6. Der Mensch

Isolde Kurz

(* 21. Dezember 1853 in Stuttgart; † 6. April 1944 in Tübingen)

Aus: Die Kinder der Lilith (1908)

Zur Weihnacht 2018 lädt L&Poe zu einem Augenzeugenbericht der Schöpfung ein. Ein paar Kapitel aus einem Poem von Isolde Kurz. Manche Wörter wollen uns zu anderen Wörtern oder Sachen locken.

In der 6. Folge: Wie Lucifer fragt und Gott ihm antwortet.Gottes Plan überhaupt.

Sabbath! Es ruht des Schöpfers Stärke
Am siebten Tag von seinem Werke.
Er wandelt über Meeresbreiten,
Und an der Weltakkorde Gleiten
Stimmt er der Seele Saiten rein.
Nur Sammael darf um ihn sein,
Des Morgensterns erlauchter Herr,
Die Engel nennen ihn Lucifer,
Weil ihn ein Strahl des Geists umwittert,
Vor dem die himmlische Heerschar zittert.
In ihn allein ist unter allen
Ein Fünkchen Eigenlichts gefallen.
Doch wie ihm streben die Gedanken,
Er dringt nicht durch des Meisters Schranken,
Er kann den Schleier nicht zerreißen,
Wozu der Mensch geschaffen sei,
Und ob die Dinge, die ewig kreisen,
Mehr als ein ewiges Einerlei.
Da zeichnet still des Meisters Hand
Eine Spirale in den Sand.
Sammael sieht’s vom Blitz gerührt:
— Gilt’s einen Weg, der aufwärts führt?

— Ja aufwärts! Hoch bis über die Sterne,
Über euch alle in Weltenferne,
Auch über dich, so hell du scheinst,
An meine Seite steigt dereinst
Der Mensch — er aller Sonnen Sonne,
Mit der Gottheit teilend die Schöpferwonne,
Von allen Erschaffenen er allein
Gewürdigt, mein Genoß zu sein.
Ihn schloß ich nicht zu dauernder Haft
Wie euch in eine Eigenschaft,
Daß, wie ihr tönend um mich schwingt,
Jeder nur seine Stimme singt.
Ihm hab’ ich zu dem Fünkchen Leben
Die Orgel mit allen Registern gegeben:
Der Tierheit und der Gottheit Triebe,
Die Himmels- und die Erdenliebe,
Das Fürchten, Sehnen, Hoffen, Hassen,
Ihm das Erröten und Erblassen;
Die Kühnheit und die Schüchternheit,
Die Trunkenheit, die Nüchternheit,
Das Süßeste, das Bitterwidrigste,
Das Höchste ward ihm und das Niedrigste;
Die Weisheit und die Narretei,
Der Ernst, das Spiel, die Raserei,
Des Nordpols Eis, des Kraters Flammen
Wohnen in seiner Brust beisammen,
Der ich den Schöpferhauch vertraut,
Mit dem er zu mir den Weg sich baut.
Nicht er: in Tagen, die ferne sind,
Seiner Kinder spätestes Kindeskind.
Auf Vaters Schultern tritt der Sproß,
Von Adam, dem armen Erdenkloß,
Bau’ ich durch Lilith eine Leiter
Zum höchsten Sitz des Himmels weiter.
Drum hab’ ich die Freundin ihm gepaart,
Halb von seiner und halb von eurer Art,
Daß sie mit Liebesdorne
Ihn wecke, stähle, sporne,
Er zu massig und sie zu fein,
Unvermögend jedes für sich allein.
Ihr gab ich keine irdischen Waffen,
Sie soll begeistern, er soll schaffen,
Von ihm die Kraft, die Felsen spaltet,
Den festen Sinn, der ordnend waltet,
Von ihr die Flamme stets bewegt,
Die Unruh, die das Uhrwerk regt.
Des Regenbogens bewegliche Habe
Schenkte ich Lilith zur Morgengabe,
Womit sie schwebend den Raum erfüllt,
Sich in farbenwechselnde Schleier hüllt.
Sie mag im Spiel sich mit ihm freuen,
Zu Seifenblasen ihn zerstreuen
Und aus den bunten Farbenspiegeln
Ahnend ein Künftiges entsiegeln,
Um ihre wechselnden Gestalten
Kann nichts verwelken, nichts veralten.
Ob sie über Blumen sich tändelnd wiegt,
Auf Wolkenrossen jauchzend stiegt,
Wo sie erscheint, muß alles blühn,
Was sie berührt, wird frisch und grün.
Und Liliths Mund kann nimmer lügen,
Wohin sie irrt auf Fabelflügen,
Der träge Riese muß ihr nach!
Wie oft das Werkzeug ihm zerbrach,
Er läßt nicht ab, er kämpft und ringt,
Bis er’s mit schaffender Faust erzwingt,
Vor solchem Wollen, solchem Wagen
Muß sich das letzte Nein zerschlagen.
Schon seh’ ich fern den Morgen scheinen,
Wo nimmer pflichtig dem Gemeinen
Der holde Sohn des Widerspruchs,
Aufreckend seinen Riesenwuchs
Vom Erdkreis, den er unterjocht,
An meines Himmels Pforten pocht.
Dann werd’ ich in den Arm ihn schließen,
Der Sohn, dem Vater nahgesellt,
Soll schaffend sich mit mir ergießen
Durch alle Adern meiner Welt.
Den Weg des Windes, die Gezeiten,
Er lenke sie, wie er gesinnt,
Sein spähend Aug’ soll mich begleiten
Durchs fernste Sternenlabyrinth.
In mich wie ich in ihn ergossen
Nehm’ ich am End zu höchstem Glück
In meine Brust, draus er geflossen,
Ihn den vollendeten zurück.
Und wirkend, wissend, wachsend, webend,
Der Gottheit Leben mit erlebend
Schafft er in mir verjüngte Lust.
Nicht länger werd’ ich durch Äonen
In öder Größe einsam wohnen,
Das Unerforschte in der Brust:
Ihm sei vor Cherubim und Thronen
Das letzte, Höchste mitbewußt.

Soweit Ausschnitte aus dem Gedicht von Isolde Kurz. L&Poe wünscht einen schönen zweiten Weihnachtstag!

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