abgethan /
Das Kindt muß an den Spieß / die Jungfrau bej den Man /
Dieses Gedicht handelt vom Tod eines Greifswalder Hochschullehrers (H.M.A.C. = Herr Magister Alexander Christian). Christliche Trauergedichte, auch von Sibylla Schwarz, argumentieren meist, Leben und Tod lägen in Gottes Hand und man muss sich dreinschicken. Das Argument dieses Gedichts lautet: Beim gegenwärtigen Weltzustand ist der Tote besser dran als die Lebenden.
(...)
Die Welt / und was in jhr / ist lauter Weh und Zehren /
Jst nichts als Unbestandt / und blutiger Begin /
Was noch erfrewlich wahr / nimbt itzt der Krieg dahin.
Man höret weit und breit von nichts als nur von kriegen /
Man sieht das Vaterlandt in seinem Blute liegen /
Was nicht im Blut erstickt / das würget Feur und Brandt /
Für eine schöne Stadt steht itzt ein ödes Landt.
Ein jeder leufft davon / muß Hauß undt Hoff verlassen /
Kompt an den Bettelstab und geht auff frembder Gassen /
Es werden ohne schew die Alten abgethan /
Das Kindt muß an den Spieß / die Jungfrau bej den Man /
Wer hat doch denn nun Lust in solcher Angst zu leben ?
(...)
Großmeister Kyunyŏ
(Koreanisch: 균여; Hanja: 均如), 20. September 917 – 19. Juli 973, koreanischer buddhistischer Mönch und Dichter)
Wasser und Eis sind vom gleichen Stoff: Erleuchtung und Täuschung sind eins. Nicht achtet unser Meister Du und Ich. In ihm sind alle, die wir leben, eins. Wenn wir den Weg des Buddha verfolgen, erreicht ein jeder dieses Ziel: des andern Tat ist eigne Tat. Wer auf diesem Wege wandelt, weiß von keinem Neid.
Aus: Kranich am Meer. Koreanische Gedichte. Hrsg. Peter H. Lee. München: Heyne, 1987, S. 19
The truth of dependent origination tells me That illusion and enlightenment are one. From the buddhas to living beings, There cannot be one who is not myself. What the Buddha practices is what I practice, What the Buddha attains is what I attain. So how could I not rejoice In the good deeds of others? Ah, when I practice so, How could the jealous mind be aroused?
Aus: The Columbia Anthology of Traditional Korean Poetry. Ed. Peter H. Lee. Columbia University Press, 2003, S. 25
Kurt Tucholsky PARK MONCEAU Hier ist es hübsch. Hier kann ich ruhig träumen. Hier bin ich Mensch — und nicht nur Zivilist. Hier darf ich links gehen. Unter grünen Bäumen sagt keine Tafel, was verboten ist. Ein dicker Kullerball liegt auf dem Rasen. Ein Vogel zupft an einem hellen Blatt. Ein kleiner Junge gräbt sich in der Nasen und freut sich, wenn er was gefunden hat. Es prüfen vier Amerikanerinnen, ob Cook auch recht hat und hier Bäume stehn. Paris von außen und Paris von innen: sie sehen nichts und müssen alles sehn. Die Kinder lärmen auf den bunten Steinen. Die Sonne scheint und glitzert auf ein Haus. Ich sitze still und lasse mich bescheinen und ruh von meinem Vaterlande aus.
Aus: Paris im Gedicht. Hrsg. Mona Wodsak. Frankfurt/Main: Insel, 1990, S. 107
Ic dir nach sihe,
ic dir nach sendi
mit minen funf fingirin
funvi undi funfzic engili.
Got mit gisundi
heim dich gisendi,
offin si dir diz sigidor,
sami si dir diz selgidor,
bislozin si dir diz wagidor,
sami si dir diz wafindor.
Ich dir nach sehe,
ich dir nach sende
mit meinen fünf Fingern
fünf und fünfzig Engel:
Gott dich Gesunden
heim zu mir sende!
Offen sei dir das Siegtor,
offen auch das Segeltor!
Verschlossen sei dir das Wogentor,
verschlossen auch das Waffentor!
Übersetzt von Friedrich Ranke. Aus: Frühe geistliche Dichtung. 9.-12. Jahrhundert. Bergen II, Oberbayern: Müller & Kiepenheuer, 1950, S. 27
Georg Trakl
(* 3. Februar 1887 in Salzburg; † 3. November 1914 in Krakau, Galizien)
DIE SCHÖNE STADT
Alte Plätze sonnig schweigen.
Tief in Blau und Gold versponnen
Traumhaft hasten sanfte Nonnen
Unter schwüler Buchen Schweigen.
Aus den braun erhellten Kirchen
Schaun des Todes reine Bilder,
Großer Fürsten schöne Schilder.
Kronen schimmern in den Kirchen.
Rösser tauchen aus dem Brunnen.
Blütenkrallen drohn aus Bäumen.
Knaben spielen wirr von Träumen
Abends leise dort am Brunnen.
Mädchen stehen an den Toren,
Schauen scheu ins farbige Leben.
Ihre feuchten Lippen beben
Und sie warten an den Toren.
