Wie die Waffen, so die Theorien

Friedrich Müller, genannt Maler Müller oder Teufelsmüller

(* 13. Januar 1749 in Kreuznach; † 23. April 1825 in Rom)

Der Jüngling und der Waffenhändler

Einst zu dem berühmten Waffenhändler
Kam ein Jüngling. Lehre mich gebrauchen,
Bat er, deine starken, schönen Kriegerwaffen,
Daß ich tapfer sie mit Anstand führe,
Wenn zum Kampfe die Trommete ruft.
Drauf der Alte, mit dem Kopfe schüttelnd:
Sieh', die Waffen stehn hier zum Verkaufe,
Schmieden lernt' ich sie, doch nimmer führen.

Anders ist's nicht mit den Theorien,
Von den Meistern fein und klug ersonnen.
Anzuwenden, praktisch zu bewähren
Fehlt die Kraft den Meistern, und je blanker
Ihre Waffen glänzen, desto seltner
Taugen sie, wenn's gilt, im Waffentanze.

Quelle:
Friedrich Müller (Maler Müller): Werke. Band 1, Mannheim und Neustadt/Hdt. 1918, S. 93.
Permalink:
http://www.zeno.org/nid/20005413028

Geschritten in die Welt kam Schiller

Friedrich Schlegel 

(* 10. März 1772 in Hannover; † 12. Januar 1829 in Dresden)

Schiller

[1.]

Geschritten in die Welt kam Schiller,
Und da ward's still und immer stiller.
Erstaunt frug die Natur: »Was will er?«
Und dreimal tönte laut der höchste Triller.

[2.]

Schick dein Schicksal in die Saale!
Es gereicht uns nur zur Quale.

[3.]

Ach wie gefällt die Glocke dem Volk und die Würde der Frauen!
Weil im Takte da klingt alles, was sittlich und platt.

[4]
Welches Schicksakel! Es heißt Piccolomini; dennoch ist keiner
Piccol uomo so sehr, als der es pickelte selbst.

[5] 

Wallenstein hast du, die Stuart sodann zu Dramen geschichtet,
Mach nun den Robinson auch sauber zum tragischen Stück.

[6.]

Schändlich, geehrter Baron, hast du Macbeth den hohen verschimpfet;
Doch was geschehn, ist geschehn, bleibe nur künftig davon.

[7] 

Wahrlich, es stachen den Fuß ihm Taranteln, dem alten Pedanten.
Närrisch da rannt' es mit ihm, wurde Turandot zuletzt.

Naive Gedichte auf Deutsch

In den 30er Jahren des vorigen Jahrhunderts schickte der französische Dichter, Filmregisseur und Maler Jean Cocteau ein paar Gedichte in deutscher Sprache an den Komponisten Kurt Weill, „Mon cher Kurt“. Er erinnere sich nur an das Deutsch seiner Kindheit. „Leider kenne ich eure Dichter nicht. Ich bin mit Erlkönig und Struwwelpeter erzogen worden. Verzeihen Sie mir daher, dass ich Ihnen diese naiven Gedichte anbiete. Ihre einzige Entschuldigung ist, dass Sie mich gebeten haben.“ Der Brief und 6 kurze Gedichte wurden in der in Amsterdam von Klaus Mann herausgegebenen Exilzeitschrift „Die Sammlung“ gedruckt.

Jean Cocteau 

(* 5. Juli 1889 in Maisons-Laffitte bei Paris; † 11. Oktober 1963 in Milly-la-Forêt bei Paris)

BLUT

Wir haben mehr Blut als wir denken.
So schnell macht die Liebe nicht tot!
Viel Schmerzen kann uns die Liebe schenken, 
Unser Blut aber bleibt noch sehr lange rot. 
Und wenn wir gar kein Blut mehr haben, 
Wenn man uns in die Grüfte tut; 
Und sind wir noch so lang vergraben, 
Für Schmerzen bleibt noch etwas Blut.

Die Sammlung. Literarische Monatsschrift. 1. Jahrgang, 1934, Heft X, S. 532 (Nachdruck: Roger und Bernhard bei Zweitausendeins, 1986. – 3. Auf., 1993, S. 532.

Nachsatz zur Zeitschrift

Das erste Heft erschien im September 1933 und wurde im nationalsozialistischen Deutschland zwar nicht verkauft, aber aufmerksam gelesen von den Schergen des Regimes. Im Oktober schrieb Hanns Johst an seinen „lieben Heinrich Himmler“: „Als Herausgeber zeichnet der hoffnungsvolle Sproß des Herrn Thomas Mann, Klaus Mann. Da dieser Halbjude schwerlich zu uns herüberwechselt, wir ihn also nicht aufs Stühlchen setzen können, würde ich in dieser wichtigen Angelegenheit doch das Geiselverfahren vorschlagen. Könnte man nicht vielleicht Herrn Thomas Mann, München, für seinen Sohn ein bißchen inhaftieren? Seine geistige Produktion würde ja durch eine Herbstfrische in Dachau nicht leiden (…)“. Es kam nicht dazu – dem Büttel war entgangen, dass Thomas Mann schon im Februar Deutschland verlassen hatte. (Er wollte zurückkehren, aber seine Kinder überredeten ihn dringend, im Ausland zu bleiben).

Droste 225

Heute vor 225 Jahren geboren:

Annette von Droste-Hülshoff 

(* 10. Januar 1797 auf Burg Hülshoff bei Münster; † 24. Mai 1848 auf der Burg Meersburg) 

Mondesaufgang

An des Balkones Gitter lehnte ich
Und wartete, du mildes Licht, auf dich;
Hoch über mir, gleich trübem Eiskrystalle,
Zerschmolzen, schwamm des Firmamentes Halle,
Der See verschimmerte mit leisem Dehnen,
– Zerfloßne Perlen oder Wolkenthränen? –
Es rieselte, es dämmerte um mich,
Ich wartete, du mildes Licht, auf dich!

Hoch stand ich, neben mir der Linden Kamm,
Tief unter mir Gezweige, Ast und Stamm,
Im Laube summte der Phalänen Reigen,
Die Feuerfliege sah ich glimmend steigen;
Und Blüthen taumelten wie halb entschlafen;
Mir war, als treibe hier ein Herz zum Hafen,
Ein Herz, das übervoll von Glück und Leid,
Und Bildern seliger Vergangenheit.

Das Dunkel stieg, die Schatten drangen ein, –
Wo weilst du, weilst du denn, mein milder Schein! –
Sie drangen ein, wie sündige Gedanken,
Des Firmamentes Woge schien zu schwanken,
Verzittert war der Feuerfliege Funken,
Längst die Phaläne an den Grund gesunken,
Nur Bergeshäupter standen hart und nah,
Ein finstrer Richterkreis, im Düster da.

Und Zweige zischelten an meinem Fuß
Wie Warnungsflüstern oder Todesgruß,
Ein Summen stieg im weiten Wasserthale
Wie Volksgemurmel vor dem Tribunale;
Mir war, als müsse etwas Rechnung geben,
Als stehe zagend ein verlornes Leben,
Als stehe ein verkümmert Herz allein,
Einsam mit seiner Schuld und seiner Pein.

Da auf die Wellen sank ein Silberflor,
Und langsam steigst du, frommes Licht, empor;
Der Alpen finstre Stirnen strichst du leise,
Und aus den Richtern wurden sanfte Greise,
Der Wellen Zucken ward ein lächelnd Winken,
An jedem Zweige sah ich Tropfen blinken,
Und jeder Tropfen schien ein Kämmerlein,
Drin flimmerte der Heimathlampe Schein.

O, Mond, du bist mir wie ein später Freund,
Der seine Jugend dem Verarmten eint,
Um seine sterbenden Erinnerungen
Des Lebens zarten Widerschein geschlungen,
Bist keine Sonne, die entzückt und blendet,
In Feuerströmen lebt, in Blute endet –
Bist, was dem kranken Sänger sein Gedicht,
Ein fremdes, aber o ein mildes Licht!

 

 

 

 

Phalänen/Phaläne] Spanner aus der Schmetterlingsfamilie der Phalaenidae.

Verzittert] verzittern: hier: „von optischen erscheinungen ‚zitternd verzucken, verblassen‘“ (Grimm, Deutsches Wörterbuch).

Silberflor] Flor: zartes Gewebe, Schleier.

Quelle: Droste-Portal

Foto Gratz

Eine Tochter säuget ihre Mutter

Daniel Heinsius 

(* 9. Juni 1580 in Gent; † 25. Februar 1655 in Den Haag)

Der Niederländer Daniel Heinsius galt als bedeutender humanistischer Gelehrter (auf Latein) und großer Dichter (auf Niederländisch) und wurde Pate der Reform der deutschen Dichtung der Schlesischen Schule. Opitz und andere übersetzten und adaptierten seine Gedichte als beispielgebend für eine deutsche Literatur in der Volkssprache. Die junge Greifswalder Dichterin Sibylla Schwarz schloß sich an und übersetzte unter anderem dieses Gedicht.

Sibylla Schwarz

(24. Februar 1621 Greifswald – 10. August 1638 Greifswald)

Eine Tochter säuget ihre Mutter.
Auß dem Holländischen. 

JN Eisen und in Stahl / mit Füssen und mit Handen / 
ligt Jhr / O Mutter hier / in so viel schweren Banden / 
durch Hunger und durch Durst / gebracht in grosse Noht / 
davohn euch nichtes hilfft / als endlich nuhr der Tod.
was soll ich für euch tuhn ? Jhr habt mich auff erzogen / 
Jch geb euch widrüm das ; Jch hab euch einst gesogen / 
kompt / saugt mich widerümb / kompt / nempt hier Brodt und Wein / 
Wir wollen Töchtern beed’ / und beede Müttern seyn.

Aus: Sibylla Schwarz (1621-1638), Werke Briefe, Dokumente. Kritische Ausgabe. Hrsg. Michael Gratz. Bd. 1. Leipzig: Reinecke & Voß, 2021, S.205

Großteils fast wörtliche Übersetzung eines Gedichts von Daniel Heinsius 1606, unpag., 4. Zu einer Grafik von Jacob de Gheyn (II), gedruckt von Zacharias Dolendo. Auf der rückseitig gedruckten Grafik des niederländischen Originals sieht man eine alte Frau im Gefängnis in Eisenketten und eine junge Frau, die ihr die Brust zum Trinken reicht. Das oft gestaltete Motiv kommt bei Valerius Maximus vor, einem Zeitgenossen Ovids. Dessen Werk Factorum et dictorum memorabilium libri IX (Neun Bücher denkwürdiger Taten und Worte) war in der Renaissance eine wichtige Quelle für antike Themen.

De dochter die de moeder in de ghevanghenisse met haer borsten onderhouden heeft.
 
IN yser ende Stael met voeten ende handen,
Licht ghy hier Moeder vast in soo veel swaere banden,
Door hongher ende dorst ghebracht in groote noot,
En endelick daer door ghedwonghen tot de doot.
Wat sal ick voor u doen? ghy hebt my opghetoghen,
Ick ghev' u dat weerom: ick hebb' u eens ghesoghen,
Comt suycht my wederom, comt neemt hier broot en wijn,
Wy sullen Dochter beyd' en beyde Moeder zijn.

Wären die Dichter nicht so dumm

Wird mal wieder Zeit für

Boris

Vian!

(* 10. März 1920 in Ville-d’Avray; † 23. Juni 1959 in Paris) 

Wären die Dichter nicht so dumm 
Und wären sie auch nicht so faul 
Sie machten alle Menschen glücklich 
Um sich zu kümmern ganz in Ruh 
Um ihren literarischen Schmerz 
Würden sie gelbe Häuser bau’n 
Und davor große Gärten 
Und Bäume voller Vögel 
Mit Mirliflöten Wasserlilien 
Mit Meisegen und Grüngelichter 
Mit Federwichten, Tellerpickern 
Und kleinen Raben die ganz rot 
Die außerdem die Zukunft sagen 
Springbrunnen gäb es große 
Mit vielen Lichtern drin 
Es gäbe mehr als hundert Fische 
vom Kruspen bis zum Ramusson 
Von der Libelle bis zum Fokenmuli 
Vom Hornfisch bis zum raren Kuli 
Vom Hager bis zum Klepper hin 
Es gäbe neue Luft 
Vom Duft der Blätter parfümiert 
Man würde essen wann man wollte 
Arbeiten würd man ohne Hast 
Man würde Treppen bauen
Von nie gesehener Form 
Aus Holz das blau gemasert 
Und glatt ist in der Hand wie sie

Doch die Dichter sind sehr dumm 
Sie fangen erst mal an zu schreiben 
Statt an die Arbeit sich zu machen 
Dann kommen die Gewissensbisse 
Die bis zum Tod sie nicht mehr missen 
Froh daß sie so gelitten haben 
Hält große Reden man an ihrem Grab 
Vergißt sie dann nach einem Tag 
Doch wär’n sie nicht so faul gewesen 
Man hätt’ sie erst nach zwei vergessen.

Deutsch von Eugen Helmlé, aus: Boris Vian: Ich möchte nicht krepieren. Gedichte, Lieder und Texte. Frankfurt/Main: Zweitausendeins, 1985, S. 171/173

Si les poètes étaient moins bêtes
Et s’ils étaient moins paresseux
Ils rendraient tout le monde heureux
Pour pouvoir s’occuper en paix
De leurs souffrances littéraires.

Ils construiraient des maisons jaunes
Avec de grands jardins devant
Et des arbres pleins de zoizeaux
De mirliflûtes et de lizeaux
Des mésongres et des feuvertes
Des plumuches, des picassiettes
Et des petits corbeaux tout rouges
Qui diraient la bonne aventure

Il y aurait de grands jets d’eau
Avec des lumières dedans
Il y aurait deux cents poissons
Depuis le croûsque au ramusson
De la libelle au pépamule
De l’orphie au rara curule
Et de l’avoile au canisson

Il y aurait de l’air tout neuf
Parfumé de l’odeur des feuilles
On mangerait quand on voudrait
Et l’on travaillerait sans hâte
A construire des escaliers
De formes encore jamais vues
Avec des bois veinés de mauve
Lisses comme elle sous les doigts

Mais les poètes sont très bêtes
Ils écrivent pour commencer
Au lieu de s’mettre à travailler
Et ça leur donne des remords
Qu’ils conservent jusqu’à la mort
Ravis d’avoir tellement souffert
On leur donne des grands discours
Et on les oublie en un jour
Mais s’ils étaient moins paresseux
On ne les oublieraient qu’en deux.

Erschienen 1962, entstanden 1951/52

Ich bin Bai Li

Bai Li – 白立
ICH BIN BAI LI

Familienname Bai, Rufname Li.
Beide Zeichen nicht viele Striche, schön einfach!
Gut zu merken.
Manche Leute nennen mich Li Bai, mit denselben Zeichen.
Klingt wie ein Waschmittel: Stante pede weiß!
Die Dichterin Xi Wa nennt mich überhaupt nur so.
Ich sag: Du nennst mich Li Bai wie Li Taibai, Li Taibo, der größte Dichter.
Aber so vielen anderen passt mein Name sowieso nicht.
Sie sagen, ich stehe ewig nicht auf,
und wenn ich aufstehe, ist es vergebens,
weiß aufgestanden, so heißt es wörtlich.
Also lass mich meinen Namen ändern!
Ich will ewig stehen, ganz gerade stehen, was kann ich tun?
Zhang Li, Wang Li, Li Li, wie kann ich heißen?
Mit einem anderen Namen, steh ich dann wie ein Riese?
Ich heiße immer noch Bai Li,
hab nicht einmal einen Künstlernamen.

Übersetzt von Martin Winter im Februar 2021

NPC steht für New Poetry Canon, eigentlich New Century Poetry Canon, 新世纪诗典. Abgekürzt als NPC. NPC steht sonst für National People’s Congress, also der Nationale Volkskongress, Chinas Parlament, das allerdings nur einmal im Jahr im März zwei Wochen lang zusammentritt. Seit 2011 wird von Yi Sha 伊沙 im NPC-新世纪诗典 jeden Tag ein Gedicht vorgestellt, in mehreren chinesischen sozialen Medien zugleich. Oft wird ein einziges Gedicht schon in den ersten zwei Tagen zehntausende Male angeklickt, kommentiert und weitergeleitet. Ein nationaler Poesiekongress und eine umfangreiche Studie der heutigen Gesellschaft.

Lieferbar: BRETT VOLLER NÄGEL 布满钉子的木板 NPC-Anthologie 新世纪诗典 Band 1: A–J. Gedichte Chinesisch/Deutsch Übersetzt von Martin Winter Herausgegeben von Juliane Adler und Martin Winter € 24.00 Bestellen

Gras

Carl Sandburg 

(* 6.Januar 1878 in Galesburg in Illinois; † 22. Juli 1967 in Flat Rock, North Carolina) 

Gras

Türm Leichen auf bei Austerlitz und Waterloo, 
grab sie ein und laß mich machen –
ich bin das Gras, ich decke alles.

Türm sie hoch bei Gettysburg, 
und türm sie hoch bei Ypern und Verdun, 
grab sie ein und laß mich machen:
Zwei Jahre — zehn — und alle Passagiere 
fragen den Fahrer:
             Was ist das hier für eine Gegend? 
             Wo sind wir ?
Ich bin das Gras. 
Laß mich machen.

Aus: Deutsch von Julius Bab, aus: Julius Bab: Amerikas neuere Lyrik. Ausgewählte Nachdichtungen. Bad Nauheim: Christian-Verlag, 1953, S. 19

Grass

Pile the bodies high at Austerlitz and Waterloo.
Shovel them under and let me work—
                                          I am the grass; I cover all.

And pile them high at Gettysburg
And pile them high at Ypres and Verdun.
Shovel them under and let me work.
Two years, ten years, and passengers ask the conductor:
                                          What place is this?
                                          Where are we now?

                                          I am the grass.
                                          Let me work.

Da ist sie

Vasko Popa 

(serbisch Васко Попа, geboren am 29. Juni 1922 in Grebenac; gestorben am 5. Januar 1991 in Belgrad) 

Da ist sie diese ungebetne 
Fremde Gegenwart da ist sie

Schauder auf dem Tee-Meer in der Tasse 
Rost gesammelt 
An den Rändern unsres Lächelns 
Eine Natter geringelt am Grund des Spiegels

Wie kann ich dich bergen 
Aus deinem Gesicht in das meine

Da ist er der dritte Schatten 
In unserm gedachten Spaziergang 
Unverhoffter Abgrund 
Zwischen unsern Worten 
Hufschlag dröhnend 
Unter den Gaumengewölben

Wie kann ich dir errichten 
Auf diesem ruhelosen Feld 
Ein Zelt aus meinen Händen

Deutsch von Barbara Antkowiak, aus: Vasko Popa, Die Botschaft der Amsel. Gedichte. Berlin: Volk und Welt, 1989, S. 51

Ево то је то непозвано 
Страно присуство ево га

Језа је на пучини чаја у шољи 
Рђа што се хвата 
На рубовима нашега смеха 
Змија склупчана у лну огледала

Да ли ћу моћи да те склоним 
Из твога дица у моје

Ево га трећа је сенка 
У нашој измишленој шетњи 
Неочекивани понор 
Између наших речи 
Копита што тутње 
Под сводовима наших непаца

Да ли ћу моћи 
На овом непочин-пољу 
Да ти подигнем шатор од својих дланова

Volkspolizist löst einen Fall

白立 Bai Li

 

VOLKSPOLIZIST LÖST EINEN FALL

Einer kommt eine Anzeige machen,
er hat etwas verloren.
Was hat er verloren, fragt der Polizist.
Er sagt, er hat Flaschen verloren,
Alkohol und Getränke, weit über 100.
Und er hat eine Spur!
Es waren Kollegen, die haben sie gestohlen!
Das war ein ganzer Arbeitstag!
Der Polizist sagt müde:
Ihr Müllsammler müsst schon selbst
auf eure gesammelten Sachen aufpassen.
Wenn du weggehst,
glauben die anderen, du willst es nicht mehr.
Da können wir wirklich nichts machen.

Der Müllsammler dreht sich stumm um
und geht grimmig weg.

Übersetzt von Martin Winter im Dezember 2021

Lieferbar: BRETT VOLLER NÄGEL 布满钉子的木板
NPC-Anthologie 新世纪诗典
Band 1: A–J. Gedichte
Chinesisch/Deutsch
Übersetzt von Martin Winter
Herausgegeben von Juliane Adler und Martin Winter

€ 24.00
Bestellen

14 x 22,4 cm, Softcover
510 Seiten, 3 s/w-Abbildungen
Erschienen im März 2021
ISBN  978-3-903267-00-8

NPC steht für New Poetry Canon, eigentlich New Century Poetry Canon, 新世纪诗典. Abgekürzt als NPC. NPC steht sonst für National People’s Congress, also der Nationale Volkskongress, Chinas Parlament, das allerdings nur einmal im Jahr im März zwei Wochen lang zusammentritt. Seit 2011 wird von Yi Sha 伊沙 im NPC-新世纪诗典 jeden Tag ein Gedicht vorgestellt, in mehreren chinesischen sozialen Medien zugleich. Oft wird ein einziges Gedicht schon in den ersten zwei Tagen zehntausende Male angeklickt, kommentiert und weitergeleitet. Ein nationaler Poesiekongress und eine umfangreiche Studie der heutigen Gesellschaft. Band 1 präsentiert 81 Autorinnen und Autoren. 
民警断案
@白立

派出所来了个报案的
说自己丢东西了
警察问他丢了什么
他说丢了一堆酒和饮料瓶子
一百多个呢
并说有线索
是拾荒同伙偷去的
那可是他一天的劳动成果
警察无奈地说:
你那些拾的东西
要自己看好的
你离开了
他们还以为你不要了
这事我们真管不了

拾荒者二话没说
转身悻悻地走了

Vergleich

Das Lyrikjahr 2022 hat begonnen, das Jubeljahr 2021 (Sibylla Schwarz 400) ist vorbei. Seit 1.1.21 habe ich jeden Tag einen Tweet mit dem Werk der Dichterin abgeschickt, wer dem folgte, konnte das gesamte Lied- und Sonettwerk und etliches andere in Zwitscherportionen lesen. Es läuft noch ein paar Tage aus. Aber meine Anthologie geht weiter – viele Jubiläen heuer. 400 Jahre Molière, 300 Jahre Karsch(in), 225 Droste und Heine, 250 F. Schlegel und Novalis, 200 Jahre Weerth, 100 Jahre: B. Dimitrowa, Ágnes Nemes Nagy, Fühmann (überhaupt noch viele DDR-Lyriker, das Land ist in die Jahre gekommen: W. Werner, H. Zenker, Sabais, Bostroem, Stengel, Deicke, Wiens), Skácel, E. Burkart, Pasolini, V. Bratesch, Kipphardt, Kerouac, Klünner, Hirsh Glik, Stefan August Doinas, Raeber, Popa, Białoszewski, Kreisler, Larkin, Neto, Plath, Borowski, Saramago, Höllerer, Mekas… Etlichen davon werden Sie in diesem Jahr hier begegnen, wir fangen gleich mit Ágnes Nemes Nagy an, der großen ungarischen Dichterin, die heute vor 100 Jahren geboren wurde. Franz Fühmann, der sie übersetzt hat, folgt ihr in einigen Tagen.

Ágnes Nemes Nagy 

(* 3. Januar 1922 in Budapest; † 23. August 1991 ebenda) 

Vergleich

Wer, da ein Sturm aufzog, gerudert ist, 
seinen Quadrizeps zum Zerreißen spannend, 
fort der Fußstützen Felsen stemmend, 
und wem da unvermutet jäh
die rechte Hand gewichtslos blieb, da vom ge-
splitterten Holz das Blatt nach hinten wegbrach, 
und wer in seinem ganzen Körper dann 
kippte – 
weiß, was ich weiß.

Deutsch von Franz Fühmann, aus: Ágnes Nemes Nagy, Dennoch schauen. Gedichte. Leipzig: Insel, 1986, S. 41. (In dem Buch viele Anstreichungen, einige Gedichte kannte ich da schon aus zwei früheren Büchern: seufz, war ich da jung and sure to have my way).

Nachtrag: Heute erreicht mich die Ankündigung einer Neuübersetzung der Dichterin bei Urs Engeler (roughbook) (hier):

Ágnes Nemes Nagy: Mein Hirn: ein See, herausgegeben und aus dem Ungarischen übersetzt von Christian Filips und Orsolya Kalász

Franz Fühmann nannte die ungarische Dichterin eine „Königin der magyarischen Poesie“ und forderte bei der ersten deutschsprachigen Ausgabe ihrer Gedichte: „Die Buchhandlungen und Bibliotheken sollten flaggen, mit Bannern und Wimpeln und Standarten, in den Traumfarben der Poesie.“

Ich weiß nicht

Yari Bernasconi

(Geboren 1982 in Lugano)

Ich weiß nicht

Ich weiß nicht, ob ihr gewonnen oder verloren habt. Euer Kampf 
je wirklich begonnen hat. Aber jeden Tag in der Früh, 
im gewohnten Waggon am Zugende, treffe ich einen Mann, 
der endlos vor sich hin murmelt. Es hätte nicht so sein sollen, 
sagt er, es sei ein Fehler, ein Witz. So viele Worte 
um sich im Vakuum wiederzufinden, hinter dem Kunstglas 
eines Aquariums. Reduziert auf dieses triste Dahinvegetieren. 
Immer antwortet ihm eine Alte mit blauen Augen 
und gepflegten Händen: War es vor uns schon anders?

Ich weiß fast nichts über euch, noch ihr über mich. 
Ich weiß trotzdem, dass ihr da seid: Ihr seid nah. 
Und standhaft auf eure Weise.


Non so

Non so se abbiate vinto o perso. Né se la vostra lotta 
sia mai iniziata veramente. Tutte le mattine, però, 
nel solito vagone in coda al treno, incontro un uomo 
che borbotta senza fine. Non doveva andare così, 
dice, è uno sbaglio, uno scherzo. Tante parole
per ritrovarsi sottovuoto, dietro il vetro artificiale 
di un acquario. Ridotti a questo triste vivacchiare. 
Gli risponde sempre un’anziana con gli occhi azzurri 
e le mani curate: prima di noi è già stato diverso?

Non so quasi nulla di voi, né voi di me. 
So tuttavia che ci siete: siete vicini.
E a modo vostro resistete.

Aus: Yari Bernasconi: Neue staubige Tage. Nuovi giorni di polvere. Gedichte Italienisch und Deutsch. Übersetzt von Julia Dengg. M.e. Nachwort von Fabio Pusterla. Zürich: Limmat, 2021, S. 138f

Beflügelung

Christiane Grosz 

(* 7. Januar 1944 in Berlin, † 10. November 2021)

Alte Katze

Katzenliteratur ist ihr ein Begriff.
Gleich nach Grenzöffnung suchte sie 
die esoterischen Teestuben auf 
kaufte wenig 
aber hörte gern die Vogelstimmen 
mit Kopfhörern, um sich in die Stimmung 
einer Kontemplativen zu versetzen.
Auf einer Pelztrommel saß sie ohne zu stören 
trank grünen Tee, nachdem sie gehört hatte 
daß er Körper und Geist beflügelt.

Langmütig wartete sie auf ihre Beflügelung 
um den Vögeln 
nicht nur seelisch nah sein zu können.

Aus: Christiane Grosz: Schwarz am Meer. Gedichte. Friedrichshagen: Corvinus Presse, 2002 (Corvinus, 105. Druck. Reihe Welt statt Berlin, Bd. 12). Mit Zeichnungen der Autorin. (unpag.)

Angst

2021 wäre Lothar Walsdorf 70 geworden. Er starb vor 17 Jahren mit nicht einmal 53.

Lothar Walsdorf 

(* 16. Oktober 1951 in Zittau; † 5. Juli 2004 in Berlin)

Angst

mein kummerstein 
mein guter clown 
mein herz mein bibabutzelmann 
mein haus aus glas was klopfst du da 
was klopfst du da an deine wand 
was klopfst du da an deinen bau ...? 
will raus will fort 
auf reisen gehn

Aus: Lothar Walsdorf: Der Wind ist auch ein Haus. Gedichte. Berlin und Weimar: Aufbau, 1981, S. 172

Vgl. hier.

Ganz anders, nein so, nein, noch ganz anders

Daniil Charms, ein russischer Schriftsteller, kraft seiner Lebensdaten auch ein sowjetischer. Er war ein Avantgardist zu der Zeit, als die Avantgarde in der Sowjetunion und bald auch in Deutschland abgewickelt wurde. 1927 gründete er mit Freunden die Künstlervereinigung OBERIU, ausgeschrieben auf Deutsch „Vereinigung der Realen Kunst“. (Ja, die Realpoesie wurde nicht von den Herren N.N. und O.O. in der Bundesrepublik Deutschland begründet!). 1931 wurde OBERIU für staatsfeindlich erklärt und verboten. 1932 wurde er wegen „Beteiligung an einer antisowjetischen illegalen Vereinigung von Literaten“ zu drei Jahren Verbannung verurteilt. Er konnte vorzeitig nach Leningrad zurückkehren. Ab 1937 wurde er erneut wegen seiner Gedichte politisch angegriffen. Freunde verschwanden im Lager, wurden erschossen. Charms wurde 1941 verhaftet, als Defätist und Staatsfeind, aber für geisteskrank erklärt und zur „Zwangsheilung“ in eine psychiatrische Klinik eingewiesen, wo er während der deutschen Blockade wahrscheinlich verhungerte. – In Wikipedia steht über ihn: „Er gehört zu den Schriftstellern, deren Werk sich ohne Kenntnis seiner Lebensumstände nur schwer erschließen lässt.“ Mit Verlaub, was für ein Unsinn. Sein trauriges Schicksal mag uns die Geschichte erklären, wenn wir sie wissen wollen. Zum Verstehen seiner absurden Poesie braucht man sie nicht. Lesen Sie selbst.

Daniil Charms 

(Даниил Хармс; * 17. Dezember jul. / 30. Dezember 1905 greg. in Sankt Petersburg, Russisches Reich; † 2. Februar 1942 in Leningrad, Sowjetunion) 

Traum zweier schwarzhaariger Damen

Zwei Damen schlafen, nein, ganz anders, 
sie schlafen nicht, nein, noch ganz anders, 
klar schlafen sie und sehn im Traum,
ihr Freund Ivan betritt den Raum, 
ihm folgt der Hauswart ohne Scheu, 
und er trägt einen Band Tolstoj, 
ja, »Krieg und Frieden«, zweiter Teil... 
Nein, es war so und noch ganz anders, 
Tolstoj tritt ein, schon ohne Mantel, 
Galoschen, Stiefel zieht er aus, 
dann ruft er: Vanja, hilf mir raus!
Da greift Ivan zur Axt und Krach!
haut er Tolstoj mit Macht auf den Kopf. 
Tolstoj fällt um. 0 Weh und Ach!
Die ganze russische Literatur im Nachttopf.

19. Aug. 1936

Deutsch von Peter Urban, aus: Daniil Charms: Die Wanne des Archimedes. Gedichte. Wien: Edition Korrespondenzen, 2006, S. 144

Von diesem Gedicht gibt es auch eine Nachdichtung von Alexander Nitzberg, in: Daniil Charms: Sieben Zehntel eines Kopfs. Gedichte (Charms, Werke, Bd. 2). Berlin: Galiani, 2010, S. 52.

Даниил Хармс

Сон двух черномазых дам

Две дамы спят, а впрочем нет,
не спят они, а впрочем нет,
конечно спят и видят сон,
как будто в дверь вошел Иван,
а за Иваном управдом,
держа в руках Толстого том
«Война и мир», вторая часть…
А впрочем нет, совсем не то,
вошёл Толстой и снял пальто,
калоши снял и сапоги
и крикнул: Ванька, помоги!
Тогда Иван схватил топор
и трах Толстого по башке.
Толстой упал. Какой позор!
И вся литература русская в ночном горшке.

19 августа 1936