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L&Poe Journal #03
Reiner Kunze (* 16. August 1933 in Oelsnitz/Erzgeb.)
1968 erschien als Nummer 11 der Heftreihe Poesiealbum ein Heft mit Gedichten von Reiner Kunze. Es wurde ein Geheimtipp unter Eingeweihten, Verse als Schibboleth:
einladung zu einer tasse jasmintee Treten Sie ein, legen Sie Ihre traurigkeit ab, hier dürfen Sie schweigen
Verse als Trost. Von Kunze hatte man Vages gehört, er galt als halb verboten oder zumindest unbequem. Im ersten Gedichtband von Volker Braun, Provokation für mich (1965) gibt es ein Gedicht mit dem Titel R. In einer dem Buch vorangestellten Anmerkung schreibt Braun: „R. ist meinem Freund Reiner Kunze, gebürtig zu Oelsnitz im Erzgebirge, gewidmet.“ Das Gedicht spricht vom Verlorengehen, es endet so:
2 Darf auch nur ein Mensch Allein treiben im Schiff seiner Lust? Darf auch nur ein Mensch Fliegen am Mast seiner Ungeduld? Darf auch nur ein Mensch Verlorengehn? 3 Hier?
Lesenlernen konnte heißen, den intertextuellen Verweisungen der Dichter nachzugehen. Speziell bei Volker Braun auch, die Veränderungen von Auflage zu Auflage zu kollationieren (das Wort lernte ich später im Germanistikstudium, aber ich praktizierte es schon). (Manche meiner westdeutschen Freunde mögen meinen Hang zur Philologie für altmodisch-ideologisch halten – ich glaube, dass er im Zwang meiner damaligen Lektüre wurzelt, durch genaues Hinsehen zu verstehen, was kein Lehrer und kein Spiegel erklärte.) 1973 erschien Brauns Band in vierter Auflage, der Waschzettel sagt nur: „Vierte Auflage. Die Sammlung in ihrer endgültigen Gestalt.“ Das Gedicht für Kunze ist noch drin, im Wortlaut unverändert, nur heißt der Titel jetzt „Einer“ statt „R.“ Die Anmerkungen stehen jetzt nicht mehr vorn, sondern hinten im Buch, diese eine lautet jetzt „Einer erinnert an Reiner Kunze.“ Wichtig für den DDR-Leser war nicht, ob die Freundschaft in die Brüche gegangen war, sondern dass der Name noch genannt wird. Das übliche stalinistische Verfahren, das auch im Poststalinismus meiner Jugend noch unverändert praktiziert wurde, war, missliebige Namen zu verschweigen.
Ich lebte in der Provinz, in der Region Weißenfels, Poesiealbum gab es für 90 Pfennig am Zeitungskiosk. Das Poesiealbum 11 wurde übrigens im August 1968 ausgeliefert, exakt am Tag des Einmarsches der „Bruderstaaten“ in die Tschechoslowakei, um den dortigen Versuch eines Sozialismus mit menschlichem Antlitz abzuwürgen. Bestimmt gab es viel Stress im Verlag dann.
Ein weiteres Schlüsselgedicht aus dem Poesiealbum.
sensible wege Sensibel ist die erde über den quellen: kein baum darf gefällt, keine wurzel gerodet werden Es sei bei strafe des versiegens Wie viele bäume werden gefällt, wie viele wurzeln gerodet in uns
Seit jener Zeit habe ich die Angewohnheit, Gedichte so oft zu lesen, dass Fragmente und ganze Gedichte im Gedächtnis haften. So auch dieses. Deshalb stolpere ich jedes Mal, wenn ich dieses Gedicht in einer anderen Ausgabe als dem Poesiealbum von 1968 lese, über eine kleine Abweichung. In dem bei Rowohlt zuerst 1969 erschienenen Band Sensible Wege (den ich erst viel später kaufen konnte) lauten die Zeilen 5 und 6:
Die quellen könnten versiegen.
Kein großer Unterschied, aber mein Rhythmusgedächtnis schlägt Alarm.
Ein paar Jahre später, im Studium in Rostock, gab es einen Literaturklub, eine Freundin arbeitete dort mit. Volker Braun, Bernd Jentzsch, Jurek Becker, Fritz Rudolf Fries, viele lasen dort. Ich schlug der Freundin vor, Kunze einzuladen. Der Vorschlag wurde angenommen, Träger des Literaturklubs war die Jugendorganisation FDJ (die Macher waren aber eben Studenten). Kunze antwortete auf die Einladung: er sei es nicht gewöhnt, dass die FDJ ihn einlade, und wohl auch, dass er aus gesundheitlichen Gründen nicht kommen könne. Wenige Jahre später wurde er aus dem Land getrieben.


Guten Tag,
ich möchte nur darauf hinweisen, dass ich seit dem 18.08.23 leider keine morgigen Mails mehr erhalte. Dies ist schon einmal passiert, ich weiß leider nicht warum. Vielleicht aber können Sie Ihre sehr willkommenen Service wieder einrichten…
Vielen Dank und freundliche Grüße
sme
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