Derart plötzliche, oftmals brutale Veränderungen haben auch wir, die Europäer, im vergangenen Jahrhundert häufig erlebt – in Ost- oder Mitteleuropa auf alle Fälle mehr als in der westlichen Hälfte des Kontinents. Fügen wir hinzu, daß solche Veränderungen in der Regel mit unersetzbaren kulturellen Verlusten einhergehen. Einstige Zentren kulturellen Lebens, Universitätsstädte, in denen die Menschen drei, vier europäische Sprachen sprachen, verkamen plötzlich zu provinziellen Kleinstädten eines großen Reiches und verschwanden damit einfach von der kulturellen Landkarte Europas. Vielleicht denken wir jetzt alle an Czernowitz, wo Paul Celan herkam, die „Stadt, in der Bücher und Menschen lebten“. / Imre Kertész, FAZ 14.3.02
Sie soll zeigen, daß der Surrealismus keineswegs bloß ein Stil unter vielen war, nur einer von vielen Zeitgeist-Kometen, die eine Weile lang die Welt erleuchten und dann im Dunkel verschwinden. Der Surrealismus, so die These, war ein ästhetischer Aufstand, der zur Machtergreifung führte, er war eine siegreiche Revolution. Der Surrealismus hat zwar nicht als künstlerischer Stil gesiegt, wohl aber als ästhetisches Prinzip. Das ganze Reich des Sichtbaren hat er sich unterworfen. / FAZ 13.3.02
„La Révolution surréaliste“ im Centre Georges Pompidou, Paris. Bis 24. Juni, täglich außer dienstags, geöffnet. Der französische Katalog kostet im Museum 56 Euro. Die Ausstellung wird anschließend vom 20. Juli bis 24. November in der Kunstsammlung Nordrhein-Westfalen, Düsseldorf, gezeigt. (s.a. Abb ., FAZ nur am 13.3.!)
Dass der 1945 geborene Hans Raimund einer der bedeutendsten österreichischen Lyriker ist, wissen nur wenige; die wenigen aber wissen es. Seine Gedichte, mittlerweile in sieben Bänden veröffentlicht, sind in viele Sprachen übersetzt worden und freilich allesamt in kleinen Verlagen erschienen. Weil er zuweilen ruppig gegen Konventionen des Literaturbetriebs verstösst, hat man ihm das Etikett des ungeselligen Aussenseiters verpasst, um den man sich besser nicht schert. Es fällt daher immer noch ungebührlich leicht, Hans Raimund nicht zu kennen. / Karl-Markus Gauss, NZZ 13.3.02
Hans Raimund: Das Raue in mir. Aufsätze zur Literatur und Autobiographisches 1981-2001. Literaturedition Niederösterreich, St. Pölten 2001. 344 S., Fr. 32.-.
«Das gross zu schreibende Wort / das die Vögel intonieren / selbst noch ihr Schatten im Flug / singt ein Lied davon / die Schiffe tragen es von Ufer zu Ufer / und die Wolken über die Berge / die Räume verneigen sich / vor der Allmacht des Wortes Sehnsucht.»
Hans Christian Kosler schreibt in der NZZ (13.3.02) über
Elisabeth Borchers : Eine Geschichte auf Erden. Gedichte. Suhrkamp-Verlag, Frankfurt am Main 2002. 72 S., Fr. 27.30.
In der FAZ orientiert sich Harald Hartung als Lyriker (ein Beruf wie Chemiker etc.) an Mälzel (Erfinder eines „getürkten“ Schachautomaten) und an Edgar Allan Poe.
Der nämlich dürfte den Satz des Novalis nicht gekannt haben, wonach Schönheit „ein Erzeugnis von Vernunft und Calcul“ ist, aber er handelte danach oder gab doch vor, es zu tun. Das entscheidende Dokument ist seine „Philosophy of Composition“ von 1846. Dort wendet er sich gegen die Auffassung, Poesie entstehe aus dem schönen Wahn oder entrückter Inspiration. Er setzt dagegen, was er den „modus operandi“ nennt, das heißt eine methodische Herstellung, und demonstriert sie an der Verfertigung seines Gedichts „The Raven“ (Der Rabe). Er sagt: „Meine Absicht ist, eindeutig festzustellen, daß sich keine Einzelheit dieses Gedichts aus Zufall oder Intuition ergeben hat; es entstand vielmehr, Schritt um Schritt bis zum Abschluß, mit der Präzision und der ungebrochenen Folgerichtigkeit einer mathematischen Berechnung.“/ FAZ 12.3.02
Gottfried Benn : „Probleme der Lyrik“. Klett-Cotta, Fischer.
