Màrius Torres
(* 30. August 1910 in Lleida; † 29. Dezember 1942 in Sant Quirze Safaja)
Ferne Musik, in der Nacht
Hochmütig, flehend, lyrisch, ernst und grob,
sanft wie ein Murmeln und starr wie ein Schrei,
kommt nachts eine Musik von sehr weit her
bis an mein Leben, das im Dunkeln reift.
Sie fließt im lebendigen Maße eines Geistes,
der seinen Weg wohl weiß – wenn auch nicht gar so fern
Die Nacht ängstigt sie nicht. Musik, oh Schwester
von dem, was in mir mehr als des Vergessens wert ist!
Die Asche aber, die von der Musik zurückbleibt,
verzehrt sich in der eignen Flamme der Musik;
doch von mir kann der Wind nur mitnehmen die Seele!
Bewahr mich vor dem Wahn einer zu starken Stimme,
solange Du, oh Herr, als Instrument mir gibst
ein Leben, an dem immer etwas Totes ist.
Aus dem Katalanischen von Àxel Sanjosé, aus: Màrius Torres, Poesies / Gedichte, katalanisch/deutsch. Aachen: Rimbaud, 2019, S. 55
Música llunyana, en la nit
Altiva, suplicant, lírica, greu i tosca,
suau com un murmuri, rígida com un crit,
una música ve de molt lluny, en la nit,
fins a la meva vida que madura en la fosca.
Flueix amb la mesura vivent d’un esperit
que sap el seu camí — si bé no tan llunyana —.
La nit no li fa por. O música, germana
de tot allò que en mi valgui més que l’oblit!
Però tota la cendra que la música deixa
crema en la flama de la música mateixa;
de mi, és sols la meva ànima que pot endur-se el vent!
Guarda’m de la follia d’una veu massa forta
mentre vulguis donar-me, Senyor, per instrument
una vida que sempre té alguna cosa morta.
Ebd. S. 54
Adelbert von Chamisso
(* 30. Januar 1781 auf Schloss Boncourt bei Ante, Châlons-en-Champagne, Frankreich; † 21. August 1838 in Berlin)
Adelbert an seine Braut

Ich schlich so blöd für mich allein,
Ich wälzte so mich in den Staub,
Ich war so schwach, ich war so klein,
Ich war so blind, ich war so taub,
Ich war so nackt, ich war so kalt,
Ich war so arm, ich war so alt –
Und bin nun aller Siechheit los
Und fühle in den Knochen Mark;
Ich bin so reich, ich bin so groß,
Ich bin so jung, ich bin so stark.
Du, die du alles, alles gibst,
Du segnest mich, wie du mich liebst.
Ich drücke dich an meine Brust.
Du bist mein Stolz und meine Lust,
Du bist mein Hort, du bist mein Gut,
Du bist mein Herz, du bist mein Blut,
Du bist mein Stern und meine Krön’,
Bist meine Tugend und mein Lohn.
O du mein frommes, gutes Kind,
Mein guter Engel, hold und lind,
Mir ward durch dich das Heil verliehn!
Oh, lasse mich zu deinen Füßen
In meiner Demut niederknien
Und beten und in Tränen fließen:
Du hast, o Herr, in ihrem Blick
Eröffnet mir den Himmel dein!
Gib Heil für Heil, gib Glück für Glück,
Und laß auch mich dein Werkzeug sein!
Aus: „Es schlug mein Herz“. Deutsche Liebeslyrik. Hg. Hans Wagener. Stuttgart: Reclam, 2006, S. 177f
Vom 7. Juli bis 11. September 1828 hält sich Goethe, aus Weimar geflüchtet, in Dornburg auf. Er trinkt Wein, isst Zervelatwurst und Artischocken, treibt meteorologische, botanische und geologische Studien und betrachtet das liebliche Saaletal.
Am 25. August um 19 Uhr ging der fast noch volle Mond über der Saale auf. Wieder einmal entstand ein Mondgedicht.
Johann Wolfgang Goethe
(* 28. August 1749 in Frankfurt am Main; † 22. März 1832 in Weimar)
Dem aufgehenden Vollmonde
Dornburg, [25.] August 1828
Willst du mich sogleich verlassen!
