Jekami – also auch Frauen

Klingeln, Tingeln und Klaviergeklimper, dazu lockt eine kokette Frauenstimme: „Hello, hello, hello! O, o, o, iii, aaa . . .“, um Worte und Vokale mit klirrendem Gelächter zu zerbrechen – dem Lachen Dadas. Die Klanggedicht-Performance der „Dada-Baroness“ Elsa von Freytag-Loringhoven hinterfängt wie ein Soundtrack die Ausstellung, mit der hundert Jahre nach der Eröffnung des Cabaret Voltaire das Züricher Museum Haus Konstruktiv den Beitrag der Frauen zu der Bewegung würdigen will, die Hugo Ball ein „Narrenspiel aus dem Nichts“ nannte – und die tolldreisteste avantgardistische Anti-Kriegs-Anti-Bürger-Anti-Kunst-Kunst überhaupt war. Devise: „Jekami“, jeder kann mitmachen, also auch Dilettanten, also auch Frauen, die damals noch kaum Zugang zu Kunsthochschulen hatten.

(…)

Die einzige eher Unbekannte, die es in der von Sabine Schaschl, Margit Weinberg Staver und Evelyn Bucher kuratierten Schau zu entdecken gilt, ist Elsa von Freytag-Loringhoven, deren Gesang durch die Räume schwebt, bis er an den Nerven zerrt. Und was für eine nervenaufreibende Person muss die 1874 als Elsa Plötz in Swinemünde Geborene gewesen sein, die in dritter Ehe zu ihrem adligen Namen kam und sich in New York mit einer Exzentrik zur wandelnden Kunstfigur stilisierte, dass Lady Gaga gegen diese Lady Dada alt aussieht. Die Baroness posierte als lebende Statue und Nacktmodell, hatte eine Affäre nach der anderen, lief mit leeren Tomatendosen als BH durch die Gegend oder mit Rücklicht am Gesäß, schrieb skandalös erotische Lyrik, die mit Lauten und Typographie spielte und die „New York Times“ zu Artikeln über sie animierte. Mit Man Ray drehte sie Filme, mit Djuna Barnes diskutierte sie über Lyrik, Marcel Duchamp und sie befeuerten sich gegenseitig damit, Kunst neu zu definieren. Wo hätte das noch hingeführt, wäre sie 1927 nicht an einer vermutlich selbst herbeigeführten Gasvergiftung gestorben? / Ursula Scheer, FAZ

Dada anders. Sophie Taeuber-Arp, Hannah Höch, Baroness Elsa von Freytag-Loringhoven bis 8. Mai im Museum Haus Konstruktiv in Zürich. Kein Katalog.

Die „Dada-Baroness“ in L&Poe

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