Grundkonflikt

Frank Milautzcki bei Fixpoetry:

(…) Und Ames ist alles andere harmlos! Er springt uns an aus seinen Texten, übt Verrisspraktiken und spielt (Vor-)Urteilssysteme durch. Er wechselt oft in eine Pseudounterwürfigkeit und bespielt Amtssituationen, also hierarchische Setups. Dabei zeigt er, wie viel Freiheit für uns verloren geht im alltäglichen Ja-Und-Amen. Ich vermute, er ist ein Anarchist, der die Herrschaft nicht akzeptieren kann, weil für ihn etwas anderes vorherrscht, also vor jeder Herrschaft kommt: die Freiheit der Sprache.

Was ich verstanden habe und auch immer noch verstehe, ist, dass all das z.B. von der Jury des Darmstädter März 2015 NICHT gesehen wurde, und also eine so renommiert besetzte und überwiegend routinierte Jury (mit einem vorneweg reitenden Drawert an der Spitze) absolut unfähig war, solche Zusammenhänge herauszuschmecken. Das ist einem Festhalten geschuldet, das gar nicht so sehr mit Sprache zu tun hat, sondern damit, ob ich dem Pathos Definitionshoheiten in meinem Leben zugestehe oder nicht. Vergleicht man (nur zum Beispiel) Ames‘sche Texte mit den Krauseschen Siegertexten, tritt dieser Grundkonflikt offen zu tage. Während Ames weg will von den alten Tränen („Zetert nicht – zerrt!“), suhlt sich Krause im Blues – und so wurde die Darmstädter Veranstaltung eine Verteidigung der großen alten Gefühle gegen den Ansturm der Offenheit, die auch wund macht. Man hat nicht Krause erwählt, sondern Pathos verteidigt, um Anderes, Aufbrechendes zu verhindern; man ist starr geblieben und sollte doch im Vitalen fischen, da es um die Kollision der Zeit mit dem Prinzip Wort geht.

Mir jedenfalls haben die Kollisionslektüren in Ames‘ Buch ausnahmslos sehr viel Freude gemacht und Lust auf Nichtstille, Beat, Sprache, Spiel – und wer weiß, wo das hinführt?

( … da seh‘ ich ein Wortspiel: Wenn ich das Fragezeichen weglasse, und zwei Buchstaben tausche, bin ich nicht mehr bei Ames, sondern bei Drawert: Der weiß wo was hinführt. Das ist der fühlbarste Unterschied: trotz – und manchmal gerade wegen – aller ichigen Erzählung ist Ames bewusst ein Frager geblieben. Drawert tut sich als schwergewichtiger Wisser dar. Mir persönlich gefällt das spielerische Hier weitaus besser als das Gebet in der persönlichen Kirche und der seraphine Ton, den bereits Benn als Kennzeichen des unzeitgemäßen Gedichtes ausmacht und wie man ihn in David Krauses Lyrik reichlich findet. (…)

Das Schöne ist immer bizarr

sagt Baudelaire in einem Essay zur Weltausstellung 1855.

Das versiegelte Codewort meiner Intimität ist nicht Fastnacht

sagt Konstantin Ames. Und der Pastor drawert in der Girche: Passte mal auf! Dem Pathos heiligt die Middel.

 

Konstantin Ames
sTil.e(zwi) Schenspiele
Saarländisches Künstlerhaus
2016  ·  108 Seiten  ·  12,00 Euro
ISBN: 978-3-945126-30-1

3 Comments on “Grundkonflikt

  1. Irgendwie geil, wie die halbe Rezension mal gar nicht über Ames‘ Buch geht xD Eine neue Art der Literaturkritik ist geschaffen.

    Gefällt mir

  2. Ich lese nicht jeden Tag so viel Erhellendes über dies Buch. In diesem Text finde ich einiges darüber. Wenn die Rezension auch kontrastiv andere Dichtung einbezieht, sagt sie hier natürlich so Grundsätzliches, dass es dem Kenner mitunter bekannt ist, bleibt mittelbar aber immer bei seinem Thema: Über das Buch war bisher zu wenig Gutes zu lesen, da ist es auch klug vom Rezensenten das Grundsätzliche nochmals herauszuarbeiten, besonders, insofern Fixpoetry bemüht ist, ein Forum nicht nur für die Wenigen bereits Vorinformierten zu sein. Insofern beziehe ich auch Dein Lächeln eher auf den Zustand der lyrischen Öffentlichkeit, die dies Wiederholen des Grundsätzlichen notwenig macht, und weniger auf diese Rezension. Für jeden, der über Dichting schreibt, ist dieser Zustand allerdings auch irgendwie lästig.

    Gefällt mir

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s

%d Bloggern gefällt das: