Schulden

Ein schlankes Buch bei der parasitenpresse. Und eine Dichterin!

Anne Martin

SCHULDEN

ich sitze in einem lokal. ich bestelle kaffee. ich lese zeitung. ich habe schulden. man bringt mir den kaffee. ich habe schulden. ich sitze und trinke kaffee. ich lese zeitung, die ich habe wie ich schulden habe. ich lese: die bürger wollen mehr blumen und bäume. die bürger haben schulden wie ich. sie haben weniger blumen und bäume als sie wollen. sie haben weniger blumen und bäume als sie sagen, dass sie wollten. blumen und bäume können nichts dafür. die bürger haben schulden bei den bäumen. die bäume schulden uns nichts. die bürger denken nicht ans bruchholz. das bruchholz denkt nicht an den forst. die bürger denken nicht an die schulden. ich denk nicht ans geld. ich habe kein geld. ich lese in der zeitung, die ich habe, wie ich schulden habe: die arbeiter haben heut frei. ich habe frei und ich habe schulden. ich sitze und trinke kaffee. auch arbeiter haben schulden. sie haben heut frei. sie haben nicht immer geld. arbeiter haben auch schulden wenn sie einer arbeit nachgehen. gehen sie einer arbeit nach, haben sie nicht frei. dann haben sie vielleicht schulden und kein geld, aber sie haben nicht frei. sie können auch schulden haben, wenn sie keinen kaffee trinken und gar nicht genug blumen und bäume entlang ihres arbeitsweges stehen. die s-bahn kommt zu spät. wir haben schulden. ich bezahle den bescheid für fahren ohne licht. ich bezahle die mahngebühr der stadtbibliothek. ich bezahle die neue füllung für meinen verfaulten zahn. der zieht beim kaffeetrinken. ich habe schulden und kaputte zähne und arbeit ist mehr als broterwerb. ich habe schulden bei meinem vermieter. ich hab ein fahrrad ohne licht. mein vermieter hat arbeit. mein vermieter hat geld. sein geld hat geschichte. die geschichte hat arbeit mit den arbeitern und mit dem geld. die arbeit hat geschichte. geld ist geschichte, nicht immer von arbeit. die arbeit hat schulden beim volk. das volk hat schulden bei sich. das volk macht den könig. der könig macht geld. der könig macht geld durch schulden. der könig macht geschichte für das volk. das volk hat schulden. das volk hat blumen. des volk hat bäume, aber nicht genug davon. das volk hat schulden beim forst. die blumen haben keine schulden beim volk. die bäume haben keine schulden beim könig. die geschichte hat keine schulden beim könig. der könig hat schulden bei uns. wir haben schulden bei den geschichten. wir haben schulden bei denen, die die geschichte nicht nennt. das wetter hat geschichte. und ich habe geschichte, kaffee und ich habe schulden. meine schulden haben geschichte. meine geschichte hat geschichten. meine geschichte will keinen könig mehr. der könig hat schulden trotz geld. der könig hat schulden bei uns und anderen königen. könige haben geschichte und schulden und geld und wetter nach bedarf. der könig hat schulden bei uns. so hat meine geschichte einen könig, den ich nicht will. ich sitze und will mehr blumen und bäume. ich hab eine zeitung und könige wider willen. ich habe kein geld und ich will mehr blumen. der könig macht immer mehr schulden. die arbeiter bauen breitere straßen. der könig macht noch mehr schulden. die arbeiter graben den tunnel tief in den berg. nur gerade nicht. sie haben heut frei. das wetter ist schön. es macht heut geschichte in meinen geschichten. ich hab kaffee, arbeit und keinen broterwerb. die arbeiter haben heut frei. das geld macht geschichte auch jetzt. schulden machen geschichte auch morgen. das wetter macht geschichte. der könig macht geld. das wetter kann könige machen. der könig macht schulden. das wetter macht geld. das geld kennt den könig nicht nackt. das wetter kennt den könig im sommer. der bettler kennt das wetter. er kennt kein geld. der bettler hat schulden, er hat nicht frei. arbeit hat der bettler nicht. er hat geschichten. er hat keine arbeit aber er hat nicht frei. die geschichte schuldet dem bettler geschichten mit blumen und bäumen und brot. die geschichte hat schulden bei uns. und wir schulden der geschichte ein gutes ende. dem guten ende schulden wir krach. das gute ende schuldet der geschichte ein klar konturiertes bild. das wetter kennt den bettler im sommer und im winter. die schulden kennen den bettler bis unter den bart. die geschichte kennt den könig im sommer und im feld. das geld kennt den könig wenn es ihm beliebt. der könig ist glatt rasiert. ich habe arbeit, aber keinen broterwerb. ich habe kein geld, ich habe nicht frei. ich habe kaffee. ich lese zeitung. ich habe schulden. die geschichte kennt mich und den bettler nicht. mit oder ohne behaarung der scham. die geschichte kennt unsere schulden. die geschichte kennt unsere scham. die geschichte kennt mich nicht nackt im feld. meine scham schuldet mir ein gutes ende mit schönem bild. meine scham schuldet mir ein gebrüll. ich habe arbeit, aber keinen broterwerb. ich habe kein geld, ich habe nicht frei. dem guten ende schulden wir unsere zeit. dem wetter schulden wir unser geld, weil das wetter die geschichte macht und könige und arbeiter und blumen und bäume. wir schulden dem wetter ein gutes ende. wir schulden dem wetter pflanzen. die geschichte hat schulden beim wetter. wir schulden der geschichte geschrei. ich lese zeitung, die ich habe wie ich schulden habe, von terror, fußball und wetter. wir schulden der zeitung ein gutes ende. wir schulden der zeitung geschrei. die zeitung schuldet uns geschichten vom bettler. die zeitung hat schulden bei den bäumen. die bäume schulden uns nichts. wir schulden uns ein gutes ende. wir schulden dem brotwerb sinn. die bürger schulden den blumen und bäumen, die sie mehr wollen, mehr geschrei.

ich    trinke    kaffee.       ich    habe    viele    schulden.
die   arbeiter    haben      heut        frei.

Aus: Anne Martin: sollbruchstellen. Gedichte. Köln Leipzig Chania: parasitenpresse, 2023, S. 17-19

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