Lesetabu 1. Spuren

L&Poe Journal #02 – Tabu

In antiquarischen Büchern findet man oft Spuren, entweder als Randnotizen (auch Besitzvermerke, Anstreichungen usw. sowie als Sonderform eingeklebte Exlibris) oder als eingelegte Zettel, Briefe, Geldscheine, Manuskripte, Zeitungsartikel und dergleichen. Adligaten ist ein Fachbegriff dafür.

Heute schlage ich auf: Das Gedicht. Jahrbuch zeitgenössischer Lyrik 1954/55. Herausgegeben von Rudolf Ibel, erschienen 1954 im Christian Wegner Verlag Hamburg. Die immer noch lesenswerte Anthologie (das ist keine Selbstverständlichkeit) hat außer ein paar Markierungen einzelner Texte mit Kreuzchen keine Lesepuren. Aber es liegt ein Zeitungsausschnitt darin. Vorbesitzer hat ein Gedicht ausgeschnitten, allerdings ohne den Titel. Es handelt sich um das Gedicht „Herbst auf der ganzen Linie“ von Erich Kästner von 1936, das ich in einer etwas längeren Version kenne.

Vorbesitzer hat darin Wörter unterstrichen – vielleicht war er Deutschlehrer und hat es in der Klasse behandelt, oder einfach ein Lyrikfreund, der herausfinden wollte, wie das Gedicht funktioniert. Ich kann kein System in der Auswahl erkennen, aber das heißt nicht, dass es keins gibt. Er wird sich schon etwas dabei gedacht haben. (Ich habe schon Bücher gefunden, wo jemand passagenweise jedes Wort einzeln unterstrichen hat.) Es sind Substantive, Verben, Adjektive und Adverbien, poetische Allerleiworte (Herbst, Wind, Geäst) sind dabei, aber auch sperrigere (Laubgardinen, Korridoren, Monatsraten, Geld). Vielleicht sind es auch Markierungen für die Rezitation? Aber warum hat er die Überschrift weggeschnitten? Er oder sie natürlich, es steht kein Besitzername dabei. Außer dem titellosen Gedicht gibt es noch einen schmalen Pappstreifen mit Resten einer handschriftlichen Notiz, offensichtlich als Lesezeichen bei einem Aufsatz von Wilhelm Lehmann: Grundsätzliches zur Kunst des Gedichts.

An dem Zeitungsausschnitt interessiert mich die Rückseite beinah noch mehr. Es gibt einen Artikel über die ostdeutsche (in der Sprache der Zeitung: ostzonale) Handelsorganisation HO und einen über Arno Schmidt, beide leider willkürlich angeschnitten. Die letzte Zeile des Artikels über einen meiner Lieblingsautoren lautet: „die unzerstörte Form der Nove[lle]“. Es ist eine westdeutsche Zeitung, vielleicht „Die Welt“ (nur geraten), von Ende der 40er oder Anfang der 50er Jahre.

Falls es interessiert, zum Download Kopfteil und Inhaltsverzeichnis der Anthologie.

Alle Beiträge in der Abteilung Tabu sind feuilletonistische Texte vom Herausgeber der Lyrikzeitung, Michael Gratz.

2 Comments on “Lesetabu 1. Spuren

  1. Die Unterstreichungen im Kästnergedicht waren Lesebetonungen für den mündlichen Vortrag, bin ich mir fast sicher …

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  2. Pingback: L&Poe Journal #02 – Lyrikzeitung & Poetry News

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