Schwarmrede im Krieg

Georg Philipp Harsdörffer / Sigmund von Birken/ Johann Klaj

Aus: Pegnesisches Schäfergedicht

Als sie nun solchem Geschrey nachgiengen/ funden sie in der Nähe die Melancholische Schäferin Pamela/die ihr sicherlich einbildete/ sie were das arme und in letzten Zügen liegende Teutschland. In dieser Raserey ließ sie sich vernemen nach folgender Schwarmreden:

Es schlürfen die Pfeiffen/ es würblen die Trumlen/
Die Reuter und Beuter zu Pferde sich tumlen/
Die Donnerkartaunen durchblitzen die Lufft/
Es schüttern die Thäler/ es splittert die Grufft/
Es knirschen die Räder/ es rollen die Wägen/
Es rasselt und prasselt der eiserne Regen/
Ein jeder den Nechsten zu würgen begehrt/
So flinkert/ so blinkert das rasende Schwert.

Ach wer wird mir Ruhe schaffen/
Wann die niemals müde Waffen/
Wüten mit Nahm/ Raub und Brand/
In des Kriegers Mörderhand.
Welche meine Schmertzenflamme
Treiben/ sind vom Teutschen Stamme:
Kein Volk hat mich nie bekriegt
Und den Meinen obgesiegt.
Sehet an die freyen Anken/
Welche man heut nennet Franken/
Haben sie der Galljer Kron
Nicht erhaben in den Thron?
Sehet an der Gothen Ahnen/
Kennet ihr die Löwenfahnen?
Sind sie nicht von alter Zeit
Von der Teutschen Adelheit?
Wie kan dann die Drachengallen
Unter Nahgesipten wallen?
Wie hat doch der Haß forthin
Gantz durchbittert ihren Sinn?
Meine Söhne/ jhr seyd Brüder/
Leget eure Degen nieder!
Schauet doch mein Mutterherz
Threnen/ ob dem Heldenscherz!

Last ihr euch nicht erbitten erbitterte Brüder?
Sind das dann Freundesitten vereinigter Glieder?

Mein Bitten ist ümsunst/
Umsonst ist alles Bitten/
Die hohe Kriegesbrunst
Läst sich nicht so entschütten.
Sie flammet liechterloh/
Geschwinder als das Stroh/
Die Zehren fliesset ab
Und gräbt der Städte Grab.

Sol dann mich/ mich Mutterland/ meiner Söhne Schand beflekken?
Und als eine Mördergrub mit verruchten Greul bedekken?
Muß ich da zum Raube werden/ als des Krieges Jammerbeute/
Und zwar nicht durch fremde Waffen/ sondern meiner Landesleute.
Ihr nicht so meine Söhn’/ erweichet euren Sinn/
Bedenket wer ihr seyd und wer ich Arme bin.

Georg Philipp Harsdörffer / Sigmund von Birken/ Johann Klaj: Pegnesisches Schäfergedicht. 1644–1645, Herausgegeben von Klaus Garber, Tübingen: Niemeyer, 1966.

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