Zitternd flattern Glockenklänge,
Marschtakt hallt und Wacherufen.
Fremde lauschen auf den Stufen.
Hoch im Blau sind Orgelklänge.
Helle Instrumente singen.
Durch der Garten Blätterrahmen
Schwirrt das Lachen schöner Damen.
Leise junge Mütter singen.
Heimlich haucht an blumigen Fenstern
Duft von Weihrauch, Teer und Flieder.
Silbern flimmern müde Lider
Durch die Blumen an den Fenstern.
Aus: Gedichte. Leipzig, 1913, S. 16
Hermann Finsterlin
(* 18. August 1887 in München; † 16. September 1973 in Stuttgart)
Reinhard Doehl schreibt über ihn:
Der utopische Architekt und Gesamtkünstler hat … sich Zeit seines Lebens als Berchtesgadener Künstler gefühlt, sich immer wieder, als seine Familie 1926 längst nach Stuttgart umgezogen war, in die Schönau zurückgezogen, bis weit in die 30er Jahre an den Ausstellungen des Berchtesgadener Künstlerbundes teilgenommen und die Lokalpresse stets über seine Aktivitäten informiert.
Das ergibt, alles zusammengenommen, für Person und Werk Hermann Finsterlins eine beachtliche Menge von Widersprüchen, Rätseln und verkürzten Perspektiven, die sich nicht immer leicht auflösen und erklären lassen, deren Klärung und Auflösung aber für das Verständnis von Werk und Biographie unerläßlich scheinen.
Mit zwei Gedichten soll eine Annäherung versucht werden. Das erste ist „Musik der Kugeln“ überschrieben und sehr wahrscheinlich mit 1918 zu datieren. Es nimmt unter anderem Bezug auf den Sphärengesang, die Sphärenmusik, das für den Menschen unhörbare (bzw. nach Platon nur dem geistigen Ohr zugängliche) Tönen der sich mit und gegeneinander bewegenden Himmelskörper. Die Vorstellung einer Sphärenharmonie geht auf die altgriechische Philosophenschule der Pythagoreer zurück, nach der die Gestirnssphären (im geozentrischen System) in ihren Abständen und Rotationsgeschwindigkeiten zueinander harmonisch angeordnet sind, so daß die bei der Bewegung entstehende Sphärenmusik je einen der harmonischen Töne einer Oktave der diatonischen Skala ergeben. Ich komme am Schluß meines Vortrags noch einmal darauf zurück und zitiere hier zunächst das Gedicht.
O Ihr lichten Charaktere / Die so prächtig um mich stehn, / Ach Ihr überirdischen Chöre, / Daß ich lebe und Euch höre, / Ewig göttliches Versteh’n! / Meine Andacht ist unendlich / Wenn ich lausche Eurem Klang. / Doch der Meister wird Euch kenntlich / Und mein Wille Euch verständlich / Wenn die Gottheit in mich sprang.
Die Nähe dieses Gedichtes zur Lyrik eines Alfred Mombert und anderer Kosmiker ist evident. Bemerkenswert ist jedoch, daß derselbe Hermann Finsterlin, der sich hier als Meister bezeichnet, in den die Gottheit springen wird oder könnte, was man mit Genie übersetzen darf, an anderer Stelle für sich den Autodidaktismus reklamiert mit der Begründung, der wahre Künstler könne nur bei sich in die Schule gehen. Diese Verbindung von Meister und Autodidakt, von Genie und Dilettant muß beachtet werden, denn sie ordnet Hermann Finsterlin als Gesamtkünstler ein in eine Tradition, die sich seit Ende des 18. Jahrhunderts herschreibt: beginnend mit Künstlern wie Johann Heinrich Füssli, der ursprünglich Dichter war, wenn er heute auch nur noch als Maler bekannt ist, mit dem jungen Johann Wolfgang Goethe, der bis zu seiner „Italienischen Reise“ zwischen bildender Kunst und Dichtung schwankte, oder mit dem genialen Friedrich (Maler) Müller, der beides miteinander produktiv zu verbinden wußte.
Das zweite Gedicht stellt der anspruchsvollen „Musik der Kugeln“, stellt kosmischer Sinndeutung den Unsinn an die Seite:
Zwischen der Rolle und dem Mops / Verkehren elf Teslaströme,/ Hips hips – hops hops / ubu – / Ein Sigma stiehlt den Erdenklops, / Maskiert in als ein Gottesops – / Helene ach Helene / Was sagst denn Du dazu? / Ein frischer Frosch, gewickelt in / Ein Knuiai, Marke Fridolin, / Fühlt sich nicht ganz behäglich, / (Das ist auch gar nicht möglich) – / O spiele nicht mit Grieß – gewehr / Der Reis ist Dir zuträglicher, / Frag nur das Pipsevöglich. / Der Teigaff schwänzt inzwischen frech / Die Schule des Abemmilech, / Ubi moloch? Erbärmilich – / Mir wird vor Milch ganz wärmelich, / Den Popo hat die Bettelfrau / Vor Piper und Papaver blau – / Sunt aries taurus, gemini cancar leo virgo.
https://www.reinhard-doehl.de/poetscorner/finsterlin_essay.htm
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