Delikat

Sappho Fr. 102 Voigt

Süße Mutter, ich vermag nicht das Gewebe zu spinnen,
   von der Begierde bezwungen für einen Jungen der delikaten Aphrodite wegen

(Bagordo)

sweet mother I cannot work the loom
I am broken with longing for a boy by slender Aphrodite

(Anne Carson)

Carson kommentiert: slender: not an attribute of Aphrodite generally in literature or art, so some editors emend the text and transfer the adjective to the boy

Bagordo: Eine Imitation dieses Distichons, dessen Motiv an eine nicht näher definierbare volkstümliche Tadition erinnert, findet sich bei Horaz (…*). Das Fragment, dessen einziges exegetische Schwierigkeit in der Definition des Attributs βραδίναν für Aphrodite besteht („schlank, wendig“, „zart, delikat“ oder gar „schelmisch“?), ist von Sapphos erotischer Sprache geprägt.

*) Dir nimmt fort den Wollkorb Kythereas Knabe mit den Flügeln, dir das Gewebe und der eifrigen Minerva Werk nimmt fort, Neobule, de Glanz des lipareischen Hebros…“ Horaz, Sämtliche Werke. Lateinisch/Deutsch. Hrsg. Bernhard Kytzler. Stuttgart: Reclam, 2006, S. 109. Seine Anmerkungen: Amor, der Sohn der Venus, die nach ihrem Kultort Kythere benannt ist. – Von der Insel Lipari stammend; zugleich Wortspiel mit griechisch liparos = glänzend

One Comment on “Delikat

  1. βραδινός (oder ῥαδινός) ist ohnehin ein großartiges Wort. In den Theognidea (1,6) taucht es zum Beispiel auch auf:

    Φοῖβε ἄναξ, ὅτε μέν σε θεὰ τέκε πότνια Λητώ
    φοίνικος ῥαδινῆις χερσὶν ἐφαψαμένη

    Der Trick dabei ist, dass die Überlieferung uneins ist. Es gibt die Variante ῥαδινῆις, damit bezieht es sich auf die Hände der Leto („Herr, Phoibos, als dich die göttliche Leto gebar, die sich mit schlanken Händen an der Pappel festhielt…), und die Lesart ῥαδινῆς, damit bezieht es sich auf die Pappel (…die ihre Hände an die schlanke Pappel legte…). Beides schön. Und beides passt zu der Beobachtung, dass βραδινός gern von Körpern oder Pflanzen (oder Teilen von Körpern oder Pflanzen) gesagt wird, die beweglich sind: Sappho 115 vom jungen Trieb eines Baumes, Theokrit 10,24 von einem Mädchen und 17,37 wieder von Händen, 27,6 von Zypressen, 111,1 von jungen Pferden, Anakreon 62,2 von Schenkeln, im homerischen Demeterhymnos 183 von Füßen (oder Beinen) — der Übersetzer Bernays macht daraus Beine beim Schreiten —; Aelios Herodianos erklärt das Wort mit εὐδιάσειστον, also „leicht erschütter- oder bewegbar.
    Carsons „slender“ ist da schon wirklich gut.

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