Wille zum Kuratorischen und zu Literatur als „sozialer Praxis“

„Frohburg“, dieses 1002 Seiten starke Porträt seiner Heimatstadt, ist ein Buch, in dem etwas festgehalten wird. Der Preis für Stolterfoht dagegen geht an ein mobileres, performativeres Verständnis von Literatur. Im vergangenen Jahr hat er den Verlag Brueterich Press gegründet. Dessen Motto „Schwierige Lyrik zu einem sehr hohen Preis“ wurde seither oft amüsiert zitiert. Das Vermarktungskonzept des Verlags heißt, man staunt, Abonnements für Neuerscheinungen. Eine trotzig-ironische Zuspitzung des Markenprinzips.

Darin stecken zwei Tendenzen des jüngeren Literaturbetriebs: der wiedererwachende Wille zum Kuratorischen und zu Literatur als „sozialer Praxis“. (…)

Bei Poetry Slams entscheidet das Publikum, welcher Vortragende gewinnt, wer verliert. Daher konzentrieren sich die dabei „performten“ Texte meist auf tragische und komische Pointen. Es besteht der implizite Zwang, alles so einfach und dadurch zugänglich wie möglich zu halten. Wer nicht verstanden wird, gewinnt auch nicht. Und darum geht es schließlich.

Dem entgegen steht die heitere Kompliziertheit, die sich Brueterich Press auf die Fahnen geschrieben hat. Dass schwierige Sprache aber zugleich als „soziale Praxis“ funktionieren kann, lässt sich an der Dichterin Uljana Wolf illustrieren. Ein paar Stunden zuvor konnte man sie noch am Arte-Stand auf der Messe bewundern, am Freitagabend trat sie im Hinterzimmer einer Leipziger Metal-Kneipe ans Mikrofon. Dumpfe Stimmen und Gitarrenmusik drücken durch die Tür.

„Sist zappenduster im gedicht, welche sprache es wohl spricht?“ In Zeilen wie diesen wandert sie mit der vorgeblich naiven Freude eines Kindes, das sprechen lernt, zwischen den Sprachen hin und her, übersetzt wörtlich und dadurch falsch, stellt Fallen, „sodass auch die festländer wieder dösen, sich lösen von allem“, bis einem auch die eigene Sprache zur Fremdsprache wird. Jedes ihrer Gedichte ist ein zugleich politischer und analytischer Akt. Ein Sturz ins Unbekannte, in dem sich, nur für einen Moment, der utopische Raum eines gegenseitigen Verstehens öffnet. / Philipp Rovermann, Süddeutsche Zeitung

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