Warst im Augenblick so nah!
Dich umfinstern Wolkenmassen
Und nun bist du gar nicht da.
Doch du fühlst wie ich betrübt bin,
Blickt dein Rand herauf als Stern!
Zeugest mir daß ich geliebt bin,
Sei das Liebchen noch so fern.
So hinan denn! hell und heller,
Reiner Bahn, in voller Pracht!
Schlägt mein Herz auch schmerzlich schneller,
Überselig ist die Nacht.

Anna Hoffmann
dea ex machina „Geh jetzt ins Bett.“ dein wütendes geschick erwartet dich water-boarding-Ophelia im kampf gegen den terror der körper verklappt sich die kleine im kontext täter opfer zuschauer das eigene spie-gelbild die feindbildkonstruktion läuft auf hochtouren wann bricht dein widerstand wann brüllen die weißen männer aus den sterbenden industrien in dein ohr „Ab ins Flussbett!“ „Gute Nacht“ alles wie immer alles was Hamlet berührt stirbt nur eine tote frau ist eine gute projektionsfläche „Du Leiche“ sprach dea ex machina „kannst das Wasser nicht biegen, aber jeder Fluss hat zwei Ufer. Versuche es in der nächsten Vorstellung am anderen und sammel die Trümmer ein, Greta Ophelia Rackete!“
Aus: Anna Hoffmann: VLUST. Berlin: Hybriden-Verlag, 2021, unpag.
Ferenc Juhász
(Bia, 16. August 1928 – Budapest, 2. Dezember 2015)
verspätete nachricht
ich las deine verse wieder, mein freund.
über manche zeile dachte ich lange nach,
aufmerksam blätterte ich in deinen büchern.
von tränen verschmiert – soll ich es leugnen? – ward dein name.
ich sortierte nicht mehr (wie bei der herbstmusterung
die rekruten): dies ist stark, jenes schwach;
ich betrachtete das verstockte heer der buchstaben,
dein andenken, mein freund.
der saure verstand öffnet hier uralte flöze,
der zweifei erhebt sich, rasselt mit seinen aasflügeln:
er will unser geheimnis wissen.
wie der arzt auf rembrandts bild den sezierten
zeigst du uns die enthäutete weit.
wer weiß schon, wie viele tage, dumpfe fleißige nächte
du brauchtest, um zu begreifen, was du nun erklärst?
gebeugt über den leib, das bunte gekröse,
neben einem stinkenden öllicht, im keller, im stillen,
hast du traurig erforscht,
was versteckt ist im sprachlosen lehm.
es gibt dies also, wir sehen es, weil du es so wolltest;
aber bedeutet es hilfe und heilung?
es war nicht deine art, unsere schuld zu verhehlen;
aber heißt das schon erneuerung?
besitzt du Worte, in denen wir zuhause sind,
reine worte, für alle Verwünschungen geeignet?
Aus: Ferenc Juhász, Gedichte. Aus dem Ungarischen von Paul Kruntorad, Martha und István Szépfalusi. Franmkfurt/Main: Suhrkamp, 1966, S. 34
Ein Gedicht von Maximilian Woloschin auf die Tode der russischen Dichter
Maximilian Woloschin
(Максимилиа́н Алекса́ндрович Воло́шин; * 16. Mai jul. / 28. Mai 1877 greg. in Kiew; † 11. August 1932 in Koktebel)
Auf dem Grunde der Hölle
Dem Andenken an A. Blok und N. Gumiljov
Jeden Tag wird, wilder stets und dichter,
starr wie Eis die totengleiche Nacht.
Pestwind löscht das Leben aus wie Lichter;
Rufen, Schrein und Helfen — es versagt.
Düstres Los des russischen Poeten!
Unergründlich läßt der Schicksalsgott
Puschkin vor des Gegners Waffe treten,
Dostojewskij führt er aufs Schaffott.
Möglich, daß auch mir wird solche Wunde,
Rußland, bittre Kindesmörderin,
daß ich geh’ in Kellergruft zugrunde
oder gleit’ in blutger Lache hin.
Aber niemals läßt, zu keiner Stunde,
dieses Golgatha mein Fuß, mein Sinn.
Mag mich Hunger, mag mich Haß verderben —
nein, kein andres Los erwähl’ ich mir:
Mit dir sterbe ich und will mit dir
auferstehn wie Lazarus vom Sterben.
Aus: Nikolai Gumiljov, Ausgewählte Gedichte. Übertragen von Irmgard Wille. Berlin: Oberbaum / BasisDruck, 1988, S. 7
Nikolai Gumiljow (Николай Степанович Гумилёв) * 3. April jul. / 15. April 1886 greg. in Kronstadt; am 24. August 1921 in Berngardowka bei Petrograd als Konterrevolutionär erschossen, 1986 rehabilitiert.
Alexander Blok (Александр Александрович Блок), * 16. November jul. / 28. November 1880 greg. in Sankt Petersburg; † 7. August 1921 in Petrograd an Unterernährung und/oder an einer Herzkrankheit.
На смерть Блока и Гумилёва
Максимилиан Волошин
С каждым днем все диче и все глуше
Мертвенная цепенеет ночь.
Смрадный ветр, как свечи, жизни тушит.
Ни позвать, ни крикнуть, ни помочь.
Темен жребий русского поэта.
Неисповедимый рок ведет
Пушкина под дуло пистолета,
Достоевского на эшафот.
Может быть, такой же жребий выну,
Горькая детоубийца, Русь,
И на дне твоих подвалов сгину
Иль в кровавой луже поскользнусь.
Но твоей Голгофы не покину,
От твоих могил не отрекусь.
Доконает голод или злоба,
Но удел не выберу иной:
Умирать, так умирать с тобой,
И с тобой, как Лазарь, встать из гроба.
12 января 1922 года. Коктебель
Theobald Hock (Hoeck)
(* 23. August 1573 in Limbach; † nach 1624)
Traw der Lieb nit zuuil
Nacht vnd Tag hab ich gedient,
Eim Frewlein rain und zarte,
Damit ich nur jhr Lieb versindt*,
Kein fleiß noch mühe ich sparte.
All ander Lieb, Freud, Lust und Geldt,
Hab ich veracht auffgeben,
Ja alle Schätz der gantzen Welt,
Allein von jhrentwegen.
Kein andern danck kriegt ich dauon,
Lähr Stro hab ich getroschen,
Schabab ein Körbl ist mein Lohn,
Die Lieb ist außgeloschen.
Ich hab gehofft so hertzigklich,
Mein Lieb widerumb zugenissen,
Nun lest sie michs ja hinder sich,
Gantz höflich jetzundt gniessen.
Es ist halt wen ichs sagen soll,
Bey euch jhr schönen Jungfrawen,
Vil gschrey vnd wunder wenig Woll,
Sant Velten soll euch trawen.
Wer ewrn glatten Worten traut,
Der möcht sein mühe wol sparn,
Er säet in Windt, ins Meer auch baut,
Wie ich es auch wol erfahrn.
Aus: Texte zum Lehrbrief Geschichte der deutschen Literatur im 16. und 17. Jahrhundert (Lehrbriefe für das Fernstudium der Oberstufenlehrer). Hrsg. Joachim G. Boeckh. Potsdam: Pädagogische Hochschule, 1957, S. 114f
*) versühnt, ältere Form von versöhnt
Gedeucht = Gedicht, Gedeuchtittis = Gedichtetes, Prausur = Prosa – mehr muss man eigentlich nicht wissen, um das folgende Gedeucht zu farrsteuhönn. Jarr düßß stömmt.
Matthias Koeppel
(* 22. August 1937 in Hamburg)
Gedeuchtittis
Gedeuchtittis üßt ain Gedeucht
wann zich’s roimt, zunst üßt äßß schleucht.
Duch dr Deuchtur, dr mudarme,
tschraubt ünn Prausur ollzegarne.
Bastenpfullz n pfreiwen Rheytmen
duch diss karrn onz nüchtz bedeutmen!
Düüfar Düüfzinn, ongeroimt,
üßt vi’n Vaip, dißß nücht tschatscheumt,
wann äßß zomm Urrgaustmoßß kömmt,
jarr, su üßt äss; jarr düßß stömmt.
Aus: Matthias Koeppel, Starckdeutsch. Oine Orrswuuhl dörr schtahurcköstn Gedeuchten. Frankfurt/Main: S. Fischer, 1993, S. 37
Lorine Niedecker
(* 12. Mai 1903, † 31. Dezember 1970)
CONSIDER AT THE OUTSET:
to be thin for thought
or thick cream blossomy
Many things are better
flavored with bacon
Sweet Life, My love:
didn’t you ever try
this delicacy – the marrow
in the bone?
And don’t be afraid
to pour wine over cabbage
BEDENKE ZU BEGINN:
dünn sein für Gedanken
oder sahnedick blühsam
Viele Dinge sind besser
mit Speck gewürzt
Süßes Leben, meine Liebe:
hast denn niemals
dies Köstliche versucht – das Mark
aus dem Knochen?
Und hab keine Scheu
Wein übers Kraut zu gießen
(1964/2021)
Deutsch von Dagmara Kraus, aus: Schreibheft. Zeitschrift für Literatur. 97 /2021, S. 12
Im soeben erschienenen Schreibheft: Lorine Niedecker (Beiträge und Übersetzungen u.a. von Norbert Lange, Jürgen Brôcan, Esther Kinsky, Charles Tomlinson). – Mary Ruefle (Beiträge und Übersetzungen u.a. von Sonja vom Brocke, Esther Kinsky, Anja Utler) – Das Manifest der Muse. Marcia Nardi in William Carlos Williams´ Paterson
Am 7. April 2021 verstarb Dr. habil. Jerzy Kaczmarek, polnischer Lyriker und Soziologe an der Adam-Mickiewicz-Universität Poznań, im Alter von 57 Jahren. Jerzy Kaczmarek wurde am 13. Dezember 1964 in Jarocin in der Woiwodschaft Groß-Polen geboren. Hier eines seiner von ihm selbst übertragenen Gedichte.
Sergej Jessenin (Sergiusz Jesienin)
Gemeiner Schmerz –
Russland, meine Mutter.
Hinter meinem Rücken
Atem von Häschern.
Wie kann man hier sterben –
ohne ein Glas Vodka?
Wie kann man hier sterben –
ohne Hoffnung?
Moskau mit halb ausgeheilter Syphilis
führt mich durch seine Schenken,
durch dunkle Gäßchen.
Trauriges Schifferklavier, du kennst
nur traurige Wolgalieder.
Ich fürchte mich zum Hotel
zurückzukehren – sie warten dort.
Dichter wissen vom Tod
viel mehr, sie haben zu nahe
bei ihm gewohnt.
Noch ein Schluck Spiritus.
Gute Nacht Lena,
Natasha, Sandra.
Es ist nur ein Schritt geblieben –
Russland, meine Mutter.
Das ging den Leuten vor 320 Jahren wie denen heute wie denen vor 10000 Jahren. Der Dichter Wernicke hat es überprüft.
Christian Wernicke
(* im Januar 1661 in Elbing; † 5. September 1725 in Kopenhagen)
Auf die unnütze Klagen über die itzige Zeiten.
Man klagt daß wir die Lieb und alte Treu verlohren /
Und daß der Seegen sich verkehrt in einen Fluch:
Jedoch / wenn ich mit Fleiß die vor’ge Zeit durchsuch’ /
So danck ich GOtt / daß ich in dieser bin gebohren.
Aus: Deutsche Lyrik 1700-1770. München: dtv, 2001, S. 20
Christian Friedrich Hunold
(* 29. September 1680 in Wandersleben bei Gotha, Thüringen; † 16. August 1721 in Halle/Saale)
Uber ihre Untreue. Immer hin / Falsches Hertze / leichter Sinn! Lesche nur die starcken Kertzen In den sonst entflammten Hertzen / Weil ich es zu frieden bin. Immer hin / Falsches Hertze / leichter Sinnl Schwur und Treu Sind Betrug und Heucheley. Auch die allerschönsten Decken Sind gar selten ohne Flecken / Und die Damen einerley. Schwur und Treu Sind Betrug und Heucheley. Doch wie schön Wissen sie sich vorzusehn. Wenn die Muschel ist gebrochen / Und die Perle draus gestochen / Soll sie erst verschlossen stehn. Doch wie schön Wissen sie sich vorzusehn. Drüm mein Geist / Suche was unsterblich heist / Liebe wo die schöne Jugend Dich durch Klugheit und durch Tugend Ewig mit Vergnügung speist. Drüm mein Geist Suche was unsterblich heist.
Aus: Deutsche Lyrik von den Anfängen bis zur Gegenwart. Bd. 5: Deutsche Lyrik 1700-1770. München: dtv, 2001, S. 21
Das Schicksal, vom lesenden Publikum vergessen und von manchen Fachleuten ignoriert und kleingeredet zu werden, teilte Sibylla Schwarz mit vielen Frauen. Heute ein Text von Hrotsvit von Gandersheim, die um 935 geboren wurde und Erzählungen, Dramen und Gedichte in lateinischer Sprache schrieb.
„Hrotswita wurde sofort nach ihrem Tode vergessen. Erst die Renaissance, und zwar der Humanist Conrad Celtes, entdeckte sie wieder. Er schrieb an Kaiser Maximilian: „Meine Überraschung kann ich nicht schildern, als das Werk einer germanischen Jungfrau, die in lateinischer Sprache und in Versen dichtete, vor mir lag. Wie konnte der hell glänzende Stern der deutschen Dichtung so lange hinter den Wolken der Mißachtung verborgen bleiben? Unglaublich ist es, daß ein Mädchen von zartem Alter, in seinem rauhen Vaterland und während der dunklen Barbarei erzogen, solche Dinge schrieb.“ (Georg Hauser: Herzklang der Völker. Lateinische Dichtung des Mittelalters. Deutsche Nachdichtung von Georg Hauser. Salzburg: Akademischer Gemeinschaftsverlag, 1949, S. 83).
Gottsched und Goethe rühmten sie, aber mit der Entstehung der Germanistik kamen auch die Skeptiker und Kleinredner. 1857 spricht Johannes Scherr von einer „echten und gerechten Literatin des Mittelalters, mit einem ziemlich bedeutenden Anflug von dem, was die Engländer so ganz treffend Blaustrümpfelei nennen“, nennt sie eine „gesetzte Matrone mit einem säuerlich frommen Zug um den Mund“ und schließt: „Man mag über den ästhetischen Wert dieser Nonnenpoesie urteilen, wie man wolle“… (Ebd. S. 84).
Wenn das Werk aber wirklich gut ist … muss es von einem Mann erfunden sein. 1867 erklärte der Wiener Historiker Joseph Aschbach Dichterin und Werk zu einer Fälschung Conrad Celtis’: „Eine Klosterfrau könne weder so korrektes Latein beherrscht noch die Komik und Erotik ihrer Dramen gekannt haben. Da Hrotsvit im 10. Jahrhundert nicht vorstellbar sei, sei das Werk eine Fälschung, die Dichterin erfunden. Trotz des Zirkelschlusses fand Aschbach breite Beachtung, auch wenn Mediävisten wie Georg Waitz Aschbach bald widerlegten.“ (Wikipedia)
Der Greifswalder Germanist Gustav Ehrismann hält 1918 dagegen: „Hrotswita ist in der Literatur der Zeit eine hervorragende Erscheinung. Sie besaß angeborenes Talent, sie zeigt Begeisterungsfähigkeit für ihre dichterische Aufgabe und einen gewandten Formsinn.“
Hier ein Auszug aus „Primordia coenobii Gandeshemensis“ — dem Epos von der Gründung des Klosters Gandersheim. „Wie liebt doch die Dichterin den Wald, wie sieht sie Faun und Schratt leibhaftig vor sich, wenn sie vor den arbeitenden Holzfällern jammernd die Flucht ergreifen. Vieles ist in diesem Werk „anmutig vorgetragen“.“ (Hauser a.a.O. S. 58).
Die Gründung des Klosters Gandersheim
Nach alten Berichten, vor urdenklichen Tagen,
Lang ist es her, kaum mehr recht zu sagen,
Da war unser Klosterplatz, der liebe hier,
Vom Walde umschlossen, wie heute noch wir.
Nur war alles viel dichter und stand so nah,
Daß man vor lauter Bäumen den Wald nicht sah.
Und auf diesem Platz stand ein Häuschen allein.
Am Abend eilten Männer hinein,
Müd von der Arbeit waren die,
Schweinehirten waren sie
Von Herzog Ludolfs Meierei
Und der Meier, ihr Herr, stand auch dabei.
Allerheiligen war schon nah,
Zwei Tage fehlten noch, plötzlich sah
Man in der Nacht ein Leuchten und Brennen,
Doch niemand konnte die Ursach erkennen.
Die Hirten packte ein Fürchten und Staunen,
Keiner wagte zu sprechen, zu raunen
Und keiner dieser guten Leute
Hatt’ eine Ahnung, was das bedeute.
So liefen sie zu dem Meier sein’ Haus
Und weckten ihn auf, er mußte heraus:
Meier, steh auf, auch du mußt erkennen,
Wie im dunklen Wald die Lichterlein brennen!
Vom Lager sprang der Meier schnell,
Eilte hinunter und war zur Stell.
Doch alles blieb finster, dem Dunkel gesellt,
Was früher die Lichter so taglicht erhellt.
Doch der Meier wollte das Leuchten ergründen,
Er wollte den Grund und die Ursache finden.
Die kommende Nacht ging er gar nicht schlafen,
Wenn ihn auch noch so die Sandmännlein trafen
Und sie ihm rieten: Meier, schlaf ein!
Doch jedesmal rief er: Ich darf nicht, nein!
Bald auch ward ihm des Willens Preis,
Es begann zu leuchten, erst rot, dann weiß,
Viel stärker strahlt’s als in letzter Nacht,
Da die Schweinehirten allein gewacht.
Wahrlich, das war ein glückliches Zeichen!
Schließlich mußte das Leuchten weichen
Der strahlenden Sonne, dem neuen Tag.
Die Kunde doch nicht behalten mag
Der Meier für sich und sie ward bekannt,
Die freudige, schnell im ganzen Land.
Fröhlich erzählt man’s von Mund zu Munde,
So kam auch zu Herzog Ludolf die Kunde.
Es war die Nacht vor der Heiligen Fest,
Da sprach der Herzog: Es ist das Best,
Ihr wollt mich all in den Wald begleiten!
Und er mit den vielen tät also reiten
Dorthin, wo das Leuchten zuerst man sah.
Finsternis deckte fern und nah,
Doch plötzlich, in weitem Kreis herum
Sah man Licht aufleuchten um und um,
Immer strahlender ward sein Schein,
Man sollte glauben, es könnte nicht sein,
Aber doch war’s so, denn wahrlich, es hatten
Alle Bäume ihren Schatten.
Da jubelten alle Menschen laut:
Herr Herzog Ludolf, wir bitten, schaut
Die Lichter, sie künden uns allen eben
Den Platz, wo ein Kloster sich soll erheben
Zu christlichem Dienste, von euch erbaut,
Das künden die Lichter, Herr Herzog, schautl
Es frohlockte Herr Ludolf über Gottes Zeichen,
Weil aber die Gattin dem Gatten tat gleichen,
Rief auch Frau Oda, die Zierde der Frauen:
Hier laßt uns ein heiliges Kloster erbauen!
Es begann das Schlagen, es begann das Roden,
Die Bäume fielen, es wurde der Boden
Vom Gestrüpp befreit und geebnet glatt
Und jammernd flohen Faun und Schratt.
Und schließlich ward aus dem Walde Land
So unser liebes Tal entstand.
Schon wachsen Mauern, bis die Kirche steht,
„Zu Ehren Gottes!“ sei unser Gebet.
Und bald erhoben sich die Türme
Unseres Klosters, das Gott beschirme!
(Hauser, a.a.O. S. 59-61)
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