Hans Magnus Enzensberger : „Einladung zu einem Poesie-Automaten“. Suhrkamp Verlag, Frankfurt a. M. 2000.
Harald Hartung : „Jahre mit Windrad“. Steidl Verlag, Göttingen 1996.
Paul Valéry : „Cahiers / Hefte 6“. Hg. von Hartmut Köhler und Jürgen Schmidt-Radefeldt. S. Fischer Verlag, Frankfurt a. M. 1993.
Ders.: „Zur Theorie der Dichtkunst und vermischte Gedanken“. Werke Bd. 5. Hg. von Jürgen Schmidt-Radefeldt. Insel Verlag, Frankfurt a. M. 1991.
Wie denkt sie als Frau über Lyrik von Frauen? „Die weibliche Art, die Welt zu erleben, schafft Erkenntnisveränderungen und Erweiterungen des Empfindens. Sie durchmischt Animus mit Anima, rein Verstandesmäßiges mit gefühltem Denken“. Aber eigentlich ist ihr dies alles viel zu theoretisch: „Beim Schreiben von Gedichten bringe ich mich ein, mich als Person, als die Lyrikerin, die ich bin“.
Annemarie Zornack , die 1932 in Aschersleben im Harz geboren wurde und seit 1953 in Kiel lebt, hat den Friedrich-Hebbel-Preis und, als erste schreibende Frau, den Kulturpreis der Stadt Kiel (1998) erhalten. Sie ist Mitglied des PEN-Zentrums, war Ehrengast der Villa Massimo in Rom und ist Ehrenmitglied der Gesellschaft für Zeitgenössische Lyrik in Leipzig. Sie hat surreale Prosa und zwei Reisebücher publiziert. Doch den Schwerpunkt ihres Schaffens bilden 14 Gedichtbände, darunter der 300-seitige Sammelband strömungsgefahr , der 1999 bei der Düsseldorfer Eremiten-Presse erschienen ist und die bisher wichtigsten Texte enthält. / Kieler Nachrichten 12.3.02
Er muss gelebt haben. Mit an mittelgroßer Sicherheit grenzender Höchstwahrscheinlichkeit ist das Gerücht, Pratajev sei eine Erfindung gesellschaftlich abgedrifteter Spinner, falsch. Der gerade erschienene zweite Band des Pratajev-Almanachs beweist: Derart seltsame Geschichten kann kein Hirn erfinden. Nicht zuletzt bezeugen angegilbte Fotos die gewesene Existenz des russischen Dichters, der 1902 in Kurtschinsk-Robersk aus dem Bauch heraus beschloss, sich der Welt zu nähern.
Der Sohn eines Heilkräutersammlers und einer Kuhbürsterin ist zu Unrecht vergessen und von den einschlägigen Literaturlexika ausgespart worden. Denn wer kann sich der Wirkung dieser einzigartigen Lyrik entziehen? Man nehme nur „Verzerrter Mund“: „Ein schönes Mädchen war sie / Längst nicht mehr. / Ihr Mund verzerrte sich / Für quer. / Und war der Krampf besonders lang / Kam ihr Mund / Am Rücken an.“ / Leipziger Volkszeitung 12.3.02
Makarios: Pratajev-Almanach Band 2, Fünf Finger Ferlag. 9,50 Euro.Bestellungen übers Internet: http://www.fuenffinger.de
Die bekanntesten Schriftsteller Madeiras haben die Insel verlassen. Man darf behaupten, dass sie weggehen mussten, um ein Publikum zu finden. João Cabral do Nascimento (1897-1978) veröffentlichte die meisten seiner 16 Lyrikbände in Portugal, wo er auch starb. Edmundo de Bettencourt (1899-1973), Lyriker und Liederschreiber, hat sich in den dreissiger Jahren in Coimbra, später in Lissabon als Fado-Sänger einen Namen gemacht. Herberto Helder (*1930) hat die Insel früh verlassen, mausarm und ohne Kontakte. Heute gilt er als der bedeutendste zeitgenössische Lyriker Portugals. / NZZ 11.3.02
Harald Hartung schreibt über Silke Scheuermann:
Der Tag, an dem die Möwen zweistimmig sangen . Gedichte. Edition Suhrkamp, Frankfurt am Main 2001, ISBN 3518122398 Taschenbuch, 74 Seiten, 6,60 EUR / FAZ 11.3.02
Als ein Werk, das den jüdischen und griechischen Wurzeln der europäischen Kultur zutiefst verpflichtet ist und binnen fünf Jahrzehnten kontinuierlichen Wachsens zu einem „festen Bestandteil der zeitgenössischen Literatur“ geworden ist, hat der Münchner Altphilologe Ernst Vogt das schriftstellerische OEuvre Dagmar Nicks gewürdigt. Die 75-jährige Autorin, die in München lebt, erhielt gestern im Rahmen eines knapp zweistündigen Festaktes im Stadttheater den Jakob-Wassermann-Literaturpreis der Stadt Fürth. / Nürnberger Nachrichten 11.3.02 – In den Fürther Nachrichten gibt es ein Gespräch mit Dagmar Nick.
Meanwhile, across the ocean, a group of African poets is attempting to secure reputations outside its native land. Nigeria’s political upheavals throughout the ’90s, its military governments and the too-little publicized tragedy of the execution of environmental activist Ken Saro Wiwa, suggest a chaotic society of silenced or stillborn voices, but publisher Ishmael Reed discovers consistent literary activity. Twenty-Five New Nigerian Poets collects these voices into a small but thoroughly enjoyable volume. These Nigerian wordsmiths write an English transformed by their indigenous experiences and oral literature.
„Like a cloud, like a shroud/ In a grim, blurred dream/ Came the drift in my mind/ The images and hush memories/ Of this wobbly, goblin year/ Now astride the path to the past,“ writes Abubakar Othman in „This Year.“ There is little in this book that could be thought of as shrill protest poetry, and even the darkest poems have a strange, mythic beauty. / Washington Post 10.3.02
25 NEW NIGERIAN POETS. Edited by Toyin Adewale. Ishmael Reed. 67 pp. Paperback, $9.95
Die New York Times untersucht Bin Ladens Gedicht aus seinem Video vom 14. Dezember – ein Plagiat:
According to Roy Mottahedeh, a professor of Islamic history at Harvard, and Salameh Nematt, the Jordanian correspondent of Al Hayat, both of whom translated the poem for me, the poem, which comes from a 1998 collection of Abu Hilalah’s work titled “Poems in the Time of Oppression,“ is in a neoclassical style, with a conventional rhyme scheme, high-flown literary language and the centuries-old imagery of Arabic war poetry. The poet declares that he has come to bear witness that “those who are as sharp as a sword“ have not lost their resolve. They remain committed to religion, struggle and sacrifice. Notwithstanding the horrors of occupation — the clothes of darkness that came over us,“ “the poisoned tooth that bit us“ and “the homes that overflowed with blood“ when “the assailant desecrated our land“ — these fighters will not be deterred until, the poet warns, “you leave our lands.“
Abu Hilalah’s cousin said in his article that bin Laden made two small but notable emendations to the last lines of the poem: “The fighters‘ winds blew, striking their monuments, telling the assailant that the swords will not be thrown down until you leave our lands.“
Where the poet wrote “monuments,“ bin Laden said “towers“; and where the poet wrote “swords will not be thrown down,“ bin Laden said “the raids will not stop.‘ / NYT *) 10.3.02
Der Text des angeblichen Bin-Laden-Gedichts stand in der Dezemberausgabe der Lyrik-Zeitung .
(Verleger Zanzottos und der Lyrikzeitschrift „Zwischen den Zeilen“) bietet auf seiner Homepage einen vorbildlichen Service von biobibliographischen Informationen und Leseproben seiner Autoren (u.a. Elke Erb, Urs Allemann, Oskar Pastior, Ulf Stolterfoht ). Neu: eine umfassende Bibliographie zu Peter Waterhouse (mit Links zu zahlreichen Texten).
Andrea Zanzotto – geboren 1921 im venetischen Pieve di Soligo, wo er heute noch wohnt – gilt als einer der bedeutendsten zeitgenössischen Lyriker Italiens. Hölderlin, Rilke, Celan, Rimbaud, Eluard und Michaux sind ihm ebenso vertraut wie Vergil, Dante, Petrarca, Leopardi, Pascoli und Montale . Eine enge Bindung besteht anfangs auch zu den Hermetikern Ungaretti, Quasimodo und Gatto, von denen er sich aber bald löst. Sein – europäischer – Bildungshorizont reicht von Saussures Sprachtheorie zu den kulturanthropologischen Ideen eines Claude Lévi-Strauss, von den ästhetischen Vorstellungen Maurice Blanchots zu den psychoanalytischen Denkansätzen Lacans. / Georges Güntert, NZZ 9.3.02
Aber die NZZ hat heute mehr zu bieten – auch mehr Zanzotto:
In der Welt-Reihe „Jacobs´ Gedichte“: „Menetekel“ von Günter Kunert. / Die Welt 9.3.02
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