Meine Frau ist nicht zufrieden

Ich bleibe noch einen Tag bei der goldenen Zeit der hebräischen Poesie im muslimischen Spanien. In seinem dritten Gedichtband, Romanzero (1851) gibt Heinrich Heine ein Lehrstück in westlicher Unwissenheit mit Gedanken, die uns sehr heutig vorkommen. Er, Heine, war ein deutscher Dichter, dem deutschen, westlichen Kulturkreis zugehörig. Aber er war Jude, man ließ es ihn spüren. So wurde er vielleicht unfreiwillig auf sein jüdisches Erbteil, ich sage nicht: zurückgeworfen, sondern er hatte den anderen etwas voraus. Freilich, Goethe wandelte auf west-östlichen Pfaden und beschäftigte sich intensiv mit der Poesie der Perser und Araber, Inder, Hebräer, Türken und Chinesen. Aber sein West-östlicher Divan blieb ein Ladenhüter.

Heine beschäftige sich in den 20er Jahren mit der jüdischen Tradition und erneut in der Krankheitsphase seiner letzten Lebensjahre. Davon zeugt auch der Zyklus Hebräische Melodien im Romanzero. Das lange Gedicht Jehuda ben Halevy erzählt die Geschichte eines hebräischen Dichters dieser Zeit – eigentlich nur eine Legende von seinem Tod vor Jerusalem. Der vierte Abschnitt dieses Gedichts trägt den Titel „Meine Frau ist nicht zufrieden“. In diesem Ausschnitt fragt sie und der Dichter gibt Antwort. In kommentierten Ausgaben kann man lesen, dass diese Figur Züge von Heines Frau Mathilde trage, und wird auf ihre mangelhafte Schulbildung verwiesen – was für ein Unsinn! Es ist nicht die Unwissenheit Mathildes und keineswegs nur die „Lakunen“, Bildungslücken „der französischen Erziehung“. Welcher Germanistikstudent heute hätte im Studium ein Gedicht von Ibn Gabirol oder Halevy gelesen? Oder wenigstens von ihren deutschen Kollegen? Seit 17 Jahrhunderten leben Juden in Deutschland, sie lasen und schrieben – Hebräisch, Jiddisch und Deutsch. Lesen wir sie? Übersetzen wir ihre Bücher? Ich habe meine Zweifel. Hören wir jetzt Heines Dichter-Ich.

»Sonderbar!« – setzt sie hinzu –
»Daß ich niemals nennen hörte
Diesen großen Dichternamen,
Den Jehuda ben Halevy.«

Liebstes Kind, gab ich zur Antwort,
Solche holde Ignoranz,
Sie bekundet die Lakunen
Der französischen Erziehung,

Der Pariser Pensionate,
Wo die Mädchen, diese künft’gen
Mütter eines freien Volkes,
Ihren Unterricht genießen –

Alte Mumien, ausgestopfte
Pharaonen von Ägypten,
Merowinger Schattenkön’ge,
Ungepuderte Perücken,

Auch die Zopfmonarchen Chinas,
Porzellanpagodenkaiser –
Alle lernen sie auswendig,
Kluge Mädchen, aber Himmel –

Fragt man sie nach großen Namen
Aus dem großen Goldzeitalter
Der arabisch-althispanisch
Jüdischen Poetenschule,

Fragt man nach dem Dreigestirn,
Nach Jehuda ben Halevy,
Nach dem Salomon Gabirol
Und dem Moses Iben Esra –

Fragt man nach dergleichen Namen,
Dann mit großen Augen schaun
Uns die Kleinen an – alsdann
Stehn am Berge die Ochsinnen.

Raten möcht ich dir, Geliebte,
Nachzuholen das Versäumte
Und Hebräisch zu erlernen –
Laß Theater und Konzerte,

Widme ein’ge Jahre solchem
Studium, du kannst alsdann
Im Originale lesen
Iben Esra und Gabirol

Und versteht sich den Halevy,
Das Triumvirat der Dichtkunst,
Das dem Saitenspiel Davidis
Einst entlockt die schönsten Laute.

Alcharisi – der, ich wette,
Dir nicht minder unbekannt ist,
Ob er gleich, französ’scher Witzbold,
Den Hariri überwitzelt

Im Gebiete der Makame,
Und ein Voltairianer war
Schon sechshundert Jahr‘ vor Voltair‘ –
Jener Alcharisi sagte:

»Durch Gedanken glänzt Gabirol
Und gefällt zumeist dem Denker,
Iben Esra glänzt durch Kunst
Und behagt weit mehr dem Künstler –

Aber beider Eigenschaften
Hat Jehuda ben Halevy,
Und er ist ein großer Dichter
Und ein Liebling aller Menschen.